WAS DEUTSCHEN HISTORIKERN ZUR JUDENVERFOLGUNG EINFÄLLT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 11-1988 erschienen.

Zeitgeschichte
WAS DEUTSCHEN HISTORIKERN ZUR JUDENVERFOLGUNG EINFÄLLT

Das rund 40jährige nationale Volksbildungsprogramm namens "Vergangenheitsbewältigung" hat radikal für Humanismus gesorgt. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen steht der bundesdeutsche Geist der Herrschaft des Rechtsvorgängers distanziert gegenüber und hat dafür in allerster Linie humanitäre Gründe. Das kommt daher, daß von den Trägern dieses Geistes - von den Höhen der Wissenschaft bis runter ins Volk - zwar kaum einer weiß, welchen Prinzipien und Maßstäben staatlicher Herrschaft sich der faschistische Rassismus verdankt, aber sich alle furchtbar darin einig sind, daß das Dritte Reich sich bei seiner "Endlösung der Judenfrage" schon einiges hat zuschulden kommen lassen: Offensichtlich herrscht allseits Zufriedenheit damit, daß man einer Demokratie untertan ist, die ihre Zwecke ohne Pogrome, KZ und sontige "Schandtaten" durchzieht - und folglich schon ziemlich menschlich sein muß. Und offensichtlich kann diese Sorte von Zufriedenheit von sich selbst gar nicht genug kriegen. Denn so fertig die humanistisch-demokratische Be- und Verurteilung der brannen deutschen Vergangenheit der Sache nach ist, wenn sie die moralische Einheits-Diagnose von "grauenhaft" und "unmenschlich" bis "furchtbar" und "entsetzlich" angebracht hält -: Zuende ist sie deswegen noch lange nicht, und auch gewisse Unterschiede schälen sich heraus.

Für den Großteil der demokratischen Humanisten gibt es jede Menge Erbauungsstoff für ihre edle Gesinnung und Angebote, die faschistischen Abgründe spannend und unterhaltend zu finden: Ob in Familienserie, Bildreportage oder Zeitungsbericht - das "Entsetzliche" wird als packend genossen, das "unvorstellbare Grauen" hat genießerischen Nährwert, wenn man mit Phantasie und Vorstellung mitten dabei ist, der Horror als Lebensgeschichte und die Vergasten als Standbild in den Nachrichten das Gemüt kitzeln.

Im Vergleich zu diesen doch eher genießerischen Formen der Gegenwartsbewältigung fällt eine Minderheit demokratischer Humanisten durch ein anderes Bedürfnis auf, für das der Faschismus gut ist: Deutsche Historiker können über den Unsegen der "nationalistischen Gewaltherrschaft" nie genau und ausreichend genug wissen. Das hat keinen sachlichen, sondern darin seinen Grund, daß Historiker den Faschismus mit höchst eigentümlichen Fragestellungen bedenken, und die sorgen auf ihre Weise dauerhaft für Forschungsstoff:

"Die Endlösung": "Wahnsinn" - beabsichtigt oder improvisiert? "Verbrechen" - einmalig oder vergleichbar?

Liest man eine Bestandsaufnahme der Forschung zur nationalsozialistischen Judenvernichtung, fällt sogleich auf, daß es da in der schönsten Einmütigkeit um äußerst seltsame Streitpunkte geht. Beherrschendes Thema ist die "Rekonstruktion der Entschlußbildung", und das zentrale "Forschungsproblem" ist die Frage,

"ob der Mord an den Juden auf eine Initiative Hitlers zurückging oder sich aus den antijüdischen Maßnahmen der Nationalsozialisten in einer Akkumulation ergab...

Wie, wann und o, gegebenenfalls von wem ist der Entschluß oder sind die Entschlüsse gebildet worden, die europäischen Juden in welcher Reihenfolge und mit welchen Mitteln zu töten?" (Jäckel III, S. 11)

Wer von den damals für das Gedeihen des deutschen Volkes Verantwortlichen sich auf die physische Ausrottung der Juden verständigt hat; wann dieser Beschluß - 1924 in der Gefängnishaft Hitlers in Landsberg oder erst in der ominösen Wannseekonferenz 1942 oder irgendwo dazwischen oder gar nie richtig - gefällt wurde; dies sind seinem Inhalt gegenüber sehr fremde Fragestellungen und ein tiefes Ergründen der Modalitäten der Beschlußfassung kann daher niemals etwas zur Klärung der Natur dieses Beschlusses beitragen. Die Historikerzunft sieht dies übereinstimmend ganz anders:

Die einen treten mit der Behauptung auf, daß sich "die Entwicklung des Hitlerschen Antisemitismus in einer Stufenfolge nachzeichnen läßt" (Hillgruber I, S. 221), gehen davon aus, daß "die großen Entscheidungen in der Geschichte des Dritten Reiches" von seinem "doktrinären programmatischen Kern her zu fassen" (ebd., S. 220) seien und die Tat mit ihrer Rückführung auf die Absicht zu ihr in Form einer fixen Idee Hitlers für grundsätzlich erklärt sei:

"Die Entfernung der Juden war Hitlers ältestes Ziel. Schon in einem Brief vom 16.9.1919, dem ersten politischen Schriftstück seines Lebens, hatte er geschrieben..." (Jäckel II, S. 89)

"Man hat daher Anlaß zu der Annahme, daß die Judenfrage Hitler anfänglich und vielleicht lebenslang mehr umtrieb als die Außenpolitik." (Jäckel I, S. 155)

Die anderen wollen es genau andersherum sehen: Ihnen erscheinen die Vorgänge eher als mehr oder weniger zufällige Ad-Hoc- Reaktionen auf die diversen Wendungen der Tagespolitik, weshalb sie "als Funktionen gesellschaftlicher Abläufe" interpretiert werden.

