"Was tut eigentlich die MG!"

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 10-1986 erschienen.
Systematik: 

Korrespondenz
"Was tut eigentlich die MG!"

"Entweder kombinieren wir alle möglichen Mittel (und damit meine ich wirklich ALLE, das gesamte Spektrum von RZ und RAF bis hin zu Pax Christi!) aller an der Sache interessierten Personen und Gruppen, oder man wird uns auf diese oder jene Weise zu beseitigen wissen.

Wobei mir gleich die Frage in den Sinn kommt: Ihr lehnt sehr viele Methoden und Ansätze recht kategorisch ab, ich kenne von Euch letztlich nur den Ansatz der Agitation. Glaubt Ihr, daß Verbalismus uns weiterhelfen kann? Im Ernst, ich habe bislang nicht von MG-Aktionen gehört - was läuft bei Euch in dieser Richtung?

Für mich ist es traurig zu sehen, daß eine vergleichsweise unpolitische Organisation wie Greenpeace den Mut und die Phantasie aufbringt, die Herrschenden ab und an zu besiegen, wenn auch nur auf Nebenschauplätzen (doch wer weiß, Mururoa kann noch ein Sieg werden) -, und daß gleichzeitig die Linke erstarrt ist in ewigen Grundsatzdebatten, sich in destruktiver Kritik verfängt und so nicht zur Aktion kommt.

Das gilt in gewisser Form auch für Euch. Ihr lehnt meine Idee einer Wahlbeteiligung ab, aus Eurer Sicht sicherlich zu Recht - dann bietet aber bitte auch eine andere, sinnvolle Methode an, die über den Bereich der Agitation hinausgeht und den politischen Gegner wirklich beeinflussen kann."

R.S., Regensburg

"...alle Gegenbewegungen mitgemacht... Zugegeben bis jetzt alles ohne Erfolg, also falsch und sinnlos.

Aber was tut Ihr? Gut, Ihr macht die MSZ

Ihr macht sonst noch einige gute Sachen, Resultate-Verlag, MAZ usw. Auch kenne ich Eure Veranstaltungen in Mainz und Frankfurt. Auf Kundgebungen der Friedensleute verteilt Ihr Schriften dagegen. Glaubt Ihr im Ernst, irgend etwas damit bewirken zu können? Keine Nationalstaaten, keine Ausbeutung, keine Streitkräfte, keine Polizei usw., gut ich bin einverstanden, aber wie das erreichen? Bis jetzt habe ich noch keinen Hinweis darauf bei Euch gefunden. Wie soll denn die Zukunft aussehen? Bis jetzt könnte doch nur Resignation von all Eurem Wirken herauskommen."

W.A., Bad Kreuznach

Ein für allemal: "Was tun!" ist eine blöde Frage!

Diese Frage gehört ja mit ihrem bedeutungsschwangeren Unterton nicht gerade zum Katalog der alltäglichen Erkundigungen am Küchentisch. Mit ihr soll irgendwie schon was Existentielles gemeint sein, was ihr in Politikeransprachen oder während dramatischer Krisen in Fernsehserien zwar ein breites Anwendungsgebiet erschließt - der Betrachter weiß, daß es jetzt um höchste, gar Sinnfragen geht -, ihr gerade deswegen im gewöhnlichen Sprachgebrauch nur banale Antworten wie "Gehen wir essen" oder "Die Zündkerze muß raus" einbringen kann. Diese Frage einer linken Partei gestellt, meint also keinesfalls so Trivialitäten wie "Wie bringen wir die Flugblätter an die Fabriktore und an den Mann?", sondern stellt sich bewußt ignorant. Schließlich gibt eine solche Partei schon in ihrer simplen Existenz zu erkennen, daß sie einen Zweck im Auge hat und dafür etwas tut. Was sie tut, ist unübersehbar - und sei es nur das Beantworten von Leserbriefen, die sich wiederum aus den Aktivitäten der Partei ergeben.

Ihr diese Frage ganz grundsätzlich anzutragen, meint nichts anderes, als diesen Zweck und die dafür ergriffenen Mittel gleich niederschmetternd mit der Qualifizierung "Nichts getan" belegen zu können. Und zwar ohne Angabe von Gründen, sehr wohl aber von einem insgeheimen Vergleich getragen. Der Fragesteller hat Höheres im Sinn und kommt demonstrativ nicht umhin, seiner Enttäuschung Ausdruck zu geben.

Diese Frage muß in ihrer ganzen Bedeutungsschwere gerade in der westdeutschen Linken sehr beliebt sein. Und zwar in einer Linken, die sich eben als buntgemischtes Sammelsurium moralisch lauterer Menschen als Linke begreift und - aber das gehört zusammen - erfolglos ist. Mit diesem Einheitsbrei hat man nämlich einen ganz inhaltsleeren Zwang des Sich-aufeinander-Beziehens aufgemacht, iman hat eine gemeinsame Aufgabe. Und wenn man nicht erfolglos wäre dann müßte man auch nicht die anderen dauernd darauf befragen, was sie für "die Sache" leisten - man tut halt, was man kann. Die Gründe für die Erfolglosigkeit wären leicht zu analysieren und das Begehren nach einer gemeinsamen Sache der Linken ebenso schnell als billige Selbstbeweihräucherung entlarvt. Aber nein, diese Linke kann sich einfach nicht vorstellen, daß ihre Sendung womöglich für die Katz ist; und noch weniger kann sie sich vorstellen, daß das ihr eigener Fehler ist. Am allerwenigsten kann sie sich aber vorstellen, daß das Stellen dummer Fragen auch eine ziemlich gründliche Methode ist, sich um die Welt nicht zu kümmern.

Der Endpunkt ist denn auch immer der an un,s geäußerte "Vorschlag" - der ein Vorwurf ist, weil ein jeder weiß, daß wir davon nichts halten -, nicht "destruktive Kritik an anderen" zu üben, sondern: Zusammenhalten! Die Erfolglosigkeit und ihre Gründe ignorieren: Was tun! Dieser Vorwurf/Vorschlag dringt also nicht darauf, daß dieses oder jenes getan werden müsse, sondern ist ein Hochhalten von Tätigkeit schlechthin, die als solche nicht angegriffen werden darf. Ganz entgegen dem ersten Anschein ist der kritische Frager sehr zufrieden mit der Welt: Es gibt ja die Bewegung und es rührt sich dauernd "was".

Diese Sorte, nicht den Kapitalismus und den bürgerlichen Staat zu bekämpfen, sondern pur und abstrakt die Berechtigung des eigenen Anliegens hochzuhalten und sich dafür lauter symbolische Aktionen auszudenken, die gar nicht auf Wirkung berechnet sind, ermöglicht einen Umkehrschluß: Jeder, der bei diesem üblen Selbstverständnis der Linken nicht mitmacht - und die vornehmste Aufgabe ist, darüber Debatten zu führen -, der macht sich dreier Verbrechen schuldig:

- Nichts tun

- Spalten

- Resignation verbreiten.

Bitteschön, schweißt ihr Pax Christi und die RAF zusammen, da habt ihr "was" zu "tun"! Besiegt die Herrschenden an den Wahlurnen und im Mururoa-Atoll! Denkt euch sinnvolle Methoden aus, über den Bereich der Agitation hinauszugehen! Macht falsche und sinnlose Sachen! Haltet euch bei der Stange, so daß die vielbeschworene Resignation euch bloß nicht ereilt (ein Tip: Sie ist schon längst da, und ihr liebt sie) - aber vergleicht uns nicht dauernd mit eurem welthistorischen Auftrag "der Linken".

MSZ-Redaktion