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MSZ 1988 Ausgabe 10
Stichwörter: BRD » Sozialpolitik » Familie/Frau
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"Frau" als Argument

DIE QUOTIERTE FRAU

Die billige parteipolitische Berechnung wird ehrlich vorgetragen, und damit geadelt. Die Quote soll Frauenstimmen bringen! Vor allem von den Grünen. Die müssen wieder einmal mit ansehen, daß eines ihrer Themen siegt. Es wird von den anderen Parteien übernommen und ist damit als "grünes Argument" dahin. Die CDU will sich die normalen Abläufe der innerparteilichen Konkurrenz nicht von Garantieplätzen für Frauen durcheinanderbringen lassen und muß gegen die Quotierung anstinken: Sie fragt an, ob man das geheiligte Prinzip der gleicnen politischen Repräsentation durch Proporz garantierende Quoten nicht übertreibt und damit die ebenso heilige Freiheit der Wahl zerstört; auch soll die Würde der Frau und ihre Chance zu selbständiger Etablierung in der Politik durch Reservate und Schutzzonen untergraben werden. CDU-Oberfrau Rita ließ sich ein einfaches Argument gegen den Geschlechterproporz einfallen und lag damit völlig schief: Sie meinte, es käme doch auf die Politik an, die gemacht wird, und nicht darauf, ob sie von Frauen gemacht wird. Bald aber fand sie ihren richtigen Gedanken selber matt und drohte ihrer Partei lieber mit einer Nachahmung der SPD-Quoten.

Zurecht. Denn dank jahrelanger Bemühungen der Grünen ist die Frauenfrage endgültig in ein Repräsentationsproblem verwandelt worden, und Repräsentation hat für Demokraten einen eigenen Wert, eine eigene Gerechtigkeit und ihren Lohn in sich selbst: Die SPD hat gar keine Versuche unternommen, vorzugaukeln, ihre Politik würde sich mit 40% garantierten (statt 25% zufälligen) Frauen irgendwie ändern. Kein Mensch - auch frauenbewegte Frauen nicht - erwartet so etwas von der Quotenregelung - ohne daß man/frau sie darum kritikabel finden würde. Richtig, ja überfällig finden fortschrittliche Menschen den Wahlschlager der SPD sowieso, und wer immer noch ein Argument dafür braucht, dem wird ganz immanent Auskunft erteilt: "Die Männer würden es auch nicht gerecht finden, mehrheitlich von Frauen regiert zu werden."

Das Bedürfnis nacn Repräsentation scheint ein ganz selbständiges politisches Bedürfnis zu sein; Die Frage, was man davon hat, gehört da einfach nicht hin.

Politische Repräsentation

Das Schöne an Lincolns so unwidersprechlich gefundenen Satz vom government of the people, by the people, for the people, ist, daß in Demokratien nicht der Widerspruch der drei Präpositionen herausgehört wird, sondern vielmehr ein Begründungsverhältnis zwischen ihnen: Wenn das Volk vom Volk regiert wird, dann scheint ganz selbstverständlich auch schon für das Volk, im Interesse der Regierten Macht über sie ausgeübt zu werden. Von seinesgleichen scheint der Mensch automatisch gut regiert zu werden. Und Herrschaft wird durch Repäsentation zu einer Art Dienstleistungsverhältnis. Dieser demokratische Grundsatz hat den einst kolonialen Völkern das heute unbestrittene Recht auf einheimische Herrschaft eingetragen, und in der bürgerlichen Gesellschaft alle einst außerhalb stehenden Klassen und Rassen zu Bürgern gemacht: "Arbeiter und Arbeiterparteien in die Parlamente!", war die Antwort der kapitalistischen Staaten auf die Klassenfrage am Anfang des 20. Jahrhunderts; ein Neger als US-Präsidentschaftskandidat ist die politische Überwindung der Rassendiskriminierung. Wenn heute Frauen in der SPD dieselben Ämter bekleiden und dieselben nationalen Anliegen als Sachzwänge dem Volk präsentieren wie früher nur Männer, dann ist dies per se Frauenpolitik: government by women = for women. Als wollten sie bestätigen, daß ihre Anliegen immer schon bloß symbolische und philosophische gewesen sind, lassen die Frauen das staatsoffizielle Dementi von Männerherrschaft als Befriedigung ihres Anliegens durchgehen. Die Fremdherrschaft des anderen Geschlechts ist abgeschüttelt, weil nun auch Frauen nach ihrem Bevölkerungsanteil in der Politik von Frauen repräsentiert werden.