"Es war gleichsam Hitlers zweite Natur, Entscheidungen erst dann zu vollziehen, wenn die Situation dazu überreif erschien.

Der Holocaust beruhte nicht auf einem langfristig entwickelten Programm. Es handelte sich um eine perfekte Improvisatation, die jeweils aus früheren Planungsstufen hervorging und diese eskalierten." (Mommsen, S. 235 u. S. 277)

Um welche Entscheidung es sich dabei gehandelt hat, ist ziemlich wurscht; gefragt ist hier weder eine Erklärung der faschistischen Vorstellungen von Volk, Staat und Rasse, die sog. Volksschädlinge zwecks Reinheit und politischer Verläßlichkeit des Volkskörpers aussortiert sehen möchte, noch eine Erklärung dafür, warum dies so manchem braven, staatsbürgerlich gebildeten Untertanen so unheimlich gut eingeleuchtet hat: Das historische Argument heißt hier schlicht "Funktion" und ist die zuversichtliche Kundgabe, daß Historiker den Grund einer Sache nicht zu wissen brauchen, um sie in jedem Falle als begründet ansehen zu können. Diese abstrakte Beschwörung der Judenvernichtung als keinesfalls zufällig ist die nicht übermäßig gehaltvolle wissenschaftliche Anknüpfungstour an die Vorstellung des Alltagsverstandes, daß es sich um eine perverse Scheußlichkeit gehandelt haben muß, die mit Gott und der Welt zusammenhängen mag, nur nicht mit Politik und dem damaligen "Modell Deutschland". Weil er über seinen Gegenstand nichts weiß, sich aber plausibel machen möchte, daß es ihn hat geben müssen, versteigt sich dieser "Ansatz" dazu, den Rassismus als nicht weiter ernst gemeinte "Phraseologie", als für die Praxis nicht vorgesehenes "nur Weltanschauungs-Instrument" zu verharmlosen, der also nicht als Funktion für die damaligen Staatsgeschäfte, sondern für etwas ganz anderes (wie z.B. so etwas Unschuldiges wie "Zukunftsgläubigkeit") gedacht gewesen sein müsse.

Weil es als ausgemachte Sache gilt, daß der Antisemitismus eine im Westen unpolitische Ideologie ist und die Judenvernichtung folglich mit Politik und Nation nicht das Geringste zu tun haben kann, staffieren diese beiden theoretischen Varianten des Zustandekommens des Holocausts die Einheitsideologie aus, wonach im Faschismus eigentlich "Nicht-Politik" doch Politik werden mußte: Allein dazu werden aus dümmsten Nebensächlichkeiten wie Zeitpunkt, Personen und Modalitäten der Beschlußfassung zur Lösung des "Judenproblems" alles entscheidende Angelpunkte der Forschung, weil die ganz extraordinäre historische Umstände dingfest zu machen erlauben, welche dieser "irrationalen Ideologie" die Tür in die Politik geöffnet hätten.

Von der antisemitischen Tradition des 19. Jahrhunderts, die sich in den 20er Jahren zu Hitlers fanatischer Weltanschauung verdichteten, um sich später über diese Person in die Politik einzuschleichen, bis zu den "Antagonismen des Systems" (Mommsen, S. 262), welche die an sich gar nicht ernstgemeinte "verbale antisemitische Rhetorik" zu ihrer Realisierung getrieben haben sollen, ist dann alles recht zur Plausibilisierung dieser einen Ideologie, deren Kern auch jeder Nicht-Historiker sehr geläufig ist.

Auch das ist die "Endlösung": Ein Krieg zuviel!

