VOLKSTRAUERTAG - NOCH EIN GRUND ZUM OPTIMISMUS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1983 erschienen.

VOLKSTRAUERTAG - NOCH EIN GRUND ZUM OPTIMISMUS

'Der Kanzler hat's gesprochen, der Kanzler hat's gesagt, seine Augen sind ge ..., fern bei Sedan liegt sein kühles...'

Quatsch, der Kanzler hat am Volkstrauertag des im Soldatenlied besungenen Soldaten nur intensiv gedacht. Und nicht einmal schlecht! Ob der Millionen und Abermillionen gefallener Deutscher ist er nicht weinerlich in die Knie gegangen und vor Schmerz zerbröselt. Trauer - aber klar - ist gut, aber aufstehen und für die Menschen draußen im Lande - die noch leben, selbstverständlich - optimistisch nach vorne schauen ist besser.

Unser Kanzler hat die "stumme Zwiesprache an den Gräbern der Verstorbenen" nicht rührselig verstreichen lassen, sondern dabei an den Aufschwung, an die Zukunft gedacht. Er hat sozusagen die Millionen Kriegstoten konstruktiv verarbeitet.

Erstens hat er sein und unser Selbstbewußtsein gestärkt, ohne die kleinen Kinder zu vergessen:

"Und nur ein Volk, das seine Toten ehrt, ist fähig, sich selbst zu achten und verantwortlich zu handeln für die nachwachsende Generation."

Zweitens hat er auf den gesunden Bodensatz hingewiesen, ohne den kein Staat, kein Volk zu seiner Blüte emporwachsen kann:

"Mehr noch: 'Wir leben' - so hat es Manes Sperber einmal bildhaft ausgedrückt - 'auf den Gräbern zerstörter Schöpfungen der großen Zivilisation, die trotz ihres Untergangs die unsere ermöglicht haben.'"

Drittens hat der Bundeskanzler trotz seiner schweren Trauer um die Kriegstoten seinen Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit unbeirrt fortgeführt. Insgeheim hat er den arbeitslosen Lehrlingen sogar neue IHoffnungen auf neue Arbeitsplätze gemacht:

"Besondere Anerkennung verdient die Leistung der weit über 100.000 jungen Menschen, die sich während der letzten dreißig Jahre in internationalen Jugendlagern an der Pflege von Kriegsgräbern im Ausland beteiligt haben."

Viertens ist dem Kanzler der optimale Entwurf gelungen, aus der Position eines abhängig Beschäftigten revolutionäre Taten abzuleiten:

"'Wir sind nur Gast auf Erden'- so heißt es in einem schönen Lied. Und deshalb ist nichts von dem endgültig, was Menschen tun, und auch nicht das, was sie anderen antun."

Fünftens hat Helmut Kohl deshalb die Toten mit der Erfahrung gemahnt, aus der man klug wird:

"Aber wir dürfen die Augen nicht verschließen vor der Wirklichkeit: Nicht die Sehnsucht der Menschen schafft Frieden, sondern die Gerechtigkeit."

Sechstens und letztlich ist so dem Kanzler wieder eingefallen, woran er sowieso immer nur denkt. Aber er hat es nicht dogmatisch, sondern optimistisch ausgedrückt, daß die Toten uns mahnen, den Hauptfeind endlich wegzuputzen:

"Erst die Europäische Union wird stark genug sein, um jene Anziehungskraft auszustrahlen, die den inneren Druck ideologisch-militärischen Blockdenkens überwinden und die Idee einer europäischen Friedensordnung verwirklichen kann."

Millionen Tote lassen hoffen. Pershings strahlen ohne Zweifel jene Anziehungskraft aus!