WIE MAN EINEN TOTEN AMI AUSSCHLACHTET

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1985 erschienen.
Systematik: 

Sowjetischer Soldat erschießt US-Spion
WIE MAN EINEN TOTEN AMI AUSSCHLACHTET

Man schickt ihn zum Spionieren in die DDR, was die Russen verständlicherweise nicht besonders schätzen, was umgekehrt für die Herren im Pentagon und auf der Hardthöhe aber sehr ergiebig ist. "Spezial-Ferngläser, Photoapparate, Infrarotkameras, Horchgeräte und ähnliches sind die übliche Ausrüstung der Missionsmitglieder, die zu den besten Geheimdienstleuten in Europa gehören." Und "Bild" veröffentlicht eine stolze Leistungsbilanz der US-Spitzel: Über jede russische Waffe wissen wir haarklein Bescheid. Nicholson läßt sich dabei erwischen, will seine Fotos nicht hergeben, sondern abhauen, reagiert auf Warnschüsse nicht und läßt sich lieber erschießen.

1. Großes Dementi:

Der Mann hat überhaupt nichts Unerlaubtes gemacht in der DDR, also hat man sich wieder einmal furchtbar über diese Russen aufzuregen. Reagan: "Empörung". Weinberger: "Typisch für die sowjetische koreanische Flugzeug-Mentalität: erst schießen, später untersuchen." West-Truppen und -freunde in aller Welt machen es natürlich immer umgekehrt, zur Zeit die Israelis im Libanon, die südafrikanische Polizei, die US-Freiheitskämpfer in Nicaragua und Afghanistan, immer erst eine Untersuchungskommission und dann gerechtes Schießen.

Egal wie blöd, die Erkenntnis über den russischen Charakter steht wieder einmal fest: Sie schießen immer und überall ständig sofort. BamS schiebt noch eine "Erklärung" nach: Das System drüben "erzieht seine Leute systematisch zum Haß." Also: Die da drüben verdienen unbedingt unseren allerkräftigsten Haß.

2. Tief empörte Zurückhaltung

Reagan und Co, "zutiefst empört", belieben gleichzeitig zu Protokoll zu geben, daß sie "auffällig zurückhaltend reagieren". Daß sie von den ihnen zu Gebote stehenden Methoden, die Sowjetunion zu schikanieren, diesmal keine anwenden wollen, damit veranstalten sie erst einmal ein Riesenkompliment für sich selbst.

Der tote Nicholson bekommt derweil ein Prachtbegräbnis für patriotische Gemüter, "ein Gespann mit 6 weißen Pferden"; die Titelmusik aus "Spiel mir das Lied vom Tod" konnte wegen ausländischem Komponisten nicht verwendet werden, aber sein Vorgesetzter fand die richtigen Töne: "In der Schlacht gefallen, aber es war kein fairer Kampf." Weil noch nicht zurückgeschossen werden durfte? Nachdem alles abgeklärt ist - die Russen sind die Bösen, die Amis die Guten und diesmal "zurückhaltend" -, bestätigt das US-Kriegsministerium die sowjetische Darstellung des Vorgangs. Nicholson hätte aber seine Spioniererei "offen ausgeführt". Und Fachleute erklären dem verständnisvollen Publikum, "es ist keine Frage, daß das Leben dieser Verbindungsoffiziere ziemlich aufregend ist, bisweilen kommt das Beobachten militärischer Aktivitäten der Gegenseite einem riskanten Katz-und-MausSpiel gleich." Und dabei kann schließlich nicht jeder wie James Bond immer gewinnen.

3. Der Gipfel

Der tote Nicholson kann garantiert nichts dafür, aber Präsident Reagan befindet gerade ihn jetzt sehr passend für seine diplomatische Selbstdarstellung: "Ich bin um so mehr um ein Gipfeltreffen bemüht. Ich glaube, daß ein Treffen mit den Sowjets, sowohl auf Gipfelebene als auch bei den Rüstungskontrollverhandlungen dazu dienen kann, Spannungen zu verringern und Zwischenfälle dieser Art zu verringern." Daß er sein gigantisches Rüstungsprogramm bremsen will, davon hat er nichts gesagt. Daß er seine Spionagetruppen nicht mehr in Feindesland schicken will, davon hat er auch nichts gesagt. Deren "Erkenntnisse" werden ja gerade dringend benötigt, damit die eigenen Waffen einmal zielsicher angewandt werden können. Für "Spannungen" und "Zwischenfälle" aller Art bürgt die NATO von der Politik bis zur Spionage. Aber die diplomatische Heuchelei, der freie Westen sei für das Bemühen um Verständigung und friedliches Zusammenleben, soll jetzt wieder einmal vorinszeniert werden. Die US-Politik legt zur Zeit eben Wert darauf, nachdem sie die vorherige Etappe "Russen bestrafen" bestritten hat, sich als verhandlungswillig zu präsentieren. Weil das beweist so schön, daß ausschließlich die Sowjetunion der Störenfried der Welt ist.