WAS RONALD REAGAN WIRKLICH DENKT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1981 erschienen.
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WAS RONALD REAGAN WIRKLICH DENKT

Es gibt nichts Selbstgerechteres auf der Welt als einen anständigen Nationalismus. Ein Volk, das sich schon bereitfindet, die Gewalt, der es gehorcht und für die es gerade steht, allein deswegen zu schätzen, weil es die "eigene" ist - gerade so, als wäre die Abhängigkeit von dem, was der eigene Staat mit einem so vorhat und anstellt, auch gleich ein Grund, zu ihm zu halten -, ein solches Volk läßt es sich auch nicht nehmen, seine Einigkeit mit seinen Herrn mit sämtlichen Idealen auszumalen und zu preisen, über die ein bürgerlicher Verstand so verfügt. Einigkeit und Recht und Freiheit; Frieden und Tapferkeit; Kultur und Fleiß...: Allemal entdeckt ein aufgeklärter Untertan die eigene Nation als deren wahres Musterbild und weltweit berufenen Sachwalter.

Nichts Lächerlicheres daher, als wenn Nationalisten einander kritisieren. Von abgrundtiefer Verachtung bis zum wohlwollenden Verständnis wird da regelmäßig das gesamte Repertoire moralischer Disqualifizierung zum Einsatz gebracht - im Namen von "Höchstwerten", die die andere Seite längst für sich gepachtet hat. Und notwendigerweise mündet jeder derartige Streit in den wechselseitigen Vorwurf, der andere sei doch bloß - ein Nationalist!

Von ihrem Standpunkt aus behalten Vaterlandsfreunde immer Recht; gleichgültig, wie groß oder klein, mächtig oder belanglos die geliebte "eigene" Herrschaft ist. Das heißt aber nicht, daß es da keine Unterschiede gäbe; im Gegenteil. Für einen Unterschied sind Nationalisten sogar ganz außerordentlich sensibel: ob ihre Selbstgerechtigkeit mehr mit dem Trotz des Erfolglosen oder mehr mit der Arroganz des Erfolgreichen zu tun hat. So reibt sich der Nationalstolz vieler Bundesdeutscher seit einigen Monaten daran, daß er wenigstens in einer Hinsicht doch ganz offenkundig zur ersten Kategorie gehört; das ist der ganze Inhalt dessen, was hierzulande "Antiamerikanismus" heißt. Solchen Leuten kann man nur einen Rat geben: Geht doch nach drüben, über den Atlantik! Ein besserer Nationalismus als der amerikanische ist auf der ganzen Welt nicht zu haben.

1. Gottes auserwähltes Volk

"Ich habe jetzt erkannt, daß, was ich auch tue, nur Bedeutung hat, wenn ich darum bitte, daß es seinen Zwecken dient. Was auch immer das Ergebnis meiner jetzigen Unternehmung: ich glaube, daß es sein Werk ist."

Den lieben Gott hat bekanntlich im Ernstfall jede Nation auf ihrer Seite. In Friedenszeiten ist diese Auffassung allerdings nicht einmal mehr in Bayern sehr aktuell. Irgendwie ist es ja schon etwas blöd, wenn der liebe Gott seinem auserwählten Schützling zwei saftige Weltkriegsniederlagen 'reingewürgt hat; noch dazu eine, die im Nachhinein noch nicht einmal für ein um so dickeres moralisches Plus gut ist. Unter solchen Voraussetzungen ist eine Regierung ja noch nicht einmal davor sicher, daß ihre Untertanen für die Bewältigung fälliger Kriegsvorbereitungen ausgerechnet die Bergpredigt des Herrn Sohn hervorkramen. Die aufgeklärten Nationen Europas verlassen sich daher nur noch unter sehr prinzipiellen Gesichtspunkten auf den allerobersten Chef: für die Überzeugung, daß Herrschaft gut ist und jeder sündigt, der ihr nicht die besten Absichten zutraut. Ihre politischen und strategischen Kalkulationen wickeln sie lieber ohne göttliche Ratschläge ab.

