"WER LEIDET UNTER DER DEUTSCHEN TEILUNG? ZUM BEISPIEL: ICH!"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1983 erschienen.

Korrespondenz
"WER LEIDET UNTER DER DEUTSCHEN TEILUNG? ZUM BEISPIEL: ICH!"

Sehr geehrter Herr Ebel,

ich fand Ihre Adresse auf dem Flugblatt "Argumente zum 17. Juni" (der MARXISTISCHEN GRUPPE), das ich kürzlich in München erhielt. Nach einer ersten Durchsicht entschloß ich mich, Ihnen kurz zu schreiben. Sie überschreiben einen der Artikel mit "Wer leidet unter Deutschlands Teilung?". Als Antwort: "z.B. ich". Nicht nur, daß es mir durch den Zwangsumtausch als Student nicht möglich ist, die DDR wie jeden anderer Staat der Welt ausführlich zu bereisen, sondern auch dadurch, daß ich zu einem internationalen Jugendtreffen, bei dem über 100 Jugendliche aus 7 Nationen teilnehmen, und für das ich verantwortlich zeichne, niemanden aus dem östlichen Teil Europas einladen konnte. Und das nicht, weil es an Geld oder Interesse gefehlt hätte, sondern vielmehr, weil die Regierungen eine Ausreise nicht erlaubt haben würden. Vor was haben sie Angst?

Sie sprechen in Ihrem Flugblatt weiter viele Probleme der BRD an, die auch ich kritisiere. Es fällt mir allerdiigs sehr schwer, Ihnen folgen zu können, wenn Sie in dem Kasten "Ein bißchen Systemvergleich" die fehlende Anerkennung einer DDR-Staatsbürgerschaft durch die BRD, die für mich ein formales, Problem ist, und vor allem auf dem formalen Fehlen eines Friedensvertrages beruht (wer dafür verantwortlich ist, das zu untersuchen überlasse ich Ihnen), gegen die Mauer aufrechnen.

Der Bau der Mauer war eine offensichtliche Angstreaktion von Funktionären, die die Befürchtung haben mußten, bald allein zu sein. Die zahlreichen Fluchtversuche und die vielen Toten an der Grenze widerlegen Ihre Behauptung von der Minderheit und stützen die These vom totalitären und brutalen, weil politisch unfähigen Staat. Was befürchtet die DDR? Doch wohl, daß jemand,dem nicht mehr vorgeschrieben wird, was er denken soll, selbst damit beginnt. Wer das auch in dem Klima der DDR schafft, der bekommt ja die Fahrkarte in den Westen, (siehe Jena).

Es ließe sich noch manche Korrektur im Detail anbringen, ich will es dabei bewenden lassen.

Eines jedoch noch zum Abschluß: auch wenn Gegenstände, Argumente und Zielrichtung eine andere ist, die Wortwahl, der Satzbau und die Argumentationsstrukturen weisen äußerst große Ähnlichkeiten mit Veröffentlichungen auf, die sich vor nun gut 50 Jahren in Deutschland zu verbreiten begannen. Wer das erkennt, kann Sie nicht ernst nehmen. Wann werden wir Menschen endlich lernen zu denken?

Mit sehr kritischen Grüßen, Bernhard Z. (Passau)

Keine Argumente für die Vorzüge der BRD

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Sehr geehrter Herr Z.,

zu Ihren beiden Problemen mit der "deutschen Teilung", bei denen wir eine "persönliche Betroffenheit" nachvollziehen können, zwei Gegenfragen:

Von irgend etwas müssen doch auch Sie in der DDR leben. Glauben Sie im Ernst, da Sie von den Tagessätzen des Mindestumtauschs Ihren Unterhalt als Tourist z.B. in Frankreich bestreiten könnten? Angesichts der Nicht-Anerkennung der Mark Deutscher Notenbank und des damit verbundenen offiziellen Schwarzmarktkurses im Westen, können wir eine schädigende Betroffenheit nur auf Seiten der DDR feststellen.

Ihre Schwierigkeiten bei der internationalen Besetzung eines Jugendseminars können wir ebenso wenig mit der "deutschen Teilung" zusammenbringen wie im übrigen Sie selbst: Daß Beziehungen des Westens mit dem "östlichen Teil Europas" politischen Vorbehalten auf beiden Seiten unterliegen, können Sie unschwer der Tagespresse entnehmen, bei denen sich Meldungen über die Verweigerung von Ausreisevisa in Ost-Staaten und Einreiseverbote für Ost-Delegationen, ausgesprochen von West-Staaten, ungefähr die Waage halten.

Zu Ihrem "Systemvergleich" gegen den unseren:

Nichts liegt uns ferner, als die Unannehmlichkeiten staatlicher Gewalt für ihre Untertanen in Ost und West gegeneinander "aufzurechnen". In dem von Ihnen inkriminierten Artikel unserer "Argumente zum. 17. Juni" wurde ausschließlich Wert gelegt auf das Festhalten von Ursache und Wirkung. Die Gegenüberstellung von Maßnahmen beider Seiten sollte die Heuchelei der westlichen kenntlich machen, für die alle mit der Wahrnehmung eigener Souveränität verbundenen Verfügungen fraglos berechtigte staatliche Hoheitsakte sind, während noch jeder Staatsaktion im Osten die Normalität bestritten, sie vielmehr als "widerrechtliche" Schikane eines "Unrechtsregimes" denunziert wird. Auch das von uns nicht bestrittene Faktum, daß Bürger der DDR unter bisweilen hohem persönlichen Risiko ihren Staat als Flüchtlinge verlassen, taugt nicht für den Beweis, den Sie damit führen wollen: über 100.000 "wetbacks", die pro Jahr den Rio Grande del Norte unter dem Feuer von Grenzschutzhubschraubern in Richtung USA durchschwimmen, beweisen weder die "politische Unfähigkeit" des mexikanischen Staats, noch die "These", daß es sich etwa bei den USA um ein "totalitäres" Regime handelt.

Was Leute betrifft, die "selbst mit dem Denken beginnen", so halten wir deren Ausweisung aus der DDR für eine Schwäche der dortigen Obrigkeit, die es für zweckmäßig befindet, Dissens nicht öffentlich durch Kritik zu widerlegen, sondern ihn statt dessen per Schub außer Landes schafft. Daraus kriegen wir allerdings kein Argument für die Vorzüge der BRD zustande, nur weil sie Kritik sich als Meinung äußern läßt und "nur" die Kritiker mit Berufsverboten belegt. Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Hier wird ebenfalls nicht "aufgerechnet", sondern klargestellt, daß Staatsgegnerschaft in keinem Staat zu den von der Obrigkeit geschätzten und geförderten staatsbürgerlichen Tugenden zählt. Ihre Bemerkung "zum Abschluß" nehmen wir sehr ernst, weil Sie uns wieder einmal zeigt, wohin "wir Menschen" kommen, wenn sie gelernt haben, so "zu denken" wie z.B. Sie: Unsere Kritik an Grundlagen der BRD-Politik gemahnt Sie "in Wortwahl, Satzbau und Argumentationsstrukturen" an den Nationalsozialismus. Es wundert uns nicht, daß Ihnen dieser Vergleich nie und nimmer bei "Gegenständen, Argumenten und Zielrichtung" unserer Politiker ins Auge sticht.

MSZ-Redaktion