Info

Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1985 erschienen.

Der Frankfurter "Antisemitismus"-Streit
EIN NATIONAL-THEATER

Darf man, oder darf man nicht: das Faßbinder-Stück "Die Stadt, der Müll und der Tod" aufführen bzw. die Aufführung durch Proteste verhindern? Das war die heißeste Streitfrage, vier Wochen lang, für die gebildeten Stände der Republik.

Da hatte man einen Streitpunkt, von dem nichts, aber auch gar nichts abhängt - bei dem man aber mit der tiefsten moralischen Berechtigung so tun konnte, als ob das Allerheiligste auf dem Spiel stände: die moralische Würde der Nation zum mindesten. Da hatte man einen Streit, bei dem jeder völlig frei nach Geschmack einen von zwei problembewußten Standpunkten wählen durfte, weil die ganze Aufregung sich sowieso in den Sphären des moralischen Luxus abspielte - bei dem es andererseits keine Seite unter der Beschwörung unglaublichster tragischer Spannungen und ohne nochmalige "Bewältigung" der "unseligen NS-Vergangenheit" abmachte.

Die einen

zogen gegen den angeblichen "Antisemitismus" des Theaterstücks zu Felde. Beweis: Die Hauptfigur, ein Bauspekulant, ist "der reiche Jude". Mehr braucht man über das Stück nicht zu wissen; mehr erfuhr man auch nicht. Die Kennzeichnung der Hauptperson zeugt von einer rassistischen Tendenz des Stückes - da waren die Gegner der Aufführung sich ganz sicher. Mit melodramatischem Nachdruck und der alten antifaschistischen Parole "Wehret den Anfängen! " warfen sie sich leibhaftig dazwischen, um eine beginnende "Volksverhetzung" am Frankfurter Schauspielhaus in letzter Minute abzuwenden.

Ob die Protestanten wirklich gemeint haben, der Haß gegen "Volksfeinde" nähme, heute zumal, seine "Anfänge" bei einem eher esoterischen Stück Literatur? Ob ihnen wirklich entgangen ist, daß der "Sumpf" des staatsbürgerlichen Rassismus in den ganz normalen Selbstverständlichkeiten einer "nationalen Identität" besteht? Die Verachtung von Menschen fremder Volkszugehörigkeit, das Mißtrauen gegen ihre Machenschaften, die Sicherheit über die Verwerflichkeit ihres Erfolgs, das alles gehört so sicher wie das Amen in der Kirche zu dem Stolz auf ein nationales "Wir", in das der Mensch als moralische Persönlichkeit durch Geburt eingereiht sein soll, und zum Aberglauben an einen irgendwie verpflichtenden ehrenwerten "Volkskörper". Ist das den Opfern von 12 Jahren hemmungslosen großdeutschen Nationalstolzes wirklich nicht klar geworden?

Es wird wohl so sein. Sonst würden sie sich vor ganz anderen "Anfängen" fürchten als einer krampfhaften literarischen Provokation. Sonst wäre ihnen vor allem längst aufgegangen, wie prächtig die billige Distanzierung vom nationalsozialistischen Judenhaß zum hemmungslosen guten nationalen Gewissen der neuen deutschen Republik paßt - sie ist ja das Gütesiegel ihres Nationalismus und die Rechtfertigung dafür, andere "Erbschaften" des verflossenen Reiches als ehrenwerten Auftrag der Geschichte weiterzupflegen, den Antikommunismus nämlich und Verachtung und Feindschaft gegen die Russen und ihren Bolschewismus.

