VOM ERBFEIND ZUM KONKURRENZFREUND

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1983 erschienen.

"20 Jahre deutsch-französische Freundschaft"
VOM ERBFEIND ZUM KONKURRENZFREUND

Die deutsch- französische Frenndschaft hat Geburtstag. Gefeiert wird ein "Markstein in der Geschichte" zweier Völker, die nach jabrhundertelanger "Erbfeindschaft" sich just vor 20 Jabren eines Besseren besonnen und sich "ausgesöhnt" haben sollen. Man muß sich die Wende so vorstellen, daß Franzosen und Deutsche wie "wankende und erschöpfte Ringer" einander stützten und "nach vergeblichem und verheerendem Ringen" das erkannten, "worin sie einander gleichen" (de Gaulle). Die Kriege, die Napoleon bis Hitler mit ihrem jeweiligen Volksmaterial angezettelt und mit unterschiedlichen Zielen und Erfolgen durchgeführt haben, sind historisch, vom heutigen Freundschaftsstandpunkt aus betrachtet, ein einziger Kampf (1. Lüge) der Völker (2. Lüge) um ihre Einheit (3. Lüge). Man muß nur hinter den Schlächtereien das eigene Ideal erblicken, und statt der Herrscher, die von ihnen kommandierten Völker zum eigentlichen Subjekt erheben, und schon leuchtet die Idiotie ein:

"In Wirklichkeit verfolgten Deutschland und Frankreich, indem sie sich gegenseitig ihre Herrschaft aufzuzwingen suchten, um sie dann auf ihre Nachbarn auszudehnen, jedes für sich den Traum der Einheit, der seit zwanzig Jahrhunderten die Gemüter bewegt."

Dabei hatte die deutsch-französische Freundschaft einen Geburtshelfer, den sich Karl der Große nicht hat träumen lassen: die USA. Sie befreiten Frankreich von den Nazibesatzern und schlossen mit der alliierten Besetzung Deutschlands dort ein für allemal den "Irrtum" aus, "daß der Schaden des Nachbarn der eigene Nutzen sei" (Lübke): Die neugegründete BRD war per definitionem zum Nutzen des Westens da und wurde von den Amerikanern mit partnerschaftlicher Hilfe zu einem freiheitlichen Bollwerk gegen die "Bedrohung aus dem Osten" aufgebaut. Die Franzosen freilich, die als geschwächte Siegermacht mit den Deutschen um US-Hilfe konkurrierten, behandelten den entnazifizierten Amizögling jenseits des Rheins immer noch als potentielle Gefahr für den Weltfrieden. Jede deutsche Verfügung über militärische Gewalt sollte auf Dauer verhindert, das Saarland und die linksrheinischen Gebiete unter französische Hoheit gestellt und das Ruhrgebiet dem französischen Kapital reserviert werden. Die Führungsmacht des Westens hatte jedoch ihr eigenes Europakonzept und das schloß auch bei den Franzosen den "Irrtum" aus, daß "der Schaden des Nachbarn der eigene Nutzen" sein könnte: Der amerikanisch kreditierte Wiederaufbau Deutschlands fand statt, die BRD vollbrachte ihr "Wirtschaftswunder", so daß sie neben Frankreich als die stärkste ökonomische Macht in die EWG einzog, und es wurde ihr die Ehre zuteil, bedeutendstes europäisches Mitglied der NATO zu werden. So hatte es die französische Siegermacht allmählich satt, sich mit kostspieligen Kolonialkriegen (Indochina, Algerien) einen entsprechenden Wiederaufbau zu vermasseln, - und setzte sich mit dem neuen Konkurrenten ins Benehmen, um dessen Potenzen für die eigene Wirtschaft zu benutzen. Und für den Bonner "politischen Zwerg" war mit der neuen ökonomischen Perspektive auch ein weiteres Stück Souveränität gewonnen, wenn er als europäischer Partner von nun an ganz friedlich den Markt des ehemaligen Erbfeinds benutzen konnte. Das funktionierte und funktioniert mit beträchtlichem Erfolg auch andersherum. Und in den halbjährlichen Konsultationen des Präsidenten aus Paris mit dem Bonner Kanzler, zu denen - je nach Bedarf - die halben Kabinette hinzugezogen werden, demonstrieren die beiden EG-Führungsmächte, daß sie in ein sehr funktionelles Verhältnis zueinander getreten sind, bei dem die üblichen Differenzen zwischen Konkurrenten den gemeinsamen Zweck des Bündnisses nicht in Frage stellen.