Ganz anders in den USA. Wann hätte denn da schon der liebe Gott die Seinen enttäuscht? Andersherum: Wann hätte dort eine Regierung die Größe der Nation so massiv gemindert, daß sie genötigt gewesen - geschweige denn damit durchgekommen - wäre, sich auf ihre besseren Absichten zu berufen? Dortzulande ist Gott der Herr noch mit den Taten der Regierung, nicht bloß mit ihrer Gesinnung; er heiligt ihren nationalen Erfolg, und nicht bloß im Prinzip. Und er kann froh sein, daß er eine so tüchtige Nation auf seiner Seite hat: zu wem könnte er denn sonst noch halten? Schließlich hat der Präsident persönlich festgestellt:

"Der Mensch kennt in seiner ganzen Geschichte bis jetzt nur ein paar Augenblicke der Freiheit und die meisten dieser Augenblicke gehören uns."

Da müßte Gott ja schon kommunistisch unterwandert sein, wenn er es an Parteilichkeit für Amerika fehlen ließe! Aber das ist er nicht, und sogar sein römischer Stellvertreter weiß, was sich gehört:

"Wir haben eine Großzügigkeit, aufgrund derer wir freiwillig mehr gute Zwecke und Unternehmungen, die es verdient haben, unterstützen als der ganze Rest der Welt zusammengenommen. Das veranlaßte Papst Pius XII. am Ende des 2. Weltkriegs, als die amerikanische Macht allein die Welt vor einem Rückfall ins finsterste Mittlalter zu verteidigen hatte, zu der Bemerkung, daß das amerikanische Volk zu großen und uneigennützigen Taten ausersehen sei."

Wenn eine Nation ihrem Menschenmaterial Not, Entbehrungen, Anstrengungen, gar Kriege auferlegt, und das Ganze zahlt sich für deren Macht noch nicht einmal sichtbar aus, dann greift die nationale Ideologie unter päpstlicher Assistenz zu der Kategorie der "schicksalhaften Vernichtung". Das haben die USA nicht nötig - und zwar keineswegs, weil sie es an zynischem Verbrauch von Leuten, eigenen wie fremden, je hätten fehlen lassen. Nur: er hat sich gelohnt - für die Größe der Nation. In dieser Sicherheit tut ein Staatsmann sich leicht, pauschal die Verantwortung für die nationale Geschichte auf seine und die Kappe seiner Vorgänger zu nehmen. Im Glanz des Erfolgs wird noch die Tatsache ein Ruhmesblatt, daß die USA sich tatsächlich bislang noch allemal ohne Not, nach eigener freier Kalkulation, in laufende Kriege eingemischt oder welche angezettelt haben: Wenn das kein Beweis ihrer Großzügigkeit ist!

Kurzum: ein Amerikaner hat allen Grund, sich zu seiner nationalen Staatsgewalt zu beglückwünschen; und damit er es auch merkt, nimmt ein gelungener Repräsentant dieser Staatsgewalt sich die Freiheit, seine Untertanen dazu zu beglückwünschen, daß sie die seinen sind:

"Lieber Ronald,

Willkommen in der Welt. Du wirst Dich wahrscheinlich, wenn du lesen kannst, fragen, wer jener andere Ronald ist, und die Antwort lautet: Er ist lediglich jemand, der sich hoch geehrt fühlt, daß Deine Eltern seinen Namen für Dich wählten.

Manche Leute werden versuchen, Dir weiszumachen, daß die Welt, in die Du gekommen bist, ziemlich krank ist. Glaub des ja nicht. Sie ist voll von ao wunderbaren Menschen wie Deinen Eltern, und dieses Land ist das Beste an dieser Welt; deshalb glaube an es, diene ihm bestmöglich und liebe Deine Mitmenschen.

Herzlichst,

Ronald Reagan"

(Brief, den er als Gouverneur von Kalifornien "als völlig Fremder einem neugeborennen Baby" schrieb)

Adolf selig verteilte Mutterkreuze, auf daß mehr Soldaten geboren würden; bundesdeutsche Präsidenten drängen Krüppeln und Waisen publikumswirksam ihre Patenschaft auf; die vierte französische Republik hat der Geburtenrate mit viel Kindergeld aufgeholfen - lauter matte Sachen. Wahre Souveränität beweist sich darin, daß sie ihr Menschenmaterial gar nicht erst für sich einzunehmen sucht, sondern gleich umgekehrt mit dem Hinweis überfällt, daß ihre bloße Existenz schon das wahre Glück bedeutet und besser ist als jede spezielle Ehrung und jede besondere "Sozialleistung"; wer das nicht glaubt, ist selber schuld.

