XAVER LÖHNER UND SEINE GEWERKSCHAFT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 10-1985 erschienen.
Systematik: 

XAVER LÖHNER UND SEINE GEWERKSCHAFT

Xaver Löhner, 38, ist Mitglied der IG Metall. Vollmitglied schon fast 20 Jahre. So lange läßt er regelmäßig den Beitrag vom Lohnkonto abbuchen. Dieses Verfahren haben die mal eingeführt, um die Beitragsmoral zu stärken, wie sie sagten. Aber schon vorher war er bei der Gewerkschaftsjugend dabei. Das kam so: Der Meister hat zu ihm gesagt, er sei doch ein heller Kopf. Ob er sich nicht engagieren wolle. Die IG Metall sei eine große Organisation und könne was für die Lehrlinge tun. Traditionsgemäß würden die meisten Lehrlinge dieses Betriebs zur Gewerkschaftsjugend gehen. Der Pauli sei auch jüngst erst eingetreten. Da könne man sich bilden, habe Geselligkeit und lerne gleichaltrige Kollegen kennen und wisse, wo man wäre. Eine gute Sache sei's auch, denn die Arbeitnehmer müßten zusammenhalten und solidarisch sein, sonst machten die Bonzen mit ihnen, was sie wollten... Ungefähr so ähnlich war es dann auch bei der Gewerkschaftsjugend. Feten gab's immer mal wieder. Auf ein paar Bildungsseminaren am Wochenende hörte Xaver zum ersten Mal von Ausbeutung und daß die Unternehmer nur auf Profit aus seien; daß dagegen nur Kampf um gerechten Lohn und erträgliche Arbeitsbedingungen etwas helfe; daß nur die Gewerkschaft diesen Kampf konsequent führe. Xaver erfuhr von der mühevollen Geschichte der Gewerkschaft, aus der sie aber fast immer gestärkt hervorgegangen sei. Ihm wurde die Gliederung des DGB erklärt und was dieser seit Kriegsende alles geleistet habe. Das konnte und könne er aber nur, wenn die Arbeitnehmer solidarisch seien. Das Wort 'Solidarität' kam überhaupt sehr oft vor. Klar, Probleme der Jugend, der Lehrlinge wurden auch diskutiert. Einmal ging es sogar über die gesellschaftlichen Gründe für die ungleiche Behandlung von Mann und Frau. Xaver ist sogar aktiv geworden, hat an drei bis vier Demonstrationen teilgenommen und Papperl für die 1. Mai-Kundgebung gemalt: "Wenn wir dem Meister Semmeln holen, bleibt uns die Ausbildung gestohlen." Oder Ungereimtes: "Für eine qualifizierte Ausbildung." Na ja, das ist für Xaver Löhner lange her und längst vorbei. Mitglied der IG Metall ist er noch, aber sonst! Das hat er bald rausgekriegt, wie der gewerkschaftliche Laden läuft, damals, als er, nachdem er in der Jugend wär, mit 22 einen Job bei einem anderen Betrieb fand, wo ihm schon im Personalbüro der Betriebsrat erzählte, daß 60% der Belegschaft in der IG Metall seien, obwohl Xaver ihn gar nicht danach gefragt hatte. Also war Kollege Löhner jetzt selbstverständlich gewerkschaftliches Vollmitglied. Die dafür noch notwendigen Lernprozesse hat er nach 1 bis 3 Monaten voll mitgekriegt. Hatte er bei der Gewerkschaftsjugend gelernt, daß gewerkschaftliche Betriebsräte und Vertrauensleute die überaus wichtige Vertretung der Arbeitnehmerinteressen vor Ort in die Hand nähmen, so mußte er jetzt feststellen, daß sich seine Gewerkschaft im Betrieb vor allem dadurch auszeichnete, daß sie nicht in Erscheinung trat. Als Xaver damals seine noch naive Vorstellung einem Kollegen mitteilte, man dürfe sich den Dreck und Krach in der Halle nicht länger gefallen lassen und müsse dagegen etwas tun, bekam er von diesem nur einen ungläubigen Blick zurück. Später erfuhr Xaver dann, daß der Kollege ein Vertrauensmann war.

