Literatur

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Vaclav Havel
PREIS DER MACHT

Gegen Dummheit hilft kein Ausreiseverbot. Deshalb wurde uns die Rede des Preisträgers leider nicht erspart.

Friedenspreis des deutschen Buchhandels für Wladyslaw Bartoszewski
POLNISCH, KATHOLISCH, ANTIKOMMUNIST

DM 25.000 gibt der Börsenverein des Buchhandels heuer dem Polen Bartoszewski aus. Der Grund für die Ehrung, daraus macht die offizielle Laudatio kein Hehl, liegt ausschließlich in Biographie und Existenz dieses Mannes begründet, von dem höchstwahrscheinlich die meisten Preisverleiher auch zum ersten Mal im Leben gehört haben.

Ein Streifzug durch die Bestsellerliste
SCHUNDLITERATUR FÜR GEBILDETE

Zum Fest der Liebe bietet die MSZ eine kurze Marktübersicht der bestverkauften Bücher Ende ‚85. Natürlich können wir niemand die Entscheidung abnehmen, ob er mit den besprochenen Werken lieber die Verwandtschaft ärgern oder daran selbst sein Vergnügen finden soll.

DIE NEUEN BÜCHER - HERBST 1984

Roman. 312 Seiten, Kiepenheuer und Witsch, DM 28,

Nahost-Bestseller
ALLAH IST GROSS - DER IMPERIALISMUS IST GRÖSSER

Von der Welt des Islam hat die deutsche Nachkriegsgeneration erste Informationen, von Bagdad nach Stambul quer durchs wilde Kurdistan, bei Karl May erhalten; über Jerusalem im Religionsunterricht und das Heldenepos vom kleinen tapferen Volk der Juden, das damals noch nur westlich des Jordan die Wüste fruchtbar machte, wurde beim Klassenbesuch im Kino gesunden. Inzwischen steht da unten "unser" Öl im Feuer, die Juden, immer noch klein und tapfer, führen einen Vernichtungskrieg nach dem anderen, und neben Hadschi Halef Omar sind auch andere Mohammedaner wie der Ayatollah Khomeini und Libyens Revolutionsführer Gadafi bekanntgeworden.

George Orwell 1984
AUS LIEBE ZU VATER STAAT: ANGST VOR DEM GROSSEN BRUDER

Orwells Roman ‚1984‘ wird durchgängig dafür gerühmt, "das erschreckende Zukunftsbild einer durch und durch totalitären Gesellschaft, die bis ins letzte Detail durchorganisierte Tyrannei einer absolut autoritären Staatsmacht" (1984, Ullstein-Ausgabe, Klappentext) in "atemberaubender Unerbittlichkeit" gezeichnet zu haben. Gegenwärtig werden die Denker der Öffentlichkeit in Feuilleton und Femsehen - von Berufs wegen für kundiges und sensibles Erschrecken vor literarischen Visionen bezahlt - durch die aktuelle Jahreszahl zu einem ungemein interessanten Vergleich inspiriert: Läßt sich aus "unserer" Demokratie heute dasselbe herausdenken wie aus jenem Bild von Herrschaft, das der Roman Orwells vor über 30 Jabren entworfen hat?

Klaus Mehnert +
DER SOWJETMENSCH LEBT

Demokratische Weltbürger müssen Bescheid wissen. Aufklärung brauchen sie vor allen Dingen über die Völker, mit deren Staat sich ihr eigener anlegt.

Peter Sloterdijk Hardy Krüger
ZWEI ZEITGENOSSEN ZIEHEN BILANZ

Daß gerade im Raketenjahr 1983 zwei Bücher wie Peter Sloterdijks "Kritik der zynischen Vernunft" und Hardy Krügers "Junge Unrast" zu Verkaufserfolgen wurden, ist mehr als ein zeitliches Zusammentreffen. Obwohl der eine eigentlich ein philosophisches Werk, der andere so etwas wie einen autobiographischen Roman schreiben wollte, sind die beiden nämlich just bei dem Lieblingsthema ihrer Zeitgenossen gelandet, die von der Politik und ihren in sie gesetzten Idealen enttäuscht sind: Gewissenserforschung, Standortbestimmung und Lebensmut für kommendes Ungemach.

KULTURNOTIZEN

Den Literaturnobelpreis 1983 kassierte der Engländer William Golding, dessen 1954 erschienener Roman "Der Herr der Fliegen" allein in der BRD bis heute an die 400.000 mal verkauft worden ist. Die Geschichte einer Gruppe englischer Schulbuben, die ein Flugzeugabsturz auf eine Robinson-Insel im Pazifik verschlägt, dient seitdem den Studienräten, die mit der geistigen Ertüchtigung der Jugend - an den gehobenen Bildungsanstalten befaßt sind, als Gleichnis, das Aufschluß darüber geben soll, was die Leute im richtigen Leben treibt und wohin man sie auf keinen Fall treiben lassen darf.

Peter Schneider: Der Mauerspringer. Erzählung
EIN NATIONALES SPRACHDENKMAL AUS DER FRONTSTADT

Soweit ein Passage aus dem Klappentext, den der Luchterhand-Verlag dem jüngsten Opus eines linken deutschen Poeten von heute beigegeben hat. Die Waschzettel-Schreiber wissen schon, was anno 82 ff.

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