WENN GRÜNE STREITEN...

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1987 erschienen.
Systematik: 

Aus dem alternativen Parteileben
WENN GRÜNE STREITEN...

Der Streit der Grünen war noch nie ein erfreulicher Anblick. Und zwar deshalb, weil sie ihn noch nie zu dem Zweck der Klärung eines Sachverhalts angestrengt haben, so daß sie sich auf dieser Basis auf ein gemeinsames Programm hätten einigen oder voneinander verabschieden können.

Grundkonsens: Ins Parlament!

Wenn die Grünen seit ihrer Gründung sich in ihren konsequenzlosen Differenzen als "Fundis" oder "Realos" ergehen, so deshalb, weil sie sich über die Grundsätze ihrer Partei sehr einig sind, ohne daß sie es je der Mühe für nötig befunden hätten, sich auf sie zu verständigen. Wie alle guten Demokraten haben sie vorab per "Konsens" entschieden, was sie mit ihrer Partei erreichen wollen. Ihr Tun haben sie unter das äußerst dringliche und außer Frage stehende Gebot gestellt, die Natur - und darum die Demokratie - und darum die Grünen zu gründen. Daß Veränderung gegen den Staat nicht geht, deshalb nur von ihm zu erwarten ist, weshalb man sich, wenn man ihn "beeinflussen" will, seinen Regeln zu unterwerfen hat diese Kleinigkeit steht von Anfang an fest. Mit Bekenntnissen zur Gewaltfreiheit und dem demokratischen Mehrheitsprinzip haben sie sich ihrem Ziel: "Die Grünen ins Parlament" verschrieben. Dieses banale Ziel brauchte und vertrug schon deshalb keine Begründung, weil e wg. Höherem und gänzlich unbestreitbaren Werten - unter der Errettung der abendländischen Menschheit tritt kein Grüner an - veranstaltet wurde. Wenn jedem, der für die Grünen Partei ergreift, unmittelbar einleuchtet, daß sie gewählt werden müssen - sei es, weil er nicht als Raucher und Reaktionär Schande auf sein Haupt häufen will; sei es, weil er ohne ihre frechen Akzente und bunten Tupfer die Farblosigkeit des Parteienspektrums nicht aushielte -, was bleibt da überhaupt noch an Streitpunkten für die Partei übrig?

Problem: Wie Wähler werben?

In ihren Streitereien beschäftigen sie sich ausschließlich mit der spannenden Frage, wie der Gewinn von Wählerstimmen am geschicktesten zu bewerkstelligen bzw. wie dem Verlust der edlen Ware am trickreichsten vorzubeugen bzw. abzuhelfen sei. Wenn außer Zweifel steht, daß der grüne Adressat als Wähler ran muß, dann bleibt für den Inhalt von vornherein nichts weiter als der öde Rest taktischer Differenzen.

Wie kommen wir beim Wähler am besten an? - fragen sich in holder Eintracht Fundi und Realo. Gewinnen wir an Glaubwürdigkeit, - indem wir "die Machbarkeit der alten Politik anzweifeln" (Ebermann - Arbeiterkampf, 20.10.86) oder indem wir die Regierungsfähigkeit der neuen Politiker vor Augen führen: "Gestalten statt verwalten!"?

- indem wir dem Wähler mit unserer Entschlossenheit kommen, um "der Sache" willen Regierungsverantwortung auf uns zu laden, oder indem wir ihn daran erinnern, daß bei uns "die Inhalte" nie zu kurz kommen?

- indem wir ihn mit seiner Betroffenheit oder mit den zu deren Betreuung erforderlichen Koalitionsangeboten umwerben?

- indem wir Erfolge in der Regierung vorweisen oder uns als unverbrauchte und auf ihren Glaubwürdigkeitsverschleiß schwer aufpassende Kraft in der Opposition präsentieren?

Diese Alternative ist ebenso unentscheidbar wie unehrlich. Unentscheidbar, weil hier der Erfolg das einzige Kriterium ist, vor dem sich beide Seiten respektvoll verneigen. "Der Wähler" entscheidet sich aber weder für das eine, noch für das andere Lager, die beide ja gar nicht zur Wahl stehen, sondern für die Partei. Und solange er dies mit steigenden Prozentzahlen tut, sorgt er für gute Laune bei beiden Flügeln und für Stolz aufdie Attraktivität einer wüst diskutierenden Wählervereinigung: Beide können sich nun auf den werten Wähler berufen, wenn sie die Lüge in die Welt setzen, gerade ihre Taktik habe zum Erfolg geführt. Nebenbei sorgt "der Wähler", solange er mit Stimmzuwächsen dieser Taktik der Partei recht gibt dafür, daß die für ihn inszenierte Alternative nicht zur Entscheidung ansteht.

