WELTWEITER NATURSCHUTZ GEGEN DEN SCHÄDLING MENSCH

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1990 erschienen.
Systematik: 

Politische Ökologie des Elends:
WELTWEITER NATURSCHUTZ GEGEN DEN SCHÄDLING MENSCH

Linke Freunde einer besseren Welt sehen im Elend der 3. Welt seit langem ein starkes Argument für die Reformbedürftigkeit der herrschenden kapitalistischen Verhältnisse. So auch ein Vordenker dieser Szene, der Grüne Joschka Fischer; allerdings auf ganz neue Weise. In einem Beitrag zur taktischen und strategischen Orientierung seiner Partei für die Deutschen Wahlen in diesem Jahr - abgedruckt in der Frankfurter Rundschau vom 7. Juni 1990 - gelingt dem Mann eine bemerkenswerte Fortentwicklung dieses Weltverbesserungsarguments: Er bereinigt es von dem Plädoyer, das bislang damit verbunden war, nämlich für eine durchgreifende ökonomische Besserstellung der 3.Welt-Länder und ihrer Bewohner. Vor einer Tendenz in dieser Richtung meint er im Gegenteil warnen zu müssen, und zwar ausgerechnet die Macher und Mitmacher des weltweit siegreichen kapitalistischen Systems. So entwickelt er den linken Anti-Imperialismus reaktionär fort und bringt ihn damit auf die Höhe der imperialistischen Zeiten.

1.

"Zur Jahrtausendwende, in zehn Jahren also, werden knapp 7 Milliarden Menschen die Erde bevölkem. In weiteren fünfundzwanzig Jahren, im Jahr 2025, werden es über 8 Milliarden Menschen sein, und damit wird sich die 'Gattung' Mensch seit 1950 zweimal verdoppelt haben. Wenn sich nur die eine Hälfte der Weltbevölkerung - und dies wäre für die andere Hälfte eine soziale Katastrophe bis hin zur möglichen Existenzvernichtung - in ihrer Produktion und ihrem Konsum in Industriegesellschaften den heute bekannten Typs mit den daraus nich ergebenden umweltbelastenden Energie-, Verkehrs- und landwirtschaftlichen Produktionssystemen organisieren wird, so wird diese Tatsache das Ökosystem der Erde radikal und dramatisch gefährden."

Wenn die Sache so liegt, dann kann Fischer sich gleich wieder beruhigen. Denn das steht gar nicht zu befürchten, daß die Weltbevölkerung, auch nur zur Hälfte, "sich" in solchen Lebensverhältnissen "organisiert", wie sie im Freien Westen herrschen. Eine erfolgreiche kapitalistische Produktionsweise ist keine Einrichtung, zu der ein Volk sich nur zu entschließen bräuchte oder überhaupt entschließen könnte, und schon würde sie sich einstellen. Der hierzulande "bekannte Typ" des Produzierens und Konsumierens ist für den großen Rest der Weltbevölkerung überhaupt nicht in Reichweite. Und das nicht etwa deshalb, weil diese Bevölkerung irgendwie noch nicht so weit ist, sondern im Gegenteil weil sie längst kapitalistisch "organisiert", nämlich in den Weltmarkt eingeordnet und für ihn funktionalisiert ist - eben als eine fürs Kapitalwachstum überflüssige, also: Über-Bevölkerung. Das Attribut "Über" entstammt ja wahrhaftig nicht der großen Zahl dieser Bevölkerung, sondern der Rolle innerhalb der fertigen kapitalistischen Weltwirtschaft, die die darin herrschenden Interessen ihr zudiktiert haben.

Der grüne Politiker hält sein "Wenn" jedoch für sehr real; eine "Organisation" größerer Teile der Weltbevölkerung nach dem Muster der westlichen "Industriegesellschaften" erscheint ihm geradezu unausweichlich. Den Grund dafür entnimmt er - ausgerechnet - der Abdankung des "sozialistischen Lagers":

"Nachdem der Westen gesiegt hat, wird ihn die Dialektik dieses Sieges... dazu zwingen, sein Wirtschafts- und Politikmodell (industrielle Marktwirtschaft und Demokratie) zu globalisieren."