Ein amerikanischer Staatsmann kann deswegen auch gar nicht zu dumm, naiv, bigott und arrogant sein. Solange die Macht der Nation noch jeden Stolz auf sie rechtfertigt - wer wollte ihre Führer blamieren?

2. Der altböse Feind

"Der Kommunismus ist für uns eine Verirrung der Menschheit; eine Abirrung, deren letzte Kepitel gegenwärtig geschrieben werden."

Zu einem unerschütterlichen Idealismus der Gutheit der eigenen Nation gehört ein entsprechendes Bild vom Feind: der muß dann ja wohl ein Idealist der Bosheit sein. Nicht als ob die Mär von der russischen "Aggressivität" - als wäre "Angreifen" je ein politischer Zweck! - nicht auch in anderen als amerikanischen Hirnen und Weltgegenden verbreitet wäre. Ein noch so christlicher Politiker aus kleineren Landen jedoch, der in den Interessen seiner Nation genügend gute Gründe findet, auf den sowjetischen Standpunkt auch dann noch gewisse Rücksichten zu nehmen, wenn es ihm bloß noch um dessen Bekämpfung geht, will, solange es noch nicht "zum Äußersten" gekommen ist, noch mit den Interessen des Feindes kalkulieren dürfen. Umgekehrt: Bei aller Hetze gegen die Sowjetunion, wie bedingungslos auch immer ihr Antikommunismus sein mag, gilt für jeden anderen nationalen Führer der "freien Welt" die Wahrheit, daß ihm der Standpunkt bedingungsloser Gegnerschaft gegen die Sowjetunion praktisch nur m Bündnis, als NATO-Standpunkt, überhaupt emeichbar ist. Für eine subalterne Nation der westlichen Welt allein ist der Idealismus des Hasses gegen "die Sowjets" eine Nummer zu groß für den Standpunkt nationaler Selbstgerechtigkeit - worauf sie sich dann als ihre nationale Friedfertigkeit wieder Wunder was einbilden kann.

Nicht so für die USA. Sie können sich der Weltmacht Nr. 2 gegenüber leisten, was sonst bloß noch am anderen Ende der Weltrangliste vorkommt: eine moralische Abneigung, die sich überhaupt nicht relativiert und sich ihres dementsprechend kindischen Charakters gar nicht zu schämen braucht, weil die Nation die Macht zu einer tatsächlich. bedingungslosen Feindschaftserklärung besitzt und sie dafür auch einsetzt. Der Vorwurf an den Kreml, die Zentrale des weltweiten Terrorismus zu sein, ist weder eine propagandistische Überspitzung noch erst recht - fast albern, das noch zu erwähnen - Resultat einer sachgerechten Analyse der Weltlage; so sieht ein verantwortlicher amerikanischer Nationalist tatsächlich den Feind. Wie der eigenen Nation das Gute schlechthin, so ist für die Gegnerschaft das Böse an und für sich oberster politischer Zweck:

"Kürzlich erfuhren wir, daß die Sowjetunion ihren höchsten Orden, die Sowjetische Goldmedaille, dem Mann verliehen hat, der Leon Trotzky ermordet hat... Da schweifte ich in Gedanken zurück zu jenem Amerikaner, der unserea höchsten Orden, the Congressional Medal of Honor, im 1. Weltkdeg erhalten hatte. Der Kontrast zwischen dem, was die beiden Nationen für auszeichnungswürdig halten, sagt uns eine Menge über ihre jeweiligen Werte. Ein B-17-Bomber, der gerade von einem Streifzug (!) nach Deutschland zurückgekehrt war, war schwer getroffen worden. Der Schützenstand unterhalb des Flugzeugrumpfes war getroffen worden und der Schütze verwundet. Der Turm war zusammengepreßt, so daß der Soldat nicht befreit werden konnte.

