WEGEN ÜBERQUALIFIKATION DISQUALIFIZIERT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1987 erschienen.
Systematik: 

Armes Deutschland
WEGEN ÜBERQUALIFIKATION DISQUALIFIZIERT

Neue Männer braucht das Land? Von wegen! Es gibt sie noch: Hans Maier und Kurt Biedenkopf, Professoren vom alten Göttinger Schrot und Korn, ebenso demokratisch wie kritisch - und brunzchristlich obendrein!

Zwei Männer des Geistes, die den Mächtigen dieses Landes die Stirn bieten und sich nicht unterkriegen lassen - und das seit vielen Jahren. Der eine, Hans Maier, der richtige Mann, in den richtigen Raum und Rahmen gestellt:

"Es gibt den gebildeten (und den ungebildeten!) Akademiker ebenso wie den gebildeten Arbeiter und die gebildete Bäuerin... Wer seine Persönlichkeit sinnvoll entfaltet in dem Raum und Rahmen, in den er hineingestellt ist - der ist gebildet, nicht mehr und nicht weniger."

Mit diesem Lob der Armut stellte er sich entschieden gegen den Geist der Zeit, der damit prahlte, diesem Glück ein Ende zu machen. Darum hat er schon Anfang der siebziger Jahre den "Bund Freiheit der Wissenschaft" gegen das Monstrum der sozialliberalen Hochschulrahmengesetzgebungsbestrebungen mitgegründet, so daß die bayerische Regierung nicht umhin kam, ihn mit der freistaatlichen Beaufsichtigung und Wegweisung von Bildung und Kultur zu betrauen. Ohne Rücksicht auf die eigene Person und ihre Sicherheit hat er sich mit "Künstlern" (Gänsefüßchen von Maier) wie Kroetz und Achternbusch angelegt, die der Kunst - wenn nicht entartete - so doch anders- oder besser noch: fremdartige Zwecke zu unterschieben versuchten: "Plakativ-provozierend taucht die Kunst ins Orgiastische, Obszöne, Totemistische (Brrrr!) ab." Er scheute sich nicht, die bayerische Jugend vor artverwandten Artfremdheiten schützend zu bewahren, indem er kurzerhand eine Reihe sog. "Dichter" aus den Lesebüchern strich (Wallraff, Biermann, Fried und Fichte), gerade wenn sie ihre perversen Tendenzen mit politisch-sozialem Engagement zu kaschieren wußten. Mit beispiellosem Mut strickte Hans Maier ein Ordnungsrecht für die roten Universitäten und war nicht zu feige, auf seine Anwendung zu pochen und die Polizei in die Höhle des Löwen zu schicken, wenn linke "Studenten" gegen sein Raumverbot verstießen. Den Gipfel an Zivilcourage erklomm der wider den von ihm allzeit angeprangerten Zeitgeist unablässig orgelnde und betende Familienvater jedoch, als er dem König mindestens von Bayern frech die Stirn bot, indem er ihm im Kabinett mal nicht Recht gegeben hat - ein so einmaliger Vorgang, daß heute kein Schwein mehr weiß, worum es dabei eigentlich gegangen ist.

Vor allem aber zieren unseren Hans Maier zwei unbezahlbare Tugenden. Zum einen die Wahrheitsliebe: "Daß es Männer und Frauen gibt, beide in annähernd gleicher Zahl, daß sie trotz aller Männerbündelei und allem Amazonentum nie aufgehört haben, sich füreinander zu interessieren - dieses Faktum, diese göttliche Quotenregelung ist so unwiderrufich wie unbestritten." Und das in einer Zeit, die an allem zweifelt! Zum andern seine intellektuelle Bescheidenheit: "Ach unser Thema steckt voller Fußangeln, und kaum hab' ich begonnen, da stock' ich schon."

Der andere von unseren zwei aufrechten Sieben hat eine nicht minder bewegt-kämpferische Vergangenheit aufzuweisen. Während Maier seinen Ruhm als Antimacchiavell' mit seinem Amtsabtritt erst so richtig begründet hat, war Biedenkopfs Scheiden aus dem Amt des Generalsekretärs der CDU der Auftakt einer beispiellosen Karriere als Oppositioneller in einer Partei, der nichts so sehr zuwider ist wie, daß es Opposition überhaupt gibt und daß ausgerechnet sie sie zu diesem Zeitpunkt mangels Regierungsmandat wahrnehmen mußte. Mit dem originellen Vorschlag, sein alter Schulkamerad und augenblicklicher Parteivorsitzender möge zwecks besserer Erfüllung seiner Führungsaufgaben eine seiner drei Funktionen - Parteivorsitzender, Fraktionsführer und Kanzlerkandidat - abtreten, handelte er sich den Titel "Querdenker" ein, weil das seinem Chef, der Führungsstärke zeigen wollte, gar nicht paßte. Als "Vordenker" praktisch bestätigt wurde Kurt Biedenkopf, als die Trennung von Kanzlerkandidatur und Partei- und Fraktionsführung dann 1980 auch Wirklichkeit wurde.

In Führungsfragen kennt der Mann sich aus. Als Professor der Volkswirtschaft hat er den Erfahrungsschatz seiner Wissenschaft um eine habilitationsfähige Einsicht bereichert:

"Die Fähigkeit, Menschen zu führen, ist nicht jedem gegeben. Ziele für die organisierte Gemeinschaft zu formulieren, Mittel und Wege ausfindig zu machen, um diese Ziele zu erreichen; ist eine besondere Befähigung... Wie alle Begabungen ist sie als besondere Qualität nicht unbegrenzt verfügbar. Das Führungspotential einer Gesellschaft, die Dienstleistung 'Führung' ist somit ein knappes gesellschaftliches Gut."

Dann durfte er als oberster Handelsvertreter von Henkel schon einmal gesellschaftliche Ziele vorgeben: "Nichts wäscht weißer als Persil!", Zum Führer der hygienisch-sauberen geistig moralischen Wende im Amt des CDU-Generalsekretärs geworden, verstieg seine Originalität sich zu Ansichten wie: "Meine Helden in der Wirklichkeit sind die Leute von Greenpeace" - wollte dann aber lieber doch bloß Vorsitzender der CDU werden.

Es scheint jedoch das Schicksal solch hervorragender Köpfe - "unstet, umtriebig, ... voll von blendenden Ideen und Einsichten, jagt selbst weiter, die geistigen Ideen bleiben dann zurück" (report) - zu sein, daß sie von der "Mittelmäßigkeit" des demokratischen Lebens eingeholt werden. So sah sich Biedenkopf - bald mit so untergeordneten Aufgaben, wie der Führung der nordrhein-westfälisihen CDU, betraut, deren Einheit Biedenkopf auch noch gegen vielfältigen Widerstand ertrotzen mußte. Familienmotto, frei nach einem anderen bedeutenden geistigen Führer der Deutschen: "Was mich nicht umbringt, macht mich stark."

Dabei hat dieser Mann es sich in den Kopf gesetzt, seinem Namen zu leben und ihn selbstlos im Wahlkampf einzusetzen: "Der Kopf". Der Dienst, den er damit der Geistesfreiheit leistet, ist unermeßlich: Gilt doch der menschliche Schädel gleichermaßen als Behälter des Gehirns wie als Metapher politischer Führung. Daß es den Geist an die Macht zu bringen gilt und daß dafür nichts tauglicher ist als der Geist selbst, wer wüßte das besser als der große Professor: "Wenn jemand eine politische Führungsleistung erbringen soll, ... dann muß er vorausdenken. Wer vorausdenkt, denkt Veränderung. Wer Veränderung denkt, denkt quer für die, die keine Veränderung wollen. Für andere, die Veränderung wollen, denkt er richtig."

Deshalb sollten die Konservativen ihrem Vordenker eher dankbar sein, als dem wahren Vater der "Wende", die sich ja die Veränderung geradewegs zum Program gemacht hat. Anders als seine Parteifreunde weist er die Freunde des Fortschritts nicht von sich, sondern wirbt sie mit intellektuellen Mitteln für den Wendegeist. Wer anders als der trickreiche Professor wäre auf die blendende - von seinen Parteifreunden kurzsichtig mißverstandene - Idee gekommen, die Grünen mit der Dialektik von richtigen Fragen und falschen Antworten zu ködern und abzuurteilen zugleich? Und wer wäre besser als er in der Lage, die Pennälerdialektik von Vor- und Nachteil inklusive synthetischer Notwendigkeit staatlichen Eingreifens gebildeter und überzeugender darzulegen als Kurt Biedenkopf?

"Die moderne technisch-naturwissenschaftlich geprägte Industriegesellschaft bezahlt einen hohen Preis durch eine ständig wachsende Zahl von Allergiekranken, durch psychisch gestörte Menschen, durch Streßbelastung, durch vieles andere (Man beachte, wie kunstvoll hier im abstrakten Subjekt die, die den Preis kassieren, und die, die ihn zahlen, unmerklich miteinander verwoben sind!) Und die höchstentwickelten, bin an die Grenzsituation menschlichen Denkens und die Handhabbarkeit menschlicher Existenz vordringenden Naturwissenschaften und Techniken verlangen auch einen hohen Preis. (Phänomenal: Die Gesellschaft bezahlt den Preis, den Naturwissenichaft und Technik verlangen.) Einen hohen Preis an Anstrengungen, Konsensfähigkeiten vorzutragen, auch an Verdrängungsleistungen, die immer wieder stattfinden. (Das nennt man Ausgewogenheit: Auch Moral und Psychologie werden nicht vergessen.) Das hat gar keinen Zweck, daran vorbeizureden. Das ist weder defätistisch noch sonst was, sondern das ist nur das uralte (Hier spricht der Hiitoriker!) Gleichgewicht (der Ökonom oder etwa progressistisch ausgleichend vorwegdenkend: der Ökolog? Nein, der Besinnungsakrobat!) zwischen Vorteil und Nachteil. Es gibt keine menschliche Existenz, die nur aus Vorteilen besteht... (Wer will es wagen, diesem Manne mangelnde Fähigkeit zur Integration vorzuwerfen?!) Man könnte die Gefahr auf den Punkt bringen mit der Formulierung: Es könnte sein, daß alle die Innovationen, die Erneuerungen, die Erfindungen im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich, der Quelle unseres Lebensstandards ist, unseres Wohlstands, eines Tages zum Stillstand kommt, weil die Seele der Gesellschaft, ihr Denken, ihr Geist, ihre gesellschaftlichen Institutionen mit dem technisch-naturwissenschaftlichen Prozeß nicht Schritt halten kann."

Professor Biedenkopf, die Seele unserer Gesellschaft, legt wahrhaft ein geistiges Tempo vor, daß einem beim Mit- und Nachdenken der Gedanken des Vordenkers glatt der Atem wegbleibt, so daß einem jeder Gedanke ans Querdenken vergeht und man sich am liebsten der Führung des einzigen anvertrauen möchte, der der rasenden Entwicklung der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung zu folgen vermag.

Große Männer werfen ihre Schatten voraus. In ihrem Kampf gegen die Mächtigen dieser Erde, die ausgerechnet ihnen den Vorwurf machen, von Politik keine Ahnung zu haben - Strauß gegen Maier, ein gewisser Otfried Hennig gegen Biedenkopf -, in diesem Kampf sind sie nicht allein. Biedenkopf wird allenthalben betreut und bedauert; die "Süddeutsche Zeitung" hat schon einen flammenden Appell an den Bundeskanzler veröffentlicht, für eine Einstellung des "Kesseltreibens" gegen den Mann des Geistes durch ein Machtwort zu sorgen. Hans Maier kann sich nicht nur auf seinen "Münchner Merkur" verlassen; die gesamte Münchner Kulturszene trägt Trauer und argwöhnt, daß die Trennung der Einheit von Bildung und Kultur, für die dieser Mann 16 Jahre lang unermüdlich gekämpft hat, möglicherweise bleibenden Schaden anrichtet. Da ist es nur ein geringer Trost, wenn der KuMi a.D. beflissen zu Protokoll gibt, daß es ihn außerhalb des Landtags fast nur in Museen, Theatern und Opern umtreibt. Und es kommt aus tiefstem Herzen, wenn Franz Xaver Kroetz - "Ich will nicht das Arschloch dieser Gesellschaft sein." - noch ganz benommen vom Scheiden des Kulturaufsehers ergriffen erklärt: "Ich glaube, wir werden diesem liberalen Kultusminister schon bald nachtrauern."

P.S.: Die Frage, wie sich Maiers Nichtbewerbung um, aber Eignung für den Guardini-Lehrstuhl auswirkt, ist zur Stunde noch ungeklärt. Die Lösung hängt nämlich ganz wesentlich davon ab, ob er ihn kriegt.