VOM BEDÜRFNIS, GEIST UND MACHT ZU VERWECHSELN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1988 erschienen.

Der Faschismusvorwurf an Heidegger und seine Bewältigung
VOM BEDÜRFNIS, GEIST UND MACHT ZU VERWECHSELN

Das Kulturleben im deutschen Blätterwald steht Kopf. Ein Philosoph made in Germany ist im benachbarten Ausland heftig ins Gerede gekommen. Ein chilenischer Exfan des Meisters hat zum x-ten Mal nachgewiesen, was jedem bekannt war: einen Einfluß des Nationalsozialismus auf Heidegger.

Die neuerliche "Enthüllung" soll in Frankreich eine "halbe Staatsaffaire ausgelöst" haben; der Einfluß von Heideggers Denken ist dort so groß, heißt es diesmal umgekehrt. Das ist zwar ganz falsch und ziemlich übertrieben, markiert aber das Thema, das sich offenbar grenzüberschreitender Beliebtheit erfreut: Geist und Macht wird wieder einmal ausgiebig verwechselt. Da steht vor allem in der Sache alles auf dem Kopf.

Wie faschistisch ist Philosophie? oder: Wie philosophisch war der Faschismus?

Der Vorwurf, Heidegger sei ein faschistischer Denker, kommt merkwürdigerweise immer ohne Berücksichtigung des eigentlich philosophischen Werkes aus. Dabei könnte man darin - ginge es tatsächlich um die Besonderheit (faschistisch-)philosophischer Gedanken -, durchaus Affinitäten zu einem Staatsprogramm entdecken, das sich der Vorbereitung eines großen Krieges gewidmet und dafür auf Tugenden seiner Mannschaft Wert gelegt hat, die die fälligen Opfer bis hin zur Aufgabe des eigenen Lebens als sinnerfüllenden Dienst an einem übergeordneten Ganzen erscheinen lassen und nichts als diesen Lohn versprechen. Affinitäten allerdings, die in der faschistischen Herrschaft nicht ihren Ausgangspunkt haben. Die Philosophie Heideggers verhält sich - wie jede andere auch - sehr viel prinzipieller zur politischen Macht. Nämlich erst einmal gar nicht zu ihr:

"Ganz im rohen genommen zielt die Philosophie immer aufdie ersten und letzten Gründe des Seienden und zwar derart, daß dabei der Mensch selbst in betonter Weise hinsichtlich seines Menschseins eine Deutung und Zielsetzung erfährt"

Das "Seiende", von dem hier die Rede ist, ist nicht zu verwechseln mit wirklichen Gegenständen. Wovon Heidegger da "erste und letzte Gründe" finden will, ist nichts weniger als von allem, was es gibt. Die bewußt gegen alle (richtigen und falschen) wissenschaftlichen Erklärungen gerichtete Reduktion der Eigenarten und Unterschiede der Dinge auf die dürre Abstraktion des "es ist", das Heidegger substantiviert, damit daraus sein Gegenstand wird, ist die Weise, wie ein philosophierender Geist sich von der wirklichen Welt verabschiedet. Als Philosoph will er von nichts Bestimmtem etwas wissen und ist sich gleichwohl - und nur so! - über die letztendliche Begründbarkeit und Wohlbegründetheit von allem sicher. Letzteres ist der Ansporn jeder Sinnsuche und die gelehrte Fassung des Spruchs "Was sein muß muß sein!". Die Sorte unwidersprechlicher Notwendigkeit, auf die die Begründung der Existenz der Dinge aus ist, wird im Namen eines Wesens "der Mensch" geliefert, das wiederum nicht mit den wirklichen Subjekten zu verwechseln ist, die ansonsten die Welt bevölkem und mit ihren verschiedenen Interessen eine einheitliche "Deutung und Zielsetzung" gerade vermissen lassen. Für dieses Fabelwesen aber erdenkt ein Philosoph eine Notwendigkeit, die sich von der Idee des Schicksals nicht in der Zwangsläufigkeit, sondern in der gewollten und wissenden Einsicht in sie unterscheiden will.