Das Flugzeug verlor an Höhe, und schließlich, über dem Kanal, gab der Kapitän den Befehl, abzuspringen Als der Junge sah, daß die Besatzung, Mann für Mann abzuspringen begann, schrie er in furchtbarer Angst, weil er nun erkannte, daß er zurückgelassen wurde und mit dem Flugzeug abstürzen mußte. Der letzte Mann, der absprang, sah, wie sich der Kapitän auf den Boden des Flugzeugs setzte. Er nahm die Hand des Jungen und sagte: 'Mach dir nichts draus, mein Sohn, wir bringen das Ding gemeinsam runter.' Die Congressional Medal of Honor wurde posthum verliehen.

Ein Land belohnt Mord; unseres erkennt den Adel eines Opfers an, das einer auf sich nahm, um einem jungen Mann in den allerletzten Augenblicken seines Lebens Trost zu spenden und menschliche Gesellschaft zu leisten."

Diese Idiotie können die Führer anderer Nationen sich als praktische Maxime ihres Antisowjetismus nicht leisten - für Amerikas Zwecke in der Welt ist sie unschädlich, und nicht nur dgs. Sie ist tatsächlich ein sicherer Leitfaden für die Durchführung des imperialistischen Programms der USA, die sowjetische Macht durch unbedingte Überlegenheit so in den Griff zu bekommen, daß sie sich überhaupt nicht mehr als gleichrangiger Gegner aufzuspielen traut und aus der Welt verschwindet wie die besiegten Clantons aus Tombstone:

"Wir müssen sicherstellen, daß dieses sowjetische Imperium, wenn es denn aufgrund seiner eigenen Widersprüche zusammenbricht, das mit einem Winseln tut und nicht mit einem großen Knall." (Weinberger)

Falsch und ein dummer westdeutscher Nationalismus, der nicht wenig Neid auf die amerikanische Souveränität verrät, ist die nicht nur vom "Spiegel" so heiß geliebte verächtliche "Kritik" an Reagan als hochgekommenem Westernhelden, der die Maximen schlechter Hollywoodfilme in die - ach so komplizierte - Weltpolitik übertragen wollte. Umgekehrt stimmt es schon viel besser: die Moral des Western ist das passende Weltbild zu der Gleichung von Macht und Recht, für deren praktische Geltung die USA weltweit einstehen. Deswegen braucht ein Reagan gegenüber seinen Schauspielerzwecken nichts hinzuzulernen, um den Präsidentenjob sachgerecht zu erledigen. Schon gar nichts über Marxismus, Clausewitz oder die russische Geschichte.

3. Der Rest der Welt

"Diese Nation hat eine golden glänzende Hoffnung für die ganze Menschheit..." Jede Nation verfügt über eine Einteilung der Welt, der zufolge es überall auf nichts so sehr ankommt wie auf sie. Unter einem "weltgeschichtlichen Auftrag", ohne Vorstellungen von einem heimatlichen "Wesen", an dem niemand geringerer als "die Welt" zu "genesen" hätte, tut ein kultivierter Nationalismus es nicht. (Die BRD z.B. hat sich seit einiger Zeit das Image des weltpolitischen Mittlers zugelegt, ohne den nirgends mehr "miteinander gesprochen" würde; und ihre gebildeten Stände schmücken diese Idiotie aus mit der Erfindung von allerlei Weltprinzipien, durch deren Verletzung die Weltmächte sich um den Weltuntergang verdient machen - weil niemand auf den deutschen Geist hören will...)

Die Sache mit der "golden glänzenden Hoffnung" und der "Menschheit" ist einerseits also jedem Nationalismus aus dem Herzen gesprochen. Andererseits drückt nicht jeder sich so aus; und wenn, dann ist das lächerlich, weil so offenkundig ist, daß "die ganze Menschheit" ganz andere Sorgen hat.

Anders im Falle der USA. Erstens schwärmt deren Nationalismus von sich so, daß gleichartige Töne womöglich sogar einem iranischen Ayatollah peinlich wären:

"Wir befinden uns hier auf einer Insel der Freiheit, der einzigen, die auf der ganzea Welt übriggeblieben ist. Es gibt keinen Ort, wohin wir fliehen oder entkommen könnten. Entweder wir verteidigen die Freiheit hier, oder es ist um sie geschehen. Für uns gibt es keinen Zufluchtsort, uns bleibt nur das Standhalten. Und wenn wir versagen, dann müssen wir vor unseren Kindern und unseren Kindeskindern verantworten, was uns wertvoller als die Freiheit war."

