WEISSER MANN AUF ROTEN-SAFARI IM SCHWARZEN KONTINENT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1986 erschienen.
Systematik: 

Peter Scholl-Latour: schon wieder unterwegs
WEISSER MANN AUF ROTEN-SAFARI IM SCHWARZEN KONTINENT

"Peter Scholl-Latour ist ein großartige Erzähler", urteilt die "Süddeutsche Zeitung" in ihrer Besprechung von PSL's (so kürzelt er sich selbst) neuem Buch "Mord am großen Fluß", in dem er auf ca. 500 Seiten seine zum größten Teil 20-30 Jahre alten Reportagen über Afrika (natürlich als Bestseller) herausgibt.

Weit entfernt davon, obiges Urteil anzuzweifeln, halten wir es für der Mühe wert, den von der "Süddeutschen Zeitung" trotz aller Richtigkeit schuldig gebliebenen Beweis zu liefern und den Autor gegen kleinliche Mäkeleien des "Spiegels" und auch der "SZ" in Schutz zu nehmen und zu verteidigen.

Schon der Titel ist eine absichtsvoll-bescheidene Untertreibung. Natürlich kommt in dem Buch ein Mord vor und auch ein Fluß, auch sind die charakteristischen Merkmale eines Kriminalromans gegeben: Der Mord wird aufgeklärt, und auch so etwas wie Spannung wird - vielleicht etwas mühsam - erzeugt und aufrecht erhalten. Der Autor vermag trotz der langen und oft unterbrochenen Zeitspanne und der wechselnden Schauplätze in einem großen Wurf die ganze afrikanische Politik als großes Durcheinander, als exotisches Chaos aus Brutalität, mühsam gedämpfter Sinn- und immer wieder zurückerlangter Be-sinnlichkeit darzustellen.

Über das Trivial-Handwerkliche des gewöhnlichen Kriminalromans geht das Werk aber schon von vornherein deutlich hinaus durch die ursprünglich vitale, durch keine falsch verstandene Intellektualität verwässerte erzählerische Potenz seines Verfassers, die in geradezu großartiger Naivität sich in die antediluvianischen, von der Zivilisation nur notdürftig verdeckten Tiefen der Negerseele hineinzuversetzen vermag.

"An dieser Stelle, auf dem Asphalt der Straße, rissen die Lulua-Weiber am hellen Mittag ihre Kleider vom Leib und stampften splitternackt im Kriegstanz. Der Tanz der Frauen, der gellende Rhythmus der heiseren Stimmen, das Grollen der Tam-Tam steigerten sich zum Blutrausch. Die Männer griffen zum Buschmesser..."

Zwar könnte man an dieser Stelle PSL als dem Auslandskorrespondenten, der er ja auch noch ist, entgegenhalten, er habe diese Szene (nach eigenem Eingeständnis) nicht wirklich beobachtet. Schließlich gehört es doch auch zum Ethos dieses Berufs, immer alles - egal was - mit eigenen Augen gesehen zu haben. Aber der Vorwurf der Lüge wäre so kindisch, wie es abgeschmackt wäre, im puren Erfinden die ganze Kunst des Dichtens zu sehen.

Das eigentlich Dichterische, das unbestreitbare Erzähltalent, ist die

Unverfälschte Bildlichkeit der Sprache

Scholls Fähigkeit besteht darin, jede kleine Einzelheit aus der Ebene der Zufälligkeit herauszuheben, der Sphäre der Bedeutungslosigkeit zu entreißen und zu einem aussagekräftigen Bild zu formen. Zwar weiß PSL auch von bedeutenden afrikanischen Politikern zu berichten, wie z.B. von Zaires Staatschef Mobutu Sese Seko, der ihn schon mal gelegentlich zu einer vertraulichen Unterhaltung beiseite zieht, aber in solch verzeihlichen Eitelkeiten besteht nicht die Größe des Buches. Da ist vielmehr die minutiöse Beschreibung der Kongokrise, der Zustände in Äthiopien, Nigeria oder sonstwo, die nur scheinbar aus lauter zufälligen und möglicherweise uninteressanten Beobachtungen besteht. In Wahrheit fügt sich hier alles für sich und alles gemeinsam zu einem sinnigsinnvollen Mosaik. von dezidierter Aussagekraft zusammen.

