VON DER ARBEITERKLASSE (1. TEIL)

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Dieser Artikel ist in der MSZ 7-1987 erschienen.
Systematik: 

VON DER ARBEITERKLASSE (1. TEIL)

Ob sich die Arbeiter für eine Klasse halten oder einfach meinen, sie wären klasse, tut überhaupt nichts zur Sache. Darin, daß sie manchmal viel auf sich halten und genauso oft behaupten, die Dummen zu sein, unterscheiden sie sich wirklich von niemandem. Selbst Kapitalisten und Grundeigentümer wollen abwechselnd die Tüchtigsten und die Betroffenen sein. Die Zugehörigkeit zu einer Klasse ist schon deshalb keine Frage der Wertschätzung oder gar des "Selbstbewußtseins", weil die Menschheit dann seit Jahrtausenden in zwei große Klassen gespalten wäre, in die der Anständigen und in die anderen. Ein paar objektive Bestimmungen sind aber auch deswegen ganz brauchbar, weil sonst ein bißchen menschliche Hochachtung wahre Revolutionen vollbringen würde - und daß es so einfach nicht ist, weiß ja wohl jeder. Selbst wenn die Anerkennung vom Staat, von der politischen Gewalt höchstpersönlich ausgeht und vor dem Gesetz wie an den Wahlurnen alle gleich gelten, ist kaum zu übersehen, daß da ansonsten vorhandene Unterschiede und Gegensätze dem Staat ganz recht sind; daß er sie nicht abschaffen, sondern zu gedeihlichem Zusammenwirken anhalten will, seine so unterschiedlichen sozialen Charaktere.

Die ergeben sich eben daraus, was sie zum ökonomischen Lauf der Dinge beisteuern, welche Aufgaben ihnen bei der Produktion des Reichtums zufallen und was von demselben für sie abfällt. Insofern liegen die Dinge im Falle der Arbeiterklasse ziemlich klar: Ihr Beitrag besteht im Arbeiten, und ihr Anteil am Reichtum ist der Lohn, bzw. das, was sie sich von ihm kaufen können. Damit richten sie sich ihr Leben ein.

Dieser Sachverhalt ist Anlaß für das dauerhafte Gerücht, Lohnarbeiter gingen arbeiten, weil und damit sie davon leben. Dieses Gerücht übersieht, daß es außer der Lohnarbeit immerhin noch andere, durchaus respektable Wege gibt, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Doch nicht nur das. Der recht universelle Zusammenhang zwischen Arbeit und Leben wird da unversehens zum "guten Grund", zur einleuchtenden Erklärung dafür, daß erwachsene Menschen Tag für Tag zu Tausenden in die Fabrik marschieren, dort ihren Dienst verrichten, der sich in einer immensen Masse von Reichtum niederschlägt - und darüber immerzu so arm bleiben, daß sie das ein Leben lang tun. Aus der Allerweltsweisheit, daß ohne Arbeit kein brauchbares Zeug zustandekommt - außer demjenigen, was der Schöpfer der Natur an in unzubereiteter Form Genießbarem beigemischt hat, wäre ja wirklich nichts vorhanden -, folgt garantiert nicht das Montageband, die Lohngruppe VI oderdie "Solidar"gemeinschaft der Pflichtversicherten. Wer die Lohnarbeit für das natürlichste Lebensmittel von der Welt hält, kommt jedenfalls nicht umhin, auch dem Gegenteil beizupflichten. Die umfangreiche Klasse derer, die ihre Dienste verkaufen, hat sich ein denkbar fragwürdiges Lebensmittel ausgesucht, also aufzwingen lassen, das seinen Mann schlecht bis gar nicht ernährt.

a)

Der Grund dafür, daß so viele Leute Lohnarbeiter sind, ist ebenso einfach wie bekannt: Sie haben es nötig. Worauf es ankommt, das Geld, haben sie nicht. Solange alles seinen Preis hat, also alles brauchbare Zeug in festen Händen und der Privateigentümer nur durch Bezahlung dazu zu bewegen ist, die ihm gehörige Ware abzutreten, gilt es, an Geld zu kommen. Das rücken umgekehrt die, die welches haben, aber nur heraus, wenn sie was dafür bekommen. So ist es nur allzu verständlich, daß, wer sonst nichts hat, "eine Arbeit" haben muß. Bedarf nach seinen Diensten besteht bei Geldbesitzern, die ihr Vermögen nicht verbrauchen, sondern erhalten und mehren wollen. Sie erwerben Produktionsmittel und bezahlen Arbeiter, die unter ihrem Kommando ans Werk gehen. Der Erlös aus dem Verkauf der Produkte, die selbstverständlich dem gehören, der alles gekauft hat, bringt dann den Vermögenszuwachs, auf den es ankommt.

