WAHLEN UND "WAHLEN" - DER GANZ GRUNDSÄTZLICHE UNTERSCHIED

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1984 erschienen.
Systematik: 

WAHLEN UND "WAHLEN" - DER GANZ GRUNDSÄTZLICHE UNTERSCHIED

"Alle fünf Jahre prüft der Staat, wieviele Bürger sich seinem Druck entziehen können... Man nennt es 'Wahlen' in der UdSSR... Spannend ist das Ergebnis nur für die Regierung, die dann daraus ablesen kann, wie weit sich die Bürger immer noch manipulieren lassen."

Alle fünf Jahre prüfen amerikanische Bürger, welchen Aspiranten sie auf den Präsidentenposten befördern wollen. Das sind Wahlen ohne Anführungszeichen, und das findet nicht nur der "Spiegel" furchtbar spannend:

"Harts überraschender Sieg könnte der Anfang eines der dramatischsten Wahlkämpfe der Nachkriegszeit werden."

Begreiflich angesichts des enormen Unterschieds zu sowjetischen Wahlen:

"Auszuwählen gibt es nichts."

Amerikanische Bürger dürfen auswählen, wodurch die Qualität der Persönlichikeiten, die sie auswählen, schon einmal ganz außer Frage steht.

Sowjetische Volksvertreter heucheln Volksverbundenheit, die der "Spiegel" mühelos entlarvt:

"Viele Spitzen-Volksvertreter sind in Wahlkreisen aufgestellt, zu denen sie persönlich kaum Beziehungen haben; der Westexperte Professor Arbatow zum Bei spiel in Aserbeidschan. Vor der Abstimmung zogen zahlreiche Moskauer Funktionäre in die Provinz, um den Kontakt zum Volk zu demonstrieren."

Gary Hart heuchelt Volksverbundenheit, die der "Spiegel" anerkennend als gelungene Technik würdigt:

"...übernahm der Senator sogar den publikumswirksamen Abwasch für eine potentielle Wählerin... Der Kandidat, sonst eher kühl-reserviert, gab sich volkstümlich. 'Das nächste Mal', versprach er den fröstelnden Zuhörern einer Wahlkampfveranstaltung im Winter 1982, 'bringe ich eine Schaufel mit und helfe ihnen beim Schneeschippen.' Applaus. Man glaubte es ihm."

Sowjetische Wähler werden so gut wie ganz über die Persönlichkeit ihrer Vertreter im Unklaren gelassen:

"Die meisten Bürger erfahren den Namen ihres Vertreters erst auf dem grünen oder gelben Stimmzettel..."

Amerikanische Wähler werden über die Persönlichkeiten lückenlos informiert:

"Hart, jung (47), attraktiv wie ein Marlboro-Cowboy... der Cowboy im Maßanzug... er trägt Cowboystiefel zum Nadelstreifenanzug..."

Das "Programm" der sowjetischen Volksvertreter: Bloße Phrasen. Ein Hohn auf das Wählervolk.

"Sie alle seien gewählt 'aus den besten Söhnen und Töchtern der vielnationalen Heimat', ausgestattet mit 'großem Volksvertrauen', und hätten eine 'komplizierte Verpflichtung' auf sich genommen.., der 'Aufbau des Kommunismus' dürfe dabei niemals aus den Augen verloren werden."

Das Programm von Gary Hart dagegen ist von bestechender Prägnanz:

"...predigte er Tag für Tag von der 'Auseinandersetzung zwischen Vergangenheit und Zukunft'... sein Machtanspruch für die 'neue Generation', seine Forderung nach 'neuen Ideen und einer neuen politischen Führung für unser Land'..."

Was muß ein Mann, der für den Präsidentenposten kandidiert, seinem Wählervolk auch mehr mitteilen. Der mächtigste Mann der Erde will er werden - für Amerika -, da können die Macht und ihre Benützung doch nicht beim Wählervolk zur Diskussion gestellt werden. Ausschließlich deren Vertrauen ist gefragt. Und nicht umgekehrt lächerliche Verpflichtungen der Volksvertreter, mit denen die Sowjetunion ihre "Wahlen" entwürdigt:

"Danach statten die Anwesenden ihren Vertreter mit einem konkreten Auftrag aus. Die Gewählten müssen zum Beispiel dafür sorgen, daß der Wahlkreis mehr Wohnungen und Schulen erhält..."

Die Demokratische Partei, wie die Republikanische, hat schließlich mit dem Wählervolk einiges vor und nicht umgekehrt. Hart:

"Die Demokratische Partei muß... eine neue Generation von Führern hervorbringen, die Enthusiasmus, Hoffnung, Energie in den Menschen wecken können."

Das ist natürlich ganz etwas anderes, als daß "der Staat prüft, wieviel Bürger sich seinem Druck entziehen können." Man nennt es Wahlen. (Alle Zitate "Spiegel" Nr. 10/11)