Das staatsmoralische Apriori dieser Phantastereien, daß der Holocaust mit Politik nichts, mit zeitbedingten Verformungen des Politikmachens aber sehr viel zu tun haben müsse, erfährt in den Abhandlungen regelmäßig eine sehr verräterische "realistische" Ergänzung. In letzter Instanz lebt dieses Apriori nämlich von dem Verdacht, die Nazis hätten das Geschäft der staatlichen Gewalt im Grunde gar nicht beherrscht. Dabei denkt der demokratische Sachverstand an das, was ihm als Erfolgsrezept seiner Herrschaft einleuchtet - ordentlich, d.h. vor allem wirksam -, so daß der klassische Vorwurf der "faschistischen Barbarei" so menschenfreundlich auch wieder nicht ist. Er ist eine einzige Heuchelei, insofern das Messen der einschlägigen - "barbarischen" - Maßnahmen an dem Kriterium ihres Beitrags zum angepeilten nationalen Erfolg mit gebotener Sachlichkeit an dem "Unbegreiflichen" bloß durchexerziert wird, um diesen Verdacht zu erhärten. Auch das "Verbrechen" blamiert sich erst richtig an seinem Beitrag zum Untergang seines Urhebers, des Dritten Reiches. "Funktionalisten" und "Intentionalisten" sind sich wieder völlig einig, wenn sie in der "moralischen Katastrophe" das verhängnisvolle Verlassen einer auf Erfolg berechneten 'Realpolitik' erkennen: Der Holocaust fungiert regelrecht als der schlagendste Beweis für die "Irrationalität" einer ideologisch besessenen Politik. Statt "realistisch", d.h. auf Erfolg berechnet und dabei erfolgversprechend die Chancen zu taxieren, verkannte Hitler demnach die Welt mit seiner "doktrinären Sicht" und konnte nicht einmal den äußeren vom inneren Feind - der ja wie man heute weiß, nicht einmal einer war - unterscheiden. Weil beide in seinem Programm "untrennbar verknüpft" waren, ist ihm eine unverzeihliche "Starrheit" in der Durchsetzung des inhaltlich festliegenden Kernstücks seines rassenideologischen Programms" zu bescheinigen; "Ostkrieg und Endlösung..." (Hillgruber I, S. 225) waren eben zusammen nicht zu machen. Wenn so der Zusammenhang mit dem verlorenen Krieg gegen die Russen die Judenvergasung erst richtig zum Skandal macht, präsentiert sich die schlimme "Gewaltherrschaft" nach zwei Seiten: Stillschweigend ist der Kriegszweck gegen die Russen die "Realität" geworden, auf die es aufzupassen galt, und der Krieg gegen die Juden ist die störende "Konsequenz" einer "ideologischen Scheinwelt":

"Hitler scheute Zeit seines Lebens und aus einer Mischung von Instinkt und Eitelkeit davor zurück, die ideologische Scheinwelt, in der er lebte, mit der politischen und sozialen Realität zu konfrontieren... Die antisemitische Metaphorik (!) ersparte es ihm, über die konkreten Konsequenzen seiner Prophezeiung von der 'Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa' nachzudenken, zumal mit dem Feldzug gegen die Sowjetunion der Rubikon zu einer Strategie des Alles oder Nichts überschritten war. Zwischen dem mit militär- und rüstungstechnischen Details angefüllten konkreten Handlungshorizont Hitlers und dem wirklichkeitsfernen weltanschaulichen Ideengebäude, das zur Realität keine Beziehung aufwies, gab es keine Mitte mehr...

Konfrontiert mit den realen Konsequenzen der Judenvernichtung, reagierte Hitler nicht anders als seine Unterführer - er suchte diese nicht wahrzunehmen oder zu verdrängen... Kollektive Verdrängung unbequemer Tatsachen und krimineller Handlungen gehört zur Ausstattung jedes politischen Irrationalismus." (Mommsen, S. 261)

Die Sorge, daß die Auftraggeber des Holocausts angesichts seiner blutigen Unschönheiten erschrecken könnten, sollte man sich besser nicht machen, geschweige denn die Spekulation, ob die "Endlösung" angesichts ihrer unappetitlichen Praxis hätte wieder aufgegeben werden können: Wer als Führer in volkshygienischen Sachen Verantwortung trägt, ist zu - heutigentags 'unpopulär' anmutenden Maßnahmen - beauftragt, braucht also auch keine "unbequemen Tatsachen" zu "verdrängen", weil sie zu seinem patriotischen Kampfauftrag zur Rettung seines Volkes gehören.

Ein feiner Einwand, den die Historiker hier gegen den Faschismus vorbringen: Wo es im Krieg auf "Alles oder Nichts" ankommt, haben sich die Nazis mit ihrem "politischen Irrationalismus" den Juden gegenüber einen erstens überflüssigen und zweitens wehrkraftschwächenden Nebenkriegsschauplatz eingehandelt. So differenziert man die zwei Ziele des faschistischen Kriegsprogramms, Ausschaltung des inneren Feindes und Gewinnung von Lebensraum, in eine ganz normale Abteilung (= Bekämpfung des äußeren Feindes) und in eine gänzlich absurde (= Bekämpfung des inneren Feindes) und moniert obendrein, daß der ideologisch verblendete Gröfaz nicht einmal beide Programmpunkte "realistisch", d.h. nach Maßgabe erfolgversprechender Nützlichkeitskriterien verwalten konnte. Ganz abgeklärt versteht man sich auf die grundsätzliche und unüberbrückbare Unterscheidung zwischen einem anerkennenswerten, durchaus militanten Materialismus staatlicher Gewalt, der negative Idelabilder vom 'wirklichen' Feind - etwa vom Russen - allemal mit einschließt, auf der einen Seite, und dem Idealismus der nationalsozialistischen Judenfeindschaft auf der anderen, an dem überhaupt keine materiell staatsdienliche, als 'verständlich' anmutende Grundlage mehr auszumachen sein soll. Weil da lauter "Unschuldige", d.h. für deutsche Politik an sich gut brauchbare - sogar mit Orden ausgezeichnete Weltkrieg-I-Teilnehmer - zu völlig überflüssigen Leichenbergen verarbeitet wurden. Anstatt sie auf dem Schlachtfeld einer offenbar viel plausibleren Verwendung als Kanonenfutter zuzuführen:

"Hier wurden Menschen ermordet, die - unabhängig davon, ob sie überhaupt einen politischen Faktor darstellten - als minderwertig betrachtet wurden... Der Massenmord war die mit unheimlicher Konsequenz in die Praxis umgesetzte nationalsozialistische Theorie des biologischen Materialismus." (Erdmann, S. 110f.)