Das Repräsentationsverhältnis widerlegt die sonst gerne gepflegten Lebenslügen der Demokratie, nach denen es in der Politik schwer um Kompetenz, Sachverstand und Programme gehen soll. Tatsächlich stellt das völlig leere Vertrauen des Repräsentierten zum Repräsentanten die Verbindung zu dem ursprünglichen Anliegen her. Eine Person gleichen Geschlechts (Rasse, Standes) genießt dieses Vertrauen qua Biologie und Lage, und muß ja wohl als Frau für Frauen eintreten. Von gewissen Gegenbeispielen wie dem Geschlecht der Mrs. Thatcher läßt sich das Repräsentationsbedürfnis da nicht irre machen.

Die Frau - ein bürgerlicher Stand, anerkannt mit seinen Sonderproblemen

Die politische Emanzipation, welche unterdrückte Rassen und Schichten dadurch erfahren, daß auch sie Repräsentanten in die Zentren der Macht schicken dürfen, soll und muß genommen werden als die Erfüllung der kritisch vorgetragenen Anliegen, und ist doch nichts als der Ersatz dafür. Die wirklichen Übel werden so nicht abgestellt, sondern als vertretungswürdige Probleme dieser oder jener Bevölkerungsgruppe anerkannt. Im Sinn dieser Umdeutung war die Frauenbewegung in den letzten 20 Jahren ebenso erfolgreich wie einst die Arbeiter- und die Negerbewegung: Die Frauenproblematik gilt und wird betreut. In jedem Stadtrat, Betriebsrat und in jeder Universität gibt es eine Frauenbeauftragte - selbstverständlich eine Frau, nur sie genießt das Vertrauen der Geschlechtsgenossinnen. Sie kümmert sich um die anerkanntermaßen besonderen Probleme und Schwierigkeiten der Frauen - die eben weiterbestehen. Überall sind staatlich geförderte Frauenhäuser entstanden, weil Eheterror und Prügelszenen ebensowenig beseitigt wurden wie die ruinöse Doppelbelastung durch Kindererziehung und Beruf. Härtere Strafen für Vergewaltigung führen nicht dazu, daß die Vergewaltiger aussterben. Und wenn ein Arbeitgeber Frauen schlechter bezahlt, dann darf er vor Gericnt nicht das Geschlecht als Grund nennen.

Die Frau - dieser Erfolg ist unbestreitbar - wird erst seit ca. 20 Jahren als vollgültiges und selbständiges Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft anerkannt. Erst die sozialliberale Koalition am Anfang der 70er Jahre hat mit ihrer Reform des Ehe-, Renten- und Arbeitsrechts die letzten Reste der Rechtsstellung beseitigt, die die Frau als Anhängsel der Familie definiert und eine Beziehung auf die bürgerliche Gesellschaft nur über den Ehemann vorgesehen hatte.

Freilich dieser Sieg, die völlige Angleichung ihrer Rechtsstellung an die der Männer, hat das Los der Frauen nicht verbessert, die unterbezahlt, vom prügelnden Ehemann abhängig im Kinderbewachen aufgehen. Umgekehrt hatten die Reste der alten Rechtsstellung die Hochschul- und Berufskarrieren anderer Frauen nicht behindern können, die daher ökonomisch selbständig, verheiratet oder nicht, einem Kinderwunsch folgen oder ihn lassen konnten. Warum aber will den engagierten Frauen die Inkongruenz ihres Sieges an der Rechtsfront mit der wirklichen Lage der einen wie der anderen Frauen so gar nicht auffallen?