Ratlos mag der unbedarfte Leser zunächst vor "Meldungen" wie den folgenden stehen:

"Auf dem Flugplatz von Ndjili ist die Rollbahn heute morgen durch Drahtverhaue gesperrt."

"Wer in Leopoldville Wert auf eine gepflegte Tafel legt, geht weiterhin im Zoo-Restaurant essen."

"Zwei Ghana-Soldaten stritten sich auf dem Boulevard Albert mit einem athletischen Einheimischen"

"In Diredaw ist eine Kalaschnikow für zwei Flaschen Whisky zu haben."

Es geht hier gar nicht - wie man zunächst vermuten konnte - um Verbraucherratschläge für sparsame Schnellfeuergewehrkäufer, qualitätsbewußte Restaurantkunden oder Body-Building-Interessenten, sondern um einen in seiner Einfachheit genialen Kunstgriff in der Wahl der Erzählperspektive: Durch diesen nur scheinbar harmlos biederen Blickwinkel läßt der Künstler den Leser so am Geschehen teilnehmen, daß sich ihm die weltpolitische Bedeutung der Zusammenhänge, in die er so versetzt (um nicht zu sagen: verwoben) wird, gleichsam wie von selbst erschließt. Um eines der o.g. Beispiele wieder aufzunehmen: Im Zoo-Restaurant von L-ville sitzt nämlich ein neuer Gast - und verdirbt einem die Freude an der Mahlzeit:

"An einem abgesonderten Tisch mit ein paar robusten Herren in hellen Anzügen und weiten Hosenbeinen tafelt" (nicht etwa ein Mafia-Boß + Gorillas, sondern) "der Repräsentant der Sowjetunion. Botschafter Jakowlew ist weißhaarig; (= tarnt sich als harmloser Greis) "hat buschige Augenbrauen" (die seinen wahren Charakter verraten) "und sieht wie ein Mechaniker aus. Sein Chauffeur ist" (nicht etwa ein Chauffeur:) "kein Afrikaner, sondern ein hünenhafter Russe."

Ein schönes Beispiel dichterischer Intuition. Nicht etwa kommt in dürren Worten die simple Botschaft daher: Russen haben in Afrika nichts verloren - nein, statt einer schmalspurig-eindimensionalen politischen Parteinahme für eine der beiden Großmächte stellt uns der Dichter einen Charakter vor Augen und läßt den Leser selbst entscheiden: Eine zwielichtige Gestalt mischt sich unter die gute Gesellschaft, sondert sich zwar selbst schon ab, aber nicht weit genug (ab nach... Moskau!), und führt nicht einmal anstandshalber einen Alibi-Neger in Chauffeurs-Uniform mit sich!

Daß Afrika dem Westen gehört, diese schlichte Wahrheit könnte leicht mit politischer Propaganda verwechselt werden. Aber PSL hat es nicht nötig, sich in die wenig glaubwürdige Pose des politischen Agitators zu begeben. Statt dessen eignet dem Autor

Ein feines Gespür für passende Proportionen

"In ihrer olivbraunen Uniform mit den steifen tschechischen Mützen wirken sie wie politische Kommissare. Erstaunlich, wie 'volksdemokratisch' diese Abgesandten Sekou Toures schon sind. Die Guineer geben sich unnahbar und puritanisch, als hätte die marxistische Ideologie bei ihnen bereits einen neuen Menschentypus geprägt."

Wenn Neger aus der Art schlagen...

Auch das Zwiespältige und Gefährliche der irregeleiteten Negernatur veranschaulicht die Schilderung Patrice Lumumbas, gerade in dem Augenblick, wo er sich auf der Flucht vor seinen Verfolgern befindet:

"Wie ein Rachegeist stand der lange, hagere Mann unbeweglich in der Nacht. Sein Hemdkragen war offen. In seinem Gesicht stand der Ausdruck verzweifelter Entschlossenheit. Die Augen hinter den Brillengläsern rollten in wilder Erregung."

