WENN DAS GELD SICH AUFBLÄHT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1980 erschienen.
Systematik: 

Inflation
WENN DAS GELD SICH AUFBLÄHT

"Geld ist nur das Fett des Staatskörpers, weshalb zuviel davon ebenso seine Beweglichkeit behindert, wie zuwenig ihn krank macht... wie Fett die Bewegung der Muskeln geschmeidig macht, fehlende Nahrungsmittel ersetzt, Unebenheiten ausfüllt und den Körger verschönt, so erleichtert das Geld die Bewegungen des Staates... und verschönt das Ganze; allerdings ganz besonders die einzelnen Personen, die viel davon haben." (William Petty, Political Anatomy of Ireland)

"In der Geldtheorie gilt eine Geld- oder Kreditschöpfung als inflatorisch, wenn die Geldmenge über die aus der Vermehrung der Warenerzeugung hervorgehende Steigeruag des Geldbedarfs hinausgeht. Zur Inflation kommt es leicht bei Papierwährung, da bei dieser der Geldstoff in beliebiger Menge zur Verfügung steht...

Die Inflation führt zu einem Sinken des Geldwerts, d.h. zu einer Steigerung des allgemeinen Preisspiegels; diese Preissteigerung ist denn auch die Folge einer jeden Inflation gewesen...

Das unaufhaltsame Sinken des Geldwerts hat schließlich die völlige Zerrüttung des Wirtschaftslebens zur Folge..." (Brockhaus)

Jetzt dräut sie wieder, die Inflation. In den Karikaturen tauchen vermehrt die Schlangen, Dinosaurier, Teufel und schwarzen Pestilenzen auf, die "uns" an den Geldbeutel gehen - sinnbildhaft das magische Unheil des "Geldwertschwunds" verkörpernd. In immer neuen Artikeln wird davor gewarnt, die offizielle Preissteigerungsrate für wirklich zu nehmen; rechnet man die Mieten und das Öl richtig ein, dann leidet der gewöhnliche Haushalt schon unter zweistelligen Raten. Beherzt wird das Elend ausgebreitet, das die "Geldentwertung" für das einfache Volk tatsächlich bedeutet - und gerade deswegen soll es auf möglichst alle Ansprüche verzichten. Wenn nämlich von der Lohnfront her keine "Kosten- und damit Preissteigerung" droht, dann erst sieht sich der Hl. Georg samt Schildknapp - Bundesregierung und Bundesbank - imstande, den Versuch zu wagen, dem greulichen Ungeheuer in den Rachen zu greifen.

Drei Wahrheiten über die Inflation

Die erste Wahrheit über die Inflation ist damit schon ausgesprochen: die Unternehmer verlangen laufend höhere Preise für "ihre" Produkte. Dies ist ihr gutes Recht, und zwar nicht nur deswegen, weil ihnen die Überwälzung gestiegener Kosten in die Preise selbstverständlich zusteht, sondern hauptsächlich deswegen, weil "der Markt" die steigenden Preisforderungen hergibt, also höhere Profite im Verkauf ermöglicht. Das Verhalten der Kapitalisten ist korrekt; Marktwirtschaft bedeutet ja, daß man den Preis verlangt, den der Käufer zu zahlen gewillt ist; unter dem möglichen Höchstpreis zu bleiben, wäre geradezu ungeschäftsmännisch. Unkorrekt ist dabei allerdings die Schimpferei über die Rohstofflieferanten, insbesondere die Ölländer, da die doch auch nur getreu dieser Maxime handeln (Während die Proleten da überhaupt keine Probleme machen, sondern seit Jahren schon Löhne fordern, die nach allgemeiner Ansicht "preisniveauneutral" sind ). Der hinter dieser Schimpferei versteckte Unmut, daß der Profit in der gegenwärtigen günstigen Wirtschaftslage noch höher ausfallen könnte, kann die allgemeine Freude am Preissteigern freilich nur unwesentlich trüben - insbesondere, da sich gerade hierzulande die gestiegenen Kosten leicht auf den stillhaltenden "Endverbraucher" überwälzen lassen.