Unehrlich sind die Differenzen, weil hier ein "und" als ein "oder" verkauft wird. Der fingierte Streit lautet im Klartext: Sollen wir an die Macht kommen (um Probleme zu lösen) oder Probleme lösen (wozu wir die Macht benötigen)? Fundis und Realos sind also wie lechts und rinks schwer zu verwechsern. Die Behauptung daß ausschließlich ihre Linie den Erfolg der Partei garantiere, nehmen sie im selben Atemzug mit dem Bekenntnis zurück, daß der Erfolg der Partei sie zur Anerkennung der Verdienste des anderen Flügels und zur Zusammmenarbeit mit ihm nötige. Jeder Beckmann, der der CDU Offerten macht, verfügt über die Floskel zuallererst auf einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit christlichen Werten bestehen zu müssen. Und jeder Ebermann beherrscht den Trick, den Koalitionsangeboten der Realos an die SPD mangelnden Realismus zu bescheinigen. Offensichtlich haben beide Seiten, wenn sie sich in ihren taktischen Manövern auf die Maximen der Gegenseite berufen, nicht nur nichts gegeneinander einzuwenden. Sie wissen, was sie aneinander haben.

Der Dauerstreit ist schließlich ihre Erfindung. Er bezweckt, mit den beiden sich aufs sinnvollste ergänzenden Abteilungen ein möglichst breites "Wählerspektrum" anzusprechen, und ist auf die zweierlei Sehnsüchte einer unzufriedenen Wählermannschaft berechnet. Für alle, die sich an der Oppositionsrolle stören und die Partei endlich an die Macht wünschen, gibt es die Realos. Wer will, kann an ihnen sehen, daß die Grünen mehr sind - als bloße Neinsager. Für alle, die sich an der Regierungsbeteiligung stören, weil sie sich Veränderung von der Partei erwarten, gibt es die Fundis. Wer will, kann an ihnen sehen, daß die Grünen mehr sind - als bloße Jasager.

Wenn das Vorweisen von Alternativen die anerkannte Tour ist, in der sich die Partei der Wähleröffentlichkeit präsentiert, so verfolgt jede einzelne Richtung in diesem Streit keinen anderen Zweck, als sich zu profilieren.

Entsprechend ekelhaft verfahren sie denn auch in ihren Streitigkeiten miteinander. Da jede Auseinandersetzung unter die Kautel gestellt ist: Wir dürfen uns nicht zerstreiten, weil wir beim Stimmenfang aufeinander angewiesen sind! - sticht an der Art und Weise ihrer Debatten der instrumentelle Umgang der Funktionäre miteinander ins Auge. Da versucht jeder, den anderen auf seine Linie zu bringen - und mobilisiert seine Mannen, damit er sich nicht selber festlegen lassen muß. Da hat keiner ein Argument für sich vorzubringen, sondern versucht jeder, sich gegenüber der gegnerischen Fraktion per Berufung auf höhere Instanzen ins Recht zu setzen. Da meint es auch keiner ernst mit seinem Standpunkt, sondern jeder läßt sich seine Kompromißfähigkeit als Dienst an der Partei und dickes Plus im Profilierungspoker anrechnen. Ein überzeugter Grüner steht eben auch trotz abweichender Meinung zum Kurs der Partei - tja, wenn die Mehrheit nicht wäre! - und macht so für die Partei Reklame, deren Kurs anders ginge, als er geht, sofern man nur so selbstlose Typen wie ihn - die Mehrheit muß halt her! - machen ließe. Der wechselseitige Opportunismusvorwurf ist so an der Tagesordnung, ohne daß daraus irgend jemand die Konsequenz zöge - er soll ja auch nur für die eigene moralische Lauterkeit und geschicktere Verpackung beim Bewerkstelligen der eigenen "Übergänge" gesprochen haben.