Soviel hat der Mann also schon von der Weltlage mitbekommen, daß die Herstellung ökonomischer und politischer Verhältnisse auf dem Globus Sache des Westens und nicht der restlichen Weltbevölkerung anheimgestellt ist. Nicht mitbekommen hat er anscheinend, daß die "industrielle Marktwirtschaft", also das kapitalistische Geschäftsleben, und "Demokratie", also die im Westen beheimatete politische Gewalt, keine "Modelle" sind, die vom Erfinder allen anderen zur Nachahmung überlassen werden, sondern die längst "globalisierten", real existierenden Benutzungs- und Kontrollverhältnisse, die die Staatenwelt bestimmen und denen die 3.Welt-Staaten schon gleich restlos subsumiert sind. Stattdessen stellt sich Fischer, ganz im Sinne des alten Entwicklungsgedankens, Demokratie und Marktwirtschaft als den gesellschaftlichen Normalzustand vor, den die Länder der 3. Welt noch vor sich hätten, und als eine Art soziologischen Exportartikel, den sie aus den erfolgreichen Nationen der 1. Welt beziehen könnten. Mitten in einer Welt, in der das kapitalistische Geschäft sich noch des hintersten Erdenwinkels bemächtigt hat, und zwar unter dem Schutz staatlicher Gewalten, deren Befehlszentrale in den siegreichen Demokratien beheimatet ist, sieht Fischer die Lage so, daß der Westen seine Art zu herrschen und zu wirtschaften, noch gar nicht "global" gemacht hätte; das stünde jetzt aber bevor, damit die Angleichung der Verhältnisse in der 3. Welt an die in der 1., und zwar mit der Unwidersprechlichkeit eines Sachzwangs welche "Dialektik" es auch immer sein soll, die für den Westen ausgerechnet seinen "Sieg" zum "Zwang" macht; aus seiner linken Zeit kennt Fischer das Wort "Dialektik" offenbar noch als so schlagenden methodischen Verweis auf die Existenz von Argumenten, daß man diese selbst gleich gar nicht mehr mitzuteilen, geschweige denn zu wissen braucht. Jedenfalls soll man sich die Sache so denken, daß mit der 2. Welt des Sozialismus das Hindernis dafür entfallen wäre, daß die 1. Welt ihre 3. an ihren Errungenschaften teilhaben läßt - und das soll keineswegs gut, sondern ein Dilemma sein. Denn genau die Angleichung der drittweltlichen Lebensverhältnisse an einen entwickelten Lebensstandard, die alle wohlmeinenden Weltverbesserer bislang für gut gehalten und in der Wirklichkeit vermißt haben, hält Fischer für sachzwanghaft fällig - und verheerend:

"Dies", nämlich die Globalisierung des westlichen Herrschafts- und Politikmodells, "wird sich aber ohne den Umbau dieses Wirtschaftssystems als schlicht unmöglich erweisen, da z.B. allein die Energieerzeugung und Energienutzung der Europäer oder gar Nordamerikaner, eine der entscheidenden Voraussetzungen für Wohlstand und soziale Sicherheit, für die Mehrheit der Menschheit ohne globalen Öko-Gau einfach nicht machbar ist."

Fischer gehört nicht zu den Linken, die dem weltberühmten westlichen "Wohlstand" mißtrauen, wenn seine "ökologischen Unkosten" also die Vergiftung, die mit seiner Produktion einhergeht - so hoch sind; die die "soziale Sicherheit" im Kapitalismus fadenscheinig finden, wenn soviel Existenzunsicherheit zum Alltag gehört; die also noch irgendwie mitkriegen, daß die sogenannten Umweltprobleme eine Sorte produktiver Verelendung sind - dementsprechend ja auch höchst ungleich in ihren Wirkungen -; und die deswegen den erfolgreichen Kapitalismus mit seinen ruinösen Ausbeutungstechniken nicht für das über jeden Zweifel erhabene Vorbild für den Rest der Welt halten. So selbstverständlich wie noch jeder AKW-Betreiber und Autokonzern geht Fischer von der Gleichung aus, daß die kapitalistische Energieerzeugung und -nutzung für "Wohlstand und soziale Sicherung" unabdingbar sind, deswegen auch unbedingt erstrebenswert für die gesamte 3. Welt. Wenn er einen "dialektischen" Zwang für den Westen postuliert, die Marktwirtschaft zu "globalisieren", dann denkt er durchaus an einen Zwang zur Verallgemeinerung menschlicher Wohlfahrt. Von der will er als radikaler grüner Reformer nämlich behaupten, daß sie nicht geht und bei Strafe des Weltuntergangs gar nicht angestrebt werden darf; daß sie jetzt aber auf der weltpolitischen Tagesordnung stünde und deswegen unbedingt reformerisch bekämpft werden muß. Es gilt, den Kapitalismus an der materiellen Menschheitsbeglückung zu hindern, die ihm angeblich einprogrammiert ist und die mit seinem Sieg global wird - eben mit so ruinösen Folgen für den Globus, daß der Kapitalismus gar nicht umhin kommt, sich die Beschränkung seines Wohltaten spendenden Wachstums, also: grüne Reformpolitik gefallen zu lassen.

