WORIN BESTEHT DAS "LEBENSRISIKO" CHEMIE?

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1987 erschienen.

Sandoz, BASF, Bayer, Hoechst AG...
WORIN BESTEHT DAS "LEBENSRISIKO" CHEMIE?

Ein winziger Bruchteil der gigantischen Giftmengen, die an den Ufern des Rheins produziert, umgeschlagen und gelagert werden" (Spiegel 47/86), nämlich eine Lagerhalle voll E 605 und anderer hochgiftiger, quecksilberhaltiger Pflanzenschutzmittel ist kürzlich in Basel in die Luft geflogen. Dabei sind diese allerfeinsten Geschäftsartikel der Firma Sandoz, die "der Markt" verlange, mit dem Löschwasser in "eine stinkende, tiefbraune Brühe mit oft ekelhaftem, süßlichem, Geruch" (Rheingutachten 85), auch bekannt unter dem Namen "Trinkwasserquelle Rhein", geflossen. Seitdem darf die vergiftete Menschheit sich darum sorgen, wie lange es wohl dauern wird, bis der von ihr ernannte Hauptleidtragende der explodierten "Zeitbombe Chemie", die hartgesottenen Atrazinaale und Giftasseln, das verseuchte Rheinwasser wieder saufen können. Toxikologen, staatliche Umweltschützer und "ein kritischer, ökologischer Journalismus, den es kaum in einem anderen Land gibt", wälzen seitdem u.a. das aparte Problem, wo "die Quecksilberdampfwolke aus Basel" abgeblieben ist. Genauer gesagt fehlen "SZ" und "Spiegel" in ihrer Unfallbilanz exakt

"1,7 Tonnen von dem organischen Quecksilberfungizid", das "zu chronischen Vergiftungen, zu Mißbildungen, Störungen der Immunabwehr, Schädigungen des Nervensystems und in schweren Fällen zum Tod führt." (SZ-Lexikon, 20.11.)

Über den grundsätzlich der Gesundheit zuträglichen - weil schließlich gesetzlich erlaubten Normalweg der Vergiftung durch diesen ausgezeichneten Stoff haben dieselben Journalisten unterdessen ihr Publikum sehr sachkundig aufgeklärt, mit Mikrogramm Fungizid pro Kilo Butter und Liter Trinkwasser, wie sie aus deutschen Landen frisch auf den Tisch zu kommen pflegen. Im Unterschied zu solch tröstlicher Normalität soll es sich bei dem Brand bei Sandoz um einen "leichtfertigen Umgang mit Lebensgütern und Gesundheit" gehandelt haben. Warum? Weil die demokratische Öffentlichkeit inzwischen haarscharf ausgerechnet hat, daß glatt DM 145.000 für Sprinkleranlagen und andere Brandschutzmaßnahmen ausgereicht hätten, um "diese Art von Umweltkriminalität" (Kohl) auf "den hohen Sicherheitsstandard der deutschen Chemie" zu heben. Dank diesem ist BASF zwei Wochen später die "völlig ungefährlichen Essigsäurerückstände" (so heißt das Krebsgift Dichlorphenoxyessigsäure, wenn es aus deutschen Abwasserrohren sprudelt) aus ihrer gerade nach Basel auf Hochtouren laufenden Herbizid- und Fungizidproduktion losgeworden.

Eine ungiftige Kritik

Kaum brennt eine gut versicherte Lagerhalle voller Gift ab, soll das einem "verantwortungsbewußten Umgang" mit dem Gift widersprechen, statt daß die interessierte Öffentlichkeit einmal zur Kenntnis nähme, wie hier in Unternehmen unserer freiheitlichen Marktwirtschaft kalkuliert wird. Die "Giftkatastrophe" rührt eben daher, daß Firmen wie BASF, Hoechst oder Sandoz bei ihrem einträglichen Geschäft mit Chemieprodukten streng auf die Kosten achten. Schließlich beziffern sie ihren Daseinszweck, den Geschäftserfolg, in dem Überschuß n Geld, den der Verkauf ihrer Waren über den zu ihrer Herstellung eingesetzten Kapitalvorschuß einbringt. Also rechnen sie mit Schadstoffkonzentration pro Kubikmeter, mit Kostenoptimierung für "sicheren Betrieb und Lagerung", weil die Gewinnspannen den Rhein runtergehen würden, wäre man hier zimperlich. Und der Staat, der das Wachstum genau dieser Sorte Ökonomie nach Kräften fördert und sich selber daraus bedient, sorgt mit großzügigen Belastbarkeitsdefinitionen, Störfallverordnungen etc. für den nötigen "wirtschaftsverträglichen Umweltschutz"; die Kosten auf seiten der Betroffenen sind darin mit der größten Selbstverständlichkeit einkalkuliert.