...LANDEN SIE BEIM DENUNZIEREN

Die Gemeinsamkeit der Partei hat auch bisher schon gar nicht anders existiert denn als Konkurrenz zweier Linien - und vieler "führender Köpfe" - und als Ideal und Berufungsinstanz, den Rest der Mannschaft hinter sich zu versammeln. Seit sich aber das die Grünen einigende Band des Erfolgs zu verflüchtigen beginnt, belebt sich die Konkurrenz ganz ungemein und nimmt immer gehässigere Formen an.

Die Fundis konstatieren hämisch die Entmachtung des Turnschuhministers durch den Wähler, der in einer rotgrünen Koalition keine Perspektive erkennen kann. Woraufhin die Realos einen Zahn zulegen und eigenhändig die Entmachtung der Fundis betreiben. In Anbetracht der Stimmung im Land kündigen sie den bisher gültigen Parteikonsens auf, daß für das Wohlergehen der Partei das Zusammenspiel der beiden "Strömungen" erforderlich sei, die beide ihr Recht und ihren Platz in der Partei haben. Sie machen die Fundis für alle Stimmeneinbußen der jüngsten Zeit haftbar - und zwar ganz ohne deren Taktik bei der Erörterung der Schuldfrage noch groß zu würdigen. Da sich für den eigenen Kurs nicht länger der Erfolg zitieren läßt und sie es leid sind, sich bei jeder Diskussion den lästigen Mißerfolgsvorwurf anhören zu müssen, setzen sie sich dem anderen Flügel gegenüber umstandslos ins Recht. Mit der Denunziation der prominente Vertreter der fundamentalistischen Richtung rücken sie die Debatte über den erfolgversprechendsten Weg aus der Niederlage in den Hintergrund. Sie diskreditieren die gegnerische Linie in den Personen, die sie vertreten - und schauen, ob sich die Partei nicht auch ohne Diskussion über die Absichten und Methoden der Realo-Linie ganz von selbst auf Kurs bringen läßt.

Ausgangspunkt der jüngsten Streitereien war der letzte Parteitag der Grünen in Duisburg. Der war zwar einerseits sehr gut vorbereitet. Die Organisatoren der Bundesversammlung hatten sich darauf verständigt, alle strittigen Fragen - sowohl das Verhältnis der Partei gegenüber SPD und CDU als auch die leidige Heinrich-Böll-Stiftung - vorsorglich auszuklammern. Nur das Müttermanifest und die Wahl des neuen Bundesvorstands standen auf der Tagesordnung. Soweit nicht schlecht geplant und der Öffentlichkeit beinahe das Bild von einem Parteitag geboten, der Einheit, Führung und garantiert deutsche Inhalte und dringende nationale Bedürfnisse ausstrahlt.

Andererseits hätten die Regisseure des Parteitags den Eklat durchaus absehen können, den sie mit ihrer Inszenierung heraufbeschworen haben. Wenn man schon das grüne Bedürfnis nach Führung unterstreichen will, dann fordert man die Frage ja geradezu heraus, ob die Partei auch von den Richtigen geführt wird. Noch dazu wenn der eigene Haufen aus lauter Typen besteht, die ihre Differenzen nicht bereinigen sondern durch Wahlen entscheiden wollen - und dann stinksauer werden, wenn sie verlieren.

Im Verein mit dem "Spiegel" haben die führenden Realos das Ergebnis des Parteitags: Kein Realo im Vorstand - unmöglich! zum Anlaß genommen, eine Pressekampagne gegen die Fundis zu entfachen. Mit ihren Invektiven tun sie das Ihre, einen möglichen Aufwind der fundamentalistischen Richtung schleunigst abzubremsen und sich in der Partei die führende Position bei der Deutung und Behandlung der schon vorher absehbaren Hamburger Stimmenverluste zu sichern.

Grund für ihre Ausfälle gegen die Dame Ditfurth ist der blanke Konkurrenzneid, der einem aus jeder Zeile entgegenspringt. Natürlich so, wie sich das für den Neid gehört: hübsch verpackt in Heuchelei. Natürlich sagt keiner: Mir paßt das Wahlergebnis nicht, ihr habt gefälligst unsere Leute zu wählen! Sie sprechen dem feindlichen Lager das Recht ab, die Partei zu vertreten - und verpacken ihren Ärger, in dem sie auf höhere gemeinsame und die andere Seite verpflichtende Instanzen pochen: auf wirklich demokratisch zustandegekommene und legitimierbare Wahlverfahren und auf den Erfolg, den nur ein Realo-Vorstand der Partei beschert.