Erst der verhängnisvolle Zusammenhang der Judenvergasung mit dem Kampf gegen die Sowjetunion beweist das wirkliche Ausmaß der angeblichen Verrücktheit dieser Politik, und der ansonsten gern zur Schau gestellte moralische Rigorismus gegenüber den ausgiebig bebilderten Greueln zieht sich ganz auf einen sich "realistisch" gerierenden Idealismus des besseren Gelingens des Dritten Reiches bzw. des Zweiten Weltkriegs zusammen. Daß die "Endlösung" den Endsieg behindert hat, ist denn auch das schlagendste Argument gegen sie, das kaum eine 'Analyse', ob "funktionalistisch" oder "intentionalistisch", vergißt:

"Hitler war unfähig, in dieser Hinsicht Prioritäten zu setzen, und diese Unfähigkeit kam in seinen Handlungen immer wieder zum Ausdruck," (Jäckel II, S. 91)

"Daß während des Sommerfeldzugs 1942 in Richtung Stalingrad alle Kräfte und alle Transportmittel für dieses strategisch als entscheidend betrachtete Ziel hätten eingesetzt werden müssen, läßt sich wohl nicht bestreiten. Dennoch rollten aus ganz West- und Mitteleuropa Eisenbahntransporte mit Juden in die Vernichtungslager in Polen." (Hillgruber I, S. 239)

"Der Tatbestand, daß die Politik der 'Endlösung' erheblich materielle Kräfte band, darunter den so unerläßlichen Transportraum, und das so dringend benötigte Arbeitskräftepotential so empfindlich begrenzte, hätte es nahegelegt, die Deportations- und Vernichtungspraxis zu modifizieren. Mit diesem Problem gelegentlich konfrontiert, reagiert Hitler meist ausweichend." (Mommsen, S. 261)

Wenn man einen Krieg gewinnen will, muß man alles dafür tun und darf sich nicht verzetteln. Wenn man ihn nicht gewonnen hat, hat man zu wenig für den Sieg getan und sich verzettelt. Sehr schlau, und kaum zu widerlegen.

Und auch die Marburger Schule, die einmal mit ihrer "Sündenbocktheorie" gemeint hat, der Antisemitismus sei eine besonders raffinierte Form der NS-Ideologie, die eigentlich antikapitalistischen Bestrebungen des (guten) deutschen Volks vom kapitalistischen Staat ab- und in staatskonforme Bahnen hinzulenken, beteiligt sich phantasiereich an der Sortierung der faschistischen Herrschaft in begründete und nicht-begründete Gewalt und kann in der schieren Vernichtung von Menschen nur noch eine "irrationale Verselbständigung des faschistischen Antisemitismus gegenüber den Hauptzwecken seiner Innen- und Außenpolitik" (Kühnl, S. 211) feststellen:

"Ich sehe keine Möglichkeit, bei der Erklärung des Massenmords um die These von einer partiellen Verselbständigung der faschistischen Ideologie und Staatsgewalt sowohl gegenüber den Profitinteressen des Monopolkapitals wie auch gegenüber den Herrschaftssicherungsinteressen des Systems herumzukommen."

(Kühnl, S. 211)

Auch das ist ziemlich unanfechtbar: Wenn man von den "Hauptzwecken" der faschistischen Innen- und Außenpolitik" ihren faschistischen Gehalt abstrahiert, passen so manche politische Maßnahmen des Faschismus nicht ins Bild von "Innen- und Außenpolitik", wie man sie so kennt, und man sieht partout "keine Möglichkeit" mehr, sie in selbigem unterzubringen. Und schon sind sie "irrational" und ziemlich "verselbständigt". Allerdings: Je mehr die historische Theorie den Holocaust zu "Hitlers Weltanschauung" oder zur Konsequenz eines wiederum ihm zuzuordnenden "Systemzwangs" verdreht, desto mehr stellt sich ihr die Frage, wie so ein Quatsch unter Wissen und Beteiligung eines ganzen Volkes zur verbindlichen nationalen Aufgabe gemacht werden konnte. Für die Wissenschaft ist dies Gelegenheit, sich zuallererst ausführlich über

Das "Unbegreifliche"...