Daß so Kapitalismus geht und Wirtschaft überhaupt gehen muß, ist die Auffassung, die sich das Kompliment "Sachverstand" einfängt, sooft sie einer zum Besten gibt. Daß man diese Meinung so oft vernehmen kann, dürfte am Bedürfnis mancher Zeitgenossen liegen, anderen mitzuteilen, daß ein Grund zur Unzufriedenheit nicht besteht. Die Interessen der beiden Seiten, die an Arbeit resp. Geld ihren Gefallen finden und das eine abliefern, weil sie das andere kriegen, passen schließlich zusammen - so daß eine "Sozialpartnerschaft" angesagt ist. Die hat nur einen kleinen Haken: Der Preis der Arbeit ist bei aller schönen wechselseitigen Abhängigkeit der "Partner" für beide Seiten nicht ganz dasselbe. Der Geschäftsmann berechnet den Lohn als Kosten, die sich lohnen müssen, macht also die Höhe der Bezahlung, ja diese überhaupt - wie einige Arbeitslose beweisen - davon abhängig, daß die Leistung des Löhners sich in seiner Bilanz positiv bemerkbar macht. Solange ihm die Marktlage es überhaupt geraten erscheinen läßt, Leute für sich arbeit zu lassen, ist er auf viel Arbeit für wenig Geld aus - und das kann man vom Lohnarbeiter nun wieder nicht behaupten. Als "Lebensmittel" taugt ihm die Arbeit um so mehr, je- knapper sie und je großzügiger der Lohn messe ist.

Diesen ökonomischen Gegensatz bemerken freilich auch die Sachverständigen der Marktwirtschaft, aber nur, um sich für sie zu entscheiden. Im Namen der Abhängigkeit der Lohnarbeiter von den "Arbeitgebern" - sie sind ja auf Arbeit ange wiesen - nennen sie die Bedingung, die für die soziale Wohltat eines Arbeitsplatzes erfüllt sein muß: Der Preis der Arbeit muß stimmen, d.h. der Kalkulation des Geschäfts entsprechen. Und nicht wegen dieser täglich beredt vorgetragenen Bekenntnisse zum Prinzip des Kapitalismus, das in Tarifrunden noch öfter als sonst abgespult wird, sondern wegen der ökonomischen Macht der Kapitalisten wird die Bedingung auch erfüllt. Der Zwang zum Angebot - der Arbeit, des "Lebensmittels" - führt allemal zur Nachgiebigkeit gegenüber einer Kalkulation, die so frei ist, entweder mit "preiswerten", rentablen Lohnkosten zu rechnen oder mit gar keinen. Wieviel Arbeit und zu welchem Preis nachgefragt wird, ist eben Sache des Bedarfs, der im Unternehmensgewinn sein einziges Maß hat.

Von der Geschichte, die Arbeit für Lohn sei eben das Lebensmittel der meisten Leute, bleibt schon nach den elementarsten Bestimmungen des Verhältnisses, das Lohnarbeiter eingehen, nichts übrig. Ihr Ein- und Auskommen ist mit ihrer Arbeit ja gerade nicht garantiert - umgekehrt ist der Einsatz dieses Mittels immer eine Frage des Geschäfts, das mit ihm geht. Solange sie Arbeit haben, d.h. sie verrichten, sind Lohnabhängige den Bedingungen unterworfen, die ihre "Arbeitgeber" mit Rentabilität definieren. Und das dafür fällige Verhältnis von Leistung und Lohn ist nicht das Produkt ihrer Bedürfnisse, welche auf die Einrichtung der Arbeit und auf eine Höhe des Lohnes zielen, die ihrem "Leben" zugutekommen. Sie müssen sich schon als die abhängige Variable eines Produktionsverhältnisses bewähren, um überhaupt gefragt zu sein. In ihrer Macht steht lediglich die matte Wucht des Angebots, fähig zu sein, den Anforderungen eines lohnenden Arbeitsplatzes nachzukommen. Und wodurch ein Arbeitsplatz lohnend wird, entscheidet sich danach, ob ihre Arbeit ein Geschäftsmittel ist; wovon wieviel gearbeitet wird und wieviel Geld es dafür gibt - das findet ein Lohnabhängiger als handfeste Bedingung dafür vor, daß seine Arbeitskraft überhaupt zum Zuge kommt.

