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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1981 erschienen.

Systematik

Rationalisierung
ARBEITSMASCHINEN FÜR LOHNROBOTER

Es war ja schon verlockend, an den Maschinenmenschen wieder einmal die Frage durchzukauen: "Putzen die Arbeitsplätze die Arbeiter weg?" Nicht daß der Roboter eine ganz normale Maschine ist, wird da abgehandelt, sondern auf der Vorstellung herumgeritten, daß eine solch hochentwickelte Maschine deswegen so problematisch sei, weil dem Measchen sehr ähnlich.

Spätestens wenn die Kapitalisten die Roboterisierung jedoch zum betrieblichen Alltag erklärt haben, macht solches Philosophieren über Fluch und Segen der modernen Zeiten einer "objektiven" Betrachtungsweise Platz, die diverse "Verdrängungsfaktoren" auflistet, Schaffung neuer Arbeitsplätze in der Roboterindustrie vermeldet, die Unumgänglichkeit einer Arbeitsplatz"vernichtung" mit den dadurch gewonnenen Kostenvorteilen, daraus wiederum gewonnenen Arbeitsangebotsmöglichkeiten "begründet" - kurzum: Daß der Kapitalismus ohne den aus den Arbeitern herausgepreßten Mehrwert wohl nicht auskommt, daß die Maschinen dafür eben Mittel sind, daß Arbeitslosigkeit dazu einerseits kein Widerspruch, andererseits "in diesen schweren Zeiten" zunehmen muß, das spürt schließlich doch irgendwie jeder.

Bleiben schließlich vielerlei Forderungen und Appelle, daß im Zuge der mit Hilfe der Roboter durchgezogenen Rationalisierung - die bekanntlich noch niemandem Arbeit erspart hat - die Schaffung neuer Arbeitsplätze nicht vergessen werden dürfe, ja, daß mit der neuen Maschinengeneration doch Hoffnung auf bislang ungeahnte Beschäftigungsmöglichkeiten entstehe. Vorreiter solcher besonnenen Überlegungen sind noch allemal Gewerkschafter, besonders wenn sie gerade aus Japan zurückgekehrt sind und der sozialplanmäßigen Abwicklung schon seit langem zugestimmt haben: Da haben sie zum einen gelernt, daß es die hiesigen Unternehmer mal wieder versäumt haben, rechtzeitig neue Fertigungstechniken in Anwendung zu bringen, und daß sie sich damit dem arbeitsplatzvernichtenden Wettbewerbsdruck der Japaner saft- und kraftlos beugen - zum anderen müssen sie ebendenselben Unternehmern vorhalten, daß die Einführung solcher Techniken "auch dem Menschen dienen" müsse und von haufenweis "eigentlichen Zwecken" der "Humanisierung" durchsetzt sind. Staatspolitische Spitze solcher Argumentation ist schließlich die Wendung an die Regierung, sie möge die Maßnahmen der Unternehmer mit einem "Arbeitsbeschaffungsprogramm" begleiten - womit endgültig klargestellt wäre, daß die Maßnahmen des Kapitals nicht einen bestimmten Zweck verfolgen, sondern immer darauf zu betrachten sind, wie einige ihnen anhaftende Mängel zu beseitigen seien. "Wir sind keine Maschinenstürmer!" - wer möchte sich solch einen Vorwurf schon machen lassen.

Die Erklärung, warum die Roboter im Zuge der jüngsten Rationalisierungswelle in der deutschen Automobilindustrie vermehrt Anwendung finden, ist ganz billig:

Erstens: Die erklärtermaßen bezweckten Produktionsausweitungen lassen sich mit ihrer Hilfe kostengünstiger bewerkstelligen als mit einer vermehrten Anzahl von Arbeitern. Letztere sind den Unternehmen zu teuer, weil die Roboter wegen der Entwicklung der Mikroelektronik mittlerweile so billig geworden sind, daß sich ihr Einsatz in bestimmten Bereichen der Produktion lohnt, nämlich dort,

