WER WAR DAS?

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1983 erschienen.
Systematik: 

Marxistisches Ratespiel - oder:
WER WAR DAS?

1.

Er hatte kein Geld, ließ sich aber aushalten, statt einer ordentlichen Arbeit nachzugehen:

"War er wirklich gezwungen, wie ein 'Paria' zu leben?... Er hätte die Not, die tatsächlich über Jahre hinweg bei ihm zu Hause war, wenden können. Aber als menschlicher Prometheus war er nicht bereit, in fremde Dienste zu treten, einen Brotberuf zu ergreifen." (Konrad Löw im Bayernkurier, 12.3.)

Wie, es handle sich hier vermutlich um Richard Wagner? Unsinn! über einen Künstler würde sich ein ganz dem Wahren, Guten und Schönen verpflichteter bayerischer Professor niemals so despektierlich äußern! Bei Wagner hieße das: Er mußte seiner inneren Berufung folgen und hatte das Glück, einen Mäzen zu finden, dem also die Nachwelt dieses gewaltige Opus verdankt.

Selbstverständlich ist hier von Karl Marx die Rede, der - statt wie jeder rechtschaffene Mensch durch Arbeit "in fremden Diensten" Geld zu scheffeln -, die liebe Familie aus purer Hybris ins Elend stürzte. Denn was bei der jahrelangen Herumlungerei im British Museum herausgekommen ist, spricht ja wohl für sich selbst! Da bildet sich dieser Mensch ein, wie Prometheus die Menschheit retten zu sollen - dabei hat die (vielleicht das Feuer, auf jeden Fall aber) Geld nötig und keinesfalls die Kritik desselben, wie man an Marx selbst ja sehen kann, denn der wurde davon nicht reich. Daß er selber sich nichts leisten konnte, widerlegt natürlich schlagend seine üble Mäkelei am Geld, es wäre gar kein Mittel der Bedürfnisbefriedigung, sondern das Gegenteil davon.

Andererseits soll er es zum Fenster nur so rausgeschmissen haben:

"Er hätte stets genug Geld gehabt für ein bürgerliches Leben, wenn er gewußt hätte, mit Geld umzugehen, hauszuhalten." (Löw)

"Jede Menge Geld glitt ihm in seinem Leben durch die Finger... 400 bis 500 Pfund jährlich, womit er tagein, tagaus so viel ausgab, wie ein ausgebeuteter Textilarbeiter mit 6 Kindern in Manchester in einer Woche zum Leben hatte." (Welt am Sonntag, 13.3.)

Merke: Wer sich erfrecht, das Geld nicht toll zu finden bei dem ist es erstens ein unverzeihlicher Charakterfehler, wenn er keins hat sondern "bloß immer davon schreibt" zweitens aber erst recht, wenn er eins hat, was er nicht verdient hat und trotzdem einfach ausgibt, also es praktisch gar nicht verachtet, indem er sich freiwillig ins Armenhaus zurückzieht..

2.

Er hat nie eine Fabrik von innen gesehen: "Solche Gebilde kannte er nur vom Hörensagen... Nie hat er einen Betrieb betreten... Nie hat er den Prozeß, den er in der Theorie so wunderschön beschrieb, in der Praxis erlebt: Arbeiter bei der Arbeit." (ebd)

Wirtschaftsminister Lambsdorff? Diese Antwort ist völlig abwegig: Denn erstens klappern Politiker in jedem Wahlkampf Betriebe ab, um die Proleten schulterzuklopfen; und um zweitens die bemerkenswerte Einsicht in den "Arbeitsprozeß" zu erwerben, daß die Lohnabschlüsse niedrig sein müssen, ist die unmittelbare Anschauung auch nicht zwingend erforderlich.

Professor Lobkowicz oder Professor Schwan könnten gemeint sein? Selbst wenn's stimmt - von denen erwartet das niemand. Um im Fernsehen verkünden zu dürfen, Ausbeutung sei eine marxistische Schimäre und ein "moderner Betrieb" im Vergleich zu damals ein geradezu paradiesischer Aufenthaltsort, muß man vorher keine BMW-Besichtigung absolvieren und keiner käme darauf, ihnen zum Vorwurf zu machen, selbiges unterlassen zu haben.