Zweitens gibt es da aber nichts zu lachen. Denn die USA haben längst dafür gesorgt, daß die ganze Menschheit sehr praktisch, und ob sie da "goldene Hoffnungen" hegt oder nicht, von "dieser Nation" und ihrem Wirken betroffen ist. Die Freiheit, die sie meinen, ist ein Ding, für deren weltweiten Export die USA sich verantwortlich fühlen - koste es, was es wolle:

"In die Hände Amerikas hat Gott die Geschicke der geplagten Menschheit gelegt. Unser Glaube an das Individuum und seine Heiligkeit ist so groß, daß unsere Philosophie, heißt, gemeinsam auch dem geringsten unter uns, wo auf der Welt er sich auch befinden mag, zu Hilfe zu eilen, falls seine Gottgegebenen Rechte ihm ungerechterweise vorenthalten werden."

Nicht wenige "Individuen" bezahlen täglich ihre "Heiligkeit" mit dem Leben, weil die USA sich mit Dollars und Waffen an deren "Rettung" zu schaffen machen. Ihre Nationen erfahren dafür die Genugtuung, daß die goldene Freiheit nicht auf die "Insel Amerika" beschränkt bleibt, sondern in ihnen ihre strategische Gegenküste findet. Nach dem Nutzen, den sie so dem Mutterland der Freiheit bringen, mißt dieses ihren Respekt vor der Freiheit und produziert damit eine Sortierung der Staatenwelt, in der die Ideologie selbstloser amerikanischer Hilfe immer wieder Belege findet: Es ist tatsächlich nicht angenehm und meistens erst recht tödlich, und zwar für Bevölkerung wie Regierung eines Landes, wenn dieses sich nicht der Freiheit als Hilfstruppe zur Verfügung stellt.

Amerikanischer Nationalismus kommt geradeso gut aber auch ohne derartige Belege aus. Weil die praktischen Interessen seiner Nation die Konditionen setzen; unter denen die anderen Staaten und ihre Einwohner leben müssen, ist es ein überflüssiger Luxus, sich um andere Vberlebensbedingungen auswärtiger Völkerscharen als eben die eigenen Interessen zu kümmern - und es ist eine speziell europäische Ideologie des theoretischen Aufbegehrens, wenn die "Notwendigkeit" beschworen wird (mehr als beschworen wird sie ohnehin nie), man müsse doch die "Eigeninteressen" anderer Nationen kennenlernen und gebührend berücksichtigen. Ein amerikanischer Präsident blamiert sich eben nicht, sondern setzt sogar noch in seinen Scherzen drohende Machtsprüche in die Welt, wenn er die amerikanische Analyse der Weltlage und sein umfassendes außenpolitisches Programm mal knapp so zusammenfaßt

"Gestern erst hat Al Haig einen Brief an Leonid Breschnew geschrieben: Roses are red, violets are blue, stay out of El Salvador and Poland, too,' (Rosen sind rot, Veilchen sind blau, laß Salvador und erst recht Polen in Ruh'!)"

3. a) Die Verbündeten in Westeuropa

unterscheiden sich vom übrigen Rest der Welt aus der Perspektive des amerikanischen Nationalismus vor allem durch ihre Undankbarkeit:

"Die Hälfte aller wirtschaftlichen Aktivität hat in Amerika stattgefunden, und wir haben unseren Reichtum freigiebiger geteilt als irgendein anderes Volk, das je lebte..."

"Aber jetzt (und das erklärt auch die Energiekrise) sind wir nicht länger das einzige Volk, das reich genug ist, Fleisch zu essen, Auto zu fahren, und Öl und Gas für Heizung und Elektrizität zu gebrauchen. Japan, West-Deutschland und andere Nationen konkurrieren jetzt mit uns um knappe Güter. ... Aber wir machten es jenen anderen Völkern möglich, besser zu leben; machten es möglich, weil die Amerikaner das großzügigste Volk auf der Welt sind."

Um die Welt und ihr lebendes und totes Inventar für die Mehrung kapitalistischen Reichtums zu nutzen, bedarf es des Einsatzes von Reichtum, was msn natürlich als dessen "Teilung" bezeichnen kann. Und wenn eine Nation die Macht und den Reichtum besitzt und anwendet, um den Rest der Welt zu deren Instrumenten umzugestalten, dann kann sie sich auch die Unverschämtheit eines guten Gewissens leisten, kraft dessen sie sich die Vernutzung fremder Völkerscharen als "Großzügigkeit" zugute hält - und die Linderung des logischerweise dadurch potenzierten Elends durch ein paar Lebensmittelspenden noch einmal extra. Diese Weltsicht ist inzwischen denn auch jenen untergeordneten Nationen geläufig, die ihrerseits von der amerikanischen Zurichtung der Welt zum Kapitalmarkt ausgiebig Gebrauch machen, sogar in Ostblockregionen hinein, die dem sauberen amerikanischen Geschäftssinn stets zu unanständig gewesen sind; und ebenso geübt sind sie in der dazugehörigen Beschwerde über eine nicht zu übersehende Undankbarkeit der beglückten "Empfängerländer". Der amerikanische Nationalismus allerdings kann sich diesen erhebenden Standpunkt sämtlichen reichen Ländem der Welt gegenüber leisten -

"Heute trägt die industrielle Wirtschaftskraft West-Deutschlands und Japans das Markenzeichen 'made in America'."

- und nicht nur das. Nachdem die USA Westeuropa praktisch mit allen Konsequenzen zu ihrem transatlantischen Hauptvorposten gegen die Sowjetunion ausgebaut haben, so daß das sowjetische Sicherheitsinteresse für sie eine militärisch tödliche Bedrohung bedeutet, fällt die strategische Verwendung dieser Länder ebenso vollständig unter die Kategorie "Schutz durch die USA" wie der ökonomische Gebrauch eines Landes unter die Rubrik "Hilfe". Folglich verlangt auch kein Amerikaner und schon gar kein US-Präsident von einem Verbündeten Botmäßigkeit - selbst wo in der Sache auch noch die letzten Zweideutigkeiten ausgeräumt werden -, sondern Selbstbeteiligung m eigenen Schutz. Und, versteht sich, ein kleines bißchen Dankbarkeit:

"Ob Pershing II und Cruise Missiles in Europa stationiert sind oder nicht: Die Sowjets müssen mit ihrem ersten Nuklearangriff versuchen, die US-Luftwaffen-Hauptquartiere in Omaha zu zerstören. Die 320.000 Einwohner von Omaha waren, sind und werden noch viele Jahre an der atomaren Frontlinie sein.... (sie) setzen ihr Leben aufs Spiel sie haben sich praktisch als Geiseln angeboten für die Sicherheit der BRD. ... Natürlich sind diese Menschen jetzt beunruhigt, wenn sie hören, daß etliche Deutsche nicht bereit scheinen, die Nukleargefahr mit ihnen zu teilen." (US-Journalist und Höfer-Gast Long in der "Bunten")

Denn was verbindet mehr als gemeinsame Gefahr?

