WER WAR ERNST BLOCH?

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Dieser Artikel ist in der MSZ 7-1985 erschienen.
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Zum 100. Geburtstag
WER WAR ERNST BLOCH?

"Habe ich etwar falsch gemacht, daß ich so viele Ehrungen erhalte, von Freunden, aber auch von zahlreichen Feinden?"

Das Erbe des 1977 in Tübingen gestorbenen Philosophen wird in der Tat von vielen reklamiert. Die einen begrüßen seinen proletarischen Standpunkt und bringen nun, da er 100 würde, seine Werke neu aufgelegt in der DDR wieder heraus. Den andern gilt er als "produktivster Ketzer des Marxismus" und Kronzeuge gegen den "verkrusteten, dogmatischen" Sozialismus östlicher Prägung.

Sein Werk soll manch zersetzenden Keim gegen die westliche Demokratie enthalten und Linken wie Terroristen den geistigen Nährboden bereitet haben. Dennoch lobt man ihn dafür, den Faschisten so zeitlose Werte wie "Heimat" wieder entrissen zu haben und überhaupt einer der "originellsten Denker der Neuzeit", ja einer der letzten großen Philosophen gewesen zu sein.

Wie einer es fertig bringt, so gegensätzliche Urteile auf sich zu vereinigen, gibt Anlaß zu der Frage: Wer war Ernst Bloch?

1. Ein Philosoph

Dies steht schon ganz zu Anfang seines Hauptwerks "Das Prinzip Hoffnung" fest (aus dem im folgenden zitiert wird). Es beginnt mit den Fragen: "Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns?" (1). Fragen, die sich der Autor nicht in einem Zustand momentanen Gedächtnisschwunds stellt, sondern weil er sie im menschlichen Leben überhaupt für maßgebend hält. "Wir alle" sollen nicht mehr so recht wissen, wozu wir eigentlich auf der Welt sind, so daß nackte Existenzangst sich ausbreitet:

"Viele fühlen sich nur als verwirrt. Der Boden wankt, sie wissen nicht warum und von was. Dieser ihr Zustand ist Angst, wird er bestimmter, so ist er Furcht." (ebd.)

Der Menschheit fehlt also - ausgerechnet - das Gefühl, in all ihren Lebensäußerungen auch wirklich bei sich zu sein. Sie vermißt weniger Handgreifliches als vielmehr ein schlechthin "erfülltes" Leben:

"Der letzte Wille ist der, wahrhaft gegenwärtig zu sein. So daß der gelebte Augenblick uns und wir ihm gehören und 'Verweile doch' zu ihm gesagt werden könnte. Der Mensch will endlich als er selber in das Jetzt und Hier, will ohne Aufschub und Ferne in sein volles Leben." (15)

In dieser Abstraktion eines unmittelbaren Einsseins eines von jedem Inhalt gereinigten Willens mit sich selbst wird das "volle Leben" freilich getrennt von der Befriedigung irgendwelcher bestimmter Interessen, so daß die Erlangung des ersehnten Glückszustands eher Ansichtssache und daher leicht zu haben scheint. Für Bloch findet der Wille zur Übereinstimmung des Menschen mit sich selber jedoch eine Schranke an den bestehenden Verhältnissen, und zwar bloß deswegen, weil sie "jetzt und hier" sind. So können sie den Menschen keine "Heimat" bieten - als ob es dieses Harmoniebedürfnis auch als objektiven Zustand gäbe -, so daß aus der erträumten Heimat eine Zukunftsperspektive wird:

"Das Grundthema der Philosophie... ist die noch ungewordene, noch ungelungene Heimat." (8)

2. Ein Philosoph der Hoffnung

Wer sich diese Perspektive zu eigen macht, ist - was sollte daran schwierig sein? - über seine verwirrende Daseinsbefangenheit denn auch schon hinaus. Er stellt sich einer trostlosen Welt, indem er sie vor seinen Hoffnungen auf eine bessere im wörtlichsten Sinne alt ausschauen läßt:

"Doch nun wird... ein uns gemäßeres Gefühl fällig. Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern. ... Die Arbeit dieses Affekts verlangt Menschen, die sich ins Werdende tätig hineinwerfen, zu dem sie selber gehören. Sie erträgt kein Hundeleben, das sich ins Seiende nur passiv geworfen fühlt, in undurchschautes, gar jämmerlich anerkanntes. Die Arbeit gegen die Lebensangst und die Umtriebe der Furcht ist die gegen ihre Urheber, ihre großenteils sehr aufzeigbaren..." (1)

