WARUM DIE WEIZENWAFFE TRIFFT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 2-1980 erschienen.
Systematik: 

Sowjet-Union
WARUM DIE WEIZENWAFFE TRIFFT

Während zwischen Washington, Paris, London und Bonn noch gestritten wird, wo die Boykottschraube noch anzusetzen wäre, wieviel an Osthandelsverlusten uns also unsere Freiheit bzw. deren amerikanische Verteidigung wert sein muß, ist das Getreideembargo schon durchgesetzt und als kleinere ad-hoc-Maßnahme gebilligt, zumal man hierzulande daran nicht beteiligt ist, also erst einmal die Rolle des besonnenen Entspannungshüters weiterspielen konnte. Wer hätte auch dagegen etwas einzuwenden, daß die friedliebende amerikanische Nation den Aggressor im Osten nicht länger mit ihren Getreideüberschüssen durchfüttern will.

Nationen, die sich den Spaß erlauben, einmal im Jahr ihre Bürger Brot für die Welt sammeln zu lassen - eine Welt, der im restlichen "Jahr so effektiv Wirtschaftshilfe geleistet wird, daß sich mit christlichen Almosen viel Gutes tun läßt -, stoßen sich nicht daran, wenn gewissen Gegenden der Welt das Brot resp. der Weizen gestrichen wird.

Daß das Embargo weder Breschnew noch dem ZK, noch den in Afghanistan stationierten Truppen Nahrungsmittelsorgen bereiten wird, dürfte dabei klar sein. Die Ami-Politik bedient sich eben ganz behutsam und voller Augenmaß der im sowjetischen Machtbereich ansässigen Menschen, deren ohnehin nicht üppige Versorgung mit Lebensmitteln verknappt wird, Daß der Kampf um die Menschenrechte so und nicht anders geführt werden muß, bereitet gerade der bundesrepublikaniiichen Öffentlichkeit keine Schwierigkeit: das jahrelang geübte Pseudomitleid mit der Armut der im Ostblock Lebenden, an der man sich so schön die Unfreiheit des östlichen Systems und die Vorzüge des eigenen vor Augen führen konnte, setzt sich lässig darüber hinweg, daß es dieses Mal das freiheitliche System ist, das den geknechteten Massen drüben das Leben schwer macht. Und auch die überaus kritischen Problematisierer in unserer Presse geben nur zu bedenken, daß der Schuß eventuell nach hinten losgehen und einen gesamtrussischen Patriotismus wie zu Stalins Zeiten gegen Hitler wieder aufleben lassen könnte, betrachten also die Sowjetbürger ebenso als die Manövriermasse, bei der es zu überlegen gilt, wie man sie am geschicktesten gegen ihren Staat ausspielen kann, mit oder ohne Hunger.

So oder so, die westliche Weltmacht kann es sich leisten, einen für ihre Handelsbilanz unbedeutenden Posten zu streichen, ihre Farmer für das entgangene Geschäft zu entschädigen und eben mit dieser Maßnahme im Land des Feindes für eine nicht unerhebliche Verknappung der Lebensmittel zu sorgen.

Die Erbauer des Kommunismus und und ihre Landwirtschaft

Daran, daß ihr das gelingt, ist die östliche Weltmacht nicht unbeteiligt. Und zwar nicht wegen der oft zitierten besonderen klimatischen Bedingungen. Auf kurze Vegetationszeiten im Norden, Trockenheitsperioden im Osten mit entsprechenden landwirtschaftlichen Methoden zu reagieren, den Ertrag der fruchtbaren Böden auch nur annähernd so weit zu steigern, wie es amerikanische Farmer auf vergleichbaren Böden zustande bringen, wäre keine Kunst für eine Planung, die es darauf anlegt. Das bißchen Naturwissenschaft und Technologie, das dafür erforderlich ist, nimmt sich bescheiden aus gegenüber dem Aufwand, den die Sowjetmacht im Sektor der Kriegstechnologie treibt.