Alles, was es gibt, muß unvermeidlich sein, weil es ist. Bei Heidegger heißt das: "Sein des Seienden", und die Auslegung dieser Tautologie macht das System seiner Philosophie aus. Daß das Denken das, womit es sich befaßt, anerkennen, nicht erkennen muß, ist die Grundform des Verhältnisses des philosophischen Geistes zur ganzen Welt und für sich weder demokratisch noch faschistisch, sondern so prinzipiell apologetisch, daß darunter noch jede Herrschaft paßt. Der Geist macht sich so um die Erfindung eines universellen Sachzwangs verdient, in dessen Licht man dann auch alle "Sachzwänge" sehen darf, die die Politik einrichtet. Wer in dieser Rechtfertigung, die für alles gilt, gerade weil sie von nichts Bestimmtem spricht, nichts Politisches entdeckt, der kommt auch nicht auf die Besonderheit, die einen faschistischen Gedanken auszeichnet.

Wenn Heidegger beispielsweise den Menschen näher als "Dasein" kennzeichnet, dem es um sein "Sein" geht, also um die Abstraktion von seinen wirklichen Interessen und Zwecken, dann radikalisiert er eine Idee, die wiederum alle Philosophen teilen. Von Opfer, "Sein zum Tode", heldischem Soldatentum und löblich anspruchslosem Bauernleben als rühmlichen Gelegenheiten zu künden, diese sinnverbürgende Geisteshaltung wahr und wirklich zu machen, also vom bloßen berechnenden "Dasein" Abstand zu nehmen und sich auf das "Wesentliche" zu konzentrieren, das ist die radikale Konsequenz der philosophischen Bemühung, dem Menschen einen irgendwie gearteten höheren Nutzen in Aussicht zu stellen, wie das ansonsten bei der philosophishen Ausdeutung dessen, wozu der Mensch eigentlich da sei, üblich ist. Wenn der Mensch sich schon im Dienst an seinem eigentlichen Wesen, also in der Relativierung seiner Zwecke, verwirklicht, dann bitte ohne die Behauptung, dies wäre letztlich irgendwie zu seinem Glück und Besten. Noch in den luftigen Höhen des Streits um ein menschliches Weiß-Warum meint Heidegger, einen Kampf gegen den Ungeist der Berechnung führen zu müssen, den er noch in den ideellsten Lohnversprechungen wittert.

"Mit dem Tod steht sich das Dasein selbst in seinem eigensten Seinkönnen bevor... Deshalb duldet das Opfer keine Berechnung... Die Sucht nach Zwecken verwirrt die Klarheit der angstbereiten Scheu des Opfermutes."

Dies ist der Inbegriff der antimaterialistischen Gesinnung, die die "Sucht nach Zwecken" als "Seinsvergessenheit" verachtet. Dagegen haben Leute nichts einzuwenden, die die Interpretation der Menschennatur als einen Auftrag, ihr gerecht zu werden, zu den unverdächtigen Aufgaben des philosophischen Berufs zählen. Die finden da, wo politische und philosophische Interpretation zusammenpassen, nämlich in der Propaganda von Aufopferung, nichts Anstößiges. Eher stören sie sich ein bißchen daran, daß die wirkliche Ausfüllung des Wofür der Relativierung der sonstigen privaten Zwecke nicht in philosophische Zuständigkeit fällt. Zwar widerspricht das, wofür auch immer die Menschheit benützt und eingespannt wird, dem "Sein" oder wie immer die Sinntitel heißen mögen, garantiert nicht. Aber Philosophen ist das zu wenig. Sie sind die glühendsten Verfechter der Einbildung, daß die Sinnprinzipien, aus denen sich kein Rußlandfeldzug und keine Krankenversicherung herleiten läßt, für die aber diese wie alles andere auch als Belege taugen, doch mehr sein mögen als diese nachträgliche prinzipielle Rechtfertigung. Sie pflegen ja den Glauben, daß ihre abstrakten Weltordnungsideen irgendwie grundlegend sind für die wirklichen Mächte. So hat Heidegger beispielsweise Frankreichs Niederlage im Krieg so gedeutet, daß "ein Volk eines Tages der Metaphysik, die seiner eigenen Geschichte entsprungen, nicht mehr gewachsen ist". Das ist auch nicht dümmer oder faschistischer als die philosophischen Beiträge heutiger Geister zur Politik - die Philosophen an der Staatsspitze eingeschlossen.

