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Dieser Artikel ist in der MSZ 10-1984 erschienen.

Systematik

Gesundheitswesen
DER NUTZEN DER PHARMA-INDUSTRIE

Die Pharmaindustrie kommt aus der schlechten Presse nicht heraus: Ob es die Preise sind, die "unser Gesundheitswesen in den Ruin treiben", oder Medikamente, die wegen zu vieler Toter wieder aus dem Handel gezogen werden, die "erschreckenden" Umsatzzahlen von Psychopharmaka, die an Kinder verabreicht werden, oder Rheumamittel, die angeblich bei falscher Indikation eingesetzt werden und/oder zumindest Darm und Leber schädigen, schuld an den "Skandalen" soll eines sein: das Geschäft, das mit der Krankheit gemacht wird.

Dabei handelt es sich da um

Ein Geschäft wie jedes andere...

Da gibt es erstmal ein Bedürfnis nach Heilmitteln, an Krankheit ist kein Mangel und Hilfe wird benötigt - doch daß der Kranke die bekommt, ist keineswegs selbstverständlich, denn Medikamente und ärztliche Leistungen gibt's nur gegen Geld. Befriedigt wird die Nachfrage nur, wenn sie zahlungskräftig ist, lautet das Prinzip dieser Marktwirtschaft eben für alle Dinge, die man zum Leben braucht, und die Sorge der Leute um die Mittel zur bloßen Existenz bildet die sicherste Geschäftsbasis für die Anbieter. Um an ihren Lebensunterhalt ranzukommen, verfügt die Mehrzahl der Leute nur über eines: den Einsatz ihrer Arbeitskraft, die zur Ausnutzung anderen überlassen werden muß, und zwar unter den Bedingungen, die die Gegenseite festlegt. Daß dies in der Regel den Ruin der Gesundheit bedeutet, wissen auch die Pharmahersteller, wenn sie mit Bildern aus der Arbeitswelt für ihre Produkte werben: eine einzige Illustration der Folgen der Ausbeutung, die von der sogenannten degenerativen Arthrose des Bandarbeiters bis zur Sehnenscheidenentzündung der "Tippse" reichen. So erklärt sich auch ganz einfach, wie die schier unerschöpfliche Nachfrage nach Mitteln zur Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit zustande kommt und warum die Pharmaindustrie blüht und gedeiht.

Die Wahrheit des Schlagworts vom "Geschäft mit der Gesundheit" sieht also anders aus, als jene Kritiker glauben machen wollen, die überhöhte Preise, zu große Gewinnspannen und hinterhältige Werbetricks anprangern und damit lauter Verstößen gegen die geheiligten Prinzipien der Marktwirtschaft die Schuld geben, daß es schlecht um die Gesundheit steht. Weil der Verbrauch der Gesundheit das Mittel des Geschäfts ist, geht sie kaputt, und ihre Instandsetzung für die erneute Vernutzung wird zum eigenen rentierlichen Geschäftszweig. Wo die Besitzlosigkeit die Leute zwingt, ihre Haut zu Markte zu tragen und im Dienst am Reichtum ihre Gesundheit zu verausgaben, soll darin der Skandal liegen, daß auch aus der Krankheit, die notwendig Folge ist, noch Kapital geschlagen wird?