Daß die sowjetische Landwirtschaft mit wechselnden Naturbedingungen zu tun hat, ist nicht zu bezweifeln. Daß sie aber davon in ihrer Funktion für die Sicherstellung der Versorgung in ernste Schwierigkeiten gebracht wird - das jetzige Embargo vor dem Hintergrund einer schlechten Ernte 79 wird sich vor allem beim Futtergetreide bemerkbar machen, so daß Vieh geschlachtet werden muß und der Viehbestand um 10% sinken wird -, das ist ein Skandal für einen Staat, der vor noch nicht allzu langer Zeit den Übergang in den Kommunismus prognostizierte, in dem es bekanntlich "jedem nach seinen Bedürfnissen..." zugehen soll. Die ungenügenden Erträge als "Mißernte" zu bezeichnen, ist eine verniedlichende Ausdrucksweise für eine ökonomische Planung, die die Landwirtschaft so betreibt, daß man es ständig darauf ankommen läßt, ob die Erträge reichen oder nicht. Daß es die Natur nicht ist, die den Übergang zum Kommunismus zumindest auf der Ebene von Brot und Fleisch so schwer macht, belegen schließlich auch die umfangreichen Mängellisten, die die staatlichen Planer immer wieder aufmachen: ungenügende Düngemittelproduktion, zu geringe Reservehaltung und Lagerkapazität, 1/4 Verlust bei Lagerhaltung und Transport, geringer Mechanisierungsgrad, Mangel an Ersatzteilen für landwirtschaftliche Maschinen und schließlich zu wenig fachlich qualifizierte Arbeitskräfte auf dem Land. Daß die Produktivität niedrig bleibt, ist bei den genannten Fakten kein Wunder - deren Auflistung seitens der staatlichen Verantwortlichen ist jedoch kein Beweis für das Eingeständnis von Planungsfehlern. Hat sich doch die ökonomische Planung der Sowjetunion ein besonderes Problem erfunden, daß nämlich die Bedürfnisse der Bevölkerung für die Produktion, die denselben dienen soll, eine ernsthafte Beschränkung darstellen, und hat sich demgemäß einer besonderen Lösungsmethode verschrieben: dem vorrangigen Ausbau der sogenannten Wachstumsindustrien.

"Die Menschen müssen heute den Grad der Befriedigung ihrer persönlichen Bedürfnisse begrenzen, um morgen diese Bedürfnisse weitaus vollständiger befriedigen zu können." (Lehrbuch der Politischen Ökonomie)

Der sowjetische Staat, der den Reichtum nicht am Grad der Befriedigung der Bedürfnisse seiner Bevölkerung messen will, sondern am Grad der Akkumulation seiner Industrie und am Umfang der ihm zur Realisierung seines volksfreundlichen Programms zur Verfügung stehenden Mittel, hat demgemäß die industrielle Entwicklung auf Kosten der agrarischen Produktion betrieben.

Die Landwirtschaft erhielt die geringsten Investitionsmittel, mit höheren Löhnen wurden die Arbeitskräfte dazu animiert, sich dem sozialistischen Wachstum in den von der staatlichen Planung bevorzugten Produktionszweigen zur Verfügung zu stellen und das Einkommen der in der Landwirtschaft Tätigen wurde durch Aufkaufpreise ihrer Produkte knapp gehalten, die

"als Instrument zur Umverteilung eines Teils des Reineinkommens der Kollektivwirtschaften in zentralisiertes Einkommen des Staats genutzt wurden." (Lehrbuch der Politischen Ökonomie)

Zwar wird, nach der wiederholten Erfahrung akuter Versorgungsprobleme, seit einigen Planjahrfünften mehr auf die technische Ausrüstung verwendet, aber da die Steigerung der Produktivität durchaus nicht mit einer Besserstellung der in der Landwirtschaft Arbeitenden zusammenfällt, ist eine effektive Benutzung der Traktoren und Erntemaschinen keine ausgemachte Sache, zumal der Mangel an Fachkräften nach wie vor besteht.

"In einigen Republiken und Betrieben mangelt es an Mechanisatoren und Arbeitskräften anderer weitverbreiteter Berufe",

tadelte Gen. Breschnew noch vor dem 76er Parteitag der KPdSU,

"das kommt den Staat teuer zu stehen."

So sieht es ein sozialistischer Staatsmann, weshalb er auch der Auffassung ist, daß ihm seine Bevölkerung auf dem Land dafür danken sollte, daß r die Arbeiter in der Industrie auch Landmaschinen produzieren läßt:

"Hier kommt es vor allem darauf an, die Sorge dafür zu verstärken, daß die vom Staat (!) bereitgestellten Mittel mit maximalem Effekt eingesetzt, daß die inneren Reserven der Kolchose und Sowchose besser genutzt werden."