Frauenemanzipation I: "Gleichberechtigung!"

Seit den Tagen der Suffragetten antwortete die Bewegung der Frauen auf die Rolle, welche Frauen im Kapitalismus spielen müssen, mit dem Ruf nach Gleichberechtigung. Nie wollten sie den Grund und Zweck bekämpfen oder auch nur wissen, warum und wofür ihnen die ungeliebte Frauenrolle abverlangt wurde: An Haus und Herd durch Kinderaufzucht gebunden, durch die Ehe über die Grenzen der Liebe hinaus an den Mann gekettet, ihm zu ehelichen Diensten verpflichtet und von seinem Eiinkommen abhängig, beim Geldverdienen von vornherein schlechter ausgebildet ("das Kind heiratet ja!"), schlechter bezahlt und als industrielle Reservearmee den Konjunkturen der Geschäfte ganz besonders ausgeliefert - das alles erschien dem Emanzipationsstreben der Frauen ein grundloses Unrecht speziell gegen sie; eine relative Schlechterstellung gegenüber den Männern, der sie den erzbürgerlichen Spruch von der Gleichbehandlung entgegensetzten. Sie hatten keinerlei Kritik am kapitalistischen Getriebe außer der, das sie dabei nicht genauso mitmachen durften, wie die Mitglieder des anderen Geschlechts mußten: Sie klagten Chancen ein, die s gab. Nur nicht für sie.

Nie wollte ihnen auffallen, daß ihre Schlechterstellung Produkt der Gleichbehandlung nach den Maßstäben der gültigen Wirtschaftsordnung war und ist: Wo Löhne Kosten sind und der Arbeitgeber möglichst viel Leistung für wenig Geld sehen will, da sucht er sich seine knapp kalkulierten Leistungsträger - schon gleich bei übervollem Arbeitsmarkt - nach extrem kleinlichen Maßstäben aus. Die wirkliche, oder auch bloß mögliche Einschränkung des Zur-Verfügung-stehens, die das Kinderkriegen (samt staatlichem Mutterschutz) nun einmal für den Arbeitgeber bedeutet, schlägt als Konkurrenznachteil gegen die Bewerberin aus und muß von ihr durch lohnmäßige Sonderangebote so wie Extraleistung ausgeglichen werden.

Die Frauenemanzipation wollte gegen diese Gleichbehandlung stets als grundlose Benachteiligung und veraltetes Vorurteil angehen, und engagierte sich in dem Beweis, daß Frauen genauso anpacken und arbeiten können wie Männer, wenn nicht noch mehr.

Nie galt die Frauenkritik der staatlichen Benutzung der Liebe zur Verpflichtung auf Treue und Fürsorge über die Vergänglichkeit der Liebe hinaus; nie der Belastung des Geschlechterverhältnisses mit den Kosten und Opfern der völkischen Reproduktion. Die Kritik galt ausschließlich einer ungleichen Verteilung der Opfer im diesem Verhältnis zwischen Mann und Frau und wollte vom anders verpflichteten Mann einen analogen Grad des Opfers einklagen: auch Abspülen, auch Kindererziehen, auch dem Glück der Frau dienen, wie sie dem seinen.

Selbst die kessen Sprüche vom Bauch, der "mir gehört", wollten der staatlichen Pflicht zum Austragen der neuen Volkssubstanz nicht mehr entgegensetzen als den Anspruch, den Zeitpunkt der akzeptierten Mutterrolle selbst bestimmen und mit der für Frauen eben besonders schwierigen Karriereplanung vereinbaren zu dürfen.

So alt die Suffragetten-Forderungen nach gleichem Wahlrecht, nach Öffnung der Schulen und Berufe für Frauen und nach Legalisierung der Abtreibung auch sein mochten, eine echte weibliche Volksbewegung wurde dieses Fordern erst, als es durch Gewähren Recht bekam. So richtig eingeklagt wurden die gleichen Chancen, als es sie gab; und zwar von denen, für die es sie gab.