...mit staatlich garantierter Zahlungsfähigkeit

Damit die Restauration der Gesundheit des Arbeiters aber auch soweit gelingt, daß er wieder arbeitsfähig wird, bedarf es allerdings noch einer sozialstaatlichen Hilfestellung: Denn, wenn das Geld, für das ein Lohnarbeiter sich verausgabt und seine Gesundheit aufbraucht, reichen würde, um ihn im absehbaren und sicheren Krankheitsfall wieder herzustellen, dann hätte er sich wahrhaftig gar nicht erst zu verschleißen brauchen: Dann wäre ihm ja wohl seit jeher die "Schonung" und das "gesunde Leben" gelungen, die sein Hausarzt ihm mit dem standeseigenen Zynismus ans Herz legt. Weil der Lohn aber so bemessen ist, daß es mit der Lohnarbeit auch dauerhaft und zweckentsprechend vorangeht - nämlich so, daß mit jeder absolvierten Arbeitswoche der ökonomische Zwang zur verlangten Leistung sich erneuert -, deswegen reicht er nicht, um dem Arbeiter über Zeiten des krankheitsbedingten Lohnausfalls hinwegzuhelfen, geschweige denn zusätzlich die Kosten für die Wiederherstellung einer arbeitsfähigen Physis zu bestreiten. Deshalb organisiert die öffentliche Gewalt in sozialer Sorge um die Bereitstellung eines ausreichenden Quantums an arbeitsfähiger Bevölkerung mit der ganzen lohnarbeitenden Klasse ein umfangreiches Zwangssparen und kürzt den Lohn vorweg um die Krankenkassenbeiträge. Frei vom unmittelbaren Verhältnis von Leistung und individueller Gegenleistung steht die große zwangsersparte Summe den verschiedenen Fraktionen der Hersteller und Verschreiber von Kompensationsmitteln für die ruinierte Gesundheit zur Verteilung zur Verfügung, ohne in der allzu beschränkten Zahlungsfähigkeit ihrer Klientel auf ein Hindernis zu stoßen. Dies ist die Grundlage für ein krisensicheres und gewinnträchtiges Geschäft - den Firmen ist der Erfolg gesichert, wenn die Kassen ihre Produkte als "Fortschritt in der Therapie" in Abwägung zu anderen Heilmethoden honorieren (Tagamet contra OP) und in ihre Zahlungspflicht aufnehmen. Daß dabei auch der vom Staat beabsichtigte Nutzen, dessentwegen er die einen zur Zahlung und die anderen zum Gewinn verpflichtet hat, rauskommt, dafür sorgt allerdings der Markt schon selber:

Heilung um jeden Preis

Denn da ist jede "Volkskrankheit" erstmal ein Angebot für Umsatz und Gewinn. Die Planung nach dem zu erzielenden Profit bringt die Forschungszentren der Pharmakapitale da auf Hochtouren, wo etwas "realisiert" werden kann: Entsprechend der Größe des Markts sind deshalb auch "Hunderte" von Antirheumatika oder Herzkreislaufmitteln kein Wunder, geschweige denn "nutzlos". Denn ihre Wirkung entspricht durchaus dem geäußerten Bedürfnis: Sie machen nämlich die erlittene Schädigung aushaltbar und werden deshalb besonders erfolgreich dort eingesetzt, wo die Schädigung so weit fortgeschritten ist, daß sie sich schmerzlich bemerkbar macht. Daß eine Arthrose oder sog. degenerative Erkrankung dabei ebensowenig wie eine Coronarsklerose noch zu beseitigen geht, tut dem medizinischen Erfolg keinen Abbruch, besteht die Wirkung doch gerade darin, sie erträglich zu machen, damit man sich der weiteren Schädigung wieder aussetzen kann. Darin besteht der Nutzen der "Umsatzschlager", den freilich niemand kritisieren will. Er soll allenfalls perfektioniert werden:

"Was als Heilmittel gegen Rheuma angeboten wird, lindert oder unterdrückt bestenfalls einige Krankheitszeichen - heilen tut es nicht. Das ist nicht verwunderlich: Was Rheumatismus wirhlich ist, weiß Kein Arzt. Die Ursachen der Volkskrankheit sind nach wie vor unbekannt. Viel Mühe hat man sich mit der Grundlagenforschung bisher auch nicht gegeben." ("Spiegel"-Titel: Zweifelhafte Therapien).