Wahlergebnisse mit fundamentalistischer Mehrheit sind nicht koscher!

Vor der Mehrheit verbeugt sich selbstverständlich auch ein Schily. Bloß wird man ihm die Frage gestatten müssen, ob die Mehrheitsverhältnisse auf dem Parteitag den Wählerwillen widerspiegeln. Und siehe da, das Problem einmal so gestellt und den Wähler gründlich unter die Lupe genommen, schilyt ihm doch "mit Sicherheit" entgegen, daß

"dieses Sprechergremium nicht repräsentativ für das Meinungsspektrum der Wählerinnen und Wähler" (Spiegel, 11.5.) ist.

So wird die Wahl für eigentlich ungültig erklärt, ohne daß man sich die Mühe zu machen bräuchte, sie anzufechten. Es wird schon was hängenbleiben, wenn die Fundis zu "Trittbrettfahrern" (Helmut Wiesenthal - "taz", 4.5.) des Erfolgs der Realos erklärt werden. Ihre Glaubwürdigkeit kriegt auf alle Fälle ein paar Kratzer ab, wenn ihnen von den eigenen Leuten das Recht bestritten wird, sich weiter auf den Wähler als Berufungsinstanz beziehen zu dürfen. Die Frage, wieso sie sich auf dem Parteitag mehrheitlich rumtrieben, obwohl sie dort rechtmäßigerweise eigentlich nichts verloren haben, beantwortet Cohn-Bendit selbstkritisch:

"Aber es gibt eben eine Realo-Verachtung für die Ämter in der Partei - die wollen den Glanz der Parlamente, aber nicht diese büroratische Parteidisziplin." (Spiegel, 11.5)

Bürokraten, mit Disziplin - na, tickt's allmählich? Gegen die Unterwanderung durch diese grauen Parteiwühlmäuse ist so ein sonniges Gemüt natürlich völlig machtlos. Es kann, vom Glanz der 1. Gewalt zehrend, nur noch mit letzter Kraft die Presse alarmieren. Und die Wähler der Bundesversammlung ob ihrer Verfügbarkeit, ihres pubertären Gefühlshaushalts und ihrer leichtgläubigen Verantwortungslosigkeit beschimpfen:

"SPIEGEL: Immerhin wurden die drei Sprecher mit starker Mehrheit gewählt.

SCHILY: Das ist nicht zu bestreiten. Die Grünen haben für ihren, emotionalen Gefühlshaushalt ein Bedürfnis an Radikalität. Da sind fundamentalistische Pose und stampfende Rhetorik mehr gefragt als differenzierte Argumentation und Besonnenheit. So kommen bisweilen Mehrheiten zustande." (11.5.)

Bisweilen sollen "die Grünen" aber auch vernünftige Mehrheiten zustandebringen. Ganz ohne Verführung und Hetze. Und zwar immer dann, wenn sie sich der Wahrheit nicht verschließen:

"Ihr wißt ja gar nicht, was ihr da gemacht habt!" (Eva Quistorp - taz, 4.5.)

Wen dieser dunkle Deuter nicht in die Differenziertheit zurückrüttelt, den muß der von Waltraud Schoppe ausgestoßene Entsetzensschrei:

"Die Wahl ist eine Katastrophe!"

besonnen machen und zu denken geben. Ein Vorstand ohne Realos kann und darf nicht hingenommen werden. Es sei denn, einem liegt das Wohl der Partei und das Schicksal der Nation nicht am Herzen. Denn hier handelt es sich nicht schlicht um eine Schlappe der Realos. Unermeßlichen Schaden bereitet ein fundamentalistischer Bundesvorstand

- der Partei und ihrem Innenleben:

"In der Ära Trampert/Ditfurth ist vielen Grünen und Nicht-Grünen die Lust und der Mut zur Politik ausgetrieben worden." (Antje Vollmer, taz, 30.4.)

- dem Ansehen der Partei, ihrer Glaubwürdigkeit und Wählbarkeit:

"Jo Müller hat Angst um die Kosten dieses Wahlsiegs der Linken für die ganze Partei: 'Da können wir unheimlich Wählerstimmen verlieren.'" (taz, 4.5.)