Das allgemeine Preissteigern - dies die zweite Wahrheit - setzt allerdings eine "lebhafte Nachfrage" voraus: diese können aus geschilderten Gründen kaum die Proleten veranstalten - es sind die Kapitalisten, die sich hier wechselseitig das Geld abknöpfen, die wie wild kaufen und verkaufen, unter passiver Mitwirkung derer, die sich die Güter des alltäglichen Bedarfs wohl oder übel zu jedem Preis kaufen müssen, ohne sich deswegen im Verkauf zu revanchieren.

Der Staat, der "zur Zurückhaltung mahnt" und die um sich greifende "Inflationsmentalität" bedauert, denkt natürlich nicht daran, Einspruch gegen das "marktwirtschaftliche Verhalten" seiner reichtumschaffenden Bürger einzulegen. Stattdessen bestimmt er die öffentliche Diskussion mit der Mär von der "Geldentwertung", was eine ganz gefährliche Sache sei, da irgendwelche dunklen, dafür umso schrecklicheren Entwicklungen dahinter lauerten. Selbst die angeblich durch die Inflation verursachten Steuermehreinnahmen stimmen ihn nicht froh, vielmehr neigt er skeptisch sein Haupt angesichts der Tatsache, daß das Geld so ausgezeichnet funktioniert und die Kauf- und Verkaufakte rasant "vermittelt". Gerade darin soll eigenartigerweise ein ständig wachsendes Problem für die künftige Wirtschaftsentwicklung liegen, obwohl die jetzige Wirtschaft es genauso will - ein Problem des Geldes aber, über das der Staat zu wachen hat. Dies die Demonstration der dritten Wahrheit: Das Geld ist für den Profit da, es wird durch eben ihn - so die staatliche Befürchtung - in seiner Funktionstüchtigkeit "entwertet"; so ist es Aufgabe des Staats, für den Profit auf künftige Funktionstüchtigkeit des Geldes zu dringen - was immer das sein soll.

"Dienendes" Geld

Urplötzlich ist also die Belieferung der Wirtschaft mit Geld zum Problem geworden, was auch dann schleierhaft bleiben muß, wenn als Zusatz gleich geäußert wird, es könnte womöglich zuviel Geld in die Zirkulation geworfen worden sein.

Schleierhaft muß das Problem bleiben, wenn man der üblichen Definition des Geldes Glauben schenken soll, wie z.B. in der klassischen Verkehrsgleichung ausgedrückt: danach sei das Geld ja nur dafür da, den Händewechsel der Waren zu vermitteln, was wiederum sehr sinnvoll dadurch geschehe, daß jeder Ware ein Geld/Preis-Ausdruck augewiesen werde:

"Aus dem Verhältnis des physischen Handelsvolumens" (= die jeweils umsetzbaren Güter und Dienstleistungen) "zum jeweils nachfragewirksamen, also relevanten" (d.h. zum Ausgeben bestimmten) "Geldeinkommen ergibt sich die Kaufkraft der Geldeinheit. Um ihr Gleichbleiben zu gewährleisten, ist das Verhältnis 'Geldmenge' : 'Gütermenge' gleich eins, also das relevante Geld relativ knapp zu halten."

In dieser Vorstellung ist verlangt, daß das Geld nicht unabhängig von der Warenmenge anwachsen solle - wie heißt die landläufige Übersetzung für Inflation?: "Geldaufblähung" -, umgekehrt sei es "relativ" knapp zu halten (was immer man sich darunter vorstellen mag), zugleich aber auch nur mitgeteilt, daß selbiges Anwachsen der Geldmenge eigentlich völlig bedeutungslos- und wirkungslos ist.

Nehmen wir an, die Geldmenge würde mit einem Schlag verzehnfacht: Da das Geld ja nur dafür da ist, "dienend" den Vergleich der Waren untereinander zu ermöglichen, würden nun alle Warenpreise eine Null hintendrankriegen. Was soll sich dadurch geändert haben, wieso soll dadurch die Funktionstüchtigkeit des Geldes beeinträchtigt sein? Wenn das Geld nur "dienende" Funktion hat, dann hat es selbst eben keinen Wert außer dem, eine Rechen- oder Maßeinheit darzustellen, dann ist das Verhältnis 1:1 eben bei jeder Geldmenge gegeben.