Nicht als ob "die Menschen in Omaha" nicht auch Verständnis für westdeutsche Besorgnisse hätten. Sie haben in Verteidigungsminister Weinberger sogar einen nationalen Nebenführer, der sich gewiß auch in ihrem Namen, rührende Sorgen gemacht hat, um die Bedenken zu zerstreuen, die er den Bewohnern Westeuropas allenfalls nachempfinden kann. Man will in den USA ja gar nicht gleich unterstellen, daß da schon einige hunderttausend Bundesgenossen ins Lager des Bösen abgeschwommen sind. Man nimmt erst einmal, wohlwollend, die Frechheit, sich für Neutronenbomben, Pershings, Nervengasgranaten usw. usw. nur bedingt zu bedanken, als Mißverständnis oder kindlichen Unverstand: als Unkenntnis der Größe der Gefahr, gegen die die USA Europa schützen. Man malt sie ihnen deswegen genauso aus und auf wie man selber sie sich vorstellt: nicht bloß eine Liste der östlichen Bedrohung hat Weinberger in seiner "Studie" über "sowjetische Überlegenheit" aufgeschrieben; die besten Science-fiction-Illustratoren hat er aufgeboten, um die russischen Bomber möglichst eindrucksvoll die westliche Freiheit angreifen zu lassen. Mehr kann man vom amerikanischen Standpunkt aus wirklich nicht tun, als erstens die Europäer schützen und ihnen zweitens noch kindgemäß erläutern, wovor. Wenn die es trotzdem nicht begreifen wollen - und darin zeigt sich die Brutalität einer "Aufklärung", die für sich genommen erst einmal bloß kindisch wäre! -, dann wiederholt ein amerikanischer Freund seinen Hinweis in schärferer Tonart: Ob die Europäer denn alleine mit der Sowjetunion militärisch fertig werden wollen? Weil er sich sicher ist, daß die NATO-Partner das Bündnis ja gar nicht aufkündigen wollen - auch ohne Begriff davon, wie und inwiefern sie den Bündniszweck zur Geschäftsgrundlage ihrer Nationalinteressen gemacht haben -, und weil die ihn auch nicht enttäuschen, ist einem amerikanischen Politiker der Verweis auf einen "möglichen" "neuen Isolationismus" der USA als Drohung geläufig, obwohl dergleichen nie zur Debatte steht: Das wären ja Zeiten, wenn die USA den "Rest der Welt" wirklich einmal sich selbst überließen. Als letzten Freundschaftsdienst, damit beim Partner wieder mehr Dankbarkeit eintrifft, läßt sich schließlich auch noch diese "Warnung" ein wenig zuspitzen, nämlich mit einem kleinen Hinweis auf die Wahrheit des amerikanischen "Schutzes":

"Ich glaube nicht, daß die Europäer einen neuen Isolationismus fürchten müßten, falls die Friedensbewegung sich zu größerer Stärke auswächst. Sie sollten aber darüber nachdenken, ob die Vereinigten Staaten sich nicht, sollte die Friedensbewegung ein wichtiger Faktor in der europäischen Politik werden, entscheiden müßten, unsere Dinge selbst in die Hand zu nehmen." (Eagleburger)

Abhängig machen wollen die USA sich also noch nicht einmal zum Schein von der "Dankbarkeit", die sie von ihren Verbündeten einfordern - nicht nur auf dem "engen" Gebiet der Aufrüstung, sondern auch was deren innere Lage: Wirtschaft, Finanzpolitik, "Soziales Netz" und eine uneinsichtige innere Opposition anlangt. Schließlich ergeben sich die weltpolitischen Interessen der USA nicht aus dem falschen Selbstbewußtsein, ein selbstloser Freund der Europäer zu sein; derlei ideologische Umständlichkeiten sind das saubere nationalistische Gewissen einer eindeutig geordneten "Partnerschaft".

4. Gut besiegt Böse: Krieg auf amerikanisch

Nationen, wenn sie ihre Leute, gemessen an sämtlichen Kriterien des nationalen "Sinns", öfters schon mal sinnlos "geopfert" haben, bemühen sich in der Regel um eine Geschichtsschreibung, in der Kriege im wesentlichen unter dem Gesichtspunkt vorkommen, daß sie erstens die Ausnahme waren, der Friedensliebe der Nation also ein glänzendes Zeugnis ausstellen, und zweitens ausnahmslos ein ziemliches "Verhängnis", an dem kaum jemand schuld war, am wenigsten die eigenen nationalen Führer - es sei denn, ein Faschist will das"verkommene" Volk zu neuer Größe führen. Beides hat der amerikanische Nationalismus nicht nötig. Er brüstet sich mit seinen Kriegen - ganz bescheiden:

"Wir Amerikaner haben außerhalb unserer Gewässer in den letzten 50 Jahren immerzu eine allgemeine Erfahrung gemacht. Das war die Erfahrung, Krieg zu führen oder zu versuchen, Kriege zu verhindern."

"Wir sprechen von 5 größeren Kriegen, an denen wir teilnahmen, aber tatsächlich haben wir in unserer 197-jährigen Geschichte unsere Truppen 158 mal ins Gefecht geschickt. Meistens, um anderen zu helfen; schwächeren, deren Freiheit bedroht war."