2.

Mit seiner Warnung vor einem Kapitalismus, der die Wohlfahrt verallgemeinert und damit untergräbt, knüpft Fischer an den alten linken Entwicklungsidealismus an, der über lauter Ungerechtigkeiten Beschwerde geführt hat, die die möglichen menschheitsbeglückenden Wirkungen der Weltwirtschaft dauernd be- und verhindern würden. Das Ideal des weltmarktwirtschaftlichen Menschheitsfortschritts erklärt er glatt zum wirklichen Bewegungsgesetz der imperialistischen Gegenwart - um es radikal umzuwerten. Im Namen des ökologischen "dicken Endes" polemisiert er gegen den Standpunkt der Weltverbesserung als solchen: Der selbst soll ein katastrophaler geschichtlicher Fehler sein, und nicht etwa bloß seine unzureichende Verwirklichung eine schreiende Ungerechtigkeit. Von diesem Standpunkt aus entwirft der kluge Mann ein gelehrtes Geschichtsbild:

"Sowohl die stalinistischen Volkswirtschaften des realen Sozialismus als auch der sozialstaatlich gebändigte Kapitalismus des Westens versuchten die Überwindung des Reichs der Notwendigkeit hin zum Reich der Freiheit durch eine scheinbar schrankenlose Ausbeutung der natürlichen Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zu erreichen. Marx' theologische" (gemeint ist wohl: teleologische) "Formel lautete, daß, wenn für alle Menschen einmal genug an Gütern produziert würde, es dann keinerlei Grund mehr für Ausbeutung und Klassenherrschaft, für Entfremdung und Kapital geben würde. Diese Marxsche Ideologie vom Reich der Freiheit als der realisierten Überflußgesellschaft ist die industrielle Wachstumsutopie par excellence gewesen, die sowohl im Osten wie im Westen - zugegebenermaßen mit unterschiedlichem Erfolg - gleichermaßen geträumt wurde und wird. Diese Rechnung wurde allerdings ohne den Wirt gemacht, nämlich das begrenzte Ökosystem Erde."

Daß das Kapital mit seiner schrankenlosen Akkumulation, übrigens nicht von allgemein verfügbarem Überfluß, sondern von abstraktem Reichtum, von Eigentum, die beiden "Springquellen" jeden Reichtums, Arbeit und Natur, "untergräbt", hat Fischer bei Marx nicht lesen wollen. Ebensowenig, daß die kapitalistische Produktionsweise die Nöte eines Daseins in einer unbewältigten Natur nur überwindet, um sie durch die Notwendigkeiten eines Lebens unter dem Diktat der kapitalistischen Akkumulation und der dazugehörigen produktiven Armut zu ersetzen und zu überbieten. Und was es an Aufwand an Ressourcen braucht und was an Schadstoff anfällt, damit es nicht dem Kapital, sondern bloß den Menschen gut geht - also für das "Reich der Freiheit" -, das hat der Kenner der Leistungskraft des Ökosystems Erde erst recht nicht hochgerechnet. Fischer findet es einfach eine gute Idee, Marx als Idealisten der Produktionsweise, die er kritisiert hat, hinzustellen und den Kapitalismus als die Verwirklichung des kommunistischen Wunsches nach einem Reich der materiellen Freiheit. Denn so denunzieren ausgerechnet die zerstörerischen Wirkungen der kapitalistischen Akkumulation jede sozialistische Parteinahme für deren Opfer. Mit dem Giftmüll des Kapitals und seiner Hochrechnung wird bewiesen, daß "Wohlstand für alle" nicht geht - man braucht ihn dafür bloß als die notwendige Unkost nicht der kapitalistischen Akkumulation, sondern des damit angeblich identischen Strebens nach allgemeiner Wohlfahrt zu verstehen. Dann entlarven die Schäden, die die kapitalistische Wirtschaftsweise wirklich und in absehbarer Zukunft anrichtet, nicht dieses System, sondern "den Menschen" als Gattung uon Schädlingen: als Schmarotzer, der ruiniert, wovon er lebt.