Beim Betriebsrat ist Kollege Löhner nur zweimal gewesen, um sich über irgendetwas zu beschweren. Das erste Mal bekam er zur Antwort: "Da können wir nichts machen, da haben wir keine rechtliche Handhabe." Beim zweiten Mal war der Betriebsrat schon richtig ungehalten: "So viel zu tun... ...wenn wir uns um alle Querulanten kümmern wollten." Ach so, dachte Xaver, der Betriebsrat ist gar keine Beschwerdeinstanz. Inzwischen weiß Xaver Löhner, daß ein starker gewerkschaftlicher Betriebsrat in seinem eigenen Büro sitzt, mit der Firma über wichtige und unwichtige Dinge einvernehmlich oder nach vielen härten Verhandlungen Vereinbarungen trifft und damit auf Betriebsversammlungen angibt, wie sehr er sich um das Beste für die Arbeiter und Angestellten bemüht habe. Obwohl übrigens die Betriebsversammlungen immer gleich ablaufen - die Betriebsleitung lobt die Belegschaft und sagt, welche Maßnahmen unumgänglich sind; der Betriebsrat gibt an mit seinen Leistungen und ein wenig Kritik am Management der Firma; ein hergeholter Funktionär der Gewerkschaft ruft zu gewerkschaftlicher Solidarität auf und redet dazu unverständliches Zeug von struktureller Arbeitslosigkeit oder dem Dilemma gewerkschaftlicher Kampfbedingungen - geht Xaver Löhner doch meistens hin. Und jedesmäl ärgert er sich nachher, weil er geglaubt hatte, doch etwas Neues, für ihn Wichtiges über den Gang des Betriebs zu erfahren. Nun gut, auf jeden Fall weit Xaver Löhner über seinen starken gewerkschaftlichen Betriebsrat Bescheid. Bei zwei Anlässen rechnet Xaver schon damit, daß der BR rühriger wird: Wenn größere Entlassungen anstehen, verbreitet der sein Gejammer über die schlimme, aber jetzt nicht mehr zu umgehende Arbeitslosigkeit, vielleicht sogar auf einer extra Versammlung vor dem Fabriktor. Vor allem aber vor den Betriebsratswahlen legt er los und versucht zu beweisen, wie sehr die Belegschaft starke gewerkschaftliche Betriebsräte braucht. - Vertrauensleute erkennt Xaver Löhner inzwischen so: 1. überhaupt nicht; 1. vor Betriebsratswahlen; 3. weil sie die Zeitung der IG Metall auslegen, die Xaver nicht liest. Er kann damit nichts anfangen. Was hätte seine Gewerkschaft ihm auch schon Wichtiges mitzuteilen? Daß noch mehr Solidarität vonnöten ist; daß deutsche Unternehmer immer schlechter wirtschaften und ihr Geld in Steuerparadiesen anlegen; daß Kohl nichts gegen die Arbeitslosigkeit tut; daß die Fußballer für ihr Geld zu wenig leisten...?

Trotzdem weiß Xaver Löhner, was er seiner Gewerkschaft schuldig ist. Fast jedes Jahr ist er zur Maikundgebung gelatscht, nicht mit Transparenten in der extra Demo der Metaller zum Kundgebungsplatz, aber er ist hingegangen. Das gehört sich, sagt sich Xaver. Nur einmal, da lag der 1. Mai auf einem Montag, ist er mit Familie für drei Tage aufs Land gefahren und hat auch nicht gerade ein schlechtes Gewissen bekommen. Auf der Maikundgebung interessiert ihn ein wenig, welcher Politiker von der SPD da ist und ob der gute Klöpse gegen die Schwarzen landet. Da klatscht Xaver schon mal. Ansonsten ist es gut, daß die Sache auch wieder rum ist: Ach, sieh da, der Dings ist auch hingekommen. Der Brandt war letztes Jahr besser. Wieviel sind eigentlich insgesamt hier auf dem Platz, mehr als letztes Jahr? Hallo Ernstl, auch hier? Ernstl verkauft Maiabzeichen, ist also auch ein Vertrauensmann, denkt Xaver insgeheim.