Aber nein, so mag es niemand sehen. Da mag der Sandoz-Vorstand noch so sehr betonen, daß das so kalkulierte Giftgeschäft auch unter "dem umfassenden Schadensersatz" für 150.000 Aale und 20 Lastwagen Frischwasser nicht leiden wird. Eher rechnet der "kritische, ökologische Journalismus" die eingesparten Sprinkleranlagen gegen die versicherten 20 Millionen Mark Brand- und die "ökologischen Spätschäden" auf und zieht den gänzlich falschen Schluß, daß sich hier etwas nicht gelohnt hätte. Dabei wäre auch hier ziemlich leicht zu sehen, wie Unfälle in diesem Gewerbe einkalkuliert sind: Man sucht sich eine Versicherung, die das zu versichernde Risiko in einer Prämie beziffert, und damit hat sich die Angelegenheit von der Kostenseite her, und etwas anderes zählt in der Geschäftsbilanz nicht. Auch ein paar Werbungskosten für das Image des Untemehmens sind bei einem ordentlichen Gewinn immer drin.

Die "kritischen Stimmen", die sich zu Wort melden, gehen offenbar bei ihrer Begutachtung von Geschäft und allgemeiner Gesundheitsschädigung von einer Prämisse aus: Profit und "unsere Lebensgüter" müßten sich doch, jedenfalls im Prinzip, prächtig vertragen. Diese kritischen Gifthüter und Wasserwächter übersetzen sich die gesetzlich geschützten Geschäftskalkulationen "unserer Chemieunternehmen" in ein an sich menschenfreundliches Programm "zur Verbesserung der Lebensbedingungen", indem sie die Vorstellung bemühen, daß die Produkte, die dem Chemiekapital als Geschäftsmittel dienen, doch wahrhaftig auch noch nutzbare Gebrauchseigenschaften haben - und deshalb zwecks Versorgung der Menschheit mit "lebensrettendem Chloramphenicol ... oder PVC als Isoliermaterial für Stromkabel" (Spiegel 46/86) in die Welt gesetzt würden. So daß aus der Einbildung eines aufgeweckten Bundesrepublikaners mit Spiegel-Niveau, zumindest mit "strenger Kontrolle", verbesserter Störfallverordnung, neuem Chemikaliengesetz und geänderten Grenzwerten "wirtschaftlich gesunde Unternehmen" sowie ganz viel saubere Luft, Wasser und Gesundheit gleichermaßen entspringen. Und wenn mit den staatlichen Auflagen die Kühlrohre bei BASF rosten und platzen wie gewohnt, eine "Giftwelle" die andere jagt, dann haben "uns Seveso, Bhopal und nun die Vergiftung des Rheins die Gefahren entschleiert, die mit der chemischen Produktion verbunden sein können (!)". Was kennzeichnet also "die chemische Produktion" von heute: Daß sie sich als ein 'Januskopf' voller 'Fluch und Segen für die Menschheit' erweist...