Wer mag da noch fragen, was die USA denn "außerhalb ihrer Gewässer" und bei "Schwächeren" immerzu zu suchen hatten. Daß sie sich ohne Not in die Händel dieser Welt entscheidend eingemischt haben - jene Bequemlichkeit des amerikanischen Imperialismus, der nie in seiner strategischen Basis, der "Freiheitsinsel" selbst, bedroht war und deswegen stets auch noch im Kriegführen jegliche Freiheit hatte -, ist vom Standpunkt der erfolgreichen Einmischung aus ein moralisch unanfechtbarer Beweis für die Selbstlosigkeit, mit der sie geschehen ist. Die freie Handhabung des Krieges als jederzeit verfügbares politisches Mittel; die imperialistische Souveränität, andere bluten zu lassen und mit deren "Opfer" dann die Sache zu entscheiden, in jederzeitiger Siegesgewißheit; die spezielle Brutalität, allemal im Namen jener höchsten Prinzipien, die der liebe Gott den Amis zur Durchsetzung anvertraut hat, einen Staat nicht als Gegner, sondern als Bösewicht zu definieren und zur bedingungslosen Kapitulation zu verurteilen; all das gerät dem amerikanischen Nationalismus zu lauter Belegen für die unanfechtbare, unegoistische Edelmütigkeit ihres Zuschlagens. Und wenn dieser Edelmut schon an den Opfern der geführten und gewonnenen Kriege schwer auszumachen ist, dann um so eindeutiger an denen, die sie führen durften:

"Amerikaner zu sein, bedeutet, einem neuen Menschenschlag anzugehören, einer Mischung aus der ganzen Welt mit einem besonderen Cbarakter, über den Winston Churchill sagte: 'Wir scheinen die einzigen zu sein, die zur gleichen Zeit lachen und kämpfen können'."

Solche Monster in der Realität hervorzubringen, dürfte selbst dem amerikanischen Nationalismus kaum gelungen sein. Das Ideal der Leichtigkeit des Sieges paßt dem Selbstbewußtsein amerikanischer Überlegenheit aber so gut ins Weltbild, daß es gleich als spezieller Rassismus daherkommt - so als wären die US-Bürger selbst lauter fröhliche Cops und nicht die Opfer des Polizeistandpunkts, den ihre Nation in der Staatenwelt praktiziert. Zum Vietnamkrieg ergibt sich unter diesem Gesichtspunkt eine sehr erbauliche Kritik:

"Sie (= die Demokraten) erniedrigten uns durch einen schmutzigen Landkrieg in Asien."

...bis Republikaner Nixon mit seinem bekannt sauberen Luftkrieg jener Verirrung ein Ende machte, als amerikanische Boys sich dem Bösewicht wie einem gleichrangigen Gegner stellen mußten, statt ihn vom Standpunkt einer internationalen Instanz aus höchst majestätisch und fröhlich abzuknallen. Denn nur unter solchen Auspizien kann der Krieg seine zivilisatorischen Wirkungen auf den nationalen Nachwuchs voll entfalten:

"Jede Generation muß lernen, daß das, was die Menschen am meisten schätzen, das, was eine Zivilisation ausmacht, das ist, wofür die Menschen am meisten schätzen, das, was eine Zivilisation ausmacht, das ist, wofür die Menschen immer zu sterben bereit waren."

Ein Schulungsprogramm, das Reagan den Seinen nicht vorenthalten will:

"Übrigens hat auch diese Erziehung unter dem Gesichtspunkte der Rasse ihre letzte Vollendung Heeresdienst zu erhalten."

Nein, pardon, das war ja Hitler. Aber von wem ist bloß das?

"Ist es vielleicht möglich, daß manchem der Friede so teuer und das Leben so suß geworden ist, daß sie beide erkaufen würden - um den Preis von Ketten und Sklaverei?"

Na, egal. In der Lüge, daß materialistische Verweichlichung herrschen würde unterm Volk und ein Krieg für die Hebung seiner Moral Wunder tut, sind sich spätestens im Falle des Ernstfalls demokratische und faschistische Repräsentanten imperialistischer Gewalt ohnehin einig. Aber das Folgende, das ist wieder ganz der amerikanische Präsident. Also lautet sein Urteil über seinen Lieblingsfilm "Patton":

"Er sagt etwas aus, was heutzutage gesagt werden muß: daß es Dinge gibt, für die Männer zu sterben bereit sein müssen."

Auf denn!