"Die Preise haben in der Marktwirtschaft dienende Funktion. Sie vermitteln Marktprozesse und bestimmen zukunftsgerichtete Entscheidungen. Stabile Preise werden deshalb angeführt, weil erwartet wird, daß sie die gestellten Aufgaben, z.B. Knappheitsindikator und -regulator zu sein, bestmöglich erfüllen helfen."

Da kann man den Preisen noch so viele Aufgaben stellen - die eine (angebliche), nämlich den Vergleich der Waren sinnfällig zu machen, erfüllen sie auf jedem Preis niveau. Zwar steigen sie in der Wirklichkeit sehr unterschiedlich, worin sich unterschiedliche Nachfrage nach bestimmten Gütern je nach Konjunkturlage und nationaler Besonderheit ausdrückt, aber der Staat rnd mit ihm der Nationalökonom sind ja der Auffassung, daß es die Preissteigerung n sich ist, womit man sich zu befassen bzw. was man als Gefahr auszumalen hat - ohne Rücksicht darauf, wer die Preissteigerung macht und wen sie trifft. Diese Abstraktion gegeben, kann sich das in den Preisen ausgedrückte "Knappheitsverhältnis", auf das der Ökonom als Ugrund allen Wirtschaftens schwört, durch die Inflation durchaus nicht verändern. Die wohlfeile Vorstellung vom Staat, der mit dem Ausstoß seiner Notenpresse die Wirtschaft überflutet, kann sich zwar glücklich schätzen, einen sehr glaubwürdigen Schuldigen gefunden zu haben - denn das weiß jedermann: daß der Staat die Geldhoheit hat -, entpuppt sich aber angesichts der Wirklichkeit in den führenden kapitalistischen Staaten noch jedesmal als ebenso wohlfeiler Trost: Nicht nur muß nach oben Gesagtem rätselhaft bleiben, wieso rege staatliche Drucktätigkeit überhaupt die Inflation als Problem so sehr herstellen soll, vielmehr ist es so, daß in Zeiten der Hochkonjunktur nicht zu viel Geld vorhanden ist, sondern u wenig. Das kann man daran ablesen, daß das Kreditwesen einen immer rasanteren Aufschwung nimmt, die Nachfrage nach immer teureren Gütem also ohne tatsächliche Geldtransaktion bewerkstelligt bzw. diese immer neu und immer weiter hinausgeschoben wird.

Aufschwung des Kreditwesens

Die Verkehrsgleichung ist - soweit ist bisher klar - eine Erfindung der Nationalökonomen, die mit dem Phänomen der Inflation rein gar nichts zu tun hat: Die Wirtschaftssubjekte schmeißen nicht mit Geldscheinen um sich, und in der jetzigen Wirtschaftslage verlangt das auch keiner von ihnen - ein borniertes Insistieren auf Barzahlung (wo möglich) würde doch den flotten Gang der Geschäfte nur hemmen, und jeder weiß von jedem, daß jeder verfügbare Pfennig schon längst irgendwo engagiert sich herumtreibt, daß man aber doch deswegen dem entblößten Käufer die Lieferung nicht verweigern kann. Kaufen! heißt die Devise, das Zahlen wird sich dann schon einstellen. Jedermann wiegt sich angesichts des äußerst günstigen Geschäftsgangs in der Sicherheit, daß der Schuldner wohl deswegen seine Schulden abtragen können wird, genauso wie man selbst sicher ist, die eingegangenen Verbindlichkeiten später mal begleichen zu können - wird man nicht eines Tages das dafür notwendige Geld von den eigenen Schuldnern bekommen, und zwar mehr als notwendig für die eigenen Verbindlichkeiten? Die jetzt in dem immer rasanteren Kauf und Verkauf liegende Möglichkeit, den Profit zu steigern - einkaufen, um mit Gewinn zu verkaufen -, kann sich doch von dem todsicher später eintreffenden Geld jetzt nicht beschränken lassen.