Und obwohl solcherart abgeklärte Be- bzw. Gesinnungsaufsätze schon so ziemlich den Gipfel an Kritik markieren, zu der es die politisch gebildete Öffentlichkeit angesichts der Vorfälle bei Sandoz, Ciba-Geigy, BASF, Hoechst, Bayer... bringt, wird von maßgeblicher Seite eines mit Nachdruck klargestellt: daß ein "Leben ohne Chemie" nicht denkbar wäre. Damit ist nun allerdings nicht die naturwissenschaftliche Kenntnis der chemischen Verbindungen und deren Umwandlungen gemeint, sondern "unsere Chemie"-Industrie, an der nicht nur "die Wirtschaft" hängt, sondern die sie ja mit ausmacht. Der Ordnungsruf, den die zuständige Obrigkeit selbst den reichlich untertänigen Anfragen zuteil werden läßt, ob denn die geschätzte Republik nicht vielleicht doch auch mit etwas "sanfterer Chemie" zu haben wäre, operiert also ziemlich unverfroren mit dem Deuten auf die Abhängigkeiten, die für die bundesdeutsche Menschheit gelten, weil die bundesdeutsche Herrschaft sie so eingerichtet hat: Die Produkte hiesiger, oft genug weltweit erfolgreicher Chemiefabriken sind und sollen es bleiben - die Geschäftsmittel der Chemiekapitalisten und dienen als solche (von der Kunststoffdichtung bis zur "High Chem") anderen Kapitalisten in Industrie und Landwirtschaft als Stoff für deren Geschäfte; bedienen ferner ganze Sektoren der staatlichen Oberaufsicht über ein Gemeinwesen, das sich z.B. durch einen permanenten Großverbrauch der Gesundheit seiner arbeitenden Bürger auszeichnet und damit Pharmakonzernen garantierten Profit verschafft; machen schließlich auch noch ein Geschäft aus der beschränkten Zahlungsfähigkeit der gewöhnlichen Leute, die ihren alltäglichen Bedarf an Zahnpasta, Tapetenkleister oder Videobändern ja schlecht mittels Heimarbeit bestreiten können. Kurz: "Unsere Chemieindustrie" ist ein unverzichtbarer Bestandteil "unserer Marktwirtschaft". Und wenn diese erstklassige Sparte des dennokratischen Kapitalismus dann nicht bloß "viele Arbeitsplätze schafft" (zwar mit reichlich Gift ausgestattet, aber wen juckt das schon!), sondern zwecks Gewinnescheffelns auch die Bevölkerung außerhalb ihrer Fabriken noch mit vergiftetem Wasser, Luft und Boden beglückt - dann ist das gemäß maßgeblicher Definition eben ein "verbleibendes Restrisiko", sprich: die normale Lebensbedingung, die die Macher einer Nation vom Schlage einer BRD ihren Untertanen mit größter Selbstverständlichkeit verordnen und zumuten!

Daß diese Macher sich auf die nationale Zuverlässigkeit der von ihnen regierten Mannschaft tatsächlich verlassen können, die sie mit ihrer Verwandlung der Wirkungen gesetzlich geschützter Geschäftspraktiken in ein "normales Lebensrisiko" abrufen, beweisen nicht zuletzt die Einfälle des besagten "kritischen, ökologischen Journalismus" in Sachen "Chemiekatastrophen". Die gehen nämlich so:

"Wir sollten aufwachen und überlegen, was wir da eigentlich produzieren." (Spiegel 47/86)

"Wir alle" sind demnach die Urheber der Vergiftung des lieben Heimatlandes, also auch verantwortlich für eine der Volksgemeinschaft gut zu Gesicht stehende "neue Grundhaltung zur Chemie". Gründlicher kann man die wirklichen Urheber all der feinen Wirkungen des nationalen Erfolges, auf den es hierzulande ankommt, nicht mehr aus der Schußlinie nehmen, als wenn man so tut, als hätten diejenigen die dem Geschäft als Lohnarbeiter und konsumierende Zahler gleichermaßen dienen dürfen, mit ihrer notorischen Vorliebe für Preßspanplatten und Hostalen das gelieferte Formaldehyd bzw. "die problematischen Abfälle, die auf umweltverträgliche Weise nicht beseitigt werden können" (Spiegel 47/86), gleich mitbestellt. So als wären die vielen "wir" alle gestandene Chemiker und Fabrikanten, und als wären Markt und Konkurrenz ungefähr das gleiche wie ein Plan, den "wir" für das nächste Jahrzehnt in Bonn beschließen.

Gift - "ein Nebenprodukt"

Natürlich kommen innerhalb des "Wir", das da "aufwachen" und "überlegen" soll, die einschlägigen Experten erst recht groß heraus. Da es ja angeblich um "Wir und die Chemie" geht, sind die Fachleute fürs geschäftsmäßige Fabrizieren von "Umweltschmutz" als erste Adresse in puncto "Umweltschutz" anzusehen. Strikt abzusehen ist von dem Sachverhalt, daß in "unserer Chemieindustrie" kapitalkräftige Privateigentümer eine ganze Menge entsprechend ausgebildeter Leute einzig für den Zweck beahlen und anwenden, um den Umgang mit Naturstoffen und Arbeitskraft auf stets wachsender Stufenleiter genau so zu arrangieren, daß aus den hierfür vorgeschossenen Geldsummen immer größere Geldsummen herauskommen. Statt dessen gehören die betreffenden Leute als die "Jünger Liebigs" aufgefordert, den "Faktor Umweltrelevanz" gemäß dem Motto "Mehr Einfälle, weniger Abfälle " in ihren Destillen zu entdecken. Auch wenn ihr ganzer berufsmäßiger Erfindungsreichtum in Sachen 'Aus Scheiße ganz gezielt organisches Gold für ihre Auftraggeber zu synthetisieren' erst die zweckdienliche und gar nicht "lehrbuchmäßige" Unterscheidung in Hauptprodukt und "Nebenprodukte ohne wirtschaftliche Bedeutung" in die Welt gesetzt hat und mit ihr die "Spuren an Dioxin" und Chlorphenoxyessigsäure.

"Kaum eine Reaktion organischer Verbindungen verläuft nämlich lehrbuchmäßig zu einem definierten Endprodukt. Abhängig von den jeweiligen Reaktionsbedingüngen entstehen vielmehr zahlreiche Nebenprodukte, die in Spuren im erzeugten Syntheseprodukt enthalten sind. Sind diese Nebenprodukte ohne wirtschaftliche Bedeutung, so bleiben sie unbeachtet, wenn sie nicht aus anderen Gründen störend auffallen." (Dioxin - durch die Hintertür in die Umwelt, in: Mensch und Umwelt 5/85)

Was heißt hier eigentlich "nämlich"? Warum sollten ausgerechnet die wirklichen Synthesen die Lehrbücher der organischen Chemie blamieren, nur weil unsere Herren Chemiker die verschiedensten Reaktionswege samt den dazu notwendigen Ausgangsstoffen und alle gewußten "End- und Nebenprodukte" auf ihre gar nicht chemischen Vor- und Nachteile hin beurteilen? Der Standpunkt, der in den Forschungs-, Entwicklungs- und Rationalisierungsabteilungen der Hoechst und sonstigen AGs gültig ist, ist auch keinesfalls zu verwechseln mit dem rationellen Gesichtspunkt, wie, vom Produkt mit seinen nützlichen Gebrauchseigenschaften her betrachtet, die Prozesse seiner Herstellung in gewünschte und sonstige Wirkungen zu unterscheiden und zu handhaben sind - ginge es schlicht um zweckmäßige Bedienung von Bedürfnissen, dann käme beim Produzieren garantiert nicht die systematische Verseuchung aller möglichen Lebensbedingungen heraus. Nein - in kapitalistisch betriebenen Fabriken regiert der Standpunkt des Geschäftserfolgs, und der ist den Aufgabenstellungen sehr wohl anzusehen, für deren Lösung die Vertreter der Ingenieurskunst usw. auf die Gehaltsliste ihrer "Arbeitgeber" gekommen sind: Für wen müssen denn die Einfach- und Doppelbindungen unbedingt zu DM 3.500 reagieren und sich deswegen jede "Synthesemöglichkeit" an den Preislisten für Ausgangschemikalien und dem geschäftlich optimalen Verhältnis von Ausbeute und Umsatz messen lassen: So daß sich die "problematischen Verunreinigungen" einstellen, die kein Chemiebuch vorschreibt, und die dafür um so feinsäuberlicher von den professionellen Giftmischern in Haupt- und "Nebenprodukte" unterschieden werden, weil schließlich Dioxin als Endstoff noch lange kein Grund ist, es auch "zu beachten". Da müssen schon z.B. teure Katalysatoren in der Weiterreaktion vergiftet werden, bis der chemische Einfallsreichtum die entsprechenden Verfahren gleich mitliefert, noch mit de letzten ppm Gift fertig zu werden.

