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MSZ 1985 Ausgabe 9
Stichwörter: Der freie Westen » Moral
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"DAS LEBEN" - NICHTS WERT

Den Zeitgenossen, denen am Hiroshima-Jahrestag wie bei der Hühnerzucht, bei verseuchten Flüssen wie in Sachen Abtreibung kein stichhaltigeres Argument einfällt als "das Leben", wäre erst einmal die Frage zu stellen, die an anderer Stelle auch ihre Dienste tut: Darf's nicht ein bißchen mehr sein?

Schließlich muß man nicht im Schützengraben und in Kriegsgefangenschaft gewesen sein, um zu wissen, wie ungemütlich jene Situationen sind, in denen es "ums Leben" geht, welches dann auch "nackt" heißt. Ein Leben, das in der Sorge ums bloße Überleben aufgeht, dürfte sich auch niemand wünschen. Und das Viehzeug, bei dem es sich so verhält, hat keine Sorgen und versteht sich schon gleich gar nicht aufs Wünschen.

Dennoch, die Berufung auf das Leben, sans phrase und dadurch höchster Wert, ist vielen Lebewesen des 20. Jahrhunderts geläufig. Dabei stört es sie überhaupt nicht, daß sie mit ihren geistigen Höhenflügen ausgerechnet die schiere Existenz von Organismen verehren - ganz als wären sie nicht mit ihren Anliegen selbst der offensichtlichste Beweis dafür, daß es ihnen längst um mehr geht. Ihr Leben, das sie ja haben, sowie das anderer, möchten sie schließlich aus den verschiedensten Anlässen um die Achtung vor dem Leben bereichert wissen. Mit diesem Gedanken wollen sie die heutzutage fällige Reaktion der ziemlich lebendigen Menschheit anmahnen - auf all das, was sie für lebensgefährlich halten. Im Respekt vor dem Leben, den sie fordern, erblicken sie ein Lebensmittel.

Das ist nicht nur verkehrt, sondern auch die billigste Parole aus dem täglich wachsenden Schatz moralischer Missionsideen, mit denen man traktiert wird. Der so vehement gepredigte Einsatz für "das Leben" stellt nämlich die gar nicht so dumme Frage nach den Mitteln, die das Leben lebenswert machen, ins Abseits. Das ist nicht fein.

Die Logik der Lebensrettungsmoral

Wenn im Namen des Lebens gemahnt und protestiert wird, geht es offensichtlich nicht um die in die Biologie gehörige Sache. An Eiweiß und Zellen, an Stoff- und Energiewechsel, Irritabilität und Fortpflanzung sind die Anwälte des Lebens nur insofern interessiert, als ihnen das muntere Treiben lieber ist als sein Ende. Dies nun aber nicht in der Weise, daß sie ein oder zwei Dinge angeben, die sie noch erledigen möchten, bevor sie den Löffel abgeben. Angesichts der wirklichen oder erfundenen Gefahren fällt ihnen eben nicht ein, daß sie sich als gestandene Vertreter der Menschengattung einiges vorgenommen haben, was durch den Genuß von Giften und Strahlen aller Art vereitelt wird. So anmaßend sind sie nicht, die Liebhaber des Lebens, daß sie nach Verhältnissen verlangen, die ihnen als Mittel zu allerlei Freuden und Taten taugen. Die Rücksicht, die sie fordern, gilt der schieren Voraussetzung für ihre Unternehmungen; und wenn sie einmal ihre Gattungsbrüder in politischen Ämtern anklagen, dann nicht mit dem materialistischen Vorwurf, sie würden einem ein angenehmes Leben erschweren oder es verhindern. Entdeckt wird die Sünde wider das Recht, am Leben zu bleiben. Dieses Plädoyer für Verschonung ist mit "Anspruchsdenken" wahrlich nicht zu verwechseln. Es verdankt sich einem "ohne-nicht"-Gedanken, mit dem die abstrakte Liebe zum "Leben" auf die Welt kommt: Als Bedingung für alles andere und Weitergehende erhält es den Rang eines höchsten Gutes, das dann ein Wert ist. Und an Werten relativiert sich bekanntlich alles Gewöhnliche.

Fürwahr, eine ebenso kunstvolle wie harte Weltanschauung! Leute, die offensichtlich mit ganz anderen Dingen beschäftigt sind als "dem Leben", versetzen sich mit Hilfe verkehrter Gedanken in die fiktive Extremsituation Marke Schützengraben/Todeskampf, sehen von ihren durchaus vorhandenen Interessen und Zwecken ab und stürzen sich mit ihrer Notlagenfiktion auf ihre Mitmenschen. Die wollen sie mit der Konstruktion einer Welt betören, in der es um die höchst grundsätzliche Alternative "Tod oder Leben" gehen soll. Dabei verraten sämtliche Anwendungsgebiete des Lebensrettungsevangeliums, daß etwas ganz anderes los ist.