Vor dem billigen Vorwurf des Rassismus sollte man sich hüten: Die Furcht vor dem Bösen im Fremden ist nämlich keineswegs der dunklen Haut geschuldet, sondern dem, daß hier ein widernatürlicher Geist in die sonst ganz handsame Negernatur gefahren ist. Natürlich versäumt es ein weltläufiger Autor wie PSL nicht, aktuelle und relevante Zeitbezüge zur Gegenwart herzustellen. Als Beispiel folgender Ausschnitt, den wir nahezu ungekürzt und nur mit den nötigsten Hinweisen zu Struktur und Komposition des Textes wiedergeben. In wenigen Strichen wird meisterhaft eine düster-trostlose Szenerie skizziert:

"Diredawa, im März 1985

Vor dem Drahtverhau, der den Flugplatz von Diredawa gegen Partisanen abschirmen soll, liegt die Bahnlinie Dschibuti - Addis-Abeba. Eine Lokomotiue zerrt ein halbes Dutzend klappriger Waggons nach Westen, in den staubverhangenen Sonnenuntergang."

Plötzlich hellt sich die Szene wohltuend auf:

"Hinter dem Drahtverhau trinken deutsche Luftwaffensoldaten am Rande der Rollbahn Dortmunder Bier zum Barbecue..."

Trostlosigkeit schlägt um zur Idylle:

"Die deutschen Bundeswehrsoldaten füllen die schläfrige Stadt Diredawa mit ungewohnter Zwanglosigkeit. Sie haben die meisten Zimmer in den beiden akzeptablen Hotels reseruiert, sitzen nach dem Dienst in den Bars, wo sie Gefallen an den braunhäutigen Mädchen finden."

(Wo es - man erinnert sich - Herr Jakowlew nicht einmal mit einem schwarzen Chauffeur treiben wollte.)

"Deutsche und Briten arbeiten aufs engste zusammen und rätseln gemeinsam über die seltsame Inaktivität jener (!!) acht russischen Transportmaschinen..., die seit sechs Wochen keinen Einsatz geflogen haben."

Eingeführt über das gemeinsame Rätselraten der sympathischen neuen Hauptfiguren klingt hier leicht varriiert, aber unüberhörbar und unverkennbar das Leitmotiv des Buches wieder an:

"Die sowjetischen Flugzeuge sind mit Kennzeichen der zivilen Aeroflot überpinselt, aber die Heckkanzel für den Bordschützen ist klar erkennbar."

Mit bewundernswerter Sicherheit und Schärfe gelingt es hier dem Autor, mittels der Dialektik von zivil-militärisch und militärisch-zivil die Trennungslinie zwischen Gut und Böse so zu ziehen, daß man am Ende genau weiß, daß die einen zivil in Afrika nichts verloren haben, weil militärisch auch nicht und umgekehrt, während die anderen militärisch so zivil auftreten, daß...

Daß sich der Autor an dieser entscheidenden Stelle persönlich zu Wort meldet, mag man ihm um so weniger verwehren, als er sich - fern von politischen Visionen oder gar deutsch-imperialistischen Sehnsüchten - ganz auf den Bereich des Beobacht- und Erfahrbaren beschränkt:

"Für mich war es nach so vielen militärischen Lufteinsätzen in der Dritten Welt, die ich an Bord französischer, amerikanischer, britischer, portugiesischer iranischer, südafrikanischer Flugzeuge oder Hubschrauber absolviert hatte, ein durchaus positives Erlebnis, dieses Mal an einem Unternehmen der Bundeswehr teilzunehmen. Es handelte sich gewiß um eine ausschließlich humanitäre Aktion, aber die Technik des Dropping im Hochland von Äthiopien erinnerte mich an ähnliche Aktionen über den Dschungeln von Tonking und Laos."

Unser Vorschlag: Als Literaturpreis für Peter Scholl-Latour schon heute eine Platzreservierung in der Pilotenkanzel des ersten Bombers der Bundesluftwaffe, der zu einem echten Einsatz über... oder anderswo startet.