Wenn Philosophen ihr Verhältnis zur Politik dann auch wieder problematisieren, so ganz im Sinne dieser Heuchelei. Ihre hehren Prinzipien sollen ja schließlich über der politischen Wirklichkeit stehen, die mit ihnen ihre Rechtfertigung erfährt. Und so ist es gar kein Wunder, daß Heidegger enttäuscht war, als ihm per Amtsentzug klargemacht wurde, daß Faschismus und Philosophie doch nicht ganz dasselbe sind und sich die Volksführer noch lange nicht nach den Anweisungen der selbsternannten geistigen Führer richten, bloß weil die im politischen Treiben eine geistige Wende ausgemacht haben wollen und darin in der politischen Propaganda laufend recht bekommen. Das macht deutlich, wer da wem dienstbar zu sein hat. Die Politik schätzt ihre Geister, solange und soweit sie in der Ausstattung der Macht mit dem Schein des Geistigen behilflich sind. Das war damals so und ist heute so, auch wenn sich die Kriterien dafür unterscheiden. "Hurra, Kohl!" muß heute keiner zur Begrüßung rufen, sondern darf sich, nachdem er aufs Grundgesetz geschworen hat, ganz der freien Betätigung seines Geistes widmen. Daß da keine staatsfeindlichen Töne aufkommen, dafür sorgt man an der Universität wie von selbst. Aus diesem Verantwortungsbewußtsein heraus bedenken die modernen Geister ihre faschistischen Vorgänger und dabei kommen Maßstäbe zur Anwendung, die mehr über diese Geister verraten als über den Gegenstand der Debatte.

Der Faschismus-Verdacht durch Farias...

Das wäre ja mal was gewesen, wenn da jemand das Denken einer anerkannten philosophischen Autorität der politischen Apologie überführt hätte. Leider ist der Nazi-Vorwurf, den Farias gegen Heidegger erhebt, anders geartet. Der lebt ganz aus der Sorge um die politische Unschuld der Philosophie und zielt auf eine Unterscheidung ab, die die Sache sicher nicht hergibt, dafür aber um so mehr dem geheuchelten Selbstbewußtsein der Philosophie Recht gibt. Faschistisch: das kennzeichnet bei Farias nicht eine Philosophie, die den Menschen in seiner Selbstaufgabe aufgehen läßt, sondern die Indienstnahme und den Mißbrauch philosophischen Denkens für politische Propaganda. Dumm ist dieser Vorwurf, weil ihm der Dienst entgangen sein muß, den die Philosophie ziemlich systemübergreifend mit ihren Staatsableitungen, Menschenbildern, Moralgrundlegungen und ihren Einsichten in die Notwendigkeit von allem und jedem am politisierten Untertanengeist leistet. Ärgerlich ist er, weil er die Unparteilichkeit der philosophischen Sichtweise, die jeder Heuchelei gut zu Gesicht steht, bestätigt. Und lächerlich ist er obendrein, weil er ganz im Sinne philosophischer Wichtigtuerei ausgerechnet auf dem Feld weltfremdester Geistesleistung enorme Gefahren ausmachen will:

"Aber der Nationalsozialismus, auch der Nationalsozialismus in der Form Heideggers, ist nur eine Form der Diskriminierung des Menschen durch den Menschen. Die Diskriminierung, auch die durch das Denken, geht weiter." (Farias)

Entsprechend die Durchführung des Vorwurfs. Da treibt sich einer jahrelang in verstaubten Archiven herum, um das NSDAP-Parteibuch Heideggers, Bekenntnisse des Meisters zum Führer, Belege für das intrigante Vorgehen einer Amtsperson bei der Beförderung und Verhinderung von Karrieren und ähnlich interessante Dokumente auszugraben. So hat er einen Aufsatz Heideggers aus dem Jahre 1920 über Abraham a Santa Clara, einen Antijudenprediger aus dem 17. Jahrhundert, ausgegraben - = Judenfeind von Jugend an -; herausgefunden, daß Heidegger nach dem Krieg einem ehemaligen Rassehygieniker ein Buch gewidmet hat - = nichts gelernt aus dem Niedergang des 3. Reiches - und an seinem Lebensabend noch einmal über Abraham a Santa Clara geredet hat - = "unbelehrbar bis 1964".

