VON DER MISSION EINES FANS, IHRE FOLGEN - UND IHRE GRENZEN

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 7-1985 erschienen.
Systematik: 

Ein Nachtrag zur "Katastrophe im Stadion"
VON DER MISSION EINES FANS, IHRE FOLGEN - UND IHRE GRENZEN

1. Richtigstellung

Die Bezeichnung "Fußball-Fan" ist verkehrt. Sie verharmlost jenes Engagement, dem sich die Leichen von Brüssel verdanken, zur Begeisterung für eine Sportart. Ganz als bestünde der gewohnte Aufmarsch bei Bundesliga- und Länderspielen in einer Zusammenkunft von Zeitgenossen, welche die Genüsse nicht missen möchten, die aus der Betrachtung des körperlichen Geschicks im Umgang mit dem Ball hervorgehen! Dergleichen würde niemand zum Anlaß nehmen, sich in den Farben der einen Mannschaft anzuziehen und schon in aller Frühe den Hauptbahnhof unsicher zu machen. Nein, der Fanatismus, der sich da liebevoll abgekürzt und tausendfach bemerkbar macht, gilt einer Mannschaft, dem lokalen oder nationalen Verein. Dessen Recht auf Sieg machen die Fans unabhängig von und vor allen gebotenen Leistungen geltend - und ihr armlosester Beitrag zu "ihrem" Erfolg besteht in phonstarkem Getöber.

2. Herbergers Irrtum

Daraufhin befragt, was denn wohl für die Leute am Fußball so interessant sei, befand damals der Herberger Sepp selig: "Weil s' net wisse, wie's ausgeht!" Selten hat ein großer Denker so gründlich gefehlt. Schon am ausgiebig gepflegten öffentlichen Interesse an den Meinungen und Prognosen des Bundestrainers hätte der merken können, daß die Faszination anders zustande kommt: Die Mannschaft auf den Tribünen, vor den Volksempfängern und an den Bildschirmen leidet an der festen Vorstellung darüber, wer zu gewinnen hat. Diese Leidenschaft ist die Quelle von Freude und Enttäuschung, und sie beflügelt die Jugend bei ihrer bescheuerten Suche nach Vorbildern ebenso wie die Alten zur gelegentlichen Amtsanmaßung - dauernd tun sie so, als hätten sie die beste Aufstellung und könnten haargenau zwischen Flaschen und echten Kämpfern unterscheiden.

3. Sachliche Berichterstattung

Sie bildet die Aufgabe eines Sportreporters. Der "Sache" angemessen ist beim Berichten, Kommentieren und Interviewen jedes Wort, das dem Fan aus der Seele spricht. Das Ergebnis zählt, das Spiel können wir vergessen. Mehr geboten hätte schon mal wieder werden müssen, bei dem Geld, das die Fans zahlen und die Stars kassieren. Wer hat unser Spiel heut' verlor'n? War'n 's unsere Läufer, die ewigen Säufer? Oder unsere Stürmer, die elenden Würmer? Was ist bloß mit diesem Traditionsverein los! Hart, aber fair. Schön fürs Auge, aber brotlose Kunst. Selbstbewußt spielen sie auf, vor einer prächtigen Kulisse (= das erwähnte Getöber plus Nationalflaggen in allen Größen). Beherztes Eingreifen, Schiri ans Telefon wegen übertriebener Härte. Kurz: lauter Bekräftigungen des Maßstabes, dem sich die Fans verschrieben haben. Des Volkes Stimme als Dienstleistung - auch ein Beruf.

4. Ausschreitungen

Die werden immer dann registriert, wenn das Recht der Fans diese zu Taten drängt, welche mit dem gültigen Recht nicht verträglich sind. Selten sind sie gerade nicht. Denn ein treuer Fan steht zu seinem lokalen und nationalen Verein. Er bringt für seine Sache Opfer, reist für teures Geld und im Bewußtsein, seine Zeit dem Wichtigsten verschrieben zu haben, seiner Mannschaft hinterher. Das berechtigt ihn zum ideellen Lohn - zumal ein anderer nicht winkt. Und wer kommt ihm da bei seinem selbstlosen Anliegen - "Was stört mich Weib, was stört mich Kind - Hauptsach' is', daß Bayern g'winnt! " - in die Quere? Richtig - die anderen! Und wo Recht gegen Recht steht, entscheidet der Kampf. Dies Wort von Marx gilt selbst für eingebildete Rechte von fündig gewordenen Sinnsuchern. Also kracht's bisweilen jede Woche und bei internationalen Völkerbegegnungen schon gleich.