Was hier so kämpferisch tönt, ist alles andere als das. Schließlich ist der Umstand, daß sich die Mehrheit der Leute in ihrtn gegebenen Verhältnissen gar nicht so "fremd" fühlt, wie Bloch es glauben machen will, nicht auf eine resignativt, "ins Scheitern verliebte" Haltung zurückzuführen - als wären sie insgeheim doch schon, enn auch lahmarschige, Kritiker ihres "Hundelebens". Und bloß weil Hleidegger den Gedanken des schicksalsergebenen Aushaltens faschistisch idealisiert hat, fühlt sich auch kein normaler Prolet und Staatsbürger "passiv ins Seiende geworfen", sondern erfüllt seine Pflichten hinreichend aktiv.

Dem Adressaten der Bloch'schen Theorie wird unterstellt, daß er "als Mensch" mit seinen "Träumen eines besseren Lebens" (3) eh schon mit einem Bein dem "Werdenden", der Zukunft angehört - das verlangt dem Adressaten der Blochschen Theorie durchaus nicht bewußte Aktion, sondern lediglich ein neues Denken ab:

"Nicht im Sinn des bloß betrachtenden Verstands, der die Dinge nimmt, wie sie gerade sind und stehen, sondern des beteiligten, der sie nimmt, wie sie gehen, also auch besser gehen können." (2)

Vorurteilslos wissen wollen, was los ist, das ist "bloß " und völlig unpraktisch. Aber in gut philosophischer Manier, voll Verachtung der Fakten, den Standpunkt ihrer längst erkennbaren Überholtheit einzunehmen, das soll nicht kontemplativ sein?

3. Ein moralischer Sozialist

Man fragt sich bloß, woher Bloch seine Sicherheit nimmt, daß die "Hoffnung", auf die er setzt, schon den ersten Schritt zur Überwindung "angstmachender" und menschenunwürdiger Zustände darstellt, sobald man sie wirklich "gelernt" und seine abwartende Haltung aufgegeben hat. Offenbar kennt er im schlechten Gegebenen Gründe, die - einmal "hoffend" erkannt und zur eigenen Sache gemacht - unweigerlich dessen "fälligen" Einsturz herbeiführen. Und in der Tat: Der kapitalistische Charakter der Verhältnisse soll es sein, der ihnen die Totenglocke läutet. Sieht man nur genau hin, ohne "Scheuklappen" und "falschen Trost", dann muß man es erkennen:

- Der Kapitalismus widerspricht sich selbst. So zeigt sich

"sichtbar die private Ausbeutungsform gegenüber den längst kollektivierten Produktionskräften... auch rein technisch, an den Produktionsmittetn, als überaltert" (1055).

- Er widerspricht allen höheren Werten. So der Demokratie, die im Kapitalismus "Plutokratie" geworden ist (615); dem Rechtsstaat, "der wegen seines verrotteten Klasseninhalts gänzlich zum Unrechtsstaat geworden ist" (1061); der Ordnung, die einzig noch aus "Ordnungsgreueln" (ebd,) besteht. Aber auch die Kultur hat zu leiden:

"Kapitalismus plus Maschinenware brachte die Zerstörung der alten Städte, der gewachsen-schönen Häuser und ihrer Möbel, der phantasievollen Silhouette alles organisch Gebauten." (808)

Und die Freundschaft geht vor die Hunde:

"Vorzüglich im Kapitalismus wurde empirische Freundschaft rar, denn wo die Menschen meist nur durch Kauf und Verkauf in Beziehung treten und die Ausnutzung das herrschende Bewußtsein füllt, in dieser Gesellschaft der Konkurrenten wird selbst die Freundschaft des kleinen Kreises zur Anomalie." (1132).

- Vor allem aber widerspricht der Kapitalismus der Hoffnung, weil er auch ideologisch eine absolut hoffnungslose Gesellschaft ist: "Nihilismus als objektivistische Maske des Krisenphänomens", "Auswegslosigkeit des bürgerlichen Seins" (2), "Bleichheit und Sekretionslosigkeit ... Leichenhaftigkeit" (809).