Leider erfährt man bei all diesen "Enthüllungen" das Entscheidende nicht: Was Faschismus ist und was gegen diese Herrschaftsform die es sechzehnhundertnochwas übrigens noch nicht gab - einzuwenden ist. Die Sicherheit der allgemeinen moralischen Verurteilung erübrigt offenbar jedes Argument. Dafür erfährt man aber nebenher, woran Philosophen unweigerlich verabscheuungswürdigen Rassismus entdecken: am mangelnden Respekt vor den philosophischen Leistungen anderer, der Franzosen zum Beispiel. Heidegger soll nämlich einmal zu Farias gesagt haben, Heideggersche Sätze vom Kaliber "Das Nichts nichtet, die Welt weltet, das Sein..." ließen sich nicht ins Französische übersetzen.

Beim "Spiegel" ist Farias mit dieser Gesinnungskontrolle großer deutscher Geister genau an der richtigen Adresse. Schließlich hat Augstein schon 1966 Heidegger, sogar im persönlichen Gespräch durchleuchtet, so daß er jetzt feststellen muß:

"Viel Peinliches, viel Unbekanntes, aber nichts entscheidend Neues ist zutage gekommen."

Die billigen Verfahren der Entlarvung und Denunziation kommen also zur Anwendung und stoßen auf einiges Interesse unter Kulturbeflissenen - und zeugen allemal von der Unfähigkeit und dem Unwillen zur Kritik auch nur eines einzigen Holzwegs des schwäbischen Seinsphilosophen. Statt dessen wird mit den Enthüllungen und der matten Aufregung, die sich daran entsponnen hat, nur das mangelnde politische Urteilsvermögen der beteiligten Gelehrten bewiesen: Was da als Material für den Nachweis, daß Heidegger ein faschistischer Denker war, herangekarrt wird, belegt allenfalls den praktizierten Opportunismus eines Denkers, der seinem Staat dafür Tribut zollt, daß er ihn staatstragende Gedanken denken läßt und dafür auch noch mit einer Karriere belohnt; als ob nicht die demokratischen Wissenschaftler unserer Tage auch auf ihr Grundgesetz schwören und ihre Posten nach Kriterien wie geistiger Übereinstimmung und politischem Wohlverhalten vergeben würden! Wenn Farias sein Buch wie folgt kommentiert:

"In meinem Buch habe ich auf einen Aspekt aufmerksam machen wollen, der zunächst einmal nicht politisch, sondern wie alles bei Heidegger, von höchstem philosophischen Interesse ist... Man kann bei Heidegger nicht wie z.B. bei den Scholastikern trennen zwischen der Philosophie, einem Corpus von Sätzen, und dem privaten Leben. Er ist eben ein Existenzphilosoph..." -,

dann gibt er damit nur den Etikettenschwindel zu Protokoll, unter dem sein Buch steht. Immerhin zielt das Argument, daß man Leben und Denken des Meisters nicht trennen kann, darauf ab, daß man die kammerdienermäßige Betrachtung von Heideggers Leben als Kritik an dessen Denken nehmen soll. Sein Denken gilt ihm also doch wieder als "Corpus von Sätzen", den man vernachlässigen kann.

Was sich Farias damit eingehandelt hat, weiß er selbst am besten und ist überhaupt nicht erstaunlich:

"Es ist erstaunlich. Wenn man vor meinem Buch behauptete, Heidegger habe sich vom Nationalsozialismus nie wirklich losgesagt, so wurde man von den Heideggerianern strikter Observanz in Deutschland wie in Frankreich immer wieder gefragt: 'Wo sind die Dokumente? Es gibt keine Dokumente.' Jetzt sind die Dokumente da - und nun verweist man auf die Philosopie. Man rettet sich von einer Position zur anderen. Dieses Spiel, so glaube ich, ist nicht gesund."

Aber gerecht! Wer zu blöd ist, in dem Verlangen nach Dokumenten den Willen auszumachen, ungetrübt von dem Wissen darum, daß Heidegger Faschist war, weiter zu heideggern, der hat kein anderes Spielchen verdient. Wer am Denken Heideggers nichts auszusetzen hat, weil er die Philosophie überhaupt für ein ehrenwertes Anliegen hält und all ihre Maßstäbe teilt und sich deswegen als Kritiker einigermaßen hilflos an der Person zu schaffen macht, der kriegt von den Philosophen, die auf ihren Heidegger nicht verzichten mögen, als Zurückweisung genau die Trennung von Person und Philosophie serviert, die die Kritik aufmacht.

