"WEHRET DEN ANFÄNGEN!"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1989 erschienen.
Systematik: 

"WEHRET DEN ANFÄNGEN!"

Das ist die kritische Parole, in der sich von rechts bis links alle einig werden. Kein Wunder: Antikritik ist nämlich der Ausgangspunkt dieses Imperativs. Bis zu jenem "Anfang" hin, der beim Faschismus enden und deswegen im Keim erstickt werden soll, gilt nämlich die ganze Demokratie als verteidigenswertes Bollwerk. So als wäre jedes AKW und jeder Arbeitslose ein Stück Lebensqualität, nur weil ein Schönhuber auf den Plan tritt.

Die Kehrseite davon: Antifaschistische Vertreter dieses Wahlspruchs können den "Anfang" immerzu nicht recht ausmachen. Jedenfalls nehmen sie ihre eigenen Theorien darüber, wie es mit dem Faschismus angefangen hat, nicht ernst.

Ausländerhaß

So fing alles an, sagen Antifaschisten. Gleichgültig, ob hierin der Grund für den Faschismus liegt: Die, die das behaupten, richten sich nicht danach. Ihr "Wehret den Anfängen" hieße da nämlich: Kampf der SPD und ihrer Asylantenabschieberei, Kampf der demokratischen Verschärfung des Ausländerrechts! Und was tut sich da? Nichts.

Arbeitslose

So fing alles an, hört man. Und? Bekämpfen jetzt die "Wehret den Anfängen"-Anhänger die freie Marktwirtschaft, die Arbeitslose hervorbringt? Nein.

Deutsche Gebietsforderungen

So fing alles an. Hitler wollte den "Schandvertrag" von Versailles rächen. So sagt man. Bekämpfen die Faschismuskritiker jetzt das Grundgesetz und sein Wiedervereinigungsgebot, das die DDR heim ins Reich holen will? Nichts von alledem.

Hochrüstung

So fing alles an. Und heute? Gorbatschow legt ein Abrüstungsangebot nach dem anderen vor, rüstet einseitig in Bundeswehrstärke ab - und die BRD wehrt sich gegen eine dritte Null-Lösung und eine Denuklearisierung Europas und rüstet auf wie der Teufel. Findet der Kampf gegen die Hochrüstung statt? Nicht im mindesten.

Seltsame Kritiker sind das. Offenbar liegt für sie der zu bekämpfende faschistische Anfang nicht in den staatlichen Taten, sondern in dem Bewußtsein, in dem sie begangen werden. Da mag eine Härte der Demokratie noch so sehr der faschistischen Vergangenheit ähneln, wenn sie nur mit der gehörigen moralischen Distanzierung vom Nazi-Reich daherkommt, dann wird ihr ein Persilschein ausgestellt.

Ausländerhaß, Arbeitslosigkeit, Wiedervereinigung, Aufrüstung - nun ja. Aber ein Schönhuber, das geht entschieden zu weit!