Die moralische Wucht der so simpel zurechtgestrickten Hymne ans Leben leidet darunter freilich nicht.

Leben statt Krieg

Inwieweit friedensbewegte Menschen daran glauben, daß der "Frieden" genannte Zustand "das Leben" als oberste Maxime beherzigt oder wenigstens das Überleben garantiert, ist eine müßige Frage. Ihre Zeitungslektüre hindert sie jedenfalls nicht daran, so zu tun, als ginge es im Krieg gegen "das Leben" - und Frieden wäre um seinetwillen ein Gebot. Das Bedürfnis, am Leben gelassen zu werden, läßt beim Seufzer nach Frieden jedes andere Interesse in den Hintergrund treten; seine Überzeugungskraft soll dies Argument gegen den Krieg dadurch erhalten, daß jedermann den anstehenden, drohenden Waffengang mit seinem eigenen Tod gleichsetzt. Ganz als hätten Politiker, Generäle und das ihnen dienstbare Volk diese fatale Wirkung des Krieges übersehen, werden sie ideell mit ihrem Tod konfrontiert, den sie doch nicht wollen können.

Daß sich der Versuch, den Maßstab "des Lebens" in die Politik einzuführen, blamiert, ist bekannt. Er scheitert schlicht daran, daß für Politiker und Strategen andere Sachen zählen - selbst in Friedenszeiten begnügen die sich nicht damit, daß ihre Untertanen "leben": Ein paar zusätzlich Verrichtungen in Schulen, an Arbeitsplätzen, im Supermarkt, an den Wahlurnen sind ihnen immer schon viel wichtiger als die Frage, wie die einschlägigen Leistungen dem Organismus förderlich sind. Wenn in der weltbewegenden Kontroverse "Leben vs. Krieg" wer was Wesentliches übersieht, dann sind es die Parteigänger des Lebens! Sie abstrahieren in ihrer frommen Meinung, den Zweck der schieren Existenzerhaltung könne doch jedermann teilen, von all dem, was das ziemlich lebendige Inventar ihrer Gesellschaften mit seinem Leben anstellt. Diese Dummheit tritt als Bekenntnis zur Angst vor dem Krieg auf, in dem ja tatsächlich eine beträchtliche Anzahl über die Klinge springt. Leider verrät die Vorwegnahme der m Krieg aufgezwungenen Alternative "Leben - Tod" keinen Willen außer den zum Verzicht. Versäumt wird höchstförmlich die Gelegenheit, jetzt, da es Herren und Knechten noch um anderes zu tun ist als um die Kalkulation von Überleben und Vernichtung, "die Richtung zu ändern". Stattdessen vollziehen die im Geiste schon in der Ausweglosigkeit des Krieges wandelnden Gemüter, den Tod vor Augen, die demütige "Umkehr zum Leben".

Auf dieses untertänige Betteln, das sich auf kein Existenzminimum, sondern auf das Minimum der Existenz richtet, wollen die erzchristlichen Lebewesen wegen der Atomwaffen gekommen sein. Nicht einmal deren technische Raffinesse und stattlicher Preis hat sie auf den Gedanken gebracht, daß heutzutage einiger Reichtum vorhanden ist, mit dem sich aus "dem Leben" was machen läßt. Ihnen hat es die Wirkung des Geräts angetan, die im Ernstfall ganz bestimmt keine bloß moralische ist. Und wie fassen sie diese Wirkung auf, wenn sie recht drastisch dartun möchten, was sie fürchten? Als die Bedrohung des Überlebens - der Menschheit! Klar: wer jetzt zu keiner anderen Kritik an der politischen Ökonomie des Vorkriegs, zu der er immerhin einen Beitrag nach dem anderen zu liefern gehalten ist, fähig ist, als zur apokalyptischen Beschwörung des "Kältetodes", dem geht es nicht einmal dann um die eigene Haut, wenn es soweit ist. Er hat ja schon heute nichts dagegen, sich für die mit Werten übervolle Friedenspolitik zur Verfügung zu stellen, weil die ihn "leben" läßt! Dafür findet er sogar Anerkennung und Gehör; zwar nicht bei zuständigen Stellen in Sachen Krieg und Frieden, aber immerhin bei den Pfaffen, die bescheidene Lebewesen über alles schätzen.