Frauenemanzipation II: Volksbewegung gegen Diskriminierung

Erst nach dem 2. Weltkrieg wurden die Frauen in Deutschland mehrheitlich immer mehr ins kapitalistische Berufsleben eingegliedert: noch vor den Gastarbeitern waren sie die erste industrielle Reservearmee, die als Ressource erschlossen wurde. Diese "Befreiung" aus der Enge der Familie aber hatte mit Emanzipation nichts zu tun. Sie führte vielmehr nur zur allgemeinen Gewohnheit erst des Zu-, dann des Doppelverdienens sosehr, daß heute kein Mensch einen proletarischen Lohn von Mann oder Frau mehr daran mißt, daß man damit eine Familie ernähren können müßte. Nur ein Einkommen in der Familie ist heute Ausdruck entweder besonderer Armut (Kinderreiche, Arbeitslose) oder besonders hoher, bei Arbeitern und kleinen Angestellten unüblicher Verdienste.

Seit Ende der 60er Jahre, mit der Ausweitung von Gymnasien, Universitäten und Sozialberufen, stand den Frauen erstmals auch die Konkurrenz um die früheren Positionen der Berufshierarchie in bemerkenswerter Quantität often. Viele ergriffen die Chancen, die ein expandierender Arbeitsmarkt eröffnete, betätigten sich wie die Männer, machten deshalb entdeckte Differenzen ihrer Karrieren und Einkommen als ungerechtfertigte Relikte aus einer anderen Zeit dingfest und deren Beseitigung als ihr Recht geltend. Die erste Generation der voll berufstätigen und ökonomisch selbständigen Frau pflegt die Neuerung, die sie darstellt, ohne sie verursacht zu haben, als von sich durchgekämpft. Im Bewußtsein ihrer Avantgarderolle findet die Akademikerin seitdem mehr in der Lage der Arbeiterfrau, zu der sie ein Vertretungsverhältnis einnimmt, als an ihrer eigenen, ein Bild der Widerstände einer frauenfeindlichen Gesellschaft, die sie überwinden mußte. Von dieser Zeit datiert die Verallgemeinerung des weiblichen Emanzipationsstreben und aus dieser Frauenschicht rekrutiert sich der Feminismus: das zeitgemäße Selbstbewußtsein der modernen Frau, die die berufliche Karriere nicht mehr nur nebenher und bis zur Heirat, sondern als selbständiges Lebensziel neben (oder vor) die Familienpflichten setzt.

Je mehr die Reste jener alten Rechtsstellung der Frau beseitigt wurden, die sie als Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft nur per Familie gelten ließ, desto lauter und allgemeiner wurde der Ruf danach.

Die erfolgte Angleichung der Rechtsstellung der Frau an die des Mannes, die gleichmäßige Definition beider als selbständige Konkurrenzsubjekte hatte den ökonomisch selbständigen Frauen ein paar, wegen ihrer Selbständigkeit aber gar nicht wichtige Hindernisse (bei der Scheidung etwa) aus dem Weg geräumt. Die Lage der proletarischen Masse der Frauen in Beruf und Familie konnte sich jedoch durch Rechtsanpassungen gar nicht ändern. Ganz unbeschadet der juristischen Erlaubnis, gleich mitzukonkurrieren und ökonomisch selbständig zu sein, hat sich die Doppelfunktion der Frau als Grund ihrer schlechteren Berufschancen erhalten und immer wieder durchgesetzt: Daß Frauen in ihrer Mehrheit wegen des Kinderkriegens und -Erziehens nicht ganz so fest auf die Betriebskarriere setzen wie die Männer und möglicherweise einmal nicht ganz so sicher zur Verfügung stehen, wirkt sich trotz aller gleichen Rechte gegen sie aus, weil es halt kein rechtliches Problem ist.