Bekannt und als unumgänglich anerkannt ist bei Ärzten die Ursache von Rheuma schon, wie ihre Definition von Rheuma als "Sammelbegriff für Abnutzungsschäden am Muskel- oder Skelettsystem" bezeugt. Aber eben deshalb erübrigen sich auch große "Mühen bei der Grundlagenforschung" und penible Typologien der Krankheitsformen, weil bei solchen Sorten von Krankheit nichts als der Umgang mit der Schädigung zu tun bleibt. Und diesem Zweck der Medizin entsprechen die modernen Arzneimittel. Ihr Wirkprinzip ist die Blockade: Beta-Blocker hemmen die Erregbarkeit des Herzens so, daß die Anstrengung weitergehen kann, ohne die unmittelbaren Auswirkungen auf Herz und Blutdruck zu spüren; h2-Blocker vollbringen dasselbe am Magen, so daß der Ärger und die Anspannung ohne den ständigen "Druckschmerz im Epigastrium" oder das Wiederaufflackern eines Geschwürs abläuft und Psychopharmaka schaffen das Durchhalten in nervenaufreibenden "Situationen" durch "psychovegetative Entkoppelung" = Dämpfung der Erregungszentren im ZNS.

Weil die Medikamente also dazu helfen, daß der Kranke wieder soweit gesund wird, um in die Arbeit zu gehen, wo er sich erneut der Schädigung aussetzt, taucht er nicht nur über kurz oder lang wieder bei seinem Arzt auf, der dann den Fortschritt der körperlichen Zerstörung als "chronische Erkrankung" diagnostiziert, sondern er kommt schließlich ohne medikamentöse Dauerbehandlung überhaupt nicht mehr über die Runden. So produziert dieser Kreislauf den Zwang zu lebenslanger Medikamenteneinnahme, und der permanente chemische Eingriff in den Organismus zeitigt todsicher seine Wirkung. Lächerlich ist also die Klage über eine "verbreitete Medikamentensucht in der Bevölkerung" (Bestseller "Krankheit auf Rezept"), für die auch noch die Werbespäße - "Manipulation" - der Pharmamanager verantwortlich sein sollen. Und verharmlosend ist die beständige Rede von den "Nebenwirkungen", die der Pharmaindustrie den Vorwurf einbringen, sie sei "ineffektiv" bei der "Heilung". Ein Vorwurf, der von dem Ideal lebt, die Wirkungen der Lohnarbeit ungeschehen zu machen, ohne an ihr kratzen zu wollen - und diese Pille muß erst noch erfunden werden!

Bis dahin werden die angeblichen "Verlegenheitslösungen der herkömmlichen Therapie" realistisch mit alternativen Methoden des Aushaltens ergänzt: Vom Sandsack gegen Rheuma bis "zu einer grundsätzlich neuen Einstellung zu Krankheit (nicht immer schlecht), Gesundheit (immer darum kümmern) und Gefahr der Medikamente (mit Vorsicht zu genießen)" gelangen "neue kommunikative Heilmethoden" (viel labern erleichtert) zum Einsatz, um denselben Effekt ohne die chemische "Neben"wirkung zu erzielen! (alle Zitate aus: "Krankheit auf Rezept")

Der Fortschritt des Geschäfts

Freilich sind die Erfolge dieser Anmache zu Aushalteübungen notwendig bescheiden, und die segensreichen Bemühungen der Pharmaindustrie um Fortschritte in den medizinischen Reparaturverfahren bleiben unverzichtbar. Die Suche nach "nebenwirkungsarmen" Substanzen, die Verfeinerung bekannter Therapien, ist längst willkommenes Mittel der Konkurrenz auf dem Pharmamarkt, ebenso wie die Erforschung neuer Wirkstoffe. Ob sich dabei "aussichtsreiche Forschungsfelder" eröffnen, hängt allerdings nicht zuletzt davon ab, was Kassen und Behörden vom Standpunkt der Volksgesundheit als behandlungswürdige Krankheit definieren und was in die neuerdings entdeckten "Bagatellerkrankungen" oder in die "natürlichen Folgen des Alterungsprozesses" eingereiht wird. Damit der Maßstab des Gewinns die Grundlagenforschung nicht zu sehr einschränkt, belohnt der Staat sie mit einer zusätzlichen Gewinnsicherung und versieht Neuentwicklungen mit einem entsprechend langen Patentschutz für die alleinige profitliche Nutzung. Und wenngleich "Innovation" nicht der Zweck der Bemühungen ist, findet rege Forschungstätigkeit statt - wobei auch schon mal eine Molekülvariante bei der Abwandlung schon bekannter (erfolgreicher) Substanzen ausreicht, den Patentschutz zu umgehen und auf der anderen Seite eine schon entdeckte Substanz eben noch nicht zur "Marktreife" entwickelt wird - bis der Markt dafür reif ist.