Genau diese extra widerliche Ecke des bundesdeutschen Patriotismus: den selbstgerechten Vergleich mit den bösen Nazis, den philosemitischen Persilschein für einen demokratisch runderneuerten Nationalismus, nutzt die protestierende Gemeinde aus. Kaum fällt das Stichwort "Jude", bleibt auf der einen Seite vom Bundesbürger, ob er nun in Frankfurt zur Miete wohnt oder im Westend Wohnungen vermietet, gar nichts anderes mehr übrig als seine moralische Identität mit den Machenschaften seiner Staatsgewalt - was guten Patrioten einerseits zwar recht geschieht, sie wollen ja nichts als Produkt und Charaktermaske ihrer nationalen Geschichte sein; andererseits ist die "kritische", vorwurfsvolle Bezugnahme auf diese Idiotie allerdings alles andere als eine Kritik daran, treibt vielmehr den Schwindel mit der "nationalen Identität" des Individuums auf die Spitze. Auf der anderen Seite bleibt vom Juden erst recht nichts anderes übrig als, ausgerechnet, sein jüdisches "Volkstum", ganz gleich, ob es sich um einen respektablen Immobilienspekulanten handelt, der für andere Leute das Wohnen unerschwinglich macht, oder um einen beschnittenen Nachbarn, der sich solche marktwirtschaftlich ermittelten Mietpreise gleichfalls nicht mehr leisten kann. "Jude" soll gleichbedeutend sein mit "deutsche Schuld" - eine Schuld, von der die BRD sich andererseits stolz freisprechen kann: Sie läßt die Juden ja leben!

In dieser Rolle von Gewissenswürmern, die den Deutschen einen - furchtbar "problembewußten", also ganz extra großartigen - Patriotismus anerziehen helfen, sind die Juden von der bundesdeutschen Obrigkeit gut und gern gelitten. Und für dieses Recht auf einen Rassismus mit umgekehrten Vorzeichen werden ordnungsliebende "jüdische Mitbürger" und ihre gesitteten westdeutschen Gesinnungsgenossen sogar einmal radikal und verhindern glatt - eine Theatervorstellung...

Die andern

haben für diese Sorte Protest zunächst einmal viel Verständnis. Natürlich versteht die hiesige Kulturszene und auch der demokratische Blätterwald, wenn Juden empfindlich reagieren.

Diese Heuchelei gehört schließlich nach wie vor zur Pflege des deutsch-nationalen Gewissens, das sie von Berufs wegen betreuen. Aber haben die Protestler mit der Sprengung ihrerseits nicht gegen eine heilige Kuh verstoßen: gegen die Freiheit der Meinung und - was fast noch schwerer wiegt - gegen die Freiheit der Kunst? Die höflichste Zurückweisung, die sich "unsere jüdischen Mitbürger" und ihre Fürsprecher quer durch alle Parteien angesichts dieses "Verbrechens" haben gefallen lassen müssen: Damit hätten sie selbst ihrer Sache einen schlechten Dienst erwiesen. Die härtere: Wer die Kunst an ihrer freien Entfaltung hindert, untergräbt unsere demokratische Zivilisation - mit "Bücherverbrennungen" hat edlen Freigeistern zufolge ja damals alles angefangen... Die Verteidiger der Aufführung sind keineswegs Liebhaber von Faßbinders Epos, sondern nur unbedingt dafür, daß es gespielt werden darf - und im Namen dieses Prinzips werden auch sie ziemlich radikal: Einmal Theater ausgefallen - und schon ist die Gewaltfrage auf dem Tisch plus der düsteren Prophezeiung, daß das kulturelle und politische Leben in der Republik der "Gewalt" wird weichen müssen, wenn solcher Vandalismus nicht rechtzeitig gebremst wird. Und dieses "Wehret den Anfängen!", das sie der gleichlautenden Parole ihrer Widersacher entgegenschleudern, kommt ihnen überhaupt nicht lächerlich vor. Ein demokratischer Staatsbürger, ein gebildeter zumal, läßt sich viel gefallen, z.B. eine waffenstarrende demokratische Republik mit allem Drum und Dran - aber wo die Geistesfreiheit, für ihn der Inbegriff der Freiheit, beeinträchtigt wird, und zwar von unbefugten Leuten, da hört für ihn der Spaß auf. Die Sphäre des Räsonnierens und Phantasierens - welche die demokratische Staatsgewalt großzügig erlaubt, sofern sie sich ausdrücklich auf Folgenlosigkeit verpflichtet - die läßt er sich nicht nehmen. Auch von "unseren jüdischen Mitbürgern" nicht.

Fazit:

Der Kulturkampf zwischen zwei Momenten der bundesdeutschen Nationalideologie, die im Prinzip nahtlos zusammenpassen, wurde salomonisch geschlichtet: Das Schauspiel wurde aus freiheitlichem Ermessen des Theaterdirektors vom Spielplan abgesetzt. Die Türken dürfen aufatmen. - ?? -

Ach nein, die gehören ja in ein ganz anderes Stück.