So setzt der grüne Theoretiker und Parteistratege an die Stelle einer Kritik der politischen Ökonomie der "westlichen Industriegesellschaften" einen reaktionären Moralismus. Dem Kapitalismus erteilt er eine Absage, die genauso wie jede Apologie der Marktwirtschaft! - den Materialismus des Geschäfts für den menschlichen Materialismus schlechthin nimmt, und er polemisiert gegen diesen, wo in Wirklichkeit der herrschende Materialismus des Geschäfts die materiellen Interessen und Bedürfnisse der Menschen schädigt. Genau da, wo die kapitalistische Ökonomie praktisch die Lebensbedürfnisse der Menschen angreift und einschränkt, fordert diese grüne Moral - die Einschränkung von Wohlfahrt und Bedürfnisbefriedigung.

Damit paßt dieser Standpunkt zu der kapitalistischen Ökonomie, der er eine reformerische Absage erteilt. Denn der Kapitalismus ist nun einmal nicht das Ergebnis des menschlichen Strebens nach Überfluß, geschweige denn einer marxistischen Überflußverheißung, sondern die politische Ökonomie des abstrakten Reichtums, die ihre Massen vom wirklichen Überfluß ausschließt. Zu dieser Produktionsweise gehört daher allemal und seit jeher eine Ideologie, die jeden erreichten "Lebensstandard" der Leute als schädlichen Luxus verdächtigt, und eine Moral, die für die Beschränkung der wirklichen menschlichen Bedürfnisse plädiert. In diese Tradition fügt Fischer sich ein indem er seinen Einfall als neue, historisch unausweichlich gewordene Erkenntnis bewundert und anpreist:

"Die Umweltkrise zeigt uns, daß das Reich des Überflusses und damit die Freiheit jenseits der materiellen und naturwissenschaftlichen Grenzen unseres Ökosystems Erde liegen und damit für immer unerreichbar bleiben werden. Zwischen uns und dem Reich der Freiheit liegt die ökologische Selbstzerstörung der Gattung Mensch, das ist die eigentliche Lektion der globalen Umweltkrise. Damit hat sich aber eine entscheidende Grundannahme der sozialistischen Linken historisch erledigt." "Damit haben wir es aber faktiich mit einem Paradigmenwechsel in den politisch bewegenden Gesellschatsutopien der Neuzeit zu tun, weg von revolutionär umstürzenden Fortschrittsutopien hin zu eher konservativen Begrenzungsutopien in der Gesellschaft." "Der Konflikt zwischen der quantitativ gegen unendlich zielenden technisch-wissenschaftlichen Wachstumsdynamik der Industriegesellschaften und der mehr und mehr in die Erfahrungswelt der Menschen einbrechenden Konsequenzen der Erschöpfbarkeit des Ökosystems Erde, die Umweltkrise also, läßt nur noch negative Begrenzungsutopien zu, und das sind keine diesseitigen Paradiesversprechungen mehr, sondern machbare und d.h. pragmatische ökologische Überlebens-, soziale Gerechtigkeits- und demokratische Freiheitsziele."

Immerhin: Bei aller geschichtsphilosophischen Verschrobenheit ein klares Wort zur Lage der 3. Welt. Da geht die weitaus größere "Hälfte" der Weltbevölkerung an dem Lebenskampf zugrunde, den ihr der geschäftstüchtige Gebrauch ihrer Länder durch die Macher des Weltmarkts aufzwingt - und der gelehrte Grüne attestiert den Leuten "Erfahrungen" mit der begrenzten Freigebigkeit der Natur. Da schreitet die Verelendung ansehnlicher Menschenmassen durch die kapitalistische Konkurrenz weltweit voran, und der kapitalismuskritische Kopf polemisiert gegen "diesseitige Paradiesversprechungen". Da werden etliche Völker durch Vorschriften des Internationalen Währungsfonds unter jedes aushaltbare Lebensniveau gedrückt, und der global denkende Naturfreund erklärt "Beschränkung" zur fälligen "Utopie". Die unverbesserlichen Lebensverhältnisse in der 3. Welt erscheinen geradezu als Vorbild für die Sorte Bescheidenheit, mit der der grüne Reformer das "Ökosystem Erde" retten will.

