VOM WELTBILD EINES NOBELPREISTRÄGERS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1982 erschienen.
Systematik: 

Elias Canetti, Masse und Macht
VOM WELTBILD EINES NOBELPREISTRÄGERS

Von Nobelpreisträgern heißt es, sie bekämen diese höchste Auszeichnung für herausragende Leistungen auf ihrem Fachgebiet. Namentlich nun der Laureat auf dem Felde der Literatur soll darüber hinaus in seinem Werk "westliche Gedanken seiner Zeit" dichterisch gestaltet haben. Grund also, sich mit dem aktuellen Titelträger Elias Canetti näher zu befassen.

Nachfolgendes erscheint verspätet. weil die MSZ-Redaktion so schnell niemanden bewegen konnte, die prinzipiell 500 Seiten nicht unterbietenden Opera Herrn Canettis auch nur zu überfliegen. Glücklicherweise ergriffen unsere Genossen von der "Wiener Hochschulzeitung" der MG "die nationale Erfreulichkeit, daß Österreich in Gestalt eines im bulgarischen Rustschuk geborenen Sohnes spanisch-jüdischer Eltern mit Wohnsitz Zürich gegen alle unangebrachten Inanspruchnahmen der mitbeteiligten Länder den Literaturnobelpreis für 'uns' verbuchen konnte." Am theoretischen Hauptwerk des Dichters forschten sie nach, was der weltbeste Dichter und Denker 1981 so zu bieten hat, und was der Leser selbst an nötiger Einstellung zum Gelingen ungestörten Kunstgenusses mitbringen muß.

Der Mensch

"Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes."

Der Nobelpreisträger weiß in der Folge vom homo zu berichten, daß ihn "die Berührungsangst vor Unbekannten" (!) bewegt, solang' er strebt. Zur Bestätigung dieser einmaligen Verrücktheit, nicht zu wissen, wovor man sich fürchtet, aber sicher zu sein, daß "es" einen berührt, arbeitet sich Canetti an einer endlosen Aufzählung von Bekannten ab. Damit das Busfahren, das Wohnen, Anziehen und Schlafen- als Beispiel für die Angst vor Unbekannten und dessen Berührung taugt, muß der Dichter alle diese menschlichen Aktivitäten durch Wegdenken der bekannten Gründe und des bekannten nützlichen Umgangs mit den Dingern verfremden: Demnach trägt man Kleider nicht, weil sie kleiden, sondern als moderne Ritterrüstung, damit der Angreifer nicht bis zum "nackten, glatten, wehrlosen Fleisch durchzudringen" vermag. In Häusern wohnt man nicht, sondern sucht sie als Schutzwall, um sich "dem plötzlichen, unerwarteten Griff aus dem Dunkel zu entziehen". Hände akzeptiert der Meister nur als "zur Kralle geformte Symbole der Angst". Der Restaurantbesuch, die Tramfahrt, selbst das Schlafen sind dem homo, kaum hat dieser "die Grenzen seiner Person festgestellt", der ununterbrochene Versuch, der Berührungsangst zu entgehen.

Diese prinzipielle Angst hat mit einem bestimmten Gefühl gar nichts zu tun. Wie sollte es auch? Es ist ja das von jedem besondern Gefühlsinhalt gereinigte Angstprinzip, einfach die Angst vor Berührung und damit vor jedem menschlichen Handeln.

Leseerfahrung 1: Bei Canettis Wurf handelt es sich um logischen Unsinn ersten Ranges. Wie soll sich denn die Vielfalt menschlichen Handels einem einzigen Prinzip verdanken, das konsequent vertreten nur eine Handlung zuläßt: Ab in den Eisschrank und fest die Tür verriegelt? Was ist denn bloß der Grund dafür, daß sich die Menschen in den wenigsten Fällen mit der Eisschranktour begnügen und sich weiterhin beim Essen, Gehen, Lieben, Schlafen, Lernen der Berührungsgefahr aussetzen? Um diesem "literarischen Wiener" die erbauliche Genehmigung für die in mehr oder weniger plumpen Bildern - die verkrallte Hand kennt man doch aus dem letzten Horrorschinken - vorgetragene Darstellung der "Schlüsselbegriffe zum Verständnis unseres Zeitalters" zu erteilen und gleichzeitig wie der Meister selbst über die Ungereimtheiten souverän hinweg- und zum literarischen Genuß emporzusteigen, dazu bedarf es eines einsamen Entschlusses des geneigten Lesers, der abseits und unter Mißachtung der erwähnten Qualitäten des Textes gereift sein muß: Mein Gott, ist der Canetti gedankentief! Ohne diese textunabhängig getroffene Bereitschaft, das alles für furchtbar g'scheit finden zu wollen, ist es nämlich niemandem möglich, sich in Verspottung seines eigenen praktischen Umgangs mit Lehrern, Studenten, Schaffnern und Zahnärzten etc. partout einzubilden, deren Aufgabe bestünde nicht darin, zu lehren, zu studieren, Fahrschein zu zwicken und Zähne zu reißen, sondern um damit eine gefährliche Attacke gegen das berührungsverängstipte Ego zu reiten. Und zwar ausgerechnet deswegen, weil die Zahnärzte und der Schaffner sich ununterbrochen ganz furchtbar vor der Berührung fürchten tun.