Die meisten Frauen und Mütter bleiben nicht nur wegen ihrer Lebenslüge vom familiären Glück, sondern wegen der blanken Not auf das Arrangement mit dem einst geliebten Gatten angewiesen. Deshalb wird manche lustlose Erfüllung ehelicher Pflichten nicht zur "Vergewaltigung in der Ehe", auch wenn es jetzt bald einen Paragraphen dagegen geben soll. Mancher Ehekrieg bleibt in der Familie, mag das Scheidungsrecht noch so gleiches Teilen jenseits aller Schuldfragen vorschreiben. Daß dieses Recht den normalen Frauen die Freiheit nicht bringt, liegt nicht am Recht, sondern am durchschnittlichen Masseneinkommen, das eine Versorgung von zwei Haushalten in gar keiner Hinsicht erlaubt.

Es ist die spezielle Borniertheit der Frauenbewegung sich in diesen höchst verschiedenen Lebenslagen als Frauen betroffen zu sehen. Daß alle Rechtsgleichheit nichts an der Lage der normalen Frauen geändert hat, haben die Vertreterinnen der Ungleichheitskritik aus den besseren Kreisen nicht zum Anlaß genommen, die Vernunft der alten Forderungen nach rechtlicher Gleichstellung in Zweifel zu ziehen. Sie halten an dem Ruf nach gleichen Rechten fest und halten die Lage der von ihnen vertretenen Frauen für den Ausdruck verweigerter Rechte, die s gibt. Diskriminierung heißt dies und ist eine sehr positive Einstellung zu den juristischen Anordnungen der Staatsgewalt. Sie würden Gleichheit versprechen, aus anderen Gründen aber würde diese Gleichheit, auf die sie ein Recht haben, den Frauen im praktischen Leben der Gesellschaft verweigert. So registriert die Frauenbewegung ganz falsch, daß es sich bei der Lage der Frau nicht um eine Rechtsfrage handelt. Frauenbewegte sehen es so, daß mehr dahintersteckt als schlechte oder ungerechte Gesetze, aber nicht etwa staatliche oder ökonomische Anliegen, sondern eine ganz grundsätzlich falsche Einstellung der Männer zur Frau: Jetzt bekämpfen sie den Geist der abgeschafften alten Gesetze als Männermoral. Diese seien eben zu einer wirklichen Wertschätzung und Anerkennung der Frauen nicht bereit. Die Frauenbewegung bekennt sich dazu, daß die Gleichstellung der Frau nicht nur eine Frage der rechtlichen Regelung ist, sondern eine Frage des Geistes, der in der Gesellschaft waltet.

Frauenemanzipation III: Positiver Geschlechtsrassismus gegen die Machos

Jetzt erst wird die Frauenbewegung zum eigentlichen Feminismus und die Entdeckung veweigerter Frauenrechte universell: Erst von diesem Gedanken aus wird ein anzüglicher Männerblick dasselbe wie eine Vergewaltigung (nur graduell verschieden), wird das unbestimmte Personalpronomen der deutschen Spraehe eine Beleidigung des weiblichen Geschlechts usf. Erst auf diesem Standpunkt schließt sich die Karrierefrau mit der "unterdrückten Frau", in deren Namen sie kritisiert, wieder solidarisch zusammen und findet sich mindestens ebenso betroffen wie diese: Nicht nur n Fabriken verdienen Frauen weniger, sie können auch nicht so leicht Chefarzt einer großen Klinik werden wie Männer.