Dieses Weltbild leistet nicht bloß die allgemeine Rechtfertigung kapitalistischer Verhältnisse dadurch, daß es alles Kapitalistische an ihnen, alle Unterschiede und wirklichen Gegensätze zwischen den verschiedenen Subjekten, Nutznießern, Dienstkräften und überflüssigen Opfern der Weltwirtschaft, in der moralischen Einheitskategorie 'Mensch contra Ökosystem Erde' ersäuft. Es ist ein unbefangenes Bekenntnis zu einer Welt, in der der siegreiche Westen das höchste Subjekt ist, das über die Weltwirtschaft entscheidet - und in der die fällige Entscheidung über die 3. Welt auf Beschränkung statt Entwicklung lautet. Die ökologische Moral ist das gute Gewissen der Verelendung, die ohnehin vonstatten geht und zu deren Beschönigung die siegreiche imperialistische Welt weiter keine Notwendigkeit sieht. Ein Beitrag also, der "in die Landschaft paßt".

3.

Aus dem weltpolitischen Sieg des Westens leitet Fischer neben der Unumgänglichkeit grüner Inhalte westlicher Weltpolitik genauso frei und zielbewußt den Sachzwang ab, daß die Staatenwelt sich in Zukunft grüner Methoden bedient. Das Argument geht so:

"Zweitens aber zwingt der Sieg im Ost-West-Konflikt die westlichen Industriegesellschaften zu einer neuen Form der Politik: der Raubbau am tropischen Regenwald, die Verschmutzung der Meere, der Treibhauseffekt und andere Folgen der Industrialisierung und Unterentwicklung lassen sich nicht mehr mit den Mitteln des klassischen Machtstaats und seiner militärischen Hochrüstung bekämpfen. Dagegen kann man nicht mit Armeen intervenieren... Damit aber wird sich die traditionelle, letztendlich auf Gewalt und Gewaltandrohung beruhende Machtstaatspolitik als museal und historisch erschöpft erweisen, und eine neue, global orientierte 'zivile Politik' der gemeinsamen Überlebensinteressen wird sich durchsetzen."

Das ist gut beobachtet, daß Armeen und Waffen weder der Aufforstung noch der Meeressäuberung dienen. Man könnte hinzufügen, daß sie sich auch nicht recht für die Abwicklung von Warentermingeschäften mit Tropenholz, fürs Versicherungsgeschäft mit Öltankern, für die Umschuldung überfälliger Kredite und ähnliche traditionelle Alltagsgeschäfte des globalen Kapitalismus eignen. Sämtliche imperialistischen Benutzungsverhältnisse haben einen zivilen Inhalt, der durch Raketenbeschuß genausowenig durchzusetzen ist wie die paar ökologischen Aufräumarbeiten, die Fischer aufzählt. Die "global orientierte zivile Politik" der kapitalistischen Konkurrenz ünd die "auf Gewalt und Gewaltandrohung beruhende Machtstaatspolitik" konkurrierender Souveräne sind allemal so inkommensurabel wie Profit und Polizei. Eben deswegen hat der zivile Inhalt weltweiter Geschäfte das Militär nie überflüssig gemacht; im Gegenteil. Das stiftet ja erst die nötige Zuverlässigkeit in all den zivilen Benutzungsverhältnissen, welche - unter anderem - die Auswirkungen auf Meere und Regenwälder haben, mit deren Bekämpfung Fischer die Weltpolitik in Zukunft ausschließlich beschäftigt sieht. Man fragt sich zwar, woher dann eigentlich noch die ökologischen Schäden kommen, wenn die neue Weltpolitik sich bloß noch um deren Kompensation bemüht. Oder umgekehrt: Wenn Staaten tatsächlich beim Gebrauch der Natur und dessen Folgen mit Überlebensproblemen konfrontiert sind, dann allemal in der Weise, daß die starken Konkurrenten das Wachstum ihres Reichtums und ihrer Macht auf Kosten aller anderen betreiben. Aber das gehört schon wieder zu den real existierenden politökonomischen Gegensätzen, die im Weltbild der ökologischen Überlebensmoral einfach nicht vorkommen.

Als grüner Moralist der unumgänglichen allgemeinen Bescheidenheit denkt Fischer also immerhin konsequent. Mit dem Sieg des Westens über die sozialistische Alternative sieht er die letzte "machtpolitische" Konfrontation aus der Weltpolitik verschwinden, so daß er jetzt überhaupt keine unterschiedlichen Subjekte und gegensätzlichen Interessenlagen und schon gar keinen internationalen Konkurrenzkampf mehr ausmachen kann, sondern nur noch den allgemeinen grünen Sachzwang auf der einen, die Schädlingsgattung Mensch auf der anderen Seite. Alle Erpressungsverhältnisse zwischen den wirklichen Subjekten des Weltgeschehens, alle Überlebensprobleme, die diese einander bereiten, sind damit als irrelevant weggedacht - kein Wunder, daß dem Mann dann auch alle zwischenstaatlichen Erpressungsmittel "historisch erschöpft" vorkommen.