Die angeblich unentbehrliche Vermittlerfunktion des Geldes hat sich in die grauen Gefilde der Theorie verzogen - die Wirtschaft hat sich davon mithilfe des Kredits emanzipiert. Zwar wäre ihr mehr Geld lieber, aber beeindrucken läßt sie sich von seinem Fehlen nicht: immer umfangreichere Geschäftsbereiche beruhen ausschließlich auf Zahlungsversprechen und Geldersatztiteln.

Diese Emanzipation steht freilich nicht jedermann gleichermaßen offen:

  • Der Konsumentenkredit ist dem kleinen Manne vorbehalten, der sich damit ein paar Gebrauchsgüter kauft; sind diese aufgebraucht, ist er genauso reich wie zuvor und hat die Kapitalsumme plus Zinsen abzutragen, muß an seinem Einkommen sparen, hat also nur "zukünftige Nachfrage" in die Gegenwart verlegt. Dementsprechend ist der Umfang dieser Kreditvergabe auch sehr begrenzt und sehr auf die schmale Einkommensbasis bezogen - was den Konsumentenkredit nicht davor schützt, als Anzeichen einer verderblichen "Inflationsmentalität" gewertet zu werden (besonders schlimme Burschen die Amis, von wegen Kreditkarten), oder umgekehrt: den Proleten steht es nicht zu, sich mit einer Nachfrage, die sich (momentan) von ihrem Einkommen löst, am allgemeinen Preissteigern- zu beteiligen.
  • Dies ist nämlich Sache der Kapitalisten, die darum auch einen Geschäftskredit bekommen. Der bewegt sich von vornherein in ganz anderen Sphären, da man von ihm erwartet, daß er zur Erweiterung des Geschäfts, somit zur Steigerung des Profits führt, sich also selbst bezahlt aus dem künftigen Erfolg.

"Dynamisches" Geld

Jetzt sieht es schon anders aus mit dem Geld - es hat sich zweigeteilt: Der gewöhnliche Mensch ist auf die Geldscheine angewiesen, die sich in seinem Geldbeutel befinden; die andere Menschensorte, der Geld nur dazu dient, mehr daraus zu machen, schafft sich ihr eigenes Geld. Könnte sie es nicht, wäre der Geschäftsgang durch das Festgenagelt-Sein auf dem dummen bißchen Geld empfindlich gestört. Ideologisch:

"Als Kreditgeld, ein Geschöpf des Bankensystems zur Finanzierung zusätzlicher Geschäfte über das Spargeld hinaus, bringt es" (das Geld) "Dynamik in die Entwicklung der Wirtschaft, es bewirkt die kapitalistische Evolution - und es läßt nicht zu, daß das Geld jemals in einer sinnvollen Bedeutung des Wortes 'neutral' sein kann."

Die bescheidene Funktion des Geldes hat sich damit ganz schön aufgemandelt (in den richtigen Händen, versteht sich): vom simplen Messen und Vergleichen hat es sich zum dynamischen Moment der Wirtschaft gemausert - es läßt nicht länger zu, daß es jemals "neutral" sein kann (außer in irgendwelchen unsinnigen Vorstellungen vielleicht - wie in der Verkehrsgleichung beispielsweise). Auch nett: Die Tatsache, daß die Kapitalisten mit selbstgeschaffenen Zetteln, schriftlichen Ehrenwörtern, ihr Geschäft vorantreiben, also gerade keine Rücksicht auf die vorhandene Geldmenge nehmen, ist eine Eigenschaft des Geldes - dies der Grundgedanke aller Ideologien vom zu vielen Geld. Die tatsächlichen Entwicklungen, die Kapital und Staat in der Schaffung des Kreditgeldes durchgemacht haben, werden dem Geld als seine Besonderheit angedichtet, womit es ein Leichtes ist, es von seinem idyllischen Dämmerzustand in der Verkehrsgleichung in die Gestalt eines reißenden Tieres zu transferieren. Nicht die realen Wirtschaftssubjekte haben den ach so gefährlichen Zustand, wie er in der Inflation sich ausdrückt, hergestellt, sondern vom mächtigen, neben und außer ihnen stehenden Medium Geld werden sie vorangetrieben. Es, da so dynamisch, gerate sich selbst außer Kontrolle, seine Opfer mit sich reißend. Was kann man da tun?

