VIERMAL WERBUNG FÜR DIE MACHT

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1980 erschienen.
Systematik: 

Spitzenduell in ARD und ZDF
VIERMAL WERBUNG FÜR DIE MACHT

Das deutsche Fernsehen ist eine Bildungsanstalt. Jeder, der sich am Donnerstag vor der Wahl das Duell "Mann gegen Mann" zu Gemüte führte, konnte das feststellen, entweder seiae Einbildungen bestätigt finden oder in seinem Ärger über das Gebotene wirklich merken, worum es ging.

Information für Bürger

kaum: sah man die vier, wie sie gewichtig auf ihren Stühlen saßen und ernst aus der Röhre blickten - sie überlegten gerade, wie sie es am besten anstellen sollten, die Ratschläge ihrer Wahlwerbemanager zu befolgen, gut auszusehen und die anderen schlecht aussehen zu lassen -, da zeigten die beiden ausgewogenen Moderatoren (von ARD und ZDF), daß sie sehr um eine gute Sendung für den Burger bemüht waren. Kein Mensch hatte deshalb den Fernseher eingeschaltet, sie aber sprachen von "Information für den Bürger" und baten die Politiker, die beifällig nickten, dem Wähler mit "Argumenten" wirkliche "Entscheidungshilfe" zu geben. Da aber diese objektiven Berichterstatter nicht nur viel davon halten, wenn es so aussieht, als würde "sachlich" argumentiert, sondern auch wissen, was sich Konkurrenten im Wahlkampf sagen, informierten sie gleich über die arschkriecherische Seite ihres hohen joumalistischen Anspruchs. Wahlkämpfe sind eben Wahlkämpfe, meinten sie etwa in dem Sinne, wie ein Kollege von der Presse anderntags schrieb:

"Wahlkämpfe finden nicht im Mädchenpensionat statt." (Frankfurter Rundschau),

sondern in diesem Fall im Fernsehen, vor 30 Millionen Zuschauern, die schