"WIR WÄHLEN EINEN PRÄSIDENTEN"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1986 erschienen.
Systematik: 

Ein Wiener Volksstück
"WIR WÄHLEN EINEN PRÄSIDENTEN"

Eines muß man sämtlichen Mitspielern lassen: Sie haben es verstanden, aus einem matten, spannungsarmen Stück mit bekanntem Ausgang eine skandalumwitterte Aufführung zu machen, unter lebhafter Beteiligung des Publikums.

Eigentlich ging es ja nur um die Rollenbesetzung für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten. Für die standen zwei Bewerber zur Wahl, die sich ihrer Verantwortung voll bewußt waren. Beide, Kurt Waldheim und Kurt Steyrer, wollten und wollen alle Österreicher repräsentieren, damit die bei allem, was ihre Politiker ihnen abverlangen, auch wissen, daß sie im Dienst an den Aufgaben der Nation ihre überparteiliche Heimat haben.

Von möglicher Fehlbesetzung keine Spur: Beide versprachen, in ihrem künftigen Amt glaubwürdig dafür einzustehen, daß sich im Dienst am Staat ("Volkskörper") schnöde Vorteilsrechnungen verbieten, weil die menschliche Staatsnatur in der Hingabe an die große Sache ihre Erfüllung findet. Und die Österreicher hatten die Gewißheit, daß dies ihnen nach der Wahl auf alle Fälle ein "Kurtl" sagen darf.

So kam es nur noch auf das Naturell und die überzeugende Ausstrahlung der Kandidaten an. Der eine mit dem SPÖ-Parteibuch rezitierte: "Ich glaube an unser Österreich" (Steyrer) und versprach dem Publikum, Österreicher in Österreich sein zu dürfen. Das fand der andere zu sehr Lokalposse, wies darauf hin, daß er schon in Amerika weltweit agitiert hätte ("Ein Österreicher, dem die Welt vertraut", Waldheim) und daß die Ansprüche einer österreichischen Volkseinheit im Staat allemail über die Landesgrenzen hinausreichen.

Jetzt bekam der farblose Wettstreit Farbe. Zaungäste wie die jugoslawische Regierung und der Jüdische Weltkongreß mischten sich ein und wiesen darauf hin, daß Österreichs Militär schon einmal grenzüberschreitendcs Vertrauen gestiftet hätte und daß ein Offizier Waldheim seinen Teil dazu beigetragen hätte. Über so ein böswilliges Mißverständnis des Bühnenstücks - Waldheim als SA-Offizier, der jugoslawische Partisanen erschießen ließ und möglicherweise von Judendeportationen gewußt hat - erhob sich auf der Bühne und im Parterre ein Pfeifkonzert. Hier wurde vom Ausland in die souveräne Gestaltung eines Stücks von Österreichern für Österreicher eingegriffen; noch dazu von Juden, die - rein sprachlich betrachtet, ganz ohne antisemitische Ressentiments gesagt - den Wiener "Schmäh" nicht beherrschen. Diese "unehrenhafte Verleumdungskampagne" zieht das Stück und seine Bewunderer in den Schmutz! Erstens hat Österreich keine "Vergangenheitsbewältigung" nötig; schließlich ist es von den Alliierten als erstes "Opfer" Hitlers befreit worden. Was man auch daran sieht, daß sich alle alten Nazis voll hinter die Demokratie stellen und in der FPÖ an der Regierung beteiligt sind. Zweitens kann, österreichischer Heeresoffizier gewesen zu sein, kein Verbrechen sein. Es ehrt "unseren" Waldi, daß er schon damals seiner staatlichen Pflicht voll und ganz nachgekommen ist; das verspricht, daß er auch seiner heutigen Rolle glänzend gerecht wird. Drittens dient diese ausländische Hetze nur dazu, einem latenten Antisemitismus, den es bei uns gar nicht gibt, Material zu liefern.

Bei so viel Pluspunkten für den einen Bewerber ("Jetzt erst recht - Waldheim" bzw. "Wir Österreicher wählen, wen wir wollen!") tut sich der andere Kandidat hart. Er versucht, seine Wahlchancen zu verbessern, indem er beteuert, ihm als sensiblen Österreicher wäre ein solcher Schlag unter die Gürtellinie niemals eingefallen und daß jetzt umso mehr alle Österreicher wie ein Mann zusammenstehen müßten. Das soll wieder für ihn sprechen.