dieser Geschehnisse zu verbreiten, um mit der demonstrativen Bekundung, daß man sich auch beim besten Willen keinen politischen Grund dafür auch nur vorstellen kann, diese Ideologie noch einmal abzusichern. So arbeiten sich die diversen "Erklärungsansätze" zu einem gemeinsamen Urteil durch, der Holocaust wäre letztlich "unfaßlich", weil so absolut "sinnlos" "Unschuldige" "barbarisch" vernichtet wurden:

"Das lähmende Entsetzen und die sittliche Empörung, die wohl jeder empfunden hat, der die Geschichte dieser abgründigsten aller Verbrechen ganauer zur Kenntnis nahm..." (Jäckel II, S. 17)

"Für den Historiker, der die Massenvernichtung der Juden zu verstehen sucht, ist der absolut einmalige Charakter dieser Katastrophe das schwerwigendste Hindernis. Es ist nicht lediglich eine Frage der Zeit und der historischen Perspektive. Ich bezweifle, daß man in tausend Jahren Hitler, Auschwitz, Madjanek und Treblinka besser verstehen wird, als wir es heute tun." (Deutscher, S. 163)

"Was wir nicht begreifen, ist die fast schlagartige Auflösung der politischen, institutionellen und der Rechtsstrukturen Deutschlands, sowie der Kapitulation der moralischen Kräfte." (Friedländer, S. 49)

"Unbegreiflich" erscheint die Judenvernichtung einem staatsbürgerlich geschulten Verstand darin, daß "Unschuldige" - sprich: keine ausländischen Feinde -, also brave Deutsche bzw. wehrlose Frauen und Kinder "sinnlos" ermordet wurden - sprich: ohne daß dabei ein irgendwie gearteter politischer Vorteil auszumachen wäre. Das "fassungslose" Insistieren auf einer ungeheuren moralischen Besonderheit dieses 'Bürgerkriegs' ohne politischen Gegner, geschweige denn bewaffneten Feind, lebt vom tiefen Verständnis für eine staatliche Gewaltanwendung nach innen wie außen, sofern nur der Gegner, den sie treffen soll, ins Bild des Staatsfeindes hineinpaßt. Das gleiche gilt für den bekundeten Schauder vor der industriemäßig betriebenen Vernichtungsmaschinerie, in der man eine einzigartige Grausamkeit erblickt, die man in der gleichermaßen systematisch angepackten Franzosen- oder Russenvernichtung nicht bemerken will - weil das war ja Krieg und ganz offiziell. Das "Unglaubliche" dieser "Grausamkeit" reduziert sich darauf, daß man zu ihr so schlecht sachgerechte Beweggründe assoziieren kann, und bloß das macht das vollkommene "Unverständnis" aus, auf das in dieser Angelegenheit so unendlich viel Wert gelegt wird - in deutlicher Differenz zu anderen Großtaten nationalsozialistischer Herrschaft.

...verständlich gemacht...

Bloß: wie mag es denn nur zu dieser "moralischen Katastrophe", zu diesem "qualitativen Umschlag der Politik zum eklatanten Verbrechen" (Hillgruber I, S. 240) gekommen sein? Einmal das Terrain aufbereitet und den Faschismus als Abweg vom Pfad staatlicher Tugend bestimmt, wird der historische Sachverstand sicher und macht sich ziemlich viel begreiflich vom "Unbegreiflichen". Seiner historischen Erklärungslogik folgend, wonach nichts für sich, weil immer eines aus dem anderen und der Grund von etwas immer in seinem geschichtlichen Vorher zu begreifen sei, wird er in letzterem fündig: Rückschließend von den Taten auf historisch passende Rahmenbedingungen für sie entdeckt er, daß die Zeit moralisch nicht so recht sattelfest gewesen sei; Irrungen und Wirrungen lagen damals gewissermaßen in der Luft, die haben viel "ermöglicht":

"Die moralische Katastrophe ... war geistig vorbereitet: Die - durch einen Schwund an religiöser und moralischer Substanz ermöglichte - Herauslösung traditioneller Werte wie Gehorsam, Pflichterfüllung, Opferbereitschaft und Treue aus einem größeren Wertzusammenhang erlaubten es dem Nationalsozialismus, die zum Bruch mit der Tradition bereiten Kräfte der 'Bewegung' und des politischen Landsknechtstums unmittelbar in seinen Dienst zu nehmen." (Hillgruber I, S. 242)

Von den Faschisten wie Demokraten gleichermaßen gern gesehenen, weil von jeder dieser Herrschaftsformen gleichermaßen gern in Anspruch genommenen Idealen staatsbürgerlicher Pflichterfüllung von Gehorsam bis zur Treue wird vom Historiker schon ein wenig viel verlangt: Ausgerechnet sie, die die absolute Dienstbarkeit des Untertanen, seine systemunabhängige und universelle Brauchbarkeit als fraglosen Wert formulieren, sollen sich selber gegen "Mißbrauch" feien! Und wo der anfängt und der "sinnvolle" Gebrauch aufhört, entscheidet sich ausgerechnet am Vorhandensein von Gottesfurcht und moralischer Ursubstanz, in welche soldatische Tugenden schon eingebettet sein möchten, will der Historiker seiner Zeit seinen Segen geben!