Für wen allein also könnte es dringend geboten gewesen sein, eine Fabrik sich anzusehen? Ja genau: Karl Marx. Denn: Hätte er eine besichtigt, hätte er feststellen können, daß sein (?) - von "frühindustriellen Holzstichdarstellungen entliehenes" (WamS) "Klischee von Ausbeutung" nicht stimmt! Sowas kann man sehen? Dumme Frage, aber natürlich. Folgendes hätte er dort nämlich nicht sehen dürfen:

"... im Vordergrund (malochen) die Proletarier auf ihren Knien, im Hintergrund der Kapitalist im schwarzen Zwirn, einen Zylinder auf dem Kopf, lässig auf seinen Rohrstock gestützt, von dem man annehmen darf, daß er, selbstredend mit Silber beschlagen, auch zu Züchtigungszwecken Dienste tat... betrachtet fast abwesend, wie sein Mehrwert entsteht." (WamS)

Daher also das ganze Mißverständnis, na bitte! Wer hätte gedacht, daß Marx im "Kapital" nur eine - etwas ausführlich geratene - Bildbeschreibung des "Eisenwalzwerks" von Adolph Menzel geliefert hat, und daß ausgerechnet in diesem Bild der realistische Maler des 19. Jahrhunderts die Realität völlig verzeichnet hat! Hätte er nur einmal selber nachgesehen, hätte es Marx ja wie Schuppen von den Augen fallen müssen. Keine Ausbeutung weit und breit...

3.

Er war ein elender Rechthaber, der sogar seine Parteifreunde kritisierte:

"In diesem herrischen Tun... (forderte er) bedingungslose Anerkennung... Das In-Grund-und-Boden-Stampfen war seine Methode, wie bei allen Rechthabern war dabei fast jedes Mittel recht. Widersacher wurden bezwungen, gehaßt und lächerlich gemacht, die Reihe ist eindrucksvoll... Den Mitstreitern ging es kaum besser." (Abosch in der "Süddeutschen Zeitung, 12./13.3.)

Wem hier Franz-Josef Strauß einfällt, der die CDU-Spitze vor noch nicht allzulanger Zeit liebevoll einen "Haufen erbärmlicher Politzwerge" nannte und sich von Parteifreund Heubl mit den Worten "Alles wird bestimmt von Dir in der CSU, die Du bist" zum 60. Geburtstag gratulieren ließ; oder Konrad Adenauer, der Gästen gerne Minister Lübke als "noch dümmer als sein Vorgänger" vorstellte - usw. usf. -, der hat das Prinzip immer noch nicht verstanden. Strauß nämlich ist ebenso wie Adenauer als "schlauer Fuchs" und "politisches Urtalent" in diesen "Eigenheiten" zu würdigen; deren Führerqualitäten stehen gerade wegen ihrer Schlitzohrigkeit außer Zweifel. Schließlich ging's denen um Deutschland und das ist immer richtig und nicht dogmatisch...

Wie also aus den "Methoden" einwandfrei hervorgeht, ist der gesuchte Menschenschinder mindestens ein Kommunist. Karl Marx. Na also! In welcher Sache oder welchem Streitpunkt Marx gegen... Proudhon, Bakunin (und wie seine beklagenswerten Opfer alle heißen - darin lauter Idole bürgerlicher Politik) recht behalten wollte, ist sowieso egal. Es geht um was ganz anderes, um den "Schluß" nämlich vom "Charakter" auf den politischen Abgrund: Wer recht behalten will, der sperrt auch Leute ein, und wer schimpft, der mordet auch:

"Liebknecht, 'das Biederrindvieh', Lassalle, 'das Jüdel Itzig Gscheit', Freiligrath, der 'Scheißßkerl', -: ist das nicht der Beginn der Denunziation, Geburt des Agenten oder Provokateurs? Die heißen dann, in späterer Zeit, Trotzki und werden mit dem Eispickel erschlagen...; oder Vaclav Havel und werden vier Jahre in Prag eingckerkert..." (Raddatz in "Die Zeit", 18.3.)

Proudhon mußte sich von Marx einen "phrasendreschenden Kleinbürger" schimpfen lassen! Man stelle sich vor, welche Spiüche der sich heute für sein blödes "Eigentum ist Diebstahl" anhören müßte - never mind. Zur Denunziation des Sowjetagenten Marx samt seinem Archipel Gulag taugt das allemal.

So sind sie nun mal, die kommunistischen Fanatiker und Gläubigen - und dabei soll Engels und Marx ihre eigene "Ideologie" dann umgekehrt auch wieder ganz wurscht gewesen sein. Was noch lange nicht heißt, daß sich ihnen daraus kein Strick drehen ließe!

"In einem Brief macht Engels deutlich, daß es auf den Inhalt gar nicht ankommt: 'N'importe quoi (gleichgültig was)!'" Das ist vielleicht deutlich! "Auch die Qualität spielt keine Rolle: 'Die Schwächen, die Dir auffallen, finden die Esel doch nicht heraus!" (Löw, Bayernkurier)

4.

Er hat eine Heilslehre verkündet, in deren Namen dann allerlei Scheußlichkeiten begangen wurden:

"Er schwärmt. Ein Organisationsmodell, einen Bauplan der neuen Gesellschaft gibt er nicht. Es ist Predigt, Lockung, Verheißung... Hinter diesem unspezifischen Glückshorizont liegt: der Terror. ... Ist Intoleranz Teil der Theorie von der Befreiung der Menschheit?" (Raddatz in "Die Zeit", 18.3.)