Insofern ist ein ziemlich bekanntes Ergebnis erfolgreich angewandter Arbeitskraft auch kein Zufall. Die Einkommen der "sozial Schwachen", wie sie im Bundestag heißen, haben mit dem Reichtum, der durch ihre Arbeit zustandekommt, herzlich wenig zu schaffen. So laufen die Lohnabhängigen ständig Gefahr, "über ihre Verhältnisse" zu leben, was auch nicht gerade von der Qualität ihrer Einkommensquelle zeugt. Die Kunst des Haushaltens ist in Arbeiterhaushalten schwer gefragt, manchmal wegen der Schulden, manchmal bloß, weil gespart wird - oft wegen beidem. Schulden werden gemacht, weil man sich was leisten will, was man sich nicht leisten kann; und das Sparen findet statt, damit man sich später etwas gönnen kann, worauf man jetzt verzichtet; bisweilen werden da auch vorhersehbare Notlagen in Rechnung gestellt, so daß sich ein wenig der Verdacht aufdrängt, daß die guten Leute wissen, was sie sich mit ihrer Abhängigkeit eingebrockt haben, in der sie es aushalten wollen.

Zugegeben - "sozial" gedacht ist das alles nicht. Dazu bedarf es ja des gleichermaßen erfahrungswidrigen wie begriffslosen Gedankens, daß Lohnabhängige nun einmal außer ihrer Arbeit nichts haben, von dem sie ihr Leben bestreiten können. Deshalb noch einmal, bevor die "Ungerechtigkeiten" und "Auswüchse" angeklagt werden, ihr Grund aber nicht: über ihre Arbeit verfügen und bestimmen Lohnabhängige nicht, und über den Lohn noch weniger - sie laufen als Arbeitskräfte herum und kommen über ganz andere Maßstäbe als die ihres "Lebens" zum Arbeiten. Daß die Existenz dieser Klasse auf nützliche Armut berechnet ist, besagt im übrigen etas ganz anderes als die Behauptung, es müsse so sein und bleiben. Das nachzuweisen kann man getrost den Knappheitstheoretikern überlassen, die mit zwei Gedanken "maßlose Bedürfnisse" und " Knappheit der Güter" - das eine ausdrücken. Traurig ist nur, daß sich die Gewerkschaften längst der Frage angenommen haben, wieviel Lohn und Arbeitslose die "Wirtschaft" verträgt.

b)

Daß für einen Arbeiter die Ausdehnung der Arbeitszeit und die Minderung des Lohnes von Nachteil sind, bedarf keiner Diskussion ersteres geht auf Kosten der Freizeit, letzteres bedeutet, daß er sich wenig leisten kann. Im Interesse des "Lebens" liegen umgekehrt allemal Erhöhungen des Verdienstes und die Senkung der Arbeitszeit. Diese einfachen Rechnungen, so folgerichtig sie sich aus dem Lohnsystem ergeben, kommen in ihm erst einmal gar nicht zum Zug. Und zwar deshalb, weil der Bedarf der Unternehmen nach rentabler Arbeit sehr grundsätzlich durchgesetzt worden ist. Mit jedem Arbeitsplatz, an dem einer seinen Lebensunterhalt verdienen kann, ist ein Maßstab der Bezahlung verbunden. Darüber entschieden hat ganz bestimmt nicht der Lebensbedarf der Arbeiter und ihrer Familien, sondern die betriebliche Kalkulation: Sobald sich ein Lohnabhängiger an einem Arbeitsplatz zu schaffen macht, steht auf wundersame Weise fest, was eine Arbeitsstunde "wert" ist, so daß sich der Mensch ausrechnen kann, mit wieviel Stunden in der Fabrik er auf welchen Lohn kommt. Das Ganze nennt sich Zeitlohn und hat mit der Bezahlung von Arbeitszeit nichts zu tun. Verschiedenen Arbeitsplätzen sind unterschiedliche Stundenlöhne zugeordnet, obwohl die Stunde überall 60 Minuten dauert und die Empfänger des niedrigen Entgelts von sich aus sicher nicht vermeldet haben, daß sie weniger Geld für ihr Leben brauchen als ihre Kollegen. Und das Argument, die teurer veranschlagten Arbeitsstunden würden dem Betrieb mehr einbringen, sollte besser unterbleiben - gebraucht werden sie offensichtlich alle; acht "teure" Arbeiter ersetzen keineswegs zwölf "billige" sie arbeiten ja neben- und miteinander, was die einen tun, können sie ohne die anderen gar nicht. Die Differenzierung der Zeitlöhne zeugt von gar nichts außer von der Macht über den Lohn, die den Arbeitgebern das Recht gibt, zu bestimmen, wieviel an Lohnkosten ihnen ein Arbeitsplatz wert ist. Sie haben mit der technischen Ausgestaltung die Dienste definiert, die ein Arbeitsplatz erfordert, und mit dem Stundenlohn ist auch das Entgelt festgesetzt. Und auch damit hat es nicht sein Bewenden: Die Entscheidung darüber, wieviele Stunden pro Tag oder Woche zu arbeiten sind, ist ebenfalls schon getroffen. So einfach der Tages- oder Monatsverdienst aus dem Stundenlohn zu errechnen geht, praktisch steht es nicht im Belieben des Arbeiters, die Ansammlung von Stundenlöhnen abzubrechen - weil es ihm reicht - oder fortzusetzen - weil er noch ein wenig Geld machen will. Dem "Arbeitgeber" freilich stehen beide Alternativen durchaus offen.