In diesem Fall mag er das nicht, so daß seine Auffassung vom historischen Kontinuum - vom Vorher zum Nachher und weil vorher, deswegen nachher - die Form des Urteils über den Faschismus annimmt: Ein "Bruch mit der Tradition" war er, also anders wie vorher...

Kollege Mommsen mag sich auf das angeblich "Unvorstellbare" letztlich auch nur diesen Reim machen, wobei er gegenüber Hillgrubers bloßer "Möglichkeit" einen Zahn zulegt und "bedingt" sagt:

"Die politisch-psychologische Gesamtstruktur, die dies bedingt hat, ist das eigentliche Problem der historischen Erklärung des Nationalsozialismus." (Mommsen, S. 250)

Viel gewinnt er damit aber nicht, weil erstens eine Bedingung nur sagt, was ohne sie alles nicht möglich, mit ihr aber deswegen nicht auch schon wirklich ist, und der Historiker zweitens mit seinem Gefasel von der "Gesamtstruktur" nur seine Idee von der Bedingtheit des Faschismus Ausdruck verliehen hat. Deshalb landet auch seine historische Motivsuche zielstrebig bei der "manipulative(n) Verformung der öffentlichen und privaten Moral" (Mommsen, S. 281), bei der "Zeit" und dem von ihr abhängigen "Menschen".

...und als notwendig erklärt: Der geschichtliche Ort des Holocaust

ist Hillgrubers Antwort auf dieses "Problem", welches durch die zufällige "Konstellation des Jahres 1941" ermöglicht worden sein soll. Nimmt man dann noch die Bedingung eines fanatisch antisemitischen Führers hinzu, werden "Konstellationen" Ereignis und machen den Holocaust ziemlich zwangsläufig:

"Sehr vieles weist auf den Höhepunkt der Siegesillusionen Hitlers im Juli 1941 hin, als eine Situation eingetreten zu sein schien, die eine einmalig erscheinende Chance zur Realisierung von schon lange gehegten Absichten gab." (Hillgruber II, S. 94)

Mit der Auflösung des in Großdeutschland maßgeblichen politischen Willens zur "Endlösung" in eine subjektlose Konstellation von Umständen stellt sich der Staatszweck Völkermord - ein anderes Subjekt als ein Staat kann so einen anspruchsvollen Zweck gar nicht verfolgen! - als unpolitischer Privatwahn eines eines Individuums namens Hitler dar, über dessen "Gesamtverantwortung für das Geschehen nicht der geringste Zweifel" (Hillgruber II, S. 96) herrschen kann, während der deutsche Staat mit seinem Gewaltapparat als moralisch saubere Veranstaltung dasteht, der man hinsichtlich ihrer politischen Programmatik jedenfalls die "Endlösung" nicht anlasten kann.

"Die Endlösung": Ein einmaliger oder vergleichbarer Schandfleck?

Allerdings: Der kleine Geburtsfehler der ansonsten glänzenden Republik von heute, über einen moralisch nicht so haltbaren Rechtsvorgänger, der von deutschem Boden aus deutsche Politik gemacht hat, auf die Welt gekommen zu sein, ist damit nicht vom Tisch. Und das hat deutschen Historikern zu denken gegeben. Nicht daß sie an ihren Deutungen der "Endlösung der Judenfrage" als "Frage menschlicher Schuld" und moralischer Verantwortung irre geworden wären; gesorgt haben sie sich darüber, ob denn ihr ewiges Herumwälzen der "Endlösung" als Schandfleck deutscher Nationalgeschichte das Passende ist, um Nationalisten von heute mit letzterer in gebührender Weise vertraut zu machen. Und weil sie Wissenschaftler sind, haben sie die recht einfache Problemstellung, wie deutsche Bürger am besten mit einem schönen deutschen Nationalismus - nebst einer ebenso schönen historischen Tradition - zu versorgen seien, zu guter letzt auch noch als Streit um die rechte Deutung der Geschichte abgewikkelt. Die Varianten derselben wurden im berühmten sog. "Historikerstreit" erstmals ausgebreitet, der sich darum drehte, welche Vorschriften zur Deutung deutscher Geschichte als allgemeingültig zu erlassen seien: Soll man zur "Endlösung" sagen, daß es auch andere Völkermorde gegeben hat - wodurch das "deutsche Verbrechen" sich ein bißchen weniger schlimm ausnehmen soll -, oder ist es besser, die Deutschen mit der Einzigartigkeit dieses nationalen Skandals von den Segnungen ihrer jetzigen politischen Herrschaft zu überzeugen?