Die Masse

"Es ist die Masse allein, in der der Mensch von dieser Berührungsfurcht erlöst werden kann. Sie ist die einzige Situation, in der die Furcht in ihr Gegenteil umschlägt."

Waren die Leistungen des Menschen gerade noch ein einziges ununterbrochenes Bemühen zur Vermeidung von Körperkontakten, sucht nun derselbe Mensch Ausweg aus dieser Situation, indem er sich ausgerechnet der Berührung n masse genußvoll hingibt. Ein Widerspruch? I wo, vielmehr ein gelungenes Beispiel dialektischer Dichtkunst. Canetti pflegt dieses Paradox, indem er es ganz unverblümt ohne den leisesten Versuch zur Begründung, warum die Angst mir-nix-dir-nix zur Sehnsucht fortschreitet, im Jargon hinschreibt: "Die Furcht schlägt in ihr Gegenteil um." Mit viel Liebe zur Paradoxie konzipiert der weltmeisterliche Widersprücheklopfer seinen Massebegriff einzig auf der umwerfenden Logik des Gegensatzes: Die vom Menschen so ersehnte Masse ist einfach das Gegenteil der bisher ausgedachten dürren Menschenwünsche. Oder anders: Der Mensch wünscht sich die Aufnahme in eine Masse, weil diese alles das birgt, wovor er sich fürchtet:

  • Ist der Canetti-Mensch damit beschäftigt, die "Grenzen seiner Person zu spüren" und "zu erhalten", schätzt er die Masse zur Erreichung eines "Zustands absoluter Gleichheit", also gerade der Auslöschung jeglicher Individualität: "Ein Kopf ist ein Kopf, ein Arm ist ein Arm, auf Unterschiede kommt es nicht an!"
  • An der Masse lernt der Berührungsverängstigte auch prompt ihre Dichte zu genießen: "Sie (die Masse) kann nicht dicht genug sein. Es soll nichts zwischen sie fallen, es soll möglichst alles sie selber sein." "Je heftiger die Menschen sie aneinanderpressen, um so sicherer fühlen sie, daß sie keine Angst voreinander haben müssen."

Ab jetzt gibt es nur mehr ein geschichtsmächtiges Subjekt: die dichte, in sich geschlossene Masse, die nichts neben sich duldet, das Einzelindividuum in sich zu verschlingen sucht; was sich dieses wiederum gerne gefallen läßt. Gründe für die geschichtliche Tat gibt es keine mehr, außer dem einen: "Alles geschieht, weil die Masse wachsen will." Denn: "Ohne zu wachsen, droht ihr der Zerfall."

Damit hat sich der Denker die Basis geschaffen für ein tiefsinniges, spannend bedrohliches Geschichtsbild. Sein Erklärungsversuch der "geschichtlichen Kraft" wird durch das literarische Bild verwirklicht, das sich an der unaufhaltsamen Selbstbewegung der dunklen, entindividualisierten, nicht- und vielstrukturierten Meute begeilt. Kein Mensch tut mehr etwas aus den Gründen, die er dafür hat. Statt dessen passiert tagtäglich folgendes:

"Eine ebenso rätselhafte wie universale Erscheinung ist die Masse, die plötzlich da ist, wo vorher nichts war. Einige wenige Leute mögen beisammen gestanden haben, fünf oder zehn oder zwölf, nicht mehr. Nichts ist angekündigt, nichts erwartet worden. Plötzlich ist alles schwarz von Menschen. Von allen Seiten strömen andere zu, es ist, als hatten Straßen nur eine Richtung.... sie haben ein Ziel... das Ziel ist das schwärzeste - der Ort, wo die meisten Menschen beisammen sind."

Leseerfahrung 2: Canettis theoretische Leistung besteht in einer Vergeheimnissung der Geschichte, weil Masse; des Menschen, weil Masse; der Gefühle, weil Angst vor der Masse. Gerade daß nichts mehr so ist, wie man es sich vorgestellt hat, daß die banalsten Alltäglichkeiten durch die fixe Idee Canettis, alles als Ausdruck einer unstillbaren Massensehnsucht zu besprechen, den Zauber des Geheimnisvollen, die Spannung des Bedrohlichen annimmt, ist die ganze trostlose Substanz der "literarischen Kraft" des Meisters. Obwohl er sein Buch als "theoretische Abhandlung über das Phänomen Masse" verstanden wissen will, hat er nichts von seiner dichterischen Freiheit aufgegeben, persönliche Vorlieben, ausgefallene Gedanken - in freier Assoziation gereiht - und von jedem Wahrheitsanspruch gereinigte "Beobachtungen" zu einer großen Denkerbotschaft an ein erlesenes Publikum zusammenzuspinnen: Es gibt ein Lebenselexier, das uns alle ohne unser Wissen am Wackeln hält.