Die Form der Bezahlung nach dem schlichten Muster "Geld pro Zeit" ist alles andere als harmlos, auch wenn unentwegte Anhänger der Gerechtigkeit im Verhältnis zwischen den Klassen davon nichts wissen wollen. Die Berechnung des Einkommens eines Arbeiters nach der absolvierten Arbeitszeit läßt die oben vorgestellten "Lebensinteressen" in bezug auf die Gestaltung des "Mittels" Arbeit konsequent scheitern. Stets verbindet sie ganz "sachzwangmäßig" den Vorteil in Sachen Arbeitszeit mit dem Nachteil Geldmangel, und die großartige Chance, ein paar Mark mehr verdienen zu können, gibt es nur auf der Grundlage des Opfers an freier Lebenszeit. Wie die Ansetzung von Kurzarbeit oder Überstunden beweist, bleibt dem guten Arbeitsmann die Wahl zwischen dem verschleißträchtigen Lohn und der geldlosen Freizeit auch nicht überlassen. Er kann die ihm aufgemachte Alternative zwischen Zeit und Geld, Muße und Armut bewältigen.

Diese Bewältigung ist ganz seine Sache und macht sein "Leben" aus. Die pfäffische Kritik an der "Konsum-" und " Freizeitgesellschaft" bleibt den meisten Repräsentanten der abhängigen Variablen in der "Marktwirtschaft" deshalb ein bißchen unverständlich, weil sie sich nicht in Ausschweifungen ergehen, sondern in Notwendigkeiten umtreiben. Diese rühren schlicht daher, daß sie als Lohnarbeiter von Berufs wegen für den ökonomischen Erfolg ihrer "Arbeitgeber" geradestehen müssen, bevor sie sich ans "Leben" machen können. Diese Bedingung, die sie nach der Seite des Lohns wie nach der Leistung erfüllen müssen, verhindert konsequent, daß sich im Arbeiterleben Saus und Braus einstellen, statt dessen "Disziplin" angesagt ist.

1. Wenn der Lohn für eine Stunde feststeht, auf sie berechnet wird, dann wird er noch lange nicht für die Zeit bezahlt, so daß mit der Anwesenheit auch alles erledigt ist. Wie die Arbeitsstunde genützt und eingeteilt wird, ist Gegenstand größter Aufmerksamkeit. Die bringt der "Arbeitgeber" auf, weil er den Verdacht nicht los wird, zu viel Gemütlichkeit könnte seine Lohnkosten zweckentfremden. Da lohnen sich sogar Kosten, die für Aufsichtsfunktionen ausgegebnen werden, denn ohne Kontrolle kämen ja die Rechte des Betriebs zu kurz - und die liegen in der optimalen Ausfüllung der Arbeitsstunde. Wenn schon Pausen notwendig sind, weil eine Stunde konzentrierter Arbeit am Stück dem "Menschen" kleine Probleme bereitet, dann gehören sie nicht dem Zufall und individuellen Eigenarten der Beschäftigten überlassen. Ihre Beschränkung auf das unerläßliche Maß gehört gesichert und der Ablauf der kombinierten Tätigkeiten ist vor Störungen zu schützen: Also wird der Dienst leistungsdienlich geregelt und die "Freiheit" des Arbeiters auf den "Spielraum" beschränkt, der unumgänglich ist.