Diese grüne Utopie eines Sachzwangs zur Solidarität der Nationen ausgerechnet aufgrund von Überlebensproblemen ist denkbar weltfremd; aber das ist nur die eine Seite. Der Traum von einer nunmehr unausweichlich friedlichen, zivilen Welt rechnet auf der anderen Seite ganz selbstverständlich mit dem siegreichen Westen als dem maßgeblichen Subjekt bei der Herstellung einer friedlich-ökologischen Welt-Überlebensordnung; er kennt ja und benennt das aufgelöste sozialistische Lager als das letzte, nun beseitigte Hindernis dafür, daß der Westen sich ganz zivil als der verantwortliche Sachwalter des globalen Umweltschutzes betätigt - auch dazu soll er ja gerade durch seinen Sieg "gezwungen" sein. Mit dieser ideologischen Konstruktion nimmt der grüne Reformer Partei für ein Monopol des Westens auf die Einrichtung jener "gemeinsamen Überlebensinteressen" der Staatenwelt, von denen man schon weiß, daß sie nur durch Beschränkung des allgemeinen Wohlfahrtsstrebens, durch die Abwehr jeder Tendenz zur Angleichung der Lebensverhältnisse in der 3. Welt an die der 1. zu sichern sind. So steht die 1. Welt mit ihrem Monopol auf Macht und Reichtum in Fischers Weltbild als der zur Friedlichkeit verurteilte Sachwalter eines globalen Einschränkungs- und Bescheidenheits-Paradigmas da. Und das ist in all seiner Absurdität dann doch ein sehr entschiedenes grünes Ja zu einer westlichen Weltpolitik, die tatsächlich keine Staatsgrenze als Schranke westlicher Zuständigkeit anerkennt, quasi welt-innenpolitisch in alle Länder des Globus hineinregiert und überall für "Sanierungsprogramme" des härteren Kalibers sorgt. Seit sie sich von der "Gefahr" sozialistischer Alternativen und sowjetischer Einsprüche frei wissen, buchstabieren die Weltpolitiker des Freien Westens ja sehr offensiv ihre unveräußerliche "Verantwortung" als das Recht, allen übrigen Staaten ihre Politik vorzuschreiben, und zwar eine Politik, die auch offiziell Abschied nimmt von jedem nationalen Entwicklungsidealismus. Die "Pflicht", alle übrigen Staaten, notfalls mit Gewalt, auf die zivilen Verkehrsformen festzulegen, in denen sie so erfolgreich ihre Konkurrenz gegen den Rest der Welt austragen, lassen die demokratischen Nationen des Westens sich schon gleich von niemandem abnehmen.

Vor diesen in der Sache nicht neuen, aber mit neuem Nachdruck zur Geltung gebrachten Selbstverständlichkeiten der internationalen Politik brauchen sich grüne Weltverbesserer nun also nicht mehr zu blamieren, indem sie immer noch den Idealismus einer durchgreifenden Anhebung des drittweltlichen Lebensstandards aufrechterhalten - obwohl die Weltwirtschaft so etwas ein für allemal nicht vorsieht - und womöglich noch für so etwas wie nationale Eigenständigkeit eintreten - wo doch die maßgeblichen Führungsmächte längst alle fremden Grenzen für unerheblich erklärt haben. Ihr ökologischer Moralismus läßt sie auf die Höhe der Zeit gelangen und, idealistisch grundsätzlich, genau das fordern und befürworten, was der westliche Imperialismus als sein zeitgemäßes Recht definiert.

Dafür widerfährt den Kapitalismus-kritischen Anwälten des "Ökosystems Erde" die Genugtuung, daß die wirklichen Macher des Weltmarkts und seiner naturzerstörenden Auswirkungen bei Gelegenheit gern auf grüne Vorstellungen von der unteilbaren Verantwortung der Weltpolitik zurückgreifen und sich auf den Schutz des Regenwaldes berufen, wenn sie tropischen Schuldnerstaaten eine neue Sparpolitik diktieren. Das beweist den grünen Weltverbesserern, wie richtig sie liegen. Und umgekehrt als so, wie sie es meinen, ist da ja auch was dran.