Es wäre ja auch zu komisch, wenn ein überzeugter Nationalist, der seinen Politikern vertraut, weil es "seine" sind, "Ausland" nicht von vornherein mit "Feind" gleichsetzen würde, wenn es Ärger macht - "seinen" Politikern nämlich. Genauso erstaunlich wäre es, wenn die Taten einer staatlichen Gewalt jemals deren Urheber als Verbrecher diskriminieren könnten - das gilt allenfalls für Staaten nach Kriegsniederlagen. Eine Kritik an dem guten Recht jeder nationalen Staatsgewalt, mit ihrem Volk und gegen andere Staaten mit den ungemütlichen Mitteln staatlicher Hoheit frei umzuspringen, hatten die ungebetenen Kritiker auch nicht beabsichtigt. Umgekehrt: So meldeten sie ihren Anspruch an, über die eigenen Grenzen hinaus einem andere Staat Rücksichtnahme auf die USA, Israel und Jugoslawien abzuverlangen. Darin kennen sich freilich auch österreichische Politiker aus und hatten es leicht, die moralische Heuchelei dieses Anspruchs zu entlarven.

Zur Verbesserung des Manuskripts haben die unwillkommenen Mitautoren dennoch beigetragen. Die SPÖ-Mannschaft arbeitete die Neufassung in den Text ein und stellte die "Glaubwürdigkeit" als Leitmotiv in den Vordergrund. Kann man einem künftigen Präsidenten wirklich durchgehen lassen, daß er über so wichtige Daten der österreichischen Geschichte wie die Vernichtung der Juden und Partisanen in Griechenland und Jugoslawien und über die eigene Beteiligung daran Gedächtnislücken hat? Was soll man so einem Menschen noch glauben, wenn er sich zu seiner damaligen Pflichterfüllung nicht bekennen mag und damit schon vor seinem Amtsantritt mit seiner Person die Glaubwürdigkeit des Amtes untergräbt?

"Ich werfe niemandem vor, wenn er in dieser Zeit einer NS-Organisation angehörte. Nur bekennen soll man sich dazu. Denn wer geschichtslos ist, ist gesichtslos." (Zilk, SPÖ)

Schlimmer noch: Wenn er sich wirklich gedrückt hat, von Judendeportationen nichts wissen wollte, also kein echter "Nazi" war, welches Licht wirft dieser Mensch auf den österreichischen Bundespräsidenten, dem wir alle vertrauen können wollen?

"Ich stelle fest, daß Kurt Waldheim nie bei der SA war, sondern nur sein Pferd. So wie er jetzt nicht bei der ÖVP ist. Herr Waldheim ist nirgends dabei." (Kanzler Sinowatz)

Ein opportunistischer Karrierist, der nicht voll hinter seiner Pflichterfüllung steht, andere auf die Dienste, die der jeweilige österreichische Staat von ihnen verlangt, zu verpflichten, ist eine menschliche Fehlbesetzung der Präsidentenrolle.

Dem gehobenen Geschmacksanspruch ans Lehrstück mochte sich auch das Publikum nicht verweigern. Die Literaturkritik der Presse blieb dabei ihrer kritischen Haltung treu. Was österreichische Leitartikler nicht leiden können, ist der Verdacht, Waldheim wolle ausgerechnet einen Sachverhalt vor ihnen vertuschen, für den sie, so er zuträfe, schon im vorhinein vor Verständnis triefen. Hat Waldheim am Ende kein Vertrauen in ihr Vertrauen zu ihm? Das würde bei ihnen schwerste Bedenken hervorrufen: Ein Präsidentschaftskandidat, der nicht zu seiner Nazi-Vergangenheit steht, weil er meint, das würde das ihm entgegengebrachte Vertrauen schmälern - so einer hätte bei ihnen jedes Vertrauen verspielt. Etwas einfacher war die Sicht auf den Stehplätzen fürs Volk: Daß wir ihm glaube können, sieht man schon daran, wer alles "unseren" Waldheim in den Schmutz ziehen will.

Dieses gemeinsame Verständnis für die Glaubwürdigkeit des Amtes wie seiner Bewerber brauchte Alt-Präsident Kirchschläger nur noch zusammenzufassen. Der Glaubwürdigkeit des Stückes und der Begabung der Akteure habe vor allem die Diskussion um diese Glaubwürdigkeit geschadet; deshalb: "Rückkehr zu einem fairen Wahlkampf!" Fair ist erst einmal, daß wir Österreicher uns nichts vom Ausland sagen lassen müssen. Zur Versachlichung der vergifteten Atmosphäre tragen ansonsten die unterschiedlichen Auslegungen der höchst offiziellen Interpretation bei: "Mit dieser Klarstellung Kirchschlägers ist die Verleumdungskampagne gegen Waldheim zusammengebrochen" (ÖVP) - "Kirchschläger bescheinigt Waldheim mangelnde Glaubwürdigkeit" (SPÖ).