So lautet der Vertrag auf "Zeitlohn" und niemand braucht sich zu täuschen, daß damit ein Entgelt für die Verfügbarkeit des Arbeiters gemeint ist. Die Leistung, die anfällt, ist nicht Gegenstand der Bemühungen des Unternehmers, die Arbeitskraft, die er bezahlt, so gründlich wie möglich einzusetzen.

2. Wer meint, das wäre nicht weiter schlimm, hat recht. Allerdings nur, wenn nach der Stunde erst einmal ein bißchen gewartet wird. Der Lohn für die Stunde erlaubt es nicht, Schluß zu machen - und überhaupt ist dergleichen nicht vorgesehen. Die "Arbeitgeber" exekutieren schließlich am Lohnarbeiter die Multiplikation des Stundenlohnes, so daß dem der Arbeitstag schon zu schaffen macht.

Während die Berechnung des Lohnes den Arbeitstag so handhabt wie einen mit acht multiplizierten Stundenlohn, wollen acht Arbeitsstunden erst einmal ausgehalten sein. Daß Lohnarbeiter müde bis fertig sind, wenn sie sich an den Genuß ihrer freien Zeit machen, wissen nicht nur sie selber recht gut. Dabei beginnt die "Erholung", geschweige denn das Vergnügen, nicht einmal nach Arbeitsschluß. Der Heimweg gehört ebensowenig wie der Anmarsch zur Freizeit, sondern kostet zwei Stunden von ihr. Arbeitszeit ist der Aufwand für den Weg vom und zum Arbeitsplatz aber auch nicht, wenigstens nicht nach den Regeln des Zeitlohns. Ob ein Fahrtkostenzuschuß den bescheidenen Lohn wenigstens nicht zu sehr einer unerträglichen Belastung aussetzt, hängt davon ab. Manchmal holt auch ein starkes Unternehmen mit Bussen die Arbeitskräfte im Hinterland um 4 Uhr früh ab, damit sie pünktlich um 6.30 Uhr in der Frühschicht sind. Das ist sehr sozial, hat mit "Ausbeutung" nichts zu tun, selbst wenn der Tag dieser Bürger mit der Arbeit auch schon gelaufen ist.

In der Arbeit selbst wird selbstverständlich ebenfalls Sorge getragen um die Physis von Leuten, die unter dem Regime des Zeitlohnes ihre Stundenlöhne akkumulieren. Den Tücken der menschlichen Natur wird Rechnung getragen, und die Pausenfrage so geregelt, daß sie genau zu den Notwendigkeiten des Betriebs paßt. Die Beanspruchung von Muskeln und Nerven, das Verlangen nach Kalorien wird mit den passenden Arbeitsunterbrechungen berücksichtigt: Der unvermeidliche Müßiggang findet statt, natürlich hauptseitig unbezahlt und in der Kantine, deren Besuch durch die Güterabwägung um Zeit und Geld glaubwürdig ist.

Diese Güterabwägung ist auch die Grundlage dafür, daß aus dem Zeitlohn bzw. seinem Ertrag kein Argument dagegen erwächst, auch einmal ein paar Stunden über die Zeit zu arbeiten. Dieses Angebot ergeht von "Arbeitgeberseite", wenn die Marktlage günstig ist und die vollen Auftragsbücher schnelle Amortisation von Kapital gestatten. Mit dem "Lebens"interesse eines Arbeiters hat es sehr wenig zu tun, ebensowenig wie das Ansetzen von Kurzarbeit, die immerhin durch den "Mehr"verdienst einer Sonderschicht in etwa kompensiert wird. Schließlich wird man für den Ausfall von Arbeitszeit mit Verdienstausfall haftbar gemacht, so daß man für das fehlende Geld an anderen Tagen Erholung und Freizeit "gerne" sausen läßt.