Der pur ideelle Standpunkt der Anklage im Namen verweigerter Würde hat aber einen Widerspruch, der dem Feminismus erst seine ganze Radikalität verschaffte: Einige Frauen fänden, daß es unwürdig sei, ausgerechnet von den Arschlöchern den Respekt der Frauenwürde zu fordern - ja zu erbetteln -, die den Frauen ihre Würde nehmen. Daß man Anerkennung nicht fordern kann, registrierten die Frauen; - aber nicht dahingehend, daß es ihnen darauf eben auch nicht ankommen sollte, sondern ganz wie die verachteten US-Neger mit ihrem: "Black is beautiful!" so, daß sie sich die verweigerte Anerkennung eben selbst spenden und die Frauenwürde sich wechselseitig als Frauen sichern: Als verachteter Stand bekennen sie sich zu sich selbst und sind stolz auf haargenau das, was die Verächter verachten - den biologischen Zufall des kleinen Unterschieds. Dieser wird dadurch ganz groß, nämlich zur absoluten Hauptsache: Man versteht sich als Frau - und pflegt Fraulichkeit. Hat man früher gleiche Chancen und Zugang zu der von Männern besetzten Welt von Geschäft, Bildung und öffentlichem Leben gefordert, so nun Rassentrennung: Frauencafes, Frauendiscos und Frauenräume in der Uni. Frauen sind anders, haben eine Frauentradition und Frauenideologie.

Den Inhalt bezieht die Stolz bekannte Andersartigkeit der Frau aus all den einst abgelehnten Macho-Rassismen von der weiblichen Inferiorität; nun freilich als positiv umgewertete Eigenschaften, als Selbstverwirklichung und natürliche Bestimmung der Frau: Fühlen statt Denken, ganzheitlich statt analytisch, Wunder des Lebens statt Technik, Mutteropfer als Mutterglück. Woher sonst als aus den auferlegten Rollen und erzwungenen Sozialcharakteren der "frauenfeindlichen" Gesellschaft sollen die Feministen ihre eigenste biologische Naturbestimmung herwissen? Der neueste Schlager der immer reaktionärer auftretenden Fraulichkeit ist die Forderung, die Geschlechtertrennung im Schulunterricht wieder einzuführen. Die gemeinsame Erziehung der Kinder wird angeblich dem Mädchencharakter der Mädchen nicht gerecht, prägt ihn nicht extra aus und erlaubt den "kleinen Machos" schon früh, die Mädchen an den Haaren zu ziehen. Das bißchen Normalität, das durch den täglichen Umgang der Geschlechter von klein auf zwischen ihnen eingerissen ist, soll also rückgängig gemacht werden. Manchen Feministen erscheint auch das Kopftuch, das türkische Frauen so zuverlässig vor interessierten Blicken schützt, und die mörderische Eifersucht ihrer Ehemänner wieder als recht angemessener Ausdruck für die Würde der Frau.

Das Bedürfnis, ganz frau und darin frei zu sein, ist in - es darf mitten im Kapitalismus als Argument zu jeder Zeit und bei jedem Anlaß vorgebracht werden. Dieses Argument verkündet in allen Angelegenheiten des bürgerlichen Lebens dasselbe, nämlich eine besondere Betroffenheit der Frau, um daraus ein extra Recht auf Berücksichtigung abzuleiten. Mit "Emanzipation", mit einer tatsächlichen Veränderung der Stellung der Frau, hat das garantiert nichts zu tun - eingeklagt wird ja nur der Respekt vor der Würde der Frau bei dem, was sie im kapitalistischen Betrieb und für ihn leistet. Und dieser Respekt ist dann am Werk, wenn der Frauenstandpunkt vertreten werden darf und Gehör findet.

Einerseits ist frau deswegen leicht zufriedenzustellen - ihre Erwähnung in sämtlichen Affären, von der großen Politik übers Militär bis zu den kleinen Scherzen im Straßenverkehr leistet da hervorragende Dienste. Die Aufnahme von frau in die Verkaufsstrategie der Politiker und ihre Beförderung zum Geschäftsartikel einer freien Presse sind die passenden Antworten auf die Dummheiten der Bewegung, die sich für den geschlechtlichen Artenschutz stark macht.

Andererseits dürften die Anwälte der Frauenwürde kaum je zur Beendigung ihrer Plädoyers kommen. Erstens weil die ausgiebige Zirkulation ihres Standpunkts der einzige Fortschritt in der Frauenfrage ist; zweitens, weil es aus ihrer Sicht der Dinge immer noch haufenweise Machos gibt, denen es Bekenntnisse und Quotierungen abzuhandeln gilt.


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