Und die kann die Friedenspolitik sehr gut brauchen.

Leben statt Umweltzerstörung

Nicht nur das Überleben der Menschheit, sondern gleich auch noch das Leben überhaupt macht Leuten die ernstesten Sorgen, die eigentlich nichts anderes bemerkt haben als einen Mangel an Lebensmitteln, dessen Ursachen gar nicht so schwer zu entdecken sind. Mit Hilfe der Naturwissenschaften, die der belebten wie unbelebten Natur ihre Gesetze ablauschen, wird diese zum Mittel des Geschäfts. Darüber verändert sie sich ziemlich und verliert viele Eigenschaften, die sie als Lebens- und Genußmittel der auf Atem luft und Trinkwasser angewiesenen Menschheit tauglich machen. Andere Eigenschaften hingegen entstehen ihr neu und können giftig genannt werden. (Alles Wichtige zu den Weiterungen des "Umwelt-Problems", zur "Umweltpolitik" etc., die eine politökonomische Erklärung finden oder gar keine, in MSZ Nr. 4/1984.) Das wird nun nicht nur als störend empfunden, sondern als ein weiterer Grund für die "Umkehr zum Leben". Auch dieser Versuch, den Maßstab des "Lebens" in die Politik und darüber in die Wirtschaft einzuführen, scheitert nicht zufällig. Schon in den Anfängen dieser eigenartigen Kritik, die zur Bewegung wurde, galten die Resultate der Produktion, die so vielen zu schaffen machen, nicht als Konsequenz der Freiheiten, die aufgrund staatlichen Segens rechtens sind, und deren Inhaber sich einigermaßen rücksichtslos betätigen. Vielmehr als Folge der Nicht-Berücksichtigung des geliebten Höchst- und Grundwertes. Um den Millionen Schadstoff-Tonnen diesen Ursprung anzudichten, mußten die gültigen Maßstäbe des Wirtschaftens genauso übersehen werden wie in Sachen Frieden die der Politik. Ebenso war die Kunst vonnöten, die dem Betroffenheits-Gejammer so offenkundig widerspricht, jedoch seine Glaubwürdigkeit befördern sollte: die verantwortliche Übernahme einer Schuld. In Gestalt des Konsumenten gerieten "wir" alle zu Nutznießern und quasi Auftraggebern derer, die mit den Grundrechnungsarten des Kapitals ihre zerstörerischen Werke vollbringen. Und das Opfer dieser ziemlich kollektiven Sünde war fortan die "Umwelt", Gottes schöne Natur. Als wäre die tatsächlich als Lebensmittel betrachtet und behandelt worden und darüber keines geblieben, versteigen sich die Kritiker zu Befunden, die vor Selbstkritik nur so triefen. Das eigene "Leben" bringen sie in Gegensatz zu den Annehmlichkeiten des Konsums, die es lebenswert machen - und dem Wert des Lebens verschaffen sie immerzu höchsten Respekt.

Solchen Ideen verdankt das 20. Jahrhundert die manische Sorge um aussterbende Pflanzen- und Tiergattungen, die ihre Hege ganz bestimmt nicht bestellt haben. Auf den Lebensstandard von Panda-Bären wird inzwischen mehr öffentlich breitgetretene Mühe verschwendet als auf anständige Löhne; alternativ wird radgefahren, gekocht und - Politik gemacht. Die ist jedoch im Unterschied zum gelebten Idealismus des Lebens recht realistisch und bequemt sich den nie in Frage gestellten Maßstäben des Regierens und Wirtschaftens aktiv an. "Finanzier- und machbare Konzepte" in Sachen Umwelt sind der Schlager einer zum Parlament vorgestoßenen Bewegung, und deren Partei bemüht sich nach Kräften, keinem Wähler bei seinen Ermächtigungsgesichtspunkten zu nahe zu treten. Wie alle Religionen geht auch die des "Lebens" den ihr angemessenen Weg. Für die einen bildet sie die gläubige Begleitmusik ihrer akzeptierten Bescheidenheit, für die anderen gibt sie den Schein des guten Werkes, der Verantwortung her, wenn sie ihre Macht auf Kosten eines guten Lebens ihrer dienstbaren Knechte gebrauchen.