So sammeln sich mit der Produktion "verkaufsfähiger" Chemikalien die "Nebenprodukte ohne wirtschaftliche Bedeutung", von denen sich dann kostengünstig entsorgt wird. Was nicht unter die Grenzwertrichtlinien fällt, wird gleich hochdosiert auf Mülldeponien geworfen und in die "natürlichen" Abwasserkanäle namens Rhein und Main geleitet, die deswegen für "unsere Chemiefirmen" so unvergleichliche Standortvorteile bieten. Das übrige Dreckszeug wird dann solange mit Brauch-, Meerwasser und Frischluft verdünnt, bis die Schadstoffkonzentration Mikrogramm pro Kubikmeter auch noch die "härtesten staatlichen Auflagen" erfüllt: Die betroffene Menschheit darf sich dann diesen einfachen Sachverhalt "umweltbewußt" vorbuchstabieren lassen als:

"Unmerklich haben einige Produkte der Chemie begonnen, unsere Lebensgrundlage zu belasten." (Spiegel 47/86)

Und immer ein paar Jahre später hocken "wir" dann auf "den Sünden der Vergangenheit", den "Altlasten". Und mancher Häuslebauer auf begrüntem Hexachlorcyclohexan, genauer gesagt auf den Betaisomeren dieses Insektenvertilgungsmittels, weil seine für ein Insektizid zu geringe Giftigkeit nur einen effizienteren Giftstoff ünnötigerweise verdünnt hätte und deshalb die Abtrennung und die "Entsorgung" als Abfall nottat.

Geschäftsartikel Gift

Und wo erklärtermaßen Gifte erstklassige Geschäftsartikel von BASF, Hoechst und Bayer sind, weil sie ihren festen Platz in Lackierereien und auf deutschen und auswärtigen Äckern haben, eben die ganze kapitalistisch Geschäftswelt nach solchen Arbeits- und Produktionsmitteln verlangt, da darf und muß die arbeitende wie sonstige Menschheit einfach umfassend mit den "Zeitbomben" in Berührung kommen. Was auch wieder gar nicht so sehr an irgendwelchen chemischen Eigenschaften liegt. Aber wieso sollten auch Automobilfirmen bei der Benutzung von Lösungsmitteln und der Entsorgung von giftigen Stäuben und Dämpfen an ihren "Arbeitsplätzen" weniger kostenbewußt kalkulieren als ihre Klassenbrüder aus der Chemie. Warum auch sollten sie geschäftsschädigende Kosten für irgendeine Art von Reinigung veranschlagen, wo die Lunge des Lohnarbeiters immer noch die billigste Filteranlage ist. Und warum sollten die Herren Bananas und Chiquitas auf den Rückfluß ihres wertvollen Kapitals verzichten, nur weil sich das bißchen Fungizid einfach nicht abbauen will. Schließlich sollen sich die Bananen versilbern und nicht die Gesundheit. "Hochwirksam und wenig kostspielig" - so hieß schon immer der Auftrag der internationalen Geschäftswelt bei den Pflanzenschutzmitteln, den es mit deutschem Forscher- und Entwicklergeist bei BASF und Co zu befriedigen galt. Das - fiel schon 1944 für einen gewissen Entdecker Paul Müller mit "nicht abbaubar" und exakt zusammen:

"Im Gegensatz zum Rotenon und den Pyrehtrinen, die ebenfalls höchstwirksame Kontaktstoffe sind (und für den Menschen ungiftig), ist die vorde synthetische Substanz (das DDT) weitgehend stabil, und zwar sowohl gegen Licht wie die biologische Oxydation. ... Die hohe Stabilität dieser Verbindungsgruppe ermöglicht es, DDT zuerst auch im Pflanzenschutz anzuwenden. ... Zum Schluß noch eine kurze Bemer. Pyrehtrin und Rotenon sowie alle natürlichen Insektengifte werden, im Gegensatz zu den gezeigten stabileren Kontaktinsektiziden, an und auch durch Oxydation in kurzer Zeit. zerstört. Das will und muß die Natur so tun, denn welche Katastrophe würde eintreten, wenn die natürlichen Insektengifte stabil wären?"