...und seine Zurückweisung

Wo Farias Werk und Leben in der Person zusammenfallen lassen will und so das Werk mit Verdacht belegt, da trennen seine Widersacher alles wieder fein säuberlich, um eins durch das andere zu rechtfertigen. So kann man dann Farias vorwerfen, er hätte die doch wohl allgemein anerkannte Seinslehre außen vorgelassen, in der man genau wie Farias nichts Faschistisches entdecken kann, um von da auf die Integrität der Person zu "schließen". Oder man kann umgekehrt Heideggers persönliche Gesinnung als "Irrtum" in Schutz nehmen, um daraus "die Lauterkeit und Unverdächtigkeit", ja "Größe" seiner Werke zu folgern.

"Auch die ernsthafte" (Farias dagegen ist nicht ernstzunehmen) "historische Forschung hat Tatsachen ans Licht gebracht, die für die Schüler und Freunde des Denkers schmerzhaft sind. Zu beschönigen ist hier nichts, aber die Zeit wird die Maßstäbe zurechtrücken. Schließlich hat Heidegger nicht nur groß geirrt, sondern auch groß gedacht." (Süddeutsche Zeitung)

Und erst recht kann man - deutsche Geister sind schließlich seit 40 Jahren in Faschismusbewältigungsfragen geübt - im akademischen Berufsleben Heideggers den üblichen Paradejuden entdecken, den er - obwohl Jude! - promoviert hat, und den üblichen häßlichen Nazi, dem er - weil philosophisch unqualifiziert! - diese Ehre verweigert hat:

"Mit Baumgarten und Staudinger hat Heidegger den Nazis zwei der wildesten Nazis 'denunziert'. Das ist Schwejk aus Meßkirchen."

Wo Farias wegen des "großen" Denkens auf ebensolche Gefahren hinweisen will - mindestens der heutigen französischen Philosophie soll damit der Boden entzogen worden sein -, da wird ihm umgekehrt an der Traditionspflege das Gegenteil gezeigt.

"Ich bin kein Zeithistoriker. Fest steht jedenfalls, daß Heideggers Philosophie einen ungeheuren Einfluß in vielen Teilen der Welt ausgeübt hat."

Der Zitierte, Robert Spaemann, der nach Auskunft der "Welt" zu "den profiliertesten Denkern der deutschen Gegenwart" gehört, legt die sprichwörtliche philosophische Gründlichkeit an den Tag. Ihm ist es wurscht, ob Heidegger nun Faschist war oder nicht - das rechnet er der "Zeit" zu -, was man auch so ausdrücken kann, daß man die Frage für unphilosophisch und sich deshalb für inkompetent hält. Jedenfalls möchte er auf die faschistischen Lehren dieses Denkers nicht verzichten und weiß auch warum. Wie der damit abservierte Kritiker braucht er dafür keinen Gedanken Heideggers zu Gehör zu bringen, geschweige denn zu prüfen. Für autoritätshörige Idioten, muß sich Spaemann gedacht haben, sollte der Hinweis genügen, daß mehr so propere Burschen wie er hinter dem alten Nazi stehen und ihn zur großen Tradition zählen, an deren Ende sie stehen. Das Argument läßt sich ausbauen, wie Augstein vom "Spiegel" beispielhaft demonstriert:

"Wer soviele bedeutende Geister befruchtet hat, nicht nur Franzosen - er traf sich regelmäßig mit dem Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker in Todtnauberg -, der kann mit dem Gütesiegel 'Nazi' nicht abgetan werden. Auch ich, ein bescheidener Marschierer, habe an seinen beiden Nietzsche-Bänden bewundert, wie sorgfältig er näht."

"Nur Franzosen" wären freilich noch kein Ausweis, aber man denke: regelmäßige Treffen mit einer deutschen Autoritätsperson und vor allem "auch ich"! Als Deutscher will man den Franzosen nicht "unsere" Tradition überlassen und kann nun darüber rechten, wer sie wie am besten weiterführt. Von einem dahergelaufenen Chilenen jedenfalls, der selbst keine Autorität ist, lassen sich die Autoritäten des Fachs und die geneigte Öffentlichkeit ihren Heidegger nicht madig machen. Erstens, weil sie seine Gedanken sowieso teilen. Zweitens, weil Traditionen eben nicht dazu da sind, daß man sie streicht. Und drittens schon gar nicht, wenn es sich um große Deutsche handelt.