Als deshalb Adenauer und de Gaulle sich umarmten, fingen die Kriegsteilnehmer zu flennen an, weil sie an den Wechselfällen ihrer Untertanenexistenz den geheimen Gang der Geschichte verspüren konnten. Ihnen war sofort klar, daß die über sie herabgekommene Völkerfreundschaft eine so großartige Sache ist, daß sie nur von Staatsmäniern repräsentiert werden kann. So lassen sie sich von Journalisten seit Jahren erzählen, daß nach dem Bruderkuß dei beiden Alten der Pompidou mit dem wiedervereinigungsverdächtigen Brandt nicht mehr so gut konnte, Giscard und Schmidt über Weltwirtschaftsfragen allabendlich telephonierten und Mitterrand und Kohl in Sachen Kriegsvorbereitung kein schlechtes Paar abgeben. Im übrigen denken sie über das befreundete Volk genauso gut oder schlecht, wie sie schon über den Erbfeind gedacht haben; gehört es doch zu dieser Sorte Freundschaft dazu, daß häßliche Töne in der Öffentlichkeit breitgetreten werden, die einen als alte Nazis, die andern als Nichtsnutze beschimpft und beide der Duldung solcher Volksvorurteile bezichtigt werden. Entsprechend lustig wird es, wenn - natürlich auf Geheiß der Obrigkeit - badische Winzer busweise in die Partnerstadt verfrachtet werden, dort beim kommunistischen Bürgermeister für die Heimat antreten und bei Käse und Baguette sich über den immer noch zu verspürenden Deutschenhaß ihrer Freunde beklagen. Besonders drollig wird es, wenn Pädagogen am Werk sind, 15-jährige Gymnasiasten einen gleichaltrigen Briefpartner "bekommen", dem sie einen Brief über ihre Hobbys schreiben müssen, den der Französischlehrer ihnen aufsetzt. "Mit Leben erfüllt" wird die deutsch-französische Freundschaft, die nichts anderes ist als die Ideologie für den Volksgebrauch eines für Staat und Kapital vorteilhaften Kommerziums, natürlich nicht mit derlei Schnickschnack, sondern hinter den Kulissen des diplomatischen Verkehrs der jeweiligen Obrigkeiten und die grenzüberschreitende Zirkulation von Waren und Kapital trägt weit mehr zu ihrer "dauerhaften Festigung" bei als der "zwischenmenschliche" Verkehr.

"Wir müssen das Wir wieder deutlicher begreifen. Und das Ich muß in das Wir eingebracht werden."

So formuliert der Kanzler der nationalen Wende die "geistig-moralische Herausforderung", der er mit seiner Politik Rechnung tragen will. Daß angesichts solcher Zielsetzungen kleinliche Kritteleien etwa an Bismarck'scher Einigungs- und Reichspolitik keine Chance mehr haben, weil die BRD dabei ist, sich des Bismarck'schen Erbes würdig zu erweisen, versteht sich da fast von selbst.

Kein Nationalismus ohne Tradition

Der unverhohlene Stolz der BRD auf ihre ökonomische Stärke, auf ihre politische Stabilität, auf ihre Macht und Geltung in der Welt will gerade in Vorkriegszeiten - die passende - deutsche Vergangenheit als Überhöhung des Selbstzwecks 'Nation' nicht missen. Der Umstand, daß es das Phänomen deutscher Nation in einer auf den heutigen Zustand beziehbaren Gestalt seit ca. 200 Jahren gibt - Mittelalter-Träumereien vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, wie sie Anfang des 19. Jahrhunderts die Traditionssuche der den deutschen Nationalstaat anstrebenden Fortschrittler bestimmten; gelten heutzutage als romantische Schwärmereien und entsprechend obsolet, weil keine auch nur irgendwie nachvollziehbare Kontinuität zum heutigen Staatsgebilde herstellbar ist -, soll dem, was heutzutage immer noch (versehen mit einem 'leider') als nationales Provisorium erscheint, ideelle und deshalb so echte Plausibilität per historischem Gewicht verleihen. Friedrich II., Bismarck und 70/71, das bietet auch dem, dessen herrschaftliche Tradition das nie war, Vorbildliches an nationalem Einheitsbewußtsein, wenn er als Untertan anlässlich der rückblickenden Feier der deutschen Nation so bescheiden ist, sie als seine anzusehen.