Kreditgeld aus staatlicher Hoheit

Die Nicht-Geldmacher haben die angebliche Geldflut einfach mal hinzunehmen, ohne sich dabei Kompensationsansprüche herausnehmen zu wollen - ein Autokreditchen ist alles, was ihnen zusteht. Die Unternehmer haben gar nichts zu tun, höchsten mal zu versprechen, "Zurückhaltung bei den Preisen zu üben". Sie üben und üben schon seit Jahrzehnten, haben aber noch keine große Geschicklichkeit erlangt - also bleibt nur der Staat, um sich dieses Übels anzunehmen.

Das macht er, indem er den Unternehmern ihre Geldschöpfung erlaubt und garantiert, sie unterstützt und kontrolliert. Zunächst richtet er also das Kreditieren als anerkanntes Geschäft ein, definiert rechtlich Gläubiger und Schuldner in seinem BGB, macht schließlich die Privatbanken zu Verantwortlichen dieser Geldschöpfung. Durch strafrechtliche Verfolgung ist für pünktliche Schuldentilgung - bis auf die paar wichtigen Ausnahmen, über die noch zu sprechen sein - wird - gesorgt, und ein Wechsel z.B. erhält seine ganze Pfiffigkeit erst dadurch, daß der Staat ein Wechselgesetz zur Sicherung der "Wechselstrenge" erläßt. Zwar ist jetzt klar, daß das Kreditgeld kein "Geschöpf des Bankensystems" ist, sondern sich staatlicher Hoheit verdankt (auch wenn sie sich den Dreh nicht ausgedacht hat), doch die öffentliche Kritik geht erst dann los, wenn der Staat sich selbst an der Herstellung von Kreditgeld beteiligt:

Zur eigenen Finanzierung nimmt er Kredit auf bei seinen Wirtschaftssubjekten (vorrangig bei den Banken), und zwar indem er Wertpapiere ("Bundesschätze" etc.) herausgibt. Das hat den ganz erheblichen Vorzug, den Nachteil der Geldbeschaffung durch Steuereintreibung ins Gegenteil zu verwandeln: Diese tut nämlich der besitzenden Klasse gar nicht sonderlich gut, was sich dem Staat so darstellt, daß er deren Reichtumsvermehrung - an der ihm zum eigenen Wohle sehr gelegen sein muß - behindert; die Herausgabe von Wertpapieren hingegen entzieht den Besitzenden zwar Geld, aber nur zeitweise, und sie bekommen es mit Zinsen zurück. Diesen profitablen Geldentzug lassen die Angesprochenen freilich nicht auf sich sitzen: sie denken nicht daran, nun weniger zu kaufen, vielmehr befriedigen sie den Gläubiger nun mit einer neuen Sicherheit - den staatlichen Zahlungsversprechen. Voila! - sind die denn nicht wie Geld, wo sie doch vom Staate stammen?

Das mit der Konjunktur auf- und abschwellende Gezeter darüber rührt von daher, daß der Staat die Herausgabe dieser Papiere zunächst mal gemäß eigener Bedürfnisse vollzieht, und der findige ökonomische Geist stößt auf den Widerspruch, daß der Staat doch nur dafür da sei, die Wirtschaft zu unterstützen, sich dabei aber wie ein eigenständiges wirtschaftliches Subjekt aufführt. Die Lösung dieses "Widerspruchs": Wie soll der Staat denn seine Wirtschaft unterstützen, wenn er selbst dabei verarmt; wie soll er z.B. eine Subvention herschenken oder einen Steuernachlaß finanzieren, wenn er nichts im Säckel hat? Drum ist besagter ökonomischer Geist auch immer dahingehend beruhigt, daß die staatliche Verschuldung grundsätzlich rechtens ist, nur um das richtige Verhältnis von Schuld und Kreditgeld-Umlauf muß man sich größte Sorgen machen. Und wenn das Kreditgeld mal wieder auf eine "Preisüberhitzung" hinwirkt, dann ist sehr schnell der Staat dafür verantwortlich zu machen, weil er dieses Verhältnis mal wieder nicht hinkriegt.