Ein philosophischer Disput von (inter-)nationalem Wert

Und das tut man schon gleich nicht, wenn sich die Traditionen als so brauchbar erweisen, um die Bedeutsamkeit der Philosophie öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen. Im Verdacht, der bei dem Hin und Her von Be- und Entschuldigungen übrigbleibt, hat man nun erst recht wieder ein Argument, sich über die Grenzen hinweg über die Notwendigkeit, weiter fleißig Heidegger zu lesen, zu einigen - Gewißheit stiften wollen und können Philosophen ja sowieso nicht. Z.B. Levinas auf einer Veranstaltung in der Heidelberger Universität mit Gadamer und vor circa 1000 Studenten:

"Niemand könne sich sicher sein, daß das Mörderische nicht auch in 'Sein und Zeit' verborgene Zeichen gesetzt habe. Das Diabolische, so Levinas, ist nicht nur schlau, wie der Volksmund sagt, es ist auch klug, und schleicht sich ein, wo es will. Das einzige Mittel dagegen sei die unerschrockene intellektuelle Anstrengung, es aufzuspüren, wo immer es sich verberge." (FAZ)

Der Mann gibt kund, daß er keinen blassen Schimmer vom Faschismus hat. Aber er ist schlau und spricht deshalb von dem, was er nicht kennt, weil es sich verbirgt, als dem "Diabolischen". Womöglich gibt es da irgendwas Geheimnisvolles, das ihm Ehrfurcht einflößt, weil es vermutlich ziemlich abscheulich ist. Daß das gegen seine intellektuelle Kompetenz spricht, denkt er offenbar nicht. Zu Recht; man pflichtet ihm bei in dem Auftrag, der sich nun einstellt:

"Aufgrund der Provokation von Farias sieht Derrida sogar einen neuen Anlaß, Heidegger zu studieren. Die Texte - alle Texte - müßten nämlich nicht nur auf ihre untergründige Verbindung zum Nationalsozialismus geprüft werden, sondern es müsse die Frage nach der Verantwortung neu gestellt werden." (SZ)

"Für die heutigen Philosophen bestehe, wie Lacoue-Labarthe nachdrücklich versicherte, die Verantwortung in einer aufmerksamen und sorgfältigen Arbeit an Heideggers Werk. Diese werde zwar seit Jahrzehnten geleistet, aber man sei damit keineswegs am Ende." (FAZ)

Da also auch Derrida und der andere gar nicht wüßten, wonach sie in den Texten suchen sollten, sofern diese tatsächlich irgendeine "untergründige Verbindung" aufweisen, müssen sie mit ihrer "Arbeit" unbedingt fortfahren und den vorhandenen 97 Interpretationen der Texte noch einige andere draufsetzen. Daneben diskutiert man vorläufig unter starker öffentlicher Anteilnahme die "Frage nach der Verantwortung" und hat mit dem Aufwerfen dieser Frage den Zweifel, den Farias aufgebracht hat, ausgeräumt, ob sich philosophische Prinzipien etwa einer ihnen vorausgehenden Parteilichkeit verdanken. Wie verantwortliches Denken in der Demokratie geht, zeigt man dann zum Beispiel so:

"Dem politischen Diskurs über Europa fehle es an einer ethischen Begründung... Diese Situation verlange nach einer Neudefinition des Begriffs Verantwortung." (FAZ)

Niemand soll ihnen vorwerfen dürfen, sie würden sich direkt, womöglich mit Argumenten, in "einen politischen Diskurs" (in welchen?) einmischen. Aber eine "ethische Begründung" dafür liefern, wollen sie schon. Die besteht dann in der ewigen Besprechung des Verhältnisses von Politik und Verantwortung. So hat Viktor Farias den deutsch-französischen Kulturaustausch wirklich schwer belebt: Einen deutschen Philosophen mit dem Faschismusvorwurf belegt - das ist lästig; die moderne französische Philosophie in Frage gestellt - das ist interessant; und überhaupt der Philosophie für eine Weile das öffentliche Monopol in Sachen Geist und Macht in den Feuilletons gesichert - was will man mehr!