Letztes Jahr hat Xaver Löhner seinen ersten ordentlichen Streik mitgemacht. Nun ja, besonders fest hat er nicht daran geglaubt, daß eine Arbeitszeitverkürzung der Arbeitslosigkeit abhilft. Schon gar nicht hat er drauf gehofft, daß er selbst einen Batzen mehr Freizeit bekommt. Er selbst ist ja auf die Forderung dieser Tarifrunde auch gar nicht gekommen. Aber wenn die Gewerkschaft zum Streik aufruft, da heißt es zusammenstehen. Wenn die Unternehmer so hart bleiben und hart zurückschlagen - das lassen wir uns nicht gefallen bzw. da müssen wir unserer Gewerkschaft den Rücken stärken. Xaver Löhner sind zwei Dinge aus diesem Arbeitskampf irgendwie sitzengeblieben, also die hat er noch nicht ganz vergessen: Einmal wurde in seinem Betrieb - dieser war nicht unmittelbar vom Streik betroffen - zwischen 12 und 13 Uhr zum Solidaritäts-Warnstreik aufgerufen. Da hat er um 12 seine Kollegen angeschaut, diese haben sich angeschaut, und sie sind zögerlich nach draußen gelatscht. Dort standen sie rum, ein Gewerkschaftsfunktionär hat auf die bösen Praktiken der Metall-Industriellen schwer geschimpft, Rechtsbruch und so. Um 13 Uhr liefen die Bänder wieder Xaver Löhner kam sich bei dieser Aktion ziemlich blöd vor. Dann hat Xaver Löhner an einem Samstag vor einem Kaufhaus Flugblätter verteilt, worin die Bevölkerung um Verständnis gebeten wurde für den Streik. Zufällig kam die Frau eines besseren Bekannten (mit dem man öfter einen säuft) vorbei. Sie hat den Streik-Aktivisten Xaver gesehen. Da hat sich Xaver Löhner geschämt. Über den Rest hat er sich schon nicht mehr gewundert: daß seine Gewerkschaft das Arbeits-Kampf-Ergebnis doch noch als Erfolg ausgibt na, das müssen die wohl so machen; daß schon wieder eine Lohnsenkung rausgekommen ist - wär wohl nicht mehr drin, ein paar mehr freie Tage im Jahr sind ja auch nicht schlecht...

Solche Höhepunkte im Leben des Gewerkschaftsmitglieds Xaver Löhner kommen natürlich nicht so oft vor. Aber mitbekommen von seiner Gewerkschaft tut er so gut wie jeden Tag etwas, in Presse, Funk und Fernsehen. Da wundert er sich schon oder wundert er sich nicht mehr? -, wenn der etwas hölzerne, quasi postalische, DGB-Vorsitzende Breit die 33. Ruhrfestspiele eröffnet und ein paar gescheite Sätze über den Zusammenhang von Arbeit und Kultur drexelt. Genaugenommen kann Xaver Löhner damit nichts anfangen, aber er meint wohl, daß Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, wie der Breit einer ist, so etwas wohl machen müssen. Da kriegt Xaver Löhner mit, daß der halbe Vorstand seiner IG Metall mit Bangemann in Japan war und dort weltpolitische Äußerungen getan hat, die Bangemann nicht besser hätte tun können. Fragt Xaver Löhner noch, was seine gewerkschaftlichen Vertreter eigentlich in Ostasien zu suchen haben?

Oder beim Kohl, dem sie doch so vehement vorwerfen, er täte nichts gegen die Arbeitslosigkeit? Xaver Löhner hat sich längst damit abgefunden, daß die Gewerkschaft in die höhreren Sphären der Politik gehört. Manchmal fällt es ihm auf, daß es ihm schwerfällt, seine Gewerkschaftsfunktionäre in Gestalt und Wort von den Politikern in der TV-Runde zu unterscheiden - es sei denn er kennt sie alle genau. Den Steinkühler kennt er zwar, seine schulterklopfenden markigen Sprüche für die Kollegen Metäller findet er gut, aber seine psycho-soziologischen Windungen und Wendungen (Klar, Respekt, das könnte Xaver Löhner nicht!) in der Talk-Show hält er dann doch für ziemlich affig bzw. er kann nichts damit anfangen.

Xaver Löhner ist eben ein ganz normales Mitglied seiner IG Metall, so, wie ihn seine Gewerkschaft gut gebrauchen kann.