Die Zyklen "der Natur" und des Kapitals vertragen sich zwar des öfteren nicht so besonders. Daraus folgt im Kapitalismus zweierlei: Erstens, daß Kapitalwachstum mit ein bißchen Gesundheitszerstörung per versauter Natur nicht zu teuer bezahlt ist, und zweitens, daß der Umgang mit den im Geschäftsinteresse vollbrachten Schädigungen gleich die nächste Geschäftssphäre fürs Chemiekapital erzeugt. So es denn z.B. zu den Entlausungskampagnen der Nachkriegszeit mit DDT und den daraus gewonnenen Erkenntnissen, "daß die akute Giftigkeit für den Menschen sehr gering ist" (Fakten zur Chemie-Diskussion), und 30 Jahre später zur "DDT-Katastrophe". Auch an der verdienen sich inzwischen die Sandoz und Ciba Geigys dumm and dämlich. Wo nämlich der Abbau der Herbizide und Insektizide nicht mehr dem Kapitalumschlag im Landbau folgen kann, weil die Nachfolgesaaten an den DDTs und Fungizidkonzentrationen zugrundewachsen, da

"könnte Ciba Geigy, Produzent des in Amerika auf Platz 2 liegenden Herbizids Atrex, seinen Absatz um jährlich 120 Mill. Dollar steigern, wenn es den Forschern des Chemiemultis gelänge, resistent gemachte Sojabohnen auf Feldern wachsen zu lassen, welche im Jahr zuvor mit dem Herbizid behandelt worden sind." (Spiegel 48/85)

Es gelang! Na denn, guten Appetit!

Sehr vertrauenserweckend also, die neueste Reklame der chemischen Industrie, daß ihre neuentwickelten Pflanzenschutzmittel wesentlich wirksamer seien und man deswegen mengenmäßig weniger ausbringen müsse...

Katastrophen - alles andere als Zufall

Ab und an wird's beim Chemie-Geschäft für "den Menschen" gleich "akuter". Dann nämlich, wenn Druck und Temperatur in den Durchlaufkühlern "kritisch" werden und selbst der einzigartige Berstschutz jeder Produktionsanlage, "ihre Wirtschaftlichkeit", nicht mehr helfen kann, so daß die Olefinanlage "im Umkreis von 10 Kilometern" durch die Fensterscheiben platzt.

"Tatsächlich gilt für die Chemie: Nur sichere Produktionsanlagen sind auch wirtschaftliche Anlagen. Weil Chemieproduktionen in der Regel im Verbund arbeiten, führt eine Unterbrechung wegen des Ausfalls auch nur eines Anlagenteils oft zum Stillstand der gesamten Produktion. Wirtschaftlichkeit setzt aber voraus, daß es möglichst wenig Produktionsausfälle gibt. Sicherheitstechnik ist für die Chemie deshalb keine zusätzliche oder aufgepfropfte Technik, sondern wesentlicher Bestandteil jeder wirtschaftlichen Anlage." (Fakten zur Chemie-Diskussion, 16)

Sehr gelungen, das Argument: Wir handhaben die Mittel unseres Geschäfts doch tatsächlich so, daß sie tauglich sind und nicht untauglich. Das wäre ja auch noch schöner, wenn die Kapitalisten technische Sabotage an ihren teuren Anlagen betreiben und auf entsprechende Sicherheitseinrichtungen für den "Verbund" rund um die Uhr verzichten wollten. Und natürlich produziert kein größeres Chemieunternehmen hierzulande mit Anlagen, bei denen es aus allen Ritzen pfeift. Bloß - warum sollte ausgerechnet damit die Menschheit gegen genau die Wirkungen ökonomischer Prozeßführung, die ständigen Leckagen, die kleinen und größeren "technischen Unfälle" bestens versichert sein? Wofür und warum sind sie denn notwendig, die Meßfühler, "um kritische Zustände zu signalisieren", die Sicherheitsventile und automatischen Notabschaltsysteme? Worin besteht sie denn, die Kunst "industrieller Prozeßführung"? Doch genau darin, mit den Produktionskoordinaten Druck und Temperatur" ein profitabel kalkuliertes Verhältnis von Umsatz und Durchsatz einzustellen. Eine Reaktion, die z.B. bei 200 Grad Celsius "durchzugehen" droht und bei 230 Grad nicht mehr zu kontrollieren ist, wird eben nicht bei 160 Grad gefahren, wenn der Umsatz exponentiell mit der Temperatur ansteigt. Die Aufgabe besteht gerade darin, den "sicheren Betrieb" ganz nahe an die "kritische Zone" hin zu "optimieren", weil die so beschleunigte Reaktion sich in Mark und Pfennig als erhöhter Durchsatz rechnet. Und wenn dann mal die Notkühlung nicht mehr reicht, dann gibt es ja noch die diversen Sicherheitsventile. So lassen sich darin immer im Betriebsalltag "Gasaustritte nicht völlig vermeiden". Von "Pannen", geschweige denn "Unfällen" kann deshalb natürlich keine Rede sein. Klar. Die finden erst so richtig statt, wenn dank gelungener Optimierung von Durchsatz und Umsatz das "Nebenprodukt" als Hauptprodukt Dioxin zum Schornstein rausverpufft und "uns" wenigstens eine "Umweltkatastrophe", wenn schon keine toten und verätzten Leute beschert. Dann wird - mit der gebotenen Eile, versteht sich, damit das Gröbste schon mal den Rhein hinunter ist das "europäische Früh- und Fernwarnsystem der Wasserwirtschaft" eingeschaltet. Und zweitens kommen die von der Obrigkeit schon längst voller Voraussicht erlassene