Geldpolitik...

Wie sich schon in der Brockhaus-Kommentierung der Inflation andeutete (vgl. Motto), ist der Unterschied zwischen Geld und Kreditgeld völlig verschwunden. Der große Topf, den die Kapitalisten ganz undifferenziert zur Finanzierung verwenden, ist in eben seiner Einheitsbreiigkeit Sache des Staates, von ihm zu verwalten und zu steuern. Unter dem Firmenschild "Geldpolitik" laufen demnach so verschiedene Sachen wie Gelddrucken und Kreditsteuerung durch Zinsmaßnahmen:

"Die Initiative zur Geldschöpfung kann weitgehend beim Kreditnehmer verbleiben, und die Intervention kann sich auf die Anregung oder Hemmung dieser Initiative beschränken."

"Die Geldversorgung der Wirtschaft erfolgt in erster Linie über die Kreditnahme bei den Geschäftsbanken und die Steuerung ihrer Kreditgewährung über die Bankenliquidität."

D.h. die Wirtschaftssubjekte besorgen sich ihr Geld alias Kredit bei den Banken, wo sie sich verschulden. Es liegt in ihrer "Initiative", wieviel von dem Zeug sie sich holen - doch der Staat hat ein wachsames Auge auf ihre Tätigkeit. Einerseits sorgt er für die Basis der Kreditgeldschöpfung und wirft auch genügend davon selbst unter die richtigen Leute, andererseits setzt er aber auch durch, daß die richtigen diese "Initiative" entfalten: Mit zunehmender Kreditvergabe macht sich bei den Banken ein immer dringlicheres Bedürfnis geltend, nämlich nach "Liquidität", Barem also. Je hektischer die Nachfrage und je höher die geforderten Preise werden, desto häufiger taucht das Verlangen nach einer tatsächlichen Zahlung auf; auch der Zahl nach nur wenige Verbindlichkeitsbegleichungen verlangen - da das Geschäft ja mittlerweile immer größere Dimensionen angenommen hat - beträchtlich größere Geldansammlungen an jeweils einzelnen Punkten.

Das hat Konsequenzen:

Die Banken wenden sich an die Bundesbank und beleihen dort ihre Wertpapiere. Die Bundesbank gibt nun Mindestreserven frei oder druckt neues Geld - die Menge an Geld im "eigentlichen" Sinne wächst.

Die Kontrolle und Steuerung des Staates besteht nun darin, diesen Zustand der "Geldanspannung" zu verschärfen: die "Liquiditätsbeschaffung" bleibt zwar möglich, sie wird aber durch Gebührenerhöhung und Rationierung verteuert. Schon steigen die Kreditzinsen, somit die Produktionskosten, ein weiteres Mal also die Warenpreise.

Gleichzeitige Erweiterung der Geldmenge und Erschwerung der Geldbeschaffung hält nicht jeder Kapitalist aus - eben nur die "Richtigen". Nur die potentesten Bankkunden können sich diese Kostensteigerung leisten, d.h. alle anderen, die sich diese Kosten nur leisten können müßten, sind

gezwungen, sich auf irgendeine andere Art ihr Geld zu verschaffen. Das Schuldeneintreiben geht los - und sehr schnell stellt sich heraus, wer im Boom "leichtfertig gewirtschaftet" hat. Das haben zwar alle, aber einige hatten nicht genügend Erfolg und geraten dadurch jetzt in spektakuläre "Illiquiditäten", und die im vollsten Vertrauen auf künftige Zahlungsfähigkeit aufgebaute Kette der Zahlungsversprechen bricht zusammen. Zwar ist Geld genug vorhanden, doch die, die es haben, rücken es nicht heraus, eben aufgrund der kritischen Lage; sie sind es ja auch nicht, die so dringend auf tatsächliche Zahlung angewiesen sind - was sich in ihren Geldreserven manifestiert. Die ganzen schönen Titel, mit denen zuvor das Geschäft so glänzend lief, gelten jetzt nur noch einen feuchten Kehricht - der ganze in ihnen repräsentierte Reichtum erweist sich zu großen Teilen als in Wirklichkeit gar nicht vorhanden. Zu Geld lassen sich diese Titel nicht machen (man glaubt ihnen ja nicht mehr), stattdessen sind die wirklichen Reichtümer wie Waren, Maschinen, Gebäude zu Schleuderpreisen loszuschlagen, nur um an das bißchen - weitere Kreditmöglichkeit verbürgende - Geld heranzukommen:

"Geldkrise... sie ereignet sich nur, wo die prozessierende Kette der Zahlungen und ein künstliches System ihrer Ausgleichung völlig entwickelt sind. Mit allgemeineren Störungen dieses Mechanismus, woher sie immer entspringen mögen, schlägt das Geld plötzlich und unvermittelt um aus der nur ideellen Gestalt des Rechengeldes in hartes Geld. Es wird unersetzlich durch profane Waren... Eben noch erklärte der Bürger in prosperitätstrunkenem Aufklärungsdunkel das Geld für leeren Wahn. Nur die Ware ist Geld. Nur das Geld ist Ware! gellt's jetzt über den Weltmarkt. Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit seine Seele nach Geld, dem einzigen Reichtum." (Das Kapital, Bd. 1, S. 152)

...ist Konjunkturpolitik

Für den Staat ist dieser Vorgang nichts anderes als "Konjunkturpolitik mit Augenmaß": allein auf die richtige Quantität seines Mitteleinsatzes kommt es an:

"Ein Teil der Geldmengenexpansion finanzierte die Inflation. Aber es bleibt ein Teil übrig, um eine höhere Auslastung des Produktionspotentials -zu bewirken." (Jahresgutachten des Sachverständigenrats)

Hartnäckig hält sich dabei in der öffentlichen Diskussion die Wunschvorstellung, durch eine ganz wunderbar gelungene Dosierung der "geldpolitischen Instrumente" sei der periodische Zusammenbruch zu vermeiden, womit der Staat immer der eigentliche Schuldige, da Ungeschickte ist - eine Schuldhaftigkeit, die der Staat voll und ganz auf sich nimmt, um anläßlich des Nicht-Eintritts der erwünschten Ziele von "Marktkräften" zu sprechen, die seine Pläne durchkreuzten, und der Opposition (die ja Oberwasser haben muß) unrealistisches Wunschdenken vorzuwerfen (diese wiederum spricht von "mangelndem Sachverstand"). Dabei zeigt schon die Alternative des Mitteleinsatzes; daß der Staat zwar manches falsch machen, nie und nimmer aber die Krise vermeiden kann - es ist gerade sein Werk, sie herbeizuführen, weil sie kommen muß:

  • Schmeißt die Bundesbank das Geld nur so heraus, so dämpft sie die akute Zahlungsnot und ermöglicht "höhere Auslastung des Produktionspotentials", erlaubt gleichzeitig weiter steigend e Preise, galoppierende Inflation - schließlich Zahlungsunfähigkeit.
  • Hält die Bundesbank das Geld immer strenger zurück, so erhöht sie die Kreditkosten, bewirkt damit steigende Preise, Nachfragestockung - schließlich Zahlungsunfähigkeit.

Die Durchsetzung der Krise ist also Werk des Staates, weil er auf ihre sinnvolle Durchsetzung achtet; d.h. er erlaubt nicht, daß nun das Kreditsystem als Ganzes zusammenbricht, was schweren Schaden anrichten und jedermann ausschließlich aufs harte Geld verpflichten würde. Vielmehr sorgt er durch Garantien, Hilfen und Kontrolle der Banken für einen geordneten "Wiederaufbau" - nach Abzählen der angemessenen Opfer, versteht sich. Der entscheidende Punkt ist hierbei die Kontrolle der Banken: sie sind es ja, die das meiste Geld gehortet haben und nun sehr lässig - das dringende Bedürfnis nach Geld ausnutzend - den Übergang zum Wucherkapitalisten machen könnten. Doch wer könnte sich denn Wucherzinsen erlauben, und woher soll das zur Rückzahlung nötige Geld kommen? Wo bliebe überhaupt das ganze Kreditgeschäft, wenn doch auf diese Weise die produzierenden Kapitalisten schlicht und einfach ruiniert würden? Wovon wollte der Wucherkapitalist denn dann noch leben?

