VON DER ENTWICKLUNGS- ZUR HUNGERHILFE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1984 erschienen.
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VON DER ENTWICKLUNGS- ZUR HUNGERHILFE

Daß "Hungerkatastrophen in der 3. Welt" periodisch in die Schlagzeilen rucken, ist einem abgebrühten Mitteleuropäer so geläufig, daß er keinesfalls am Sinn der freiheitlichen Weltwirtschaftsordnung irre wird, in der so etwas an der Tagesordnung ist: Es wird sich schon regeln, und für 5 Mark ist man auch schon einmal dabei.

Nun erklären ab er die für Regelungen zuständigen Politiker seit einiger Zeit, daß sie selber schon nicht mehr damit rechnen, die vielbeklagte Not der "3. Welt" mit ihren schönen Entwicklungshilfe-Programmen zu beseitigen. Sie bekennen sich zum "Mißerfolg" ihrer Politik, mit der sie doch eine Welt imperialistisch verfügbar gemacht haben und die so ganz nebenbei deren Verelendung hervorgebracht hat.

Vor allem Washington und Bonn kürzen ihre Beiträge zu den zinslosen Krediten der Weltbankfiliale IDA (International Development Association), so daß das neue Hilfsprogramm für die 40 ärmsten Staaten nunmehr noch ca. 8 Mrd. DM pro Jahr ausmacht, von denen die Bundesrepublik läppische 900 Millionen DM großzügig zu tragen gedenkt. Gleichzeitig gehen "Gutachten" derselben Herrn um die Welt, in denen sie dieser "prognostizieren", daß es dieses Jahr ein paar Millionen Hungertote mehr geben wird.

Dieser scharfsinnig kalkulierende Zynismus schreckt in der hiesigen Öffentlichkeit allerdings niemanden. Statt dessen wird interessiert aufgehorcht und auch noch eilfertig ausgemalt, was denn da für ein "Problem" auf "uns" zukommt. Wie auf Befehl hagelt es heuchlerische Artikel und Sendungen, die durchweg zu dem dreisten Befund kommen: "Ausgangspunkt der Lage war ein unglückliches Zusammentreffen natürlicher und vom Menschen verursachter Faktoren, deren einer nur die Dürre ist." (Frankfurter Rundschau, 13.1.) An menschlichen Vorwürfen mangelt es einer solchen "Kritik" nicht: Die Bimbos haben "unsere" gutgemeinten Entwicklungsprogramme nicht angenommen, bzw. nicht annehmen können, was andererseits unsere Häuptlinge unbedingt früher hätten erkennen müssen - als hätten die solcher Schlaumeierei nicht gerade erst selber das Wort erteilt, die Ideologie der Entwicklungshilfe künftig sausen zu lassen, indem sie sich zur Kürzung ihrer Programme entschlossen.

Hunger ist der beste Koch

Werner Höfer stößt in seinem "Frühschoppen" genüßlich darauf an, daß die Entwicklungshilfe immer schon ein "Danaergeschenk" gewesen sei; und ein dazugeladener Edel-Neger greift diese arrogante Klarstellung begierig als geistigen Brosamen auf und merkt radebrechend an, die ewige Verteilerei von Milch, Getreide, Arznei usw. (wozu dann eigentlich der Hunger?) habe die Schwarzen zu "Parasiten" gemacht. Allgemeines Kopfnicken: Ja, ja, die müssen zu ihrem eigenen Besten von der Flasche abgesetzt werden und "umdenken" lernen, was keine Sache des Geldes ist - wie heilsam kann doch auch der Hunger sein. Allgemeines Zuprosten der Afrika-Experten! Und an die Fernsehgemeinde die ermunternde Bitte: Noch Fragen?! Die sehen entsprechend aus und sind z.B. an den netterweise ebenfalls schwarzen Agronomen an Höfers Seite gerichtet, der sich nicht zu schade ist, auf das "Problem", ob Wasser nicht gut für die afrikanische Landwirtschaft sei, auch noch sachverständig zu antworten.

Überhaupt, dieser plötzlich erwachte Sachverstand, den die ARD mit einem eigens geschaffenen Programmschwerpunkt für die "Katastrophenhilfe" pflegt, so daß jeder auch nur halbwegs aufmerksame Zuschauer heutzutage weiß, alle wieviel Sekunden ein Kind Hungers stirbt und für wieviel Märker man eines auf Sparflamme existieren lassen könnte. Zur besten Abendprogrammzeit wird der "reichen Welt" in fünf Folgen mehr Verständnis für die "arme Welt" empfohlen - nach dem Muster: Dort lebt es sich im Alter auch ohne Rente nicht schlecht, solange es die sorgende Familie gibt, die einen nicht abschiebt - was in Ermangelung eines "sozialen Netzes" gottlob nicht geht.