"Wie es jetzt steht, zeigt sich (Amerika ist in der Zahl seiner Geisteskranken führend): der Kapitalismus ist ungesund - sogar für die Kapitalisten." (545)

So daß Amerikaner auch keine Leichenzüge sehen können:

"Vor allem die amerikanische Gesellschaft muß sich den Tod auf dieselbe Weise verdrängen, womit sie sich jede Sicht ins Bevorstehende verdrängt: Das Bevorstehende ist ihr Tod als Klasse; ihn nicht wahrhaben wollen, trotz aller Zeichen, das macht auch für den Wegblick vom leiblich-letalen Abgang geschickt." (1360)

"Trotz aller Zeichen": Der Beweis von der anschaulichen Überlebtheit des Kapitalismus ist Bloch mit diesem schillernden Belegmaterial nun doch nicht gelungen. Weder ist aus den angeführten, mehr oder minder bezeichnenden Mißständen das Kapital als geneinsame Ursache erschließbar, das überdies kein Problem des "Bewußtseins" ist. Noch wirkt es als immanenter, geschichtsträchtiger Widerspruch, bloß weil Bloch andere Vorstellungen von Verteilungsgerechtigkeit, Demokratie, Recht, Städtebau und Begräbniswesen hat, als sie im Kapitalismus angeblich verwirklicht sind.

Nur seine moralische Verurteilung des Kapitalismus führt Bloch also die Feder, und seine oberste Berufungsinstanz ist ein imaginärer Gang der Geschichte. Auf diese Weise verleiht er seiner Parteinahme die Unanfechtbarkeit eines in jedem Ding(sbums) geoffenbarten Standpunkts.

4. Ein "militanter Optimist"

Die Schicksalhaftigkeit, die er - als ob sie objektiv und nicht selbst schon eine untertänige Deutung wäre - den kapitalistischen Verhältnissen vorwirft, kennt Bloch selbst daher auch. So wichtig ihm das "Übersteigende" am "Hoffen" ist, so sehr betont er seine Verpflichtung auf das ohnehin Anstehende: "Der solide Traum schließt sich tätig an das an, was geschichtlich fällig und in mehr oder minder verhindertem Gang ist." (727)

Wonach die Arbeiter nicht aus ihrem Interesse und der Einsicht in seine Schranken dem Kapital aufs Dach steigen sollen, sondern um einer - auch ohne ihr Zutun voranschreitenden - historischen Tendenz zum Druchbruch zu verhelfen. Diese entspricht einerseits ihren Interessen, andererseits wollen sie das vor lauter "Hoffnungslosigkeit" nicht wahrhaben:

"Deshalb ist der sturste Feind des Sozialismus nicht nur, wie verständlich, das große Kapital, sondern ebenso die Menge der Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit; sonst stünde ja das große Kapital allein. Sonst gäbe es ja... nicht die Verzögerungen, bis der Sozialismus in der ungeheuren Majorität zündet, deren Interessen zu ihm gehören, ohne daß sie es weiß." (518)

Also wanken nicht nur die "ausweglosen" kapitalistischen Verhältnisse selbst, sogar die "ungeheure Majorität" ist auf dem Weg zum Sozialismus und kann sich ihn bloß nicht als das Ziel vorstellen, zu dem sie unterwegs ist. Die Massen, die eigentlich schon über den Kapitalismus hinaus sind, benötigen bloß noch darüber Aufklärung. Die Tendenz, der sie sich anschließen sollen, bescheinigt ihnen durch ihren Propheten Bloch, daß ihre kleinlichen Sorgen längst schon etwas viel Höheres sind:

"Noch die Zufriedenheit mit dem Existenzminimum, solange es da ist, die Kurzsichtigkeit im täglichen Kampf ums Brot und die armseligen Triumphe in diesem Kampf stammen letzthin aus dem Unglauben ans Ziel; in ihn daher gilt es primär einzubrechen." (ebd.)

Weil Bloch also ein Parteigänger der von seinem Prinzip Arbeiter verkörperten menschheitlichen Hoffnung ist, preist er den Glauben ans "fundierte" Rechte als Ziel jeder wirklichen Unzufriedenheit an, derer er sich zum Beleg der "noch ungewordenen Heimat" gern bedient, um von ihr wieder wegzukommen:

"Am schwierigsten scheint es, wirklich ins Rechte zu gehen, auf der echten Straße. Und selbst diese Straße führt ab, wenn in ihrem Wohin nicht unaufhörlich das Wozu mitbedacht ist, das gute Ganze." (1510)

Das geht dann allerdings in so schnöden Dingen wie "Ich und Du und Müllers Kuh" und ähnlichem, "bloß individuellen" Kleinkram wirklich nicht auf.

"Sinngemäß" - eben - "ist utopische Intention weder auf die bloß innere Traum-Enklave noch aber auch auf die Probleme der besten Gesellschaftsverfassung beschränkt. Ihr Feld ist vielmehr gesellschaftlich breit, hat sämtliche Gegenstandswelten der menschlichen Arbeit für sich, es dehnt sich... nicht minder in Technik und Architektur, in Malerei, Dichtung und Musik, in Moral wie Religion." (727)

5. Ein humanistischer Marxist

Weil Bloch andererseits den moralisch-utopischen Auftrag aller geschichtlichen Bewegung nicht nur beteuern, sondern auch rechtfertigen will, ist er bei der Bemühung, seinem Standpunkt Objektivität zu verschaffen, auf einen Kritiker gestoßen, den er neben Jesus und nach Karl May für seinen wichtigsten Vorfahr hält. Karl Marx nämlich liefert, den Beweis, daß Bloch kein bloßer Spinner ist. In seinem Werk läßt er angeblich Hoffnung "konkret werden" und liefert so Bloch die Gewißheit, daß Utopie imstande sei, "den natürlichen Gang der Dinge zu überholen" (11). Er soll entdeckt haben, daß Hoffnung "eine Grundbestimmung in der objektiven Wirklichkeit insgesamt" (15) ist. Er hat also nur bei oberflächlicher Betrachtungsweise das Kapital kritisiert, vielmehr in Wahrheit die Bedingungen der Möglichkeit einer besseren Welt ausgelotet:

"Er begründet und berichtigt die Antizipationen der Utopie durch Ökonomie, durch die immanenten Umwälzungen der Produktions- und Austauschweise, er hebt dadurch den verdinglichten Dualismus zwischen Sein und Sollen, zwischen Empirie und Utopie auf." (725)

Daschauher - in der Analyse der "merkwürdigen Durchschnittsprofitrate " (724) ist Marx die Auffindung einer ganzen "Dialektik der Geschichte" (725) gelungen, die die Zukunft "erleuchtet" (ebd.). Ein raffinierter Hund! Zudem hat er auch noch auf die Verwirklichung seiner Tagträume gepocht, was ihn Bloch besonders sympathisch macht:

"Erst Marx setzte statt dessen das Pathos des Veränderns, als den Beginn einer Theorie, die sich nicht auf Schauung und Auslegung resigniert. Die starren Scheidungen zwischen Zukunft und Vergangenheit stürzen so selber ein, ungewordene Zukunft wird in der Vergangenheit sichtbar, gerächte und beerbte, vermittelte und erfüllte Vergangenheit in der Zukunft. Isoliert gefaßte und so festgehaltene Vergangenheit ist eine bloße Warenkategorie."

Richtig, Marx hat das ja mit der Ökonomie bewerkstelligt... Warenkategorie... was für eine Kategorie ist noch gleich eine Ware?

"Das ist ein verdinglichtes Faktum ohne Bewußtsein seines Fieri und seines fortlaufenden Prozesses." (7)

Mit dieser Sichtweise der Dinge war Marx schwer menschlich ,je wissenschaftlicher der Sozialismus, desto konkreter hat er gerade die Sorge um den Menschen im Mittelpunkt" (306)

-,

so daß gerade Marxisten an die anheimelnde "Wärmelehre des Marxismus" (241) erinnert gehören, damit sie im analytischen "Kältestrom" (240) der bloßen Wissenschaft nicht erfrieren:

"So erschien zuweilen ein allzu großer Fortschritt von der Utopie zur Wissenschaft, dergestalt, daß mit der Wolke auch die Feuersäule der Utopie liquidiert werden konnte, das Mächtig-Vorherziehende." (726)

6. Ein origineller Denker und Polyhistor

Mit dem utopisch-sinnverheißenden Auftrag der "Hoffnung", der siegend-zielsicheren Tendenz der "Geschichte" und ihrer wissenschaftlich-humanistischen Fundierung durch "Marx" im Rücken, bewältigt Bloch seine Hauptsache: Er reißt die "starrcn Schranken zwischen Zukunft und Vergangenheit" so gründlich ein, wie es Marx in seiner Warenanalyse nicht zustande bringen konnte, benutzt die Dialektik des "Noch-Nicht", aber Doch-Schon als Leitfaden zum Durchstöbern der disparatesten Wissens- und Glaubensgebiete mit dem Pathos der "Betroffenheit". Wir erfahren endlich, welch universalhistorischen Hintergrund die Rinderzucht in Amerika hat:

"Weshalb Amerika neoheidnisch genug ist, um das Lamm mit seiner notorisch geringen prosperity durch den vitalen Stier, den Erfolgsbullen zu ersetzen. Das alles sind spätantike Reste oder Beleihungen einei Äskulap-Jesus..." (1363)

- die natürlich auf die schon bekannte Abscheu des Endzeit-Amerikaners vor "Krankheit und Tod" zurückzuführen sind. Auch über die letzten Geheimnisse der Musik werden wir durch die utopischhistorische Methode restlos aufgeklärt. Eingangs eine Erinnerung daran, wozu der Ton "da" ist:

"Der Ton ist weder dazu da, gefühlig noch bloß gefiedelt zu sein." (1248)

Wozu sind Ton und Musik dann da?

"Musik (ist) gesellschaftlich seismographisch, sie reflektiert Brüche unter der sozialen Oberfläche, drückt Wünsche nach Veränderung aus, heißt hoffen." (1279)

Das war vorauszusehen. Aber wie geht das?

"Dem beginnenden Unternehmertum" (das bekanntlich obenauf sein wollte) "entsprechen die Herrschaft der melodieführenden Oberstimme und die Beweglichkeit der übrigen ebenso, wie der cantus firmus in der Mitte und die gestufte Vielstimmigkeit der ständischen Gesellschaft entsprochen haben." (1249)

Wo bleibt hier der Wunsch nach Veränderung und vor allem der Mensch, der stets im Mittelpunkt steht?

"...das Eigentümlichste der Melodie: daß in jedem ihrer Töne der nächstfolgende latent hörbar ist, liegt im antizipierenden Menschen" (na bitte! ), "folglich eben im Ausdruck, der hier vor allem ein humanisierter ist." (1248)

Allerdings hat es auch der Vertreter dieser optimistischen Weltsicht nicht einfach. Gerade auch im Reich der Musik wirft so manches die Tendenz der Geschichte hoffnungslos zurück:

"Wo freilich alles zerfällt, verrenkt sich auch der Körper mühelos mit. Roheres, Gemeineres, Dümmeres als die Jazztänze seit 1930 ward noch nicht gesehen. Jitterbug, Boogie-Woogie, das ist außer Rand und Band geratener Stumpfsinn..." (457)

Aber ansonsten ist alles Südsee, Augustins Gottesstaat, barocke Bühnenbauten, das alte Ägypten, die Elektrizität, "Kant und intelligibles Reich; Platon, Eros und die Wertpyramide", Faust, die Oktoberrevolution - nichts kommt dem philosophischen Willen aus, alles auf ein und dasselbe öde Prinzip herunterzubringen.

Weshalb übrigens auch die Sprache des Dichters gezielt dafür eingesetzt wird, nach dem zustimmend zitierten Yeats-Wort "Sieht man lange ins Dunkel, so ist immer etwas darin" (1392) Hintergründig-Übersteigendes zu suggerieren. Im "Prinzip Hoffnung" nicht so sehr durch grammatische "Verfremdungen" wie im gleichnamigen Werk -

"Man ist ohnehin. Das Ich bin ist auch zuweilen wie da. Doch immer nur halbwegs, sich zu nahe. Kein Bin geht schon aus sich heraus..." (Verfremdungen I/7) -,

sondern durch einfache, heimelige Töne -

"Das bunte Tier ist selber ein buntes Fenster, dahinter liegt die gewünschte Ferne. Es ist bald nicht anders wie die Briefmarke, die von fremden Ländern erzählt. Es ist wie die Muschel..." (22) -,

oder sprichwortähnliche Redensarten, die schwer "zu denken" geben:

"Ein kühler Blick bewährt sich nicht darin, daß er untertreibt." (11)

7. Ein roter Messias

Blochs Werk wäre unvollständig ohne die Darstellung des Ziels der wortreich heraufbeschworenen "Hoffnung" - der endlichen "Heimat" des Menschen für den Menschen: Zu einem "beginnenden Sein wie Utopie" (728) ist der Sozialismus die "erste Tür". Aber was, wenn er schon über eine bloße, auf Bedürfnisbefriedigung gerichtete "Gesellschaftsverfassung" hinausgehen soll, ist Sozialismus?

Erstens, ein staatsbürgerliches Ideal, das Realität geworden ist:

"Sozialismus ist das, was man unter dem Namen Moral so lange vergebens gesucht hat." (640)

Hier fällt nämlich der Gegensatz der allgemeinen und besonderen Interessen nicht deshalb weg, weil es über den besonderen Interessen keine beschränkende Zwangsgewalt mehr gibt, deren Gebote als moralische übernommen werden. Sondern alle Privatindividuen erhalten endlich Gelegenheit, gemeinsam höhere Pflichten einzugehen:

"Das Ziel ist heute sichtbar geworden als die sozialistische Befreiung; und was diese Freiheit, als eine nicht bloße: wovon, sondern vor allem als eine: wozu, enthält, dies steht gleichfalls der bestimmenden sittlichen Arbeit noch glückhaft offen." (1094)

Zweitens, ein Tempel der Natur, erstmalig in der Menschheitsgeschichte. Bloch ist es nämlich selbstverständlich, daß mit der Aufhebung der gesellschaftlichen "Entfremdung" und der Beseitigung des "religiösen Aberglaubens" der menschliche Drang nach "Heimat" fortbesteht und nach wie vor die Einordnung in einen größeren Zusammenhang ersehnt wird. Hier hat die neue Gesellschaft eines der wichtigsten "allgemeinen" Aufgabengebiete, das der Kapitalismus -

"erst kapitalistisch kam die Verwandlung aller Tauschgüter in Waren und der Ware in Kapital. Dem entspricht ein nicht nur von den Menschen, sondern auch von den Dingen entfremdeter Kalkül, ein zu ihrem Inhalt gleichgültiger." (778) -

in seiner "kolonialen" (778) Anmaßung, die Natur zu beherrschen, völlig brachliegen hat lassen: die "wahlverwandte Natureinwohnung" (783):

"Eine nicht mehr imperialistische Gesellschaft wird, wie sie die Atomenergien human verwaltet" (und zwar gegenüber den Menschen und den Neutronen gleich human!), "so sich dieses, wie immer auch nicht-euklidische, Material als eines ohne letzthinnige Fremdheit vermitteln." (776)

Drittens und letztens, eine Gesellschaft m metaphysischen Grenzbereich. Dort endlich können die Menschen zu wahren Philosophen werden und die Endlichkeit ihres Daseins ganz neu überdenken.

"Jedoch, wie immer auch hinausgeschoben, es bleibt der naturhafte Tod, als der durch keine gesellschaftliche Befreiung berührbare. Die Vermittlung mit dem Naturhaften daran ist nun gerade für die befreite, solidarisch gewordene Menschheit ein spezifisch welthaftes, weltanschauliches Problem. Desto mehr, als nach abgeschaffter Armut und Lebenssorge sich die Todessorge besonders hart erhebt, gleichsam ohne das Unterholz übriger, banaler Depressionen." (1381)

Wenn im Sozialismus alle diese "Lebenssorgen" endlich weg sind, kann man sich schließlich auf das Wesentliche konzentrieren und an des Lebens Ende denken. Dann gibt es wirklich einen materialistischen Grund, an ein höheres Wesen zu glauben, das einem die eigene Wichtigkeit bestätigt:

"Niemand weiß, was in der Welt außerhalb des menschlichen Arbeitsradius, also im noch unvermittelten Natursein steckt; welches Subjekt hier den Umsatz lenkt..." (1383)

Als "rote Märtyrer" können Materialisten schon heute jeden guten Christusfanatiker ausstechen:

"- dennoch aber stirbt dieser Materialist, als wäre die ganze Ewigkeit sein. Das macht: er hatte vorher schon aufgehört, sein Ich so wichtig zu nehmen, er hatte Klassenbewußtsein." (1379)

"Klassenbewußtsein" als Erlösungsperspektive mit Ewigkeitswert - ein schönes "Prinzip Hoffnung":

"So stirbt man doch nicht für ein bloßes durchorganisiertes Produktionsbudget..." (679)

...sondern nur für Menschheitsträume von Bloch'schem Kaliber? Na dann gute Nacht!