Um sich den ganzen "Zauber, den dieses - Werk ausstrahlt", zu eröffnen, muß sich der Kunstinteressierte jedes noch so harmlosen Warums entledigen. Und stattdessen so halsbrecherische Gemeinsamkeiten wie etwa folgende ob der "ungeahnten kulturanthropologischen Zusammenhänge" der "Doppelmasse" schätzen: Nach Meinung des bedeutendsten Denkers des Jahres 1981 sind nämch die Jivarosfrauen mit ihrem Schneckenschalenrasseltanz ebenso eine "Schutzmasse" für ihre "Doppelmasse" Männer wie die Madagaskarfrauen:

"Als die Deutschen im Jahre 1941 auf Paris marschierten, wurde zum Schutze der französischen Soldaten von den Frauen in Tananariva das Mirary getanzt. Es scheint trotz der großen Entfernung gewirkt zu haben." (Uns würde es nicht wundern, wenn der alte Herr auch noch ans Schutzengerl glaubt.)

Beide Sorten Weibsbilder stehen mit allen anderen Geschlechtsgenossinnen für den epochalen Gedanken, daß Doppelmassen (= beliebig erfundene Gegensatzpaare wie Mann-Frau oder Lebende-Tote) bei guter Gennung und "Erregung der einen (Masse) das Wohlergehen und Gedeihen der anderen fördern."

Man sieht: Selbst der faszinierende Übergang zum Okkultischen - das Schicksal der Menschen, pardon Massen, ist durch Gefühlserregungen bestimmt, die qua "Beschwörungstanz" über Tausende von Kilometern ihre Wirkung tätigen - schadet keineswegs dem guten Ruf als bedeutender Theoretiker.

Der Krieg

An einem sehr zeitgemäßen Thema sei vorgeführt, was einem so alles hinderlich ist und daher vergessen gehört, um der originellen Verquickung von "Erkenntnisgewinn" und "Kunsterlebnis" teilhaftig zu werden: Die politischen Gründe, auf Krieg zu setzen; die Politiker und ihre Opfer; der gewaltsame Zwang zum Mitmachen und die blöden Gründe der Leute, sich den Heldentod als notwendiges Risiko vorstellig zu machen; all das zu klären würde nicht einmal die Friedrich-Torberg-Medaille einbringen. Hingegen hält ein anerkannter Durchblicker am Krieg für mitteilenswert: Es gibt ziemlich viele, aufgeteilt in zwei Gruppen, die sich deswegen nicht mögen, weil beide Massen so aggressiv vor sich hinwachsen, weswegen die eine Masse die andere lieber als tote "Doppelmasse" sehen möchte. Der Zweck des Ganzen: Wer von beiden wächst länger? Der Krieg also: ein Doppelmassenwettbewerb um den größten Totenhaufen.

Oder mit den geschliffenen Worten eines Nobeldenkers:

"Es ist die wachsende Masse der Nachbarn," (was hat der Canetti bloß für Nachbarn?) "der man im Kriege entgegentritt. Ihre Zunahme ist an sich beängstigend" (das Bassenasyndrom?). "Ihre Drohung, die im Wachstum allein schon enthalten ist, löst die eigene aggressive Masse aus, die zum Krieg drängt... Man will die größere Masse von Lebenden sein. Auf der gegnerischen Seite aber sei der größere Haufen von Toten, In diesem Wettbewerb der wachsenden Massen liegt ein wesentlicher, man möchte sagen, der tiefste Grund zu Kriegen."

Fazit

Elias Canettis Werk "Masse und Macht" ist ohne Zweifel ein bedeutsames Mahnmal für die Trostlosigke't zeitgenössischen Dichtens und Denkens. Allein daß das Dichten mit dem Analysieren bei Canetti so wunderbar zusammengeht, sagt alles über die Qualität seiner Erkenntnisse. Der Fischer-Taschenbucheinbandtexter hat daher völlig recht mit inem vernichtendem Urteil: "Elias Canetti ist originell wie kaum ein Zeitgenosse, und er will es sein." Den Nobelpreis hat der Dichter seiner Funktion als Avantgardist heute so geschätzter Freiheiten des Geistes wie "Originalität", "überraschende Gedankenendungen", "man weiß bei Canetti nie, wo er einen auf die nächsten Seiten hinführt", "Ausbruch aus den literarischen und denkerischen Schemata" völlig zu Recht erhalten.