Teures Menschenrecht auf Nahrung

So steht eigentlich alles nicht so schlecht, wenn man unseren Politikern nur die Lüge nachbetet, die "Entwicklung" der Länder der "3. Welt", die eh nie ihr Zweck war, "ginge nicht". Aber auch ohne "Entwicklung" - kosten tun diese abgehalfterten Nationen "leider" immer noch viel zu viel. Und in bezug auf den Hunger heute mehr als je zuvor. Unter Inanspruchnahme seiner ganzen demokratischen Meinungsfreiheit darf sich da der Zeitgenosse heute mehr denn je zuständig fühlen, seine Herrschaft für "unnötige Ausgaben" in der "3. Welt" zu kritisieren. In der Logik dieser Argumentation liegt, daß man sich dann zu fragen hat, wie der "Not" der Regierung zu begegnen sei, ihrer allerchristlichsten "Verpflichtung" gegenüber Hunger und Elend einer erfolgreich von ihr selber ruinierten Welt nachzukommen. So kommen die Thematisierer des "Nord-Süd-Problems" mittlerweile immer gleich zum Wesentlichen: zum "Menschenrecht auf Nahrung" und wie denn das zu finanzieren sei, wenn sich die Regierung für "überfordert" erklärt. Von einem Staat, der sich einen Tornado-Flieger nach dem anderen leistet, werden nun Spenden seiner Bürger zur Dauereinrichtung gemacht. "Humanitäre Hilfe" heißt diese brutale Fütterungsaktion und ist staatlicher Bequemlichkeit halber gleich öffentlich-rechtlich angezeigt und kirchlich organisiert. Regelmäßig im "Weltspiegel" und nun auch schon im Rahmen der "Sportschau" werden die Sonderkonten von "Caritas" und "Brot für die Welt" bekanntgegeben. Die Masse der Notleidenden macht der einsetzende Opferstrom nicht satt, dafür erfüllt er seine Initiatoren mit Genugtuung darüber, wie katastrophenbewußt das deutsche Volk hinter ihnen steht, wenn sie eine Verschärfung des globalen Elends durchgesetzt haben. Solch national abrufbare Opferbereitschaft mögen die Parteien, die ja auch an die Zukunft und etwaige noch größere Herausfordenngen zu denken haben.

Humanitäres Geheuchel - Ehrensache

Auch die Grünen beweisen wieder, welch kongenialer Widerpart zur offiziellen Linie der deutschen Politik sie sind. Vom Hunger in der Welt moralisch animiert, bringen sie im Deutschen Bundestag eine Kleine Anfrage ein, in der sie ihren volksverhetzenden Verdacht anmelden, die Deutschen seien vielleicht doch nicht ganz so sehr auf den guten Ruf ihrer Nation bedacht und beförderten mit ihrem "exzessiven Verbrauch von importierten Agrargütern... eine Ursache für den Hunger in der Dritten Welt". Der Kaffeetrinker als Subjekt der Weltwirtschaft und ihrer Folgen? So weit mochte bislang nicht einmal die Bildzeitung mit ihrer Empfehlung an deutsche Hausfrauen und Autofahrer gehen, durch gezielte Nachfrage das Angebot zu "steuern". Der grüne Gedanke zeugt von einigem Verantwortungsbewußtsein, die Deutschen noch bei der größten Sauerei ihres Staates moralisch sauber dastehen zu lassen; doch übermäßig brisant sieht die Regienng diese Sorge ihrer Opposition nicht an. Nicht, daß sie etwas gegen die Konstruktivität dieses Beitrags hätte - das Volk hält gewissenhaft die Ehre der Nation über alles in der Welt -, aber mit der von ihr inszenierten humanitären Kampagne soll auch die damit verbundene "Frage", wie mit dem Elend der "3. Welt" zu leben sei, ihre eindeutige Beantwortung erfahren haben: gut. Andererseits stellt sie einen hochwillkommenen Anlaß dar, die Güte der bisherigen und noch geplanten deutschen Weltpolitik mit dem bemühten Edelmut ihres Volkes in vollendeter Übereinstimmung zu zeigen.

Wo der Umgang mit der "3. Welt" so "problematisch" ist, wie die Opposition ihr zugesteht, fühlt sie sich zu der weltweiten Verantwortung, gedrängt, die sie ohnehin immer praktiziert hat. Redlich verspricht sie, das, was ihr am Herzen liegt - Ausplünderung der von ihr und anderen imperialistischen Führungsmächten abhängigen Länder zu verringerten Kosten - als freilich ungeheuer schwierige Aufgabe weiterzuverfolgen: "Integration der Zielgnppe in einen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsprozeß". (Köhler, 15.2. im Bundestag) Daß "wir" uns überhaupt solche Mühe machen mit den nicht einmal zu einer normalen "Entwicklung" taugenden Völkchen! Was haben "wir" nicht schon alles mit denen angestellt, obwohl die gar nicht dazu passen. Weshalb sie ja auch zur Dauer-"Integration" in ein System anstehen; das sie beständig an seinen Ansprüchen scheitern läßt.