- und damit letztlich dem Geschick der Nation, das bei anderem Wahlausgang anders hätte verlaufen können:

"'40 Jahre CDU' sieht der Ex-Minister nach dem Fundi-Durchmarsch in Duisburg heraufziehen, 'das will mein Gehirn so nicht stehen lassen'." (Spiegel, 11.5.)

Mit übler Nachrede für den Erfolg der Partei

Der Grund des von Schily, Fischer, Cohn-Bendit und Co heraufbeschworenen Desasters liegt für sie auf der Hand. Er heißt Ditfurth, ist ein Trampel und hat (nur eine linkssektiererische, d.h.:) keine Perspektive. Also weg damit!

In ihrer Sorge um die Ausschöpfung aller Möglichkeiten grünen Machterwerbs sowie um die Verbesserung der eigenen Chancen bei diesem Geschäft schreiten die Realos zur Vorstandskritik. Anhänger des Personenkults sind sie schon lange. Sie wissen, wie man eine Wahl für sich entscheidet: Nur wer dem Wähler eine Person anzubieten hat, die die Qualitäten eines Führers am glaubwürdigsten auf sich zu vereinigen und zu präsentieren versteht, wird sein Vertrauen und seine Stimme gewinnen. Deshalb ist ihnen die Ideologie des verantwortlichen Führers längst in Fleisch und Blut übergegangen. Eitel, wie sie sind, hängen sie dem Dogma aller Berufspolitiker an, die aus der Teilhabe an der Macht auf ihren wertvollen Charakter schließen und umgekehrt die Macht als Resultante aus ihren Fähigkeiten, Verdiensten und Leistungen zu verkaufen pflegen.

Mit allen Vorurteilen über einen zum Führen berufenen Funktionär bestens ausgerüstet, legen sie sich als Vorbild und Maßstab der Angeklagten zugrunde. So steht Jutta Ditfurth als negatives Spiegelbild eines demokratischen Führers am Pranger. Weder was ihre Führungsqualitäten noch was ihr Verantwortungsbewußtsein angeht, entspricht sie den Erwartungen, die an eine Person in leitender Funktion gerichtet werden müssen. Dabei kommen Urteile zustande, die mit Komplimenten zu verwechseln wären, wüßte man nicht, daß Jutta Ditfurth so unopportunistisch gar nicht ist. Natürlich: Ganz ohne ist sie nicht. Immerhin hat sie es verstanden, die Mehrheit der Stimmen auf sich zu vereinigen. Also erst einmal: Respekt!

"Jutta ist jetzt die Kaiserin!" (Fischer, Spiegel, 11.5.)

Das heißt umgekehrt natürlich um so mehr: Aufgepaßt! Zwar kann sie auf der einen Seite überhaupt nicht führen. Ihr geht ja die wichtigste Voraussetzung ab: Ideen hat sie keine, kreativ ist sie nicht. Allenfalls eine mittelmäßige Bürokratin also, höchstens in untergeordneten Tätigkeitsbereichen für die Partei einzusetzen:

"'Ihr großes Verdienst', so Cohn-Bendit, 'sie hat diese Partei aufgebaut in Frankfurt und Hessen.' Aber er kann sich eine Nachbemerkung nicht verkneifen: 'Eine wahnsinnige, bürokratische Leistung.'" (Spiegel, 11.5.).

Andererseits liegt gerade darin ihre Gefährlichkeit und Stärke. Führen kann sie nämlich schon, aber ohne jedes Gefühl für Verantwortung. Anstatt Leitung als Dienst an der Gemeinschaft zu praktizieren, macht sie "knallharte Strömungspolitik" (Schily), verfolgt also mit ihr eigennützige und gänzlich verwerfliche Zwecke. Eine machtlüsterne "Radikalbolschewikin" (Cohn-Bendit) also, "dogmatisch" (Albert Sellner) und immerzu aufs Spalten aus:

"Abgesehen von ihren verheerenden politischen Positionen, hat sie zielstrebig Feindseligkeit und Fanatismus geschürt und der Partei damit sehr geschadet." (Schily, Spiegel, 11.5.)