Sehr klug vom Staat, diese Schreckensvision immer wieder zu verhindern.

Inflation und Kapitalzyklus

Auf die Idee, daß das ganze Theater schon in dem Moment anfängt, wo der Staat - wie es so schön heißt - sich durch Herausgabe von Banknoten bei seinen Bürgern verschuldet (was er konsequent mit anderen Schuldtiteln fortsetzt) und daß diese Herausgabe nur deswegen funktioniert, weil jedermann die gewaltsame Absicherung des Konjunkturverlaufs durch den Staat für ausgemachte Sache hält - wer würde sonst diese komischen Zettel nehmen?! -, auf diese Idee kommt da keiner mehr. Eine Ahnung davon haben allerdings alle:

"In der Preiskalkulation schließlich ist das Ausnutzen der letzten Spielräume, die eine lebhafte Nachfrage zuläßt, zwar betriebswirtschaftlich verständlich, aber sie trägt auch den Keim in sich für eine noch stärkere" (= sie ist eine Inflation und trägt den Keim in sich für eine noch stärkere!)" und ihr schließliches Umkippen in die Krise."

"Dieses plötzliche Umschlagen aus dem Kreditsystem in das Monetarsystem fugt den theoretischen Schrecken zur praktischen Panik: und die Zirkulationsagenten schaudern vor dem undurchdringlichen Geheimnis ihrer eigenen Verhältnisse." (MEW 13, S. 123)

Strenger Logiker, der er ist, hat der alte Marx doch glatt übersehen, daß der Staat dieses Umschlagen in der Krise immer neu verhindert und das Kreditsystem aufrechterhält. Für den bürgerlichen Verstand Grund genug zu behaupten, es fände eigentlich gar nicht statt - wenn der Staat nur frühzeitig genug verhindern würde, daß er sich immer wieder in diese Klemme bringt, dieser Münchhausen.

Inflation - dies das Fazit - ist nichts als der oberflächlichste und damit das bürgerliche Auge schlagende Ausdruck der zyklischen Bewegung des Kapitals: dies erscheint nur noch als zwei auseinanderfliehende und gleichzeitig zusammenfallende Sorten von Geld, die eben in ihrer unerklärlichen Gegen- und Miteinanderentwicklung zu unvorhergesehenen und eigentlich unnötigen'"Störfällen" führen. Die Staatsaktion ist also einerseits herausgefordert, diese "Störfälle" zu beseitigen, andererseits sorgt sie eben dadurch für die Stabilität des Zyklus.

Begrenzung der Verschuldung

Auch (bzw. gerade weil) es

"keine durch ökonomisclie Kriterien von vorneherein eindeutig festgelegte Abgrenzung des Begriffs der öffentlichen Investitionen"

gibt - schließlich hält sich der Volkswirt an die Weisbeit, daß wirtschaftspolitische Macht die Sache schon regeln wird -, gehört sich, schon wegen der Wahlkampfzeiten, Schützenhilfe für den Arbeitgeber. Der Wissenschaftliche Beirat beim Finanzministerium vermeldet angesichts der Tatsache, daß (zumindest normalerweise) laut Art. 115 GG die Kreditaufnahmen des Bundes nicht höher sein dürfen als seine Investitionsausgaben, ein neues Kriterium für jenen Normalfall:

"Der Gesetzgeber soll den Begriff der öffentlichen Investitionen enger abgrenzen."

Wie: "Er soll in Zukunft Bildungs- und Gesundheitsausgaben - also die sogenannten Investitionen in den Menschen (!) - nicht als öffentliche Investition verstehen."

Und warum soll er sich da taub stellen: "Je nach Auslegung der öffentlichen Investitionen wäre damit ein erbeblicher Spielraum für die Verschuldung des Staates gegeben."

Ach so. Da wird sich der Herr Finanzminister aber freuen, daß sein rühriges Bemühen, seiner Volkswirtschaft Gutes zu tun, sich in Zukunft einer "sinnvollen Begriffsabgrenzung" verdankt. (Alle Zitate: Frankfurter Rundschau, 20.5.1980)