Während konservativ eingestellte Weißwäscher auf das "Vorliegen" von "Völkermord gestern in Vietnam und heute in Afghanistan" (Nolte) verweisen, um "gemeinsame Aspekte der nationalsozialistischen Judenmorde mit den Kulaken-Ausrottungen in der Sowjetunion und den Massenvernichtungen des Pol-Pot-Regimes" (Schulze) herauszustreichen, wollen 'kritisch' veranlagte Geschichtspfleger die Einzigartigkeit der Konzentrationslager als staatsbürgerliches Anschaukngsmaterial bewahren. Solches Fragen um die Ein/Zwei/Dreimaligkeit der faschistischen "Untaten" ist mit der Erkundung nach den Absichten, denen besagte Taten dienten, schon längst nicht mehr zu verwechseln. Statt über den Faschismus gibt die Einmaligkeitsfrage einzig Auskunft über die agitatorischen Vorlieben der Frager: Sie verurteilen die besagten Taten - und fragen sich gleichzeitig, wie sehr sie sie verurteilen sollen, um sie für ein modernes nationales Geschichtsbild als Teil der "nationalen Identität" brauchbar zu machen. Die Antworten sind entsprechend:

"Die vorbehaltlose Öffnung der BRD gegenüber der politischen Kultur des Westens ist die große intellektuelle Leistung unserer Nachkriegszeit. ... Eine in Überzeugung verankerte Bindung an universalistische Verfassungsprinzipien hat sich leider in der Kulturnation der Deutschen erst nach - und durch Auschwitz bilden können. Wer uns mit einer Floskel wie 'Schuldbesessenheit' die Schamröte über dieses Faktum austreiben will, wer die Deutschen zu einer konventionellen Form ihrer nationalen Identität zurückrufen will, zerstört die einzig verläßliche Basis unserer Bindung n den Westen." (Habermas)

Die hier von Habermas gepflegte Scham - stellvertretend für den Nachfolgerstaat - ist eine einzige nationalistische Erbauung darüber, daß der heutige deutsche Staat über die edelsten Zwecke überhaupt verfügt. Dafür steht erstens, daß ihm üble Einrichtungen wie Auschwitz gänzlich fremd sind. Zweitens die unerschütterliche Eingemeindung der BRD im westlichen Kulturschatz namens NATO, wofür drittens wiederum Auschwitz die notwendige Voraussetzung war. Letzteres ist die ungemein "kritische" Variante auszudrücken, daß zwischen Demokratie = Westen und Faschismus Welten liegen, während es zwischen Auschwitz und dem"Osten" wohl so etwas gibt wie Wahlverwandtschaft...

Demgegenüber betont die Deutung des Holocausts als mit anderen Völkermorden vergleichbar dasselbe anders: Die moralische Abgrenzung gegenüber "Auschwitz" steht, hinzu kommt bloß der Einspruch, sich deswegen nicht andauernd Übles nachreden lassen zu müssen - und zwar mit dem Kindergartenargument: "Ich kenne einen, der hat genauso Schlimmes angestellt." Mit dem bescheuerten Hinweis: "Nicht die Nazis allein..." ist die historische Relativierung der "Schuld" zwecks Neufassung der deutschen Geschichte als für Staaten relativ normale Vergangenheit schon fertig.

Auf der Grundlage des national-moralischen Endes der "Schuldfrage" schlägt die Freiheit der Interpretation aber erst voll zu, wenn sie zur Neukonstruktion von Zusammenhängen übergeht, die - im großen historischen Rahmen gesehen, versteht sich - entweder auf überhaupt keine Schuldigen mehr deuten oder aber auf die, auf die es heute ankommt. Erstens das Böse im Menschen:

"Die Tatsache der direkten oder indirekten Mitwirkung so vieler Menschen innerhalb der den Mord in Gang haltenden Organisationen, Behörden und Dienststellen und auch die Hinnahme des zumindest dunkel geahnten grauenhaften Geschehens durch die Masse der Bevölkerung weisen jedoch über die historische Einmaligkeit des Vorgangs hinaus. Die offenkundige Leichtigkeit, unter den zivilisatorischen Bedingungen des zwanzigsten Jahrhunderts Menschen dafür gewinnen zu können, andere Menschen nahezu teilnahmslos umzubringen,... ist dabei das Beunruhigendste, der hohe Anteil von Akademikern daran das am tiefsten Erschreckende. ...

Das sind Dimensionen, die ins Anthropologische, ins Sozialpsychologische und ins Individualpsychologische gehen." (Hillgruber II, S. 98 f.)

Das leuchtet ein: Wenn deutsche Faschisten innere Feinde ausfindig machen und die elende Staatsbürgerbande zum Ausrotten anleiten, muß es der Anthropos in uns allen gewesen sein...

Oder war es - zweitens - eher mehr das Gute im Menschen: Im Prinzip hat er das nämlich auch überreichlich:

"Doch auch die Begeisterung, der Idealismus, die Bereitschaft zu Opfern, der Ehrgeiz und die sportliche Freude, in der viele Mutige selbstvergessen ihr Leben aufs Spiel setzten für ihr Volk, wie sie meinten, und für den Führer (wie sie nicht immer meinten, für dessen verbrecherische Pläne sie es aber taten) - auch das wird man kaum verurteilen können. Manches mag dumm, vieles jugendlich und sehr vieles nicht genauer bedacht gewesen sein - aber ist so etwas, für sich genommen, irgendwie verwerflich?" (Meier)

Aber nie und nimmer doch! Was wollen wir denn an einem Volk kritisieren, das die perfekte Manövriermasse seiner Obrigkeit ist! Das ist doch Menschennatur: Einer sagt, wo's langgeht, und die anderen sind dabei, und zwar mit Begeisterung! Wer sein Ideal einer Knechtsgesinnung für ein Stück Natur hält, das dem Menschen bloß gerecht wird - denen jedenfalls, die fürs Gehorchen geboren sind kommt eben dahin, einen etwas anrüchigen Fall der Inanspruchnahme dieser Gesinnung zum weiten Bereich des Menschlich-Allzumenschlichen zu schlagen - und aus dem dann die faschistische "Einmaligkeit" zu "begründen": Menschlich ganz verständlich...