5. Fassungsloses Entsetzen

Das bornierte Treiben von Fans geht erst einmal in Ordnung, das weiß jeder - und die Betreuung durch den Sportjournalismus bezeugt es täglich. Immerhin lebt auch davon ein ganzer Geschäftszweig, dessen Manager sich ein Kompliment auszustellen meinen, wenn sie alles recht "professionell" anpacken. Insofern ist die Versorgung des Fan-Gemüts mit Material, das die Perspektiven des erwünschten Erfolgs betrifft, auch ein guter Brauch. Wenn aber wie in Brüssel das Einsargen anhebt, ist Distanzierung von den Konsequenzen geboten. Und diese Distanzierung macht sich konsequent an der Tilgung der banalen Einsicht zu schaffen, daß es sich um Konsequenzen handelt. Konsequenz: Erschrecken auf der ganzen Linie.

6. Ursachenforschung

Zivilisiert, wie wir Demokraten sind, wissen wir für alles einen Grund. Wenn nicht, fragen wir unsere Wissenschaftler, die für ihren Durchblick schließlich bezahlt werden. Und deren Eingebungen werden dann vermasst. Selbstverständlich ist es die englische Arbeitslosigkeit, die zur Radikalität "führt" und das Massaker von Brüssel "verständlich" macht! Kritik als Verständnis - für einen Übergang von der Not zur Stadionsschlägerei, den man für irgendwie fällig und logisch hält! Die dumpfen Triebe, Instinkte des Viehs im Menschen kommen selbstverständlich in den Deutungen zu ihrem Recht. Allerdings nicht ohne die laut vernehmlichen Seufzer nach gekonnter Anleitung dieses irregelaufenen Geziefers: Hätten "wir" denen gescheit beigebracht, "wofür es sich aufzustehen, einzusetzen, zu leben und auch zu sterben lohnt" - so ein Psychologe -, sie hätten das Theater glatt unterlassen. Ein schöner Beleg dafür, daß geistige Führung nottut, wofür sie wirbt und was eine Elite für ihre Masse doch Schönes leisten kann! Zur richtigen Zeit am richtigen Ort für den richtigen Sinn den gerechten Einsatz, das brauchen sie!

Zu Ehren kam auch wieder kräftig der blitzgescheite Gedanke, in dem als einziger Grund der Schlacht gelten durfte, daß sie nicht verhindert wurde: Mauer zu locker gebaut ("in deutschen Stadien unmöglich") und Polizei zu lasch!

7. Was lernen wir daraus?

Natürlich erst wieder einmal, daß nicht alle Fans beteiligt waren, sondern nur die bösen. Die sind sicher in der Minderheit und gehören von den Ordnungskräften kontrolliert bis vermöbelt, damit sie selber nicht mehr zum Vermöbeln kommen. Es sei denn, sie bieten sich wie die flotte Bande im Deutschen Fernsehen an, jeden zu vermöbeln, der ihnen aus dem Ruder läuft. Die verdienen dann wieder Beifall. Anständige Schläger darf man auch fragen, ob sie - ähnlich den englischen Rowdies - eventuell von Faschisten unterwandert und radikalisiert würden. Als ob zum Unterwandern nicht zwei gehören, stellen erwachsene und zur öffentlichen Rede befugte Menschen die Frage: "Ihr geltet als Fan-Gruppe, die von Neo-Nazis unterwandert wurde?" Das Kompliment "Fan" hört der interviewte Mann der Tat sehr wohl und klärt auf: "Stimmt. Aber ich bin von denen nicht so überzeugt. Weil, da sind viele Weicheier drin, die machen zwar immer den großen Max, aber es kommt nix." Daraus entnimmt der um die Fansitten besorgte Mann der freien Presse erneut den Auftrag, vor Rechtskräften zu warnen, wenn gute Fans ihrer schönen Sache leben. "Viele Fanclubs sind ausländerfeindlich..." und er kriegt die ganz auf Regierungslinie liegende Antwort: "...auf jeden Fall. Aber gegen Ausländer kann man ja was haben, ohne daß man rechts eingestellt ist."

8. Ausblick

Die spannende Frage, gestanzt in den florierenden Unternehmungen der nationalen geistigen Führung: "Wie geht es mit dem deutschen Fußball (Hand-, Basket-, Volley-, Turnen, Brieftaubenwesen etc.) weiter?" wird sich wohl bis in den Krieg hineinziehen. Zwecks Unterhaltung von anständigen Nationalisten, die immerzu auf die Lösung der deutschen europäischen Frage vertröstet werden. Einige von denen werden diese Frage einstweilen als Privatsache angehen, auch wenn sie sich dadurch den Tadel seitens der geistigen Führung zuziehen, so wäre das alles nicht gemeint: "Für viele bleiben die englischen Fans Vorbilder, die machen nämlich richtig Power. Das wird demnächst auch hier richtig abgehen."

Es ist eben nicht ganz leicht, als unmaßgeblicher Nationalist auch noch berechnend zu sein. Das hat man sich ja schon lange abgewöhnt!