WARUM WEINTE ROBERT MCNAMARA

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1980 erschienen.
Systematik: 

Weltbankpräsident zurückgetreten
WARUM WEINTE ROBERT MCNAMARA

Liest man die Kommentare anläßlich seines Eintritts in den Ruhestand, kommt einem die ganze alte Galle wieder hoch. Was ist aus diesem Mann, der erst als Ford-Generalmanager für die Ausbeutung der Automobilarbeiter sorgte, dann - ohne große Umschulung - als amerikanischer Kriegsminister den westlichen Militärapparat hochrüstete und Vietnam als Bombenkrater in die Geographie eingehen ließ, was also ist aus diesem Manne geworden? Ein Idealist!

Warum? Weil er sich nach getaner Arbeit vom Kriegshandwerk abwandte und beschloß, er wolle nun den Entwicklungsländern helfen. Wofür er Präsident der Weltbank wurde und - "Ja, ohne Zweifel. McNamara war der bisher erfolgreichste Weltbankpräsident (jährlich 12 Milliarden Entwicklungsbil£e) und dennoch ist er gescheitert. Noch immer vegetiert eine halbe Milliarde Menschen am Rande des Hungertodes". McNamara selbst steht nicht an, eben dies in seiner Abschiedsrede ein weiteres Mal zu beteuern und - mit Tränen in den Augen! - um vermehrte Hilfe für die armen und unterdrückten Völker nachzusuchen.

Vom Bomben- zum Geldverteiler

Warum, in Gottes Namen, sieht denn niemand ein, daß dieser Mann schon immer ein Idealist war! Wenigstens bei McNamara könnte einem doch mal auffallen, daß zwischen Kriegsminister- und Weltbankpräsident kein unversöhnlicher Gegensatz besteht, selbst wenn der Mensch McNamara beim Übergang von der einen in die andere Funktion eine "charakterliche Wandlung" durchmacht. Erst für die Größe Amerikas und die Freiheit des Westens Arbeiter ausbeuten und Commies aus der Welt schaffen, dann ein "Scheitern " der eigenen Tätigkeit feststellen -

"Robert McNamara ist nicht zum ersten Mal gescheitert... Als Verteidigungsminister der Präsidenten Kennedy und Johnson schloß er die 'Raketenlücke', festigte den militärischen Vorsprung der USA gegenüber der Sowjetunion, entwickelte die NATO-Strategie der 'flexible response' - verlor aber den Vietnamkrieg, mit dem der Niedergang Amerikas begann." -

(am Rande: ein "Scheitern" können wir nicht feststellen - was ist denn mit Vietnam heute los? Wo bleibt der Niedergang Amerikas?!), dann sich "um Wiedergutmachung, um Rehabilitation bemüht", den Armen in der Welt mit der geradezu irrsinnig hohen Summe von 12 Milliarden zuwenden - da paßt doch eins zum andern! Robert McNamara ist seiner Berufung als Manager immer treu geblieben, immer hat er nur sein Organisationstalent entfaltet. Nachdem er dem segensreichen Wirken des Kapitals in Autohallen und Dschungeln zum Durchbruch verholfen hatte - eine im Selbstverständnis des Managers absolut notwendige und fortschrittliche Tätigkeit -, begeisterte er sich für die ganz und gar wohltätige Seite des Kapitals, die dieses bei richtiger Anwendung doch ungebrochen hervorkehren könne. Nun wollte er seine in hartem Training herausgebildeten Fähigkeiten den Opfern der imperialistischen Zurichtung des Erdballs zur Verfügung stellen. Dabei war es gar nicht schwierig, eine "Bekehrung" durchzumachen, sich entsetzt über früher gedankenlos hingenommene und selbst betriebene zerstörerische Begleiterscheinungen kapitalistischen Wirkens zu äußern - um dann als Manager weiterzumachen. Gerührt über das Gute in sich selbst, das so gelungen mit seinen Fähigkeiten neuerdings sich koppeln ließ, machte er sich daran, das Mauerblümchen Weltbank mal so richtig durchzuorganisieren, und zwar indem er Geld für die Entwicklungshilfe überall auftrieb und nach allen Seiten verteilte. Daß diese Entwicklungshilfe so offensichtlich deswegen notwendig ist, weil soviel Elend in der Welt geschaffen wurde, weiterhin ebenso offensichtlich die Entwicklungshilfe dieses Elend nicht beseitigt, drittens also ein Instrument zur Erhaltung des bestehenden Zustands ist, braucht den nunmehr geläuterten Menschen nicht zu stören. Er tut Gutes.

Persönliche Tragik

Die subjektiv lauteren Beweggründe des Herrn NcNamara wollen wir keinesfalls leugnen: Der Witz ist ja, daß er genauso eine zutiefst bürgerliche "Bekehrung" durchmachte, die dort endete, wo sie begann - im Management. So ist er aber als Propagandamittel, insbesondere gegenüber den Klienten der Weltbank, sehr tauglich. In seinem Übergang vom Saulus der Parteinahme für die fortschrittliche Kraft des Imperialismus zum Paulus der Parteinahme für die Opfer dieser Kraft ist er ein Vorbild. Mit seiner "persönlichen Tragik", die ja die eines Obermachers der Weltpolitik ist, läßt sich das eigentlich so gute Wollen der Staaten herausstreichen - indem sie hinter die Person des McNamara zurückteten:

"Der scheidende Weltbankpräsident verkörpert nicht die Tragik eines Einzelmenschen, sondern den Jammer der Menschheit."

Was also jammerst du, Menschheit, wenn ein Robert McNamara dir vormacht, daß schon alles getan wird, daß mehr aber einfach nicht drin ist?