Die Russen schuld am Holocaust?

Es ist die Entdeckung Noltes, daß die moralische Schuldfrage der "Judenvernichtung" auch im deutschen Sinn durchaus weiterzuwälzen geht, wenn man ihr nur die rechte Perspektive weist und die moralische Wucht des "Verbrechens" wahre Schuldige trifft. Damit sind nicht im strafrechtlichen Sinn die Täter gemeint, sondern die 'Wurzel allen Übels', und die kennt man ja seit geraumer Zeit:

"Aber gleichwohl muß folgende Frage als zulässig, ja als unvermeidbar erscheinen: Vollbrachten die Nationalsozialisten eine 'asiatische' Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich als potentielle oder wirkliche Opfer einer 'asiatischen' Tat betrachteten? War nicht der Archipel GULAG ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der 'Klassenmord' der Bolschewiki das logische und faktische Prius des 'Rassenmords' der Nationalsozialisten?" (Nolte)

Mit welcher strategischen Überlegung sich die Nazis mit einer Art präventivem Völkermord gegen einen ebensolchen zu schützen gedachten, muß natürlich Noltes Geheimnis bleiben, wenn er "einen kausalen Nexus für wahrscheinlich" hält. Hauptsache ist, die hemmungslosen Beschuldigungen treffen den Richtigen, und das ist in letzter Instanz immer noch der Kommunismus, weil das ist das Böse. Seine Logik des 'logischen und faktischen Prius' gehorcht dabei streng den Denkregeln der Zunft: Insofern nämlich die Ketten möglicher historischer Bedingungen prinzipiell unabschließbar sind - jeder als Bedingung eingeführte Umstand hat ein zeitliches Prius, kann also selber wieder als historisch bedingt betrachtet werden -, macht dieser theoretische Unfug nur dann den beabsichtigten Sinn, wenn der regressus nicht ad infinitum getrieben wird und ein passendes "faktisches Prius" den logischen Kreisel unterbricht. Andernfalls wäre er womöglich noch zum Völkermord unserer amerikanischen Freunde an den Indianern vorgestoßen! An der ihm passenden Stelle schreit der Historiker 'heureka': Mit der 'Ursache' findet er die Judenvernichtung verständlich. Mit der zwar sehr rassistischen, aber historisch-gelehrten Phrase von der "asiatischen Tat" Hitlers markiert Nolte die Sowjetunion als moralisches Monster, das - ganz wie man das dem tragischen Politiker Hitler völlig unhistorisch nachzusagen pflegt - nicht bloß Verbrechen begangen hat, sondern Verbrechen ist.

Ein Schlußwort des Bundespräsidenten

"Auschwitz bleibt singulär. Es geschah im deutschen Namen durch Deutsche. Dieie Wahrheit ist unumstößlich. Und sie wird nicht vergessen."

Dem Bundespräsidenten behagt diese Variante der nationalen Moral mehr. Damit hat er zwar die Historikerzunft etwas verarscht, wenn er ohne ein einziges Argument, sondern mit der moralischen Richtlinienkompetenz seines Amtes in einen tobenden Methodenstreit eingreift, um ihn zu entscheiden. Aber das war von ihm überhaupt nicht böse gemeint. Er weiß ja was er von einer pluralistischen Geschichtswissenschaft hat. Sie sollen ruhig so weitermachen wie bisher:

"Jeder wird für sich seinen Forschungen nachgehen. Dabei wird es oft Unterschiede geben. Das sollte man sich gegenseitig zubilligen." Außerdem, nichts gegen ein wenig Phantasie: "Historische Bezüge und Vergleiche haben in der Wissenschaft ihren Platz."

Literatur

M.Broszat, Soziale Motivation und Führer-Bindung des Nationalsozialismus

I. Deutscher, The Non-Jewish Jew and Other Essays

K.D. Erdmann, Der Zweite Weltkrieg

S. Friedländer, Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung (in: Jäckel III)

A. Hillgruber I, Die 'Endlösung' und das deutsche Ostimperium als Kernstück des rassebiologischen Programms des Nationalsozialismus

A. Hillgruber II, Zweierlei Untergang

E. Jäckel I, Hitlers Weltanschauung

E. Jäckel II, Hitlers Herrschaft

E. Jäckel III, Der Mord an den Juden im 2. Weltkrieg. Die Entschlußbildung als historisches Problem

R. Kühnl, Faschismustheorien

H. Mommsen, Die Realisierung des Utopischen: Die 'Endlösung der Judenfrage' im 'Dritten Reich'

(Hervorhebungen in den Zitaten von uns)