Und ist eine neue Substanz gefunden, so erfordert das Konkurrenzinteresse die möglichst rasche Reifung, um andere nicht gleichziehen zu lassen und möglichst rasch in das Geldverdienen reinzukommen, was nicht ohne Folgen für die Qualität der Produkte bleibt: Die massenhafte Anwendung hat Versuchscharakter, und schädliche Wirkungen werden erst dann "entdeckt", wenn die Zahl der Toten zu hoch ist. Überschritten wird das in Kauf genommene Maß jedenfalls, wenn wie beim Contergan-Skandal der hoffnungsfrohe Nachwuchs in Pharma-Krüppel verwandelt wird; etwas großzügiger wird hingegen verfahren, wenn es sich um ein paar hundert sowieso schon abgewrackte Alte handelt:

"Wir haben eine Zahl tödlicher Zwischenfälle festgestellt. Allerdings ist eine Behandlung bei der Schwere dieser Rheuma-Erkrankungen und im fortgeschrittenen Alter immer mit hohem Risiko verbunden." (Ein Sprecher von Ciba-Geigy)

Dieser Mann beruft sich sehr selbstbewußt auf eine Kalkulation von Schaden und Nutzen, die im neuen Arzneimittelgesetz festgelegt ist:

"Unbedenklichkeit heißt, daß das mögliche Risiko in einem vertretbaren Verhältnis zur angegebenen Indikation und zum erwarteten therapeutischen Nutzen steht."

Vertretbar ist das Risiko, wenn es dem "Stand des medizinisch Machbaren" entspricht, die "Fehlschläge" im Rahmen der vorausgegangenen gesundheitlichen Ruinierung bleiben und die Behandlung per Saldo positiv für die Volksgesundheit zu Buche schlägt - was "Zwischenfälle" obiger Art durchaus einkalkuliert.

Dem Staat sind die Wirkungen der auf dem Prinzip des Profits beruhenden Bereitstellung von Mitteln der Kompensation also erstens bekannt und zweitens nicht gleichgültig. Es geht ihm darum, diese Wirkungen zu begrenzen und die resultierenden Schädigungen handhabbar zu machen, ohne das Gewinnprinzip, das sich für ihn so nutzbringend erweist, ernsthaft zu beschränken. Mit Gesetzen und Re gelungen nimmt er Partei für das Prinzip der kapitalistischen Pharmazeutikaproduktion gegen deren negative Auswirkungen:

Im Wissen um die Schädlichkeit der Produkte hat er dem Hersteller eine Offenbarungspflicht über schädliche Wirkungen seines Präparates auferlegt und die Ärzteschaft zu einer Informationspflicht darüber vergattert, um die Auswirkungen auf ein für ihn tolerables Maß zu begrenzen. Und weil der "Verdacht irreführender oder gar betrügerischer Versprechungen" bezüglich der Wirkung, Indikation etc. zum Geschäft gehört, wird der Hersteller verpflichtet, Beweise für "Qualität und Wirksamkeit" zu liefern, damit der Nutzen nicht nur auf dem Papier steht.

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Beliebt ist die Kritik, daß das Ganze nichts nützt, dennoch. Und zwar in einer Hinsicht: Ihr taugt der Umstand, daß

"zwei Millionen Bundesdeutsche an schwerem Rheumatismus leiden, weitere zwanzig Millionen klagen über Schmerzen im Bewegungsapparat" (Spiegel),

nicht als Beleg für den Grad der Zerstörung, sondern als Ausdruck einer volkswirtschaftlichen Verschwendung, gemessen an den Kosten, die dafür aufgewendet werden und die keinen Ertrag mehr versprechen. Damit ist der eigentliche Schaden ausgemacht:

"Der Rheuma-Schaden liegt bei 45 Milliarden Mark pro Jahr; Tendenz steigend. Das sind knapp drei Prozent des Bruttosozialprodukts."