Am 4. Mai findet die Aufführung statt. Dann haben die österreichischen Wald-Steyrer-Buben das, was sie wollen: Einen Kurt, hinter dem sie wie ein Mann stehen. Das hängt nämlich gar nicht davon ab, wie dieser Kurt dann heißt, sondern nur davon, daß das ganze Hick-Hack um diese Staatsaufführung allein vom Willen lebt, den Taten der Politiker abgrundtiefen Respekt zu zollen. Andere Sorgen als die, ob die Wahlkampfkonkurrenz der Würde des Staates und seines obersten Repräsentanten abträglich sein könnte, sind unter den Beteiligten erst gar nicht aufgetaucht.

Wir in der Bundesrepublik können uns über diese Provinzfarce mit Skandalhintergrund natürlich nur wundern. Bei uns ist - weder ein Lübke wegen seiner KZ-Bauzeichnungen noch ein Carstens wegen seiner offen bekannten SA-Mitgliedschaft je in abträgliches Gerede gekommen. Philosemitisch sind wir von der Stunde Null an, und seit Aufrüstung eines schlagkräftigen Staates Israel durch unsere Wiedergutmachungsgelder haben wir es nicht nötig, uns Antisemitismus vorwerfen zu lassen. Israel hat auf die BRD zu hören und hat deshalb unsere Freundschaft verdient.

Die besten Argumente für und gegen Waldheim

Eindeutig für Waldheim spricht:

Er hat selbst unter Hitler vorbildlich seine Pflicht getan!

Die erste Tugend jedes Demokraten, seiner Herrschaft zu dienen, hat sich durch die damals etwas anders geartete Herrschaftsform nicht irre machen lassen. Bravo!

Er hat im Krieg nur seine Pflicht getan! Mehr hat ja auch der Faschismus von seinen Staatsbürgern nicht verlangt. Übrigens auch dann nicht, wenn es sie pflichtgemäß auf eine KZ-Aufseher-Planstelle verschlagen hat.

Das Ausland soll die Schnauze halten!

Um das zu sagen, darf und muß jeder Inländer die seine einmal aufreißen. Über unsere feinen Herrschaften darf nur der meckcrn, der ihnen brav gehorcht. In dieses patriotische Verhältnis lassen wir Österreicher uns nicht hineinpfuschen!

Die Juden werden wieder frech!

Das können wir gar nicht leiden. Das ruft nämlich bei uns nur allzu leicht antisemitische Gefühle hervor, die uns als anständige Demokraten völlig fremd sind. So etwas brauchen wir uns von denen nicht bieten zu lassen. Wir Österreicher wählen, wen wir wollen!

Die versuchen, seine Glaubwürdigkeit in den Schmutz zu ziehen!

So etwas darf man nicht machen. Weil was ist, wenn er gewählt wird? Dann beschmutzt der Schmutz, mit dem er verleumderisch übergossen wird, glatt das Amt, das wir alle respektieren und verehren. Dagegen müssen wir uns wehren und Waldheim wählen.

Enorm gegen Waldheim spricht:

Er war schon unter Hitler nirgends so richtig dabei!

Vorsicht! Ein berechnendes Verhältnis zur Herrschaft deutet auf einen "opportunistischen Charakter". Die Demokratie braucht keine Mitläufer, sondern freie Bürger, die sich mit Haut und Haaren ihrem Staat verschreiben.

Er gibt nicht damit an, was seine Kriegspflicht war, sondern immer erst alles zu, nachdem es ihm nachgewiesen worden ist!

Warum hat er uns nicht gleich alle Höhepunkte seines österreichischen Soldatenlebens in deutscher Uniform anvertraut? Dann würden uns jetzt keine Zweifel über seine Glaubwürdigkeit quälen.

Er gefährdet das Ansehen Österreichs im Ausland!

Die weltweite Ehre unseres Staates ist uns das Teuerste. Leider sind wir - Kleinstaat! - nicht in der glücklichen Lage, auf Ausländer keinerlei Rücksicht nehmen zu müssen. Außerdem: Amerika!!! Von wegen "Ausland": Führungsmacht auch unserer Freiheit!

Er gibt den Juden einen Vorwand, wieder frech zu werden!

Das können wir gar nicht leiden. Einen Präsidenten, der jüdischen Angriffen ausgesetzt ist, die notgedrungen Gefühle bei uns wachrufen, deren wir eigentlich gar nicht fähig sind: so was ist nicht zu gebrauchen. Am Ende wollen wir ihn noch deswegen wählen! Kommt nicht in Frage.

Der Mann ist unglaubwürdig!

So etwas geht nicht. Einem österreichischen Präsidenten müssen alle alles glauben. Also dürfen wir Waldheim nicht wählen, weil wenn wir ihn wählen täten, könnten wir vielleicht kein Vertrauen zu ihm haben. Das wäre dann aber nicht das Richtige, weil: einem österreichischen...