Leben = Dienst

Wie bei allen moralischen Titeln kommt es auch beim "Leben" sehr darauf an, ob man sie glaubt und zu seiner Lebensmaxime macht, vielleicht sogar ein persönliches Betätigungsfeld aus ihnen ableitet - oder ob man sie anderen anempfiehlt. An beiden Verfahren leidet die demokratische deutsche Republik keinen Mangel, weil das dafür nötige und mit den unterschiedlichen Mitteln ausgerüstete Personal vorhanden ist. Die bescheuerte Weltanschauung ist Gemeingut, eine Spätfolge des Gleichheitsgrundsatzes offenbar.

Daß die Ernennung "des Lebens" zum Wert eine Abstraktion von all dem einschließt, was sich das denkende Lebewesen "Mensch" an Zwecken setzt, haben Tierschützer auf ihre Weise genau begriffen. Im Geziefer läuft ihr Wert leibhaftig herum und darf sich ihrer besonderen Obhut erfreuen. Fanatiker eines verkehrten Gedankens, der ihre Gefühle mit Beschlag belegt, bemerken sie keinerlei Widerspruch zwischen ihrem Eifer und dem, was tagtäglich ihresgleichen angetan wird. Für die moralische Feuerwehr aus den Universitäten sind Gentechnologie, Sterbehilfe und dergleichen Vorzugsthemen, an denen sie dann das Erlaubte vom Verbotenen im Namen "des Lebens" scheiden. Daß diese christlich motivierten Geistesriesen einmal für die Natur, das andere Mal für Triage eintreten, stört sie wenig. Leute, die nicht einmal wissen, wie eine Kreissparkasse funktioniert, haben eben guten Grund, die restliche Menschheit in ethischen Belangen zu unterweisen. Da tut es auch einmal ein Vergleich zwischen einem Fall von Tierquälerei und einem KZ. Solcher methodisch kontrollierter Geschmacklosigkeiten machen sich unsere Politiker nicht schuldig.

Von Staats wegen wird besagte Abstraktion zwar auch begriffen, jedoch ohne die unselige Schlußfolgerung, der Dienst am Leben hätte sich ausgerechnet auf jene Kreaturen zu erstrecken, mit denen man sich gemein macht, weil sie auch lebendig sind. Wenn die für das "Recht auf Leben" zuständigen Amtsträger ihre moralische Keule einsetzen, dann trennen sie "das Leben" etwas anders von seinem Wie und Wozu. Letzteres tilgen sie nicht, sondern geben ihm den eindeutigen Sinn eines Einsatzes für die Nation und ihre Belange. Die Dienstbereitschaft, die sich als Versprechen der guten Menschen ankündigt, die ihr und der Natur Über- Leben auf die Tagesordnung gesetzt haben möchten, fordern sie als Pflicht ein. Im Namen des Lebens Politik treiben heißt für sie allemal lauter Imperative ausgeben, die den Empfängern gerechterweise wie Überlebensbedingungen vorkommen müssen.

Daß die Erfüllung dieser Bedingungen mit dem "Leben" belohnt wird und dieses dabei zum Mittel für die anstehenden Dienste verkommt, wird im übrigen offen ausgesprochen. Wer an die Sorge um das Aussterben der Deutschen den Hinweis anhängt, den Kassen der Nation würden wohl bald die Beitragszahler zu knapp, und die "Leistungsempfänger" seien schon jetzt zu viele und nicht zu bedienen, wer in Sachen Abtreibung die Überlegung, ob man sich das Kind leisten kann und will, in die Nähe des schnöden Mordes aus Anspruchsdenken rückt; wer sich nachrückendes Volk wünscht, dem er nicht einmal in Wahlkampfheucheleien mehr jenes marktwirtschaftliche Auskommen namens "Arbeitsplatz" verspricht, usw. - dem ist das "Leben" als Rohstoff von Politik und Wirtschaft der Nation eine Selbstverständlichkeit. Und dieser Rohstoff wird nicht erst im letzten Dienst an der Nation kräftig verbraucht!

Nur der Papst höchstpersönlich schafft es, durch einen vergleichsweise alles überbietenden Zynismus den in den reichen Nationen üblichen Umgang mit dem Leben von Arbeitslosen und Giftgeschädigten, Sozialfällen und Soldaten als lebenswert, da erträglich erscheinen zu lassen. Er hat den Afrikanern - das sind die Hungerleider des Imperialismus, für die immerzu gesungen und gesammelt wird - geraten, Kinder zu machen. Weshalb: Sie sind ein Geschenk Gottes; und wenn sie unter dessen Äquatorsonne verhungern, "wehren" sich die Ärmsten "gegen die lebensfeindliche Mentalität, die sich in den Industrieländern breitmacht".

Ein feiner Wert, das "Leben"!


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