Staatliche Störfallverordnung und die Grenzwerte

genauer die vorgeschriebenen "Gefahrenabwehrpläne" mit den entsprechenden Ausnahmewerten für Emissionen und Immissionen jetzt voll zu ihrem Recht, weil zwecks "Beseitigung der Gefährdung" die Steigerung der giftigen Ableitungen das einzig Richtige ist. Das ist auch wiederum logisch. Schließlich sind die Normalwerte schon nicht mit Bekömmlichkeit für die Gesundheit zu verwechseln, sondern nichts anderes als die staatliche Festlegung des Ausmaßes erlaubter Vergiftung, Streng nach dem Prinzip: Wo viel Gift anfällt, da muß es auch abgeblasen und abgelassen werden können. Und um so mehr kann der Mensch in Wasser und Luft dann davon fressen, so die einfache - staatliche Dosis-/Verträglichkeitsrechnung. Welcher Staat kann schließlich "die Verantwortung" dafür übernehmen, daß die Gesundheit seines "weltgrößten Herstellers" (BASF), also Nutznießers von so "unverzichtbarem" Giftzeug wie Formaldehyd und ähnlichem, unter "unerfüllbaren", weil zu kostspieligen Grenzwerten und Verordnungen Schaden leiden könnte. Diese unterliegen, wie die MAK-Werte, mit denen festgelegt wird, wieviel giftige Dämpfe Arbeitern an "ihren" Arbeitsplätzen zugemutet werden dürfen, gewissen Konjunkturen. Schließlich versorgt der laufende Giftgroßversuch in bundesdeutschen Fabriken und auf bundesdeutschen Landen eine ganze Heerschar amtlich bestallter wissenschaftlicher Sachverständiger mit den neuesten Erkenntnissen für die gesetzliche "Unbedenklichkeit" oder "Gefährlichkeit" jedweder gesundheitsschädlicher Dämpfe und Stoffe. Schließlich werden jedes Jahr ein paar Gifte "verzichtbar", weil Sie als Geschäftsmittel endgültig ausgedient haben; zugleich werden andere gesünder, weil sie durch nichts zu ersetzen sind. Und das will jährlich von neuem ganz exakt in Milligramm pro Kubikmeter eruiert sein.

Damit ist über den staatlichen Standpunkt der Volksgesundheit auch schon alles klargestellt, der am Walten ist, wenn, wie derzeit und nun sogar in der Kompetenz eines Extra-Bundesumweltministers, diverse Störfall- und Grenzwertverordnungen für den Bereich der Chemieindustrie etwas schärfer gefaßt werden: Sein Menschenmaterial will der demokratische Oberaufseher übers nationale Kapitalwachstum schon etliche Jährchen im Arbeits- usw. Dienst für Deutschland benutzbar erhalten wissen - jedenfalls im Durchschnitt, wo von Haus aus so mancher auch noch drunter bleibt -, bevor er dessen vollzogenen Ruin konstatiert.

Fazit: Der Kapitalismus ist Gift für die Gesundneit der Leute. Der Staat schützt diesen Zustand mit Gewalt. Die darüber in der demokratischen Öffentlichkeit geführten Debatten sind samt ihren Hencheleien Gift für den Verstand.