Abgesehen von ihren absolut indiskutablen "politischen Positionen" - die sind jedem "Spiegel"-Leser so vertraut, daß sie mit einem Wort erledigt sind: "verheerend!" - stellt sich nur noch die Frage nach ihrer Gesinnung und ihrem Geisteszustand. Der Fanatismus läßt auf einen Hang zur Gewalt schließen:

"Daß manche bei uns sagen, Gewalt, ob legal oder illegal, sei immer dasselbe... Jutta Ditfurth und ihre Freunde, die sagen: Nein, dieser Staat, das ist der böse monopolkapitalistische Staat, den wir bekämpfen müssen." (Schily, Spiegel, 11.5.)

Und wenn sie unbeirrbar an ihrer Sekte festhält, obwohl sie damit sich und die Partei zur Erfolglosigkeit verurteilt, dann scheint sie offensichtlich nicht mehr richtig zu ticken:

"Sie lebt in einer geschlossenen Welt ... paranoid." (Cohn-Bendit, Spiegel, 11.5.)

Das also ist die neue "politische Kultur", die Schily bei den Grünen schmerzlich vermißt. Ein wahrhaft "freundschaftliches Angebot zum Dialog" (Schily).

Vertragt Euch doch!

Was macht denn das sonst für einen Eindruck! - schimpfen und jammern die Parteimuttis Antje und Bärbel. Und schon haben sie eine neue "dritte Strömung" geboren. Sie sorgen sich um die Wählbarkeit der Partei unter dem ausschließlichen und zeitgemäßen Kriterium der Einheitlichkeit. Daß Gegensätze ausgetragen werden, kommt für sie schon deshalb nicht in die Tüte, weil ein Gegensatz etwas ist, was es eigentlich nicht gibt, weil es ihn nicht geben darf. Streit kann der Wähler nämlich überhaupt nicht leiden. Deshalb soll fortan so getan werden, als b die Gegensätze nicht da wären. Wenn alle in der Partei einmal o täten und auf die Muttis hörten, hätten sie ihnen eine große Freude gemacht:

"Wenn ich nur für einen Augenblick des Herrgotts Gewalt hätte, würde ich sagen: Alle sollen zurücktreten, um Neuen Platz zu machen. Und dann wollen wir einmal sehen, was dann kommt." (Antje Vollmer, Theologin - taz, 30.4.)

Aber natürlich wissen die so dreinschlagenden Muttis, daß es unartige Kinder gibt, daß ihr "Vertragt euch!" ein Ideal ist und man Streit zwar verbieten kann, es aber trotzdem pausenlos scheppert. Deshalb sind sie auch nicht allzu unglücklich, wenn nicht alle folgsam sind, für die dritte Strömung "Platz machen" und in ihr aufgehen. Denn was wäre eine "Strömungsstute" -

"Die Fixierung auf Strömungen ist eng verbunden mit einer Fixierung auf Strömungshengste. Frauen bilden an den Spitzen der Flügel die Ausnahme." (Bärbel Rust - taz, 15.5.) -

ohne "Verkrustungen" und "Feindbilder": Da gäbe es ja für sie gar nichts mehr "aufzubrechen" und "aufzulockern". An irgendetwas muß sich schließlich auch eine Frau ein Profil zulegen dürfen.

Wenn Grüne "inhaltlich" werden

- Wenn Wolf Schwarz gegen Jutta Ditfurth ins Feld führt:

"Einen nach vorne weisenden Beitrag, über den sich nachzudenken gelohnt hätte, hat sie nicht geleistet. Sie betet nur ständig die gleiche Litanei." (Spiegel, 11.5.)

- und Rainer Trampert das Wahlergebnis auf dem Parteitag als Entscheidung "gegen das inhaltsleere Gesülze" (taz, 4.5.) anpreist

- und Jutta Ditfurth laut "Spiegel" die Fraktionssitzung mit dem Kommentar verläßt:

"Du, das Gelalle da drin, das ist ja furchtbar." (11.5.),

dann legen sie Wert darauf, sich in ihrer wechselseitigen Geringschätzung zu überbieten. Alle sprechen sich von der Aufgabe los, die Worte ihrer Parteigenossen überhaupt noch zur Kenntnis zu nehmen. Kritik im Umgang miteinander scheidet aus. An ihre Stelle tritt Verachtung. Die Politiker der anderen Parteien haben gelernt, daß man die im Interesse eines guten Eindrucks nicht äußern darf. Oder wenigstens geschickt. Hier sind die Grünen noch schwer alternativ.