"Und diese Reserven", das heißt der Anspruch des Staates auf den rückhaltlosen Einsatz der Arbeitskräfte, "sind da".

"Wir würdigen den arbeitenden Menschen" (Gen. Breschnew)

Nach wie vor hat also der Mensch auf dem Land die dankbare Rolle als das wichtigste Kapital zu spielen, was ihm außer dem verräterischen Lob der Arbeit, mit dem der Gen. Breschnew äußerst großzügig umgeht, wenig einbringt:

"Die Werktätigen der Felder und Farmen stehen in der vordersten Linie des Kampfes um die Verwirklichung der Agrarpolitik unserer Partei. Ihre Arbeit ist nicht leicht, sie schaffen, wie man so sagt, vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Um so mehr Grund haben wir alle, die Partei und das Volk, den arbeitenden Menschen des Dorfes großen Dank auszusprechen. Gestatten Sie mir, im Namen des Parteitages ihnen Erfolg bei der Lösung der bevorstehenden riesigen Aufgaben zu wünschen."

Daß das Menschenmaterial trotz bzw. wegen der unaufhörlichen Beschwörungen seines uneigennützigen, arbeitsfreudigen Heldentums nicht die geforderten Siege an der Agrarfront erringt, ist kein Wunder. Noch der verrückteste Heroismus ist kein Ersatz für ungenügende technische Ausrüstung und Mangel an Arbeitskräften. Und daß der Heroismus auch nicht gerade zu einer Massenbewegung ausartet, liegt daran, daß er das Ideal einer staatlichen Politik ist, bei der die Erfüllung der staatlichen Aufträge auf die eigenen Kosten geht, ohne daß man etwas davon hätte. Während die hierzulande hergebetete Leistungsideologie noch den Hinweis auf den angeblichen Nutzen enthält, zu dem man es mit Leistung bringen können soll, kommen in dem als Heldentum der Massen propagierten Ideal der staatlichen Gewalt irgendwelche Vorteile der Leute schon gleich gar nicht vor.

Ein sozialistischer Staatsmann verarbeitet die seinem Volk auferlegte Armut lässig zu revisionistischer Brot-und-Boden-Literatur im Stil der Volksverbundenheit:

"Gibt es Brot, gibt es auch Lieder. Brot war schon immer das wichtigste Nahrungsmittel, das Maß aller Dinge. Auch in unserem Jahrhundert der großen wirtschaftlich-technischen Errungenschaften bildet es die wesentlichste Lebensgrundlage der Völker. Der Mensch ist in den Kosmos aufgestiegen, bezwingt Ströme, Meere und Ozeane, fördert Erdöl und Gas aus dem Schoß der Erde und meistert die Atomenergie, aber Brot bleibt eben doch Brot.

Für die Bürger unseres Landes mit den Ähren im Wappen ist eine besondere fürsorgliche, ja heilige Einstellung vom Brot kennzeichnend. Ich darf behaupten, daß auch ich diese Einstellung von jung auf teile."

Und während der westlichen Öffentlichkeit diese Stilblüten aus den "Erinnerungen" des Gen. Breschnew zugänglich gemacht werden, läßt die Aktion der USA nicht nur die Heuchelei des obersten Sowjetführers deutlich werden, sondern benützt zielsicher die Tatsache, daß zwar auch in der Sowjetunion das Brot nicht das Maß aller Dinge, wohl aber ein brauchbarer Ansatzpunkt für weltpolitische Erpressungen ist. Das Kalkül der Sowjetmacht, die sich in die Konkurrenz mit den USA begibt und sich gleichzeitig von den Weizenlieferungen ihres Gegners abhängig macht, indem sie darauf setzt, die gerade aufs Notwendigste hin kalkulierte und damit immer wieder nicht ausreichende Entwicklung der Landwirtschaft durch Zusatzeinkäufe ausgleichen zu können, rechnet mit den Bedürfnissen der eigenen Leute, an denen je nach staatlichem Bedarf gespart werden kann. Die Fähigkeit des kommunistischen Menschen, sich heute für morgen einschränken zu können, ist so brauchbar, daß man sie gleich als Dauerzustand eingerichtet hat.