ZWEIMAL RECHT AUF ARBEIT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 7-1984 erschienen.
Systematik: 

ZWEIMAL RECHT AUF ARBEIT

Worum gehts?

Die Unternehmer weiten den Arbeitskampf offensiv aus. Sie haben die Gitter vor ihren Fabriken heruntergelassen.

Das erklärte Ziel der Unternehmer-Taktik: eine nachhaltige finanzielle Schädigung der Arbeiter, durch die ihnen eingebleut werden soll, daß Streiken sich für sie nie und nimmer lohnen kann.

Gewinn-Einbußen werden lässig durchkalkuliert, der Arbeitswille der Belegschaften wird von den Betrieben für ein paar Wochen zurückgewiesen - damit er hinterher, nach Abschluß des Arbeitskampfs, umso reibungsloser und ohne jede lästige gewerkschaftliche Begleitmusik für die aktuellen Geschäftsinteressen eingespannt werden kann.

Mit Gewalt hat das Ganze nichts zu tun, denn niemand hindert Unternehmer hierzulande an dieser Praxis. Die Gitter bleiben zu; sie und sämtliche Produktionsanlagen dahinter sind schließlich Privateigentum. Und die Verfügungsgewalt darüber ist in diesem unserem Lande'verfassungsmäßig geschütztes, gutes Recht.

Leider kommt es der 'metall' bei ihrem Titelbild auf eine ganz andere Botschaft an. Kämpferische Arbeiterfäuste gegen die freiheitlich rechtlichen Angriffe des Kapitals das wollte die 'mächtigste Einzelgewerkschaft der Welt' nicht darstellen.

Nein, ganz im Gegenteil - hier rütteln brave Hände an verwerflichen Gitterstäben -; so harmlos wie Baby-Fäustchen an ihren Gitterbettchen und so hilflos wie unschuldig Verurteilte am Gefängnisgitter. Nur, daß sie nicht in die Freiheit, sondern ausgerechnet zur Arbeit wollen. Und damit auch ja kein Mißverständnis über die Harmlosigkeit und Unschuld ihrer 'Muster-Basis' aufkommt, tragen die Fäustchen der IG-Metall die blitzsauberen Eheringe treusorgender Familienväter.

Ein einziges Anliegen will die IG-Metall mit ihrem kindischen Titelbild unters Volk bringen: "Brave deutsche Arbeiter haben ein Recht auf Arbeit. Sie wollen bitte, bitte arbeiten dürfen - und die andern wollen sie nicht lassen. Das ist böse und gemein!"

Mitten in einem Arbeitskampf, in dem die Unternehmer alles daran setzen, die bedingungslose Botmäßigkeit der Arbeiter zu erzwingen, legt die Gewerkschaft Wert auf die Klarstellung, daß sie für ihre Leute nur eins will: Sie sollen in den Betrieb dürfen, egal zu welchen Bedingungen. Mitten im Streik setzt die Gewerkschaft auf die Demonstrationen des puren Arbeitswillens!

Was soll da eigentlich der Unterschied zum Ideal der Unternehmer-Verbände sein?!

Was ist hier los?

Opel Rüsselsheim wird bestreikt. Laut Gewerkschaftsbeschluß soll dem Unternehmen der Arbeitswille geschlossen verweigert werden. Um Streikbrecher am Zutritt zum Werk zu hindern, braucht es Streikposten. Die Untemehmer sehen dadurch das 'Recht auf Arbeit' verletzt und ziehen vor Gericht. Das Darmstädter Arbeitsgericht entscheidet: "An den Werkstoren muß eine mindestens 2 Meter breite Gasse, die im Luftraum und auf dem Erdboden frei von Hindernissen ist, offengehalten werden." Im Klartext: In unserer keimfreien Republik sind Streikposten als effektives Mittel zur Durchfechtung eines Arbeitskampfs verboten. Streikbrechen ist ein unveräußerliches Menschenrecht und von der Gewerkschaft zu garantieren.

Die IG-Metall beugt sich ohne weiteres dem Urteilspruch. Das Recht ist für die deutsche Gewcrkschaft bekanntlich ein hohes Gut - so hoch, daß aufs Streiken keine Rücksicht genommen werden kann. Peinlich genau wird die verlangte Gasse abgemessen. Die Aufgabe der Streikposten ist ab jetzt neu definiert: Spalierstehen für Streikbrecher - die Streikleitung höchstpersbnlich paßt auf, daß niemandem zu nahe getreten wird. Die Kollegen dürfen derweil ihre "Entschlossenheit und Phantasie" bei Malwettbewerben austoben. Das Ergebnis - Albernheiten folgenden Kalibers:

Kurz: Es geht zu wie beim Kindergeburtstag.

Und wie wird der Gewerkschaft ihre Bravheit honoriert?

Die freie Hetze der Öffentlichkeit hat ein neues Thema!

Die vorbildliche Streikbrecher-Gasse wird nicht als exakte Erfüllung gerichtlicher Auflagen gewürdigt. Nein, es handelt sich nach dem Urteil der gesammelten Presse um "die stärkste Waffe der Gewerkschaft gegen Streikbrecher" (klar, wo sie doch gerade alle durchlassen). Und dann diese "fürchterlichen Beschimpfungen". Man stelle sich vor, es soll vorgekommen sein, daß zartbesaitete Arbeiterseelchen sich von Kollegen als 'Arschlöcher' titulieren lassen mußten. (Das sind Töne, die während eines normalen Arbeitstags nie und nimmer das Ohr eines gestandenen Arbeiters beleidigen.)

Da kann die "Bild"-Zeitung, die deutsche Kollegen höchstens mal als Faulenzer, Drückeberger und Schmarotzer beschimpft, nur eines feststellen: Gewalt, nichts als Gewalt - oder kurz: "Streikterrorismus"!

Zuguterletzt dann auch noch der heuchlerische 'gute Rat' an die streitenden Parteien, sie sollten doch bitte, bitte nicht vergessen, daß sie sich "nach dem Tarifkampf auch noch in die Augen sehen können müssen".

Lächerlich? Einerseits schon - mitten im "härtesten Tarifkampf seit Bestehen der Republik" betreibt die gesamte Öffentlichkeit ihre Gewerkschaftshetze mit Fragen des Anstands und des guten Benimms.

Andererseits ein einziges Dokument dafür, daß eines hierzulande längst als Selbstverständlichkeit abgehakt ist: Gewerkschaftliche Forderungen gehören sich nicht ernsthaft durchgesetzt. Und die Gewerkschaft, die mit dieser demokratischen Selbstverständlichkeit kein Problem hat, weil ihr Maßstäbe von Recht und Ordnung über alles gehen, kann machen, was sie will, und noch so sehr auf ihre Hochanständigkeit pochen. Es liegt dann eben ganz im freien Ermessen der Gegenseite, noch jede gewerkschaftliche Aktivität auch moralisch ins Unrecht zu setzen.