3. Noch bevor die Wirkungen der modernen Arbeitszeitordnung auf die "Lebenshaltung" ihrer Instrumente, also die Dialektik von Geldbeutel und Feierabend besichtigt wird, darf vielleicht noch erwähnt werden, daß sich die Arbeitszeitordnung auch auf größere Zeiträume erstreckt. "Arbeit zu haben" heißt ja auch, sich der Frage zu stellen, wieviel Arbeitstage man hintereinander durchsteht. Einer eventuellen Antwort seitens der "Betroffenen", die ihre Belastbarkeit, ihre Gesundheit, die erholungsgewährenden Qualitäten des täglichen Feierabends erst prüfen müßten, ist die Marktwirtschaft unter Zuhilfenahme des christlichen Kalenders zuvorgekommen. Ausnahmen sind nur nach Maßgabe des Geschäfts an der Tagesordnung, das Kassenwesen moderner Betriebsführung orientiert sich an den Monden - und das erübrigt alle allemal eine Berücksichtigung der menschlichen Natur, die in der Einteilung von Woche und Monat bestens aufgehoben ist. Sie kommt am Tage des Herrn zum Zuge, kann sich im planbaren Wochenende für alle Versäumnisse schadlos halten, die in Sachen Lebensgestaltung an den Werktagen auf der Strecke bleiben. Ob sich das mit dem Bedürfnis nach Erholung verträgt, ist zweifelhaft, legt aber den Blick auf den Urlaub frei.

Der ist so richtig für Wiederherstellung und "selbst etwas unternehmen" gedacht. Dieser Abschnitt des Arbeitsjahres anerkennt die Notwendigkeit der Muße, welche die gewöhnliche Arbeitszeitregelung nicht gewährt, auch den Verschleiß. Alles, worauf der auf die Regelmäßigkeit des Arbeitens angelegte Stundenplan des Arbeitsjahres keine Rücksicht nimmt, harrt da seiner nachholbedürftigen Erfüllung. Das Klappen dieser größten, auf Brauchbarkeit angelegten Kompensationsveranstaltung ist auch mit Urlaubsgeld, ohne das sie nicht einmal ginge, sehr fragwürdig. Die vernachlässigten Lieben, die angegriffene Gesundheit, kulturelle Ambitionen, eine andere Umgebung, die Preise nicht zu vergessen - das alles läßt sich schwerlich in drei bis vier Wochen erledigen, die häufig auch noch der Kalender des Betriebes und des Schuljahres verordnet. Ein bißchen, das läßt sich per Vorgriff erahnen, stellt auch diese Errungenschaft an "Lebensqualität" nichts weiter dar als den Rest, der von der disponiblen Arbeitszeit bleibt, für die ein Werktätiger gut ist und die er kaum aushält. Unbezahlten Urlaub gibt es, um nicht ungerecht zu werden, natürlich auch. Mit seinem Geldbeutel und dem auf seiner Verfügbarkeit bestehenden Betrieb hat ein Lohnabhängiger gleich zwei Instanzen zur Seite, die den Ausnahmecharakter dieser Freizeitbeschaffung gewährleisten.

4. Wie lange die Lebensarbeitszeit dauert, ist nicht geregelt. Die Diskussionen, die unter diesem Titel geführt werden, betreffen das Einkommen von Leuten, die aufgrund gesetzlicher Zwangsversicherungen und aus Zufall in der Lage sind, am Ende ihres Arbeitslebens eine Pause anzuhängen und dafür etwas von ihren Beiträgen zu verzehren. Solche Diskussionen und die auf Sparsamkeit zielenden Verbesserungsvorschläge sagen weniger aus als die dabei zu Rate gezogenen Statistiken, die niemand gern mit dem Regime des Zeitlohns in Verbindung bringt. Die Zahlenwerke bestätigen, daß das freiwillig eingegangene Lohnarbeitsverhältnis nur sehr unfreiwillig aufgegeben zu werden pflegt. In den Fällen, wo die Dienste eines Lohnarbeiters überflüssig werden, schlägt sich dieser trotz der ihm erlassenen Arbeitsmühen damit herum, vom Lohn leben zu müssen, der ihm gemäß den Regeln der Lohngerechtigkeit vorenthalten wird. In anderen Fällen geben Lohnabhängige die Gelegenheit zur einkommenswirksamen Beschäftigung auf, weil ihnen die Arbeitszeit nicht mehr zuträglich ist; irgendwie hat da die absolvierte Beschäftigung ihren Tribut gefordert und den natürlichen Prozeß des Alterns merkwürdig beschleunigt. Und für eine erhebliche Anzahl ist die Lebensarbeitszeit mit einem Mal beendet, weil sie schon vor der letzten großen Pause zu leben aufhören. So erfahren die Lohnabhängigen in der unterschiedlichsten Weise, daß sie mit ihrem Beruf als personifizierte Arbeitszeit zählen.