WER'S GLAUBT, WIRD SELIG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 7-1985 erschienen.

"Katholischer Erwachsenen-Katechismus", hrsg. von der Deutschen Bischofskonferenz
WER'S GLAUBT, WIRD SELIG

"Die Frage, ob es einen Gott gibt

Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: 'Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, daß ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.'" (B. Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner)

Warum es einen Glauben braucht

"Wo keine Religion ist, da schaffen sich die Menschen oft Ersatzreligionen. Das zeigt, daß die Religionen heute alles andere als am Absterben sind. Religion gehört offenbar zum Menschen, der sich eine Frage ist, auf die er selbst keine Antwort geben kann." (Erwachsenen-Katechismus, Bonn 1985, S. 23. Daraus auch die folgenden Zitate)

Die Ableitung des Glaubens aus seinem apokryphen Doppelgänger: Daß Religion, und zwar die eine, wahre und katholische, her muß, sollen die Ersatzreligionen beweisen. Das ist eine ebenso kühne wie gefährliche Theorie der Deutschen Bischöfe. Denn da wüd der Herr Jesus glatt auf die Ebene von Sex und Drugs und Rock'n Roll heruntergezogen. Muß sich da nicht die vollkommen jenseitige Angebotspalette, die der Christglauben bietet, vom irdischen Gebrauchswert her blamieren angesichts der handfesten Genüsse, die Alkohol, Haschisch und hemmungsloser Geschlechtsverkehr offerieren? Einmal ganz zu schweigen von dem ungemein höheren Unterhaltungswert der klassenlosen Gesellschaft verglichen mit der faden Manna-Wirtschaft des Paradieses.

Der Erwachsenen-Katechismus bemüht nicht mehr umstandslos, wie die Bibel, die brutale Alternative Glauben an Gott oder ewige Verdammnis beim Teufel. Nicht als Drohung von Oben oder als Versprechung für später kommt das Glaubensangebot daher, sondern als innerstes und tiefstes Bedürfnis jedes Zeitgenossen. Wenn der Mensch schon an irgendwas glauben muß, dann doch gleich an die Heilige Dreifaltigkeit unserer Firma.

Warum der Mensch glauben muß, soll an seiner Identität als Fragezeichen liegen. Das ist er auch schon, der uralte Trick aller Religionen: Sobald sich irgendein Dödel Fragen der folgenden Art vorlegt oder aufschwatzen läßt

"Wer bin ich? Woher, warum wozu bin ich?" (S. 13) -

und sich nicht durch den Hinweis auf seinen (demnächst sogar fälschungssicheren!) Personalausweis beruhigen läßt, ist er fällig - für Gott.

Warum man an Gott glauben soll

"Das Leben des Menschen ist ein Weg, ein Weg in ein Geheimnis hinein. Es ist die Grundüberzeugung aller Religionen wie der Bibel: Das Geheimnis der Menschen grenzt an ein noch tieferes und noch größeres Geheimnis, das wir in der Sprache der Religionen wie der Bibel Gott nennen." (S. 24)

Gott ist das Geheimnis, das hinter allen Geheimnissen noch dahinter liegt. Wenn schon der Mensch ausgerechnet sich selbst ein Buch mit sieben Siegeln sein soll, dann bleibt immer noch das eigentliche Rätsel, wieso ein Geheimnis durch ein noch größeres und tieferes gelüftet werden kann?

Erklärt werden soll natürlich weder das eine und erst recht nicht das andere. Schließlich leben die Pfaffen seit Jahrtausenden davon, daß ihre Fans das Unbegriffene als ein Unbegreifliches entweder fürchten oder verehren, was glaubensmäßig auf dasselbe herauskommt. Und in unserer "modernen Welt" ist der Kirche noch jede Brutalität, die Leuten als Folge von Freiheit und Kapitalismus widerfährt, gerade recht, sie zum Schicksal zu (v)erklären, dessen scheinbar "sinnloses" Zuschlagen nach Sinn verlangt, und der heißt in letzter Instanz immer Gott. Wer glaubt, soll an Gott (Marke katholisch) glauben, so heißt die "Kritik" der Kirche an dem, was ausgerechnet sie für Aberglaubtn hält. Ihr Gott ist ein Angebot an jeden Irrationalismus, und für Gottesdiener sind Kaffeesatzleser objektiv fortschrittlich, nur subjektiv noch auf dem falschen Dampfer. Umgekehrt liegen Wissenschaftler nur dann richtig, wenn sie zugeben, daß sie auf die entscheidende Frage keine Antwort wissen und ein Atomphysiker deshalb letztlich noch weniger weiß als jedes beliebige Schaf in Christo:

"Aber die Antwort auf die Frage nach dem letzten Sinn des Menschen übersteigt die Möglichkeiten auch dieser Wissenschaften." (S. 16)

Kunststück!

Was der Glauben lehrt

Im Erwachsenen-Katechismus verwenden die katholischen Glaubenslehrer 431 Seiten (Im Jahre 431 war übrigens das 3. Konzil von Ephesus, wo Marias Titel als Gottesgebärerin dogmatisch festgeschrieben wurde!) die gesammelte Rabulistik von Theologie und Religionspädagogik, um die Glaubenslehre als in sich geschlossenes System vorstellig zu machen, in dem ein Gebot als logische Konsequenz aus dem vorherigen folgt. In der Tat: Ein in sich geschlossenes und schlüssiges System des (Wahn-) Sinns!

Ein Bestseller wird daraus allerdings nur durch die Finanzierung des Werks aus Steuerzahlergeldern und seine Zwangsvertreibung an den bundesdeutschen Pfarreien. Denn statt der klaren und übersichtlichen Aussagen, wie sie das Kind im Religionsunterricht mitbekommt -

"Warum sind wir auf Erden? Damit wir den Willen Gottes tun, Gott loben und preisen und dadurch in den Himmel kommen." -,

ist das vorliegende Konvolut eine einzige Zumutung für Erwachsene, die sich ihren Kinderglauben erhalten haben; eine unverantwortlich breitgetretene Angeberei, als wäre mehr dahinter, als daß die menschlichen Schafsnaturen an ihre eigene Erfindung, Gott, glauben sollen - und das bloß, um brav zu sein. Nur eine radikale Kürzung könnte das Buch noch retten. Auf etwa 3 bis 4 Seiten mit gestanzten Sätzen wie dem Folgenden:

"Auch die Fruchtbarkeit gehört wesentlich zur Ehe. Denn es liegt im Wesen der ehelichen Liebe selbst, daß sie fruchtbar werden will." (S. 392)

Das versteht jeder Erwachsene, weil es nichts anderes ist als die Moral, die er sowieso kennt. Hier in der reaktionären Spielart der Christdemokratie (was die Formulierung betrifft: Auch Sozialdemokraten brauchen Deutsche, die deshalb nicht aussterben dürfen). Die Moral, wie sie ganz unprätentiös das StGB kodifiziert. Religion als Geisteszustand schenkt demjenigen, der ihr anhängt, als Zugabe lediglich den Genuß, auch noch mit Herz und Seele dafür zu sein, daß er nichts ist und nichts darf, es sei denn, der Staat befiehlt es und die Nation braucht ihn. Diese Einstellung geht auch ohne Taufschein, weil die stinknormale Bereitschaft des Staatsbürgers zum Mitmachen und Dafürsein als Einstellung und Gesinnung etwas Religiöses an sich hat. Dafür braucht's keinen Gott, und als Prophet reicht z.B. Heiner Geißler.

"'Ich glaube'. Zwei kurze Wörter nur und doch überaus inhaltsschwer. Die beiden Wörter 'Ich glaube' entscheiden über unser ganzes Leben." (S. 13)

Das glaubt ihr ja wohl selbst nicht!

Exkurs: Zur letzten aller Fragen

"Hosenseidl, hörst' mich? -

Ja -

Hörst, gibt es ein Leben nach dem Tode?

Du gehst ma auf die Nerv'n.

Man wird doch noch frag'n dürf'n.

Leck'mi am Arsch. Ende!"

(Helmut Qualtinger, Aktion Kornmandl)