Sortierte Rassen

Mit der Totalverdächtigung der "3. Welt" als einer, die ihre Fähigkeit zur "Integration" immer weiter zu beweisen haben wird, weil sich ein höheres Maß an Verfügbarkeit über sie allemal geltend machen läßt, soll folgende Betrachtungsweise verbindlich werden: 1. Die Völker "da unten" sind für "uns" ein ewiges Ärgernis; 2. als Nation der "1. Welt" "muß" man sich seiner globalen Verantwortung bewußt bleiben; 3. haben "wir" den "Entwicklungsländern weitgehende Handelszugeständnisse eingeräumt" (ebd.), an denen "wir" vertraglich nicht vorbeikommen, so daß der Abtransport der Rohstoffe und Lebensmittel wie gehabt weiterlaufen "muß"; 4. haben "wir" mit der "humanitären Hilfe" alle Folgeprobleme weitgehend im Griff; 5. darauf darf man stolz sein; 6. diese Hilfe lassen "wir" nicht miesmachen: Als "kurzfristige Hungerhilfe" wird sie zum Weiterhungern benötigt sowie zum Krepieren all derer, die sie "leider nicht erreicht"; als "längerfristige" Maßnahme ist sie zum Hungern und Sterben derer vorgesehen, die durch sie auf eine landwirtschaftliche "Anbaumethode mit möglichst geringem Aufwand an kommerziellen Produktionsmitteln" (ebd.) festgelegt werden; 7. Imperialismus - was ist das? Nie etwas davon gehört!

Hungerexperten

1. Hunger einfach gemacht!

"Warum... liefern wir dann nicht als eines der sogenannten 'reichen' Länder unsere Nahrungsmittelüberschüsse einfach an die Hungergebiete, um das Problem des Hungers damit ein für alle Mal zu lösen?...

Ein massiver Transfer von Nahrungsmittelüberschüssen über das Maß der Nahrungsmittelhilfe hinaus ist weder technisch durchführbar noch entwicklungspolitisch weise. Auf der anderen Seite würde sich die Ernährungslage in den Mangelgebieten aber auch keinesfalls bessern, wenn es die Agrarüberschüsse der großen Exportländer nicht mehr gäbe, im Gegenteil!" (Entwicklungsminister Warnke)

Jedem Hungerleider seine nahrhafte Ansichtskarte vom Butterberg!

2. Wer kriegt von den Negern die Butter aufs Brot?

"Deutschland ist ein armes Land. Unser einziger Rohstoff ist die Kohle - und die kostet uns jedes Jahr Milliarden an Subventionen. Unser Kapital sind die Leistungen unserer Menschen. 'Made in Germany', das ist in Afrika auch heute noch ein Gütesiegel. Das ist Pfund, mit dem wir wuchern können. Es jedoch mit einem Ruhekissen zu verwechseln - das wäre fatal. Dann würden uns in Afrika die Engländer, die Franzosen und die Japaner die Butter vom Brot nehmen.

Dies ist eine Herausforderung, die sich täglich neu stellt. Wer ihr mit der 35-Stunden-Woche begegnen will, der kann sich des Dankes der Japaner, der Leute aus Hongkong, Taiwan, Singapure und Südkorea gewiß sein." (Warnke)

Der ärmste Bimbo im Land ist unsere notleidende Wirtschaft!

3. Ohne Preis kein Fleiß!

"Alle Maßnahmen zur Entwicklung der Landwirtschaft werden ohne Erfolg bleiben, wenn eins nicht getan wird, wenn die Regierungen nicht die Erzeugerpreise anheben. Man hat sie niedrig gehalten, um den städtischen Massen billige Lebensmittel zu sichern. Den Bauern wurde aber damit jeglicher Produktionsanreiz genommen. Sie bauten nur noch für die eigene Familie an, belieferten aber nicht mehr den Markt." (Warnke)

4. Sterben ist der schönste Tod!

"Ein anderes Mißverständnis sind die... offen herumliegenden Toten. Sie bleiben bei jenen, die nicht Muslime sind, unbestattet... ( Reporter) zogen den voreiligen Schluß und berichteten auch so, es handle sich um Hungertote und Verdurstete, die zu bestatten die Überlebenden die Kraft nicht mehr hätten. So entstand die Legende von den Hunderttausenden von Dürretoten..., die es in Wirklichkeit nicht gegeben hat." (Dies und das folgende aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24.5.)

5. Hunger ist exotischer Überfluß!

"Es beruht auf dem Irrtum, nackte Not treibe die Nomaden umher, während die Wanderungen schon längst Lebensart geworden sind. Der andere Irrtum ist, ihre Viehbestände seien die Lebensgrundlage der Nomaden... Ihre Tiere sind weder Milch- noch Fleischvieh, sondern Symbol des Reichtums, so wie in Europa der goldene Armreif am Handgelenk einer Frau oder das große Collier im Safe der Bank."

6. Hunde, wollt ihr ewig hungern!

"Afrika könnte ein Kontinent des Überschusses sein - und dann die gleichen umgekehrten Sorgen haben mit einer überproduktiven Landwirtschaft wie die Vereinigten Staaten und die Europäische Gemeinschaft. Wenn die Afrikaner nur wollen, brauchen sie nicht zu hungern und zu verhungern schon gar nicht."