Die Behandlung der Weimarer Republik und insbesondere des Faschismus (in der zitierten Nationalgeschichte unter dem Titel: "Verführung und Gewalt"!) sind Paradebeispiele für den zweckmäßigen Umgang mit der nationalen Tradition, gerade in der jetzigen Phase des nationalen Aufbruchs. Wird die erste deutsche Demokratie einerseits hochgehalten als die Ära, in der zum ersten Male alle Deutschen als freie Staatsbürger agieren konnten, kriegen sie als eben diese Staatsbürger, egal, ob als Volk oder Führung, gleich eins auf den Deckel, weil sie ihre schöne Freiheit mißbraucht haben, mit ihrer Parteienzersplitterung den Staat zerrüttet und ihn zur leichten Beute für den machtbesessenen (Ver)Führer gemacht haben, der seinerseits dann diesen Staat für seine überzogene Machtpolitik mißbraucht und die eigentliche nationale Tradition Deutschlands zerstört hat. Diese doppelt ungute Abteilung deutschnationaler Tradition mündet aber in eine einzige staatsmoralische Nutzanwendung für heutzutage. Wenn alle Staatsbürger freiwillig von ihrem besonderen Interesse Abstand nehmen bzw. es freiwillig in demjenigen der Nation "aufgehen" lassen, dann kann es zu so etwas wie Weimar und dem Dritten Reich nicht mehr kommen. Dann befinden "wir" uns vielmehr in der ungebrochenen Linie derer, die Preußen und Deutschland hervorbrachten.

Solch praktischer und gegenwartsbezogener Umgang mit der nationalen Tradition ist ihre Definition, hat aber mit einer Art von Weitergabe nichts zu tun:

"Tradition: das, was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen, Kultur o.ä. in der Geschichte von Generation zu Generation (innerhalb einer bestimmten Gruppe) entwickelt und weitergegeben wurde (und auch in der Gegenwart gültig ist)." (Duden 81)

Der letzte Teil der Definition ist ihr Springpunkt (und steht deshalb zu Unrecht in Klammern!), denn die gegenwärtige Handhabung der nationalen Tradition macht ja gerade klar, daß deren Geltendmachen seine ganze Wucht daraus bezieht, daß es die aktuellen politischen Manöver auch noch mit konsekutiver Notwendigkeit ausstattet oder sogar einen finalen Zusammenhang herstellt, der die aktuelle Politik "in die Pflicht nimmt" und demgegenüber sich derjenige vergeht, der die von der historischen Traditionslogik gebotenen Haltungen und Maßnahmen nicht mitvollzieht. Der Boom in der Beschwörung deutschnationaler Traditionselemente verleiht den schon seit Jahren praktizierten, von der neuen Regierung nur ausdrücklich zum neuen Programm erhobenen Tendenzwende den Glanz und die Wucht eines Auftrags der Historie. Die Nation selbst als das eigentliche metaphysische Subjekt deutscher Geschichte verlangt als Fortsetzung ihrer im historischen Prozeß der letzten 200 Jahre sichtbaren Manifestationen eine Politik, die Kategorien wie Vaterland, Volksgemeinschaft und Gemeinnutz (angeblich wieder) zur Grundlage des staatlichen Handelns macht und erteilt so der gewollten und umstandslosen Verpflichtung der Bürger auf das Staatsinteresse durch die Macher die höhere Weihe historischen Glanzes, so als ob sich aus Preußens Gloria für den Bürger XY etwas Feines ableiten ließe.