"wo es trotz Arbeitslosigkeit immer schwieriger wird, für schwere, eintönige oder (!) gar gesundheitsgefährdende Tätigkeiten Arbeiter zu finden, zum Beispiel an Schweißstraßen oder in Lackierereien." (Süddeutsche Zeitung)

Für diese sogen. unzumutbaren Tätigkeiten Arbeitskräfte zu finden, ist allerdings überhaupt nicht "schwierig". Vielmehr sind die für solche Arbeitskräfte zu veranschlagenden Personalkosten zu hoch, weil und soweit sich die Kalkulation mit "robotisierter Arbeit" günstiger gestaltet. Der Einsatz der Roboter hat mit "Bekämpfung gesundheitsschädlicher Tätigkeit in der Fabrik" rein gar nichts zu tun. Da das Kriterium der "Unzumutbarkeit" der Kostenpunkt ist, gibt es die Drecks und Knochenarbeit dort weiterhin massenweise in der Fabrik, wo die Kalkulation zugunsten des "Kostenfaktors Mensch" ausschlägt. Und der Personalkahlschlag in den "roboterisierten" Abteilungen setzt diesbezüglich durchaus positive Impulse, insofern er für Leute sorgt, die nicht gerade mit überzogenen Lohnforderungen aufwarten, wenn ihnen von Seiten des Unternehmens die Möglichkeit eröffnet wird, zwischen den Papieren und einem Arbeitsplatz mit herkömmlicher Arbeit zu wählen. So besorgt der Roboter im Dienste des Kapitals, daß "dem Menschen" gesundheitsschädigende Arbeiten nicht allzusehr wegen "Unzumutbarkeit " abhanden kommen.

Zweitens: Im Vergleich zur alten Fertigungsstraße steigert die mittels der Roboter automatisierte Fertigung den Anwendungsgrad und -umfang für Maschinerie und Gebäude, so daß sich deren Kosten zwar absolut erhöhen, aber relativ, d.h. bezogen auf einen gesteigerten Produktenausstoß, verringern:

"Auf der gleichen Schweißstraße können mehrere Karosserietypen geschweißt werden."

"70 % der Grundinvestitionen sind nicht modellgebunden und können immer wieder verwendet werden."

"Auf Grundlage der automatisierten Fertigung kommt die Produktionssteuerung fast ohne Zwischenlager aus." (alle Zitate aus "Wirtschaftswoche")

Drittens "verlangen" die teuren Aufwendungen für die Roboter nach Verschärfung der extensiven und intensiven Ausbeutung. Daß die "roboterisierten Abteilungen im Drei-Schicht-Betrieb besonders kostengünstig arbeiten" (SZ), ist natürlich Sachzwang genug, die angegliederten Abteilungen auch rund um die Uhr arbeiten zu lassen. Undgemütlicher wird es hier auch nicht, weil die "Einbindung" der vollautomatisierten Abteilungen in den Gesamtproduktionsprozeß neue Maßstäbe für sein Gelingen setzt. Die Automaten gestatten nämlich keinen zeitlichen Spielraum- bei ihrer Versorgung mit Vor- und Rohmaterialien und sorgen für unangenehme Staus, wenn ihnen "ihre Arbeit" nicht fristgemäß abgenommen wird. Das stellt den gewohnten Arbeitsrhythmus in den angegliederten Abteilungen in Frage und mobilisieit die "stillen Reserven " der Arbeitskraft bis zu einem Punkt, wo auch dort der gestiegenen Intensität der Arbeit entsprechende technische Veränderungen vonnöten werden. So erklärt sich, warum den fachmännischen Japanbesuchern vor allem das hohe Arbeitstempo in den dortigen modernen Fabriken so gefallen hat und bei uns die automatisierenden Unternehmen durchaus beachtliche Abfindungen zahlen, um die "älteren verdienten Mitarbeiter" loszuwerden. Die Produktionschefs werden schon wissen, weshalb sie die Alten nicht mehr gebrauchen können. Auf Grundlage der Gewißheit, daß sich die verbesserte Ausbeutung der frischen Mannschaft auszahlt, ist die Entfernung der für ausbeutungsunfähig erklärten Alten aus dem Produktionsprozeß mittels Abfindungszahlungen wirklich die "sauberste Lösung".