 

"Er stellte sich eine vollkommene Ordnung ohne Konflikt vor, in der die Menschheit zu völliger Brüderlichkeit gelangt... Er war ein Wunschdenker und Utopist. Dadurch wird man schuldig, ohne es zu wollen." (Kolakowski, ARD, 9.3.)

 

Luther vielleicht, ohne den ja zweifellos der 30-jährige Krieg undenkbar gewesen wäre? Unsinn, was hat der denn damit zu tun, wenn Gustav-Adolf 100 Jahre später die Katholiken abmurkst!

Jesus vielleicht, wegen der Kreuzzüge und der Inquisition, und so? Erst recht nicht, denn einerseits steht zwar in der Bibel, es sei das Böse mit Stumpf und Stiel auszurotten, aber wer wird denn alles so wörtlich nehmen und außerdem hat Jesus ja gesagt, "Liebet Eure Feinde" und Brüderlichkeit gepredigt... und das ist ja wohl das Gegenteil von Gewalt, mehr Nächstenliebe hätten wir doch alle gern in der Welt... Na bitte, wenn man ihn so mißversteht...

Allerdings gibt es ein Subjekt, das das Paradies schon auf Erden versprochen haben soll, und da hört sich natürlich alles auf. Karl Marx, jawohl. Er hat zwar einerseits mißlicherweise "exakte Angaben, wie das kommunistische Ideal konkret aussehen soll", verweigert: Der "Rezeptblock ist leer" ( Raddatz). Man weiß gar nicht so recht, was er wollte und man kann seinem negativen Geschreibsel keine Anweisung für nix entnehmen. Für Unterdrückung aber schon, denn schließlich war er selbst von Charakter ein Unterdrücker:

 

"Marx hat sein Leben lang Menschen zu ihrem Glück zwingen, in sein Paradies hineinprügeln, Widersacher vernichten wollen." (Raddatz)

 

Der Zusammenhang von Lehre und Folgen ist also eindeutig: Marx ist so oder, so an allem schuld, was Stalin... Afghanistan sowieso. Wie, Lehre und Charakter seien vielleicht doch nicht dasselbe? Bitte, derselbe "Schluß" geht auch über den Umweg einer Erinnerung an die Marxschen Aussagen man hat ja schließlich Niveau.

 

"Die errichtete Diktatur zeigt auch nach Jahrzehnten nicht die leiseste Tendenz eines möglichen 'Absterbens', die Verstaatlichung der 'Wirtschaft war kein Schritt zu größerer Freiheit, sondern erwies sich als Mittel verallgemeinerten Zwangs." (Abosch, SZ)

 

 

"Marx glaubte wirklich, wenn der Staat die Kontrolle der Produktionsmittel übernimmt und den Markt abschafft, dann werden die Konflikte zwischen den Menschen verschwinden... Utopie... Abschaffung des Eigentums, daß das Unterdrückung ergibt, ist bewiesen. Schon die Anarchisten damals, Bakunin, wußten, das gäbe die Verstaatlichung von allem.... Wenn man die Produktionsmittel verstaatlicht, muß man auch die Mensehen verstaatlichen..." (Kolakowski, ARD, 9.3.)

 

Wem an dieser Stelle die "freie Assoziation der Produzenten" einfällt und daß die "Abschaffung des Eigentums" nicht unbedingt dasselbe ist wie die staatliche Aneignung des nach wie vor vom Proletariat geschaffenen Mehrprodukts: der scheidet als völlig ungeeigneter Testkandidat endgültig aus.

Was hat also die "Utopie" mit Sibirien zu tun? Na, alles.

Erstens, haha, haben die Kommunisten den Staat gar nicht abgeschafft, wie Marx das wollte. Weil es zweitens auch ohnehin nicht geht. Wer sagt, der Staat gehört weg, verkennt den Menschen. Der braucht einen Staat und den Markt erst recht. Das ist undogmatisch und realistisch.

Ergo: Wer die Gewalt zur Abschaffung des Eigentums mißbraucht, muß zum Terror greifen, weil er sich an der Menschennatur vergangen hat und erweist sich mit seinem Idealismus der Brüderlichkeit als Diktator par excellence. Er will nämlich den Staat pur, ohne all die nützlichen nationalen Zwecke wie Wirtschaftswachstum, freies Unternehmertum, Geld und Privateigentum, denen der Staat bei uns dient und sein Volk dienstbar macht.

Kronzeuge für diesen zwingenden Gedankengang: Der im bürgerlichen Lager allseits geschätzte und beliebte Anarchist Bakunin, der dem alten Ekel Marx im Fernsehen sagen darf, Sozialismus mit staatlicher Kontrolle der Produktion werde ein einziges Gefängnis werden, wobei seine Forderung nach Beseitigung jeder Herrschaft der Begeisterung für den passenden historischen Seitenhieb nach Osten überhaupt keinen Abbruch tat.

So gesehen, hätte man sich auch gleich mit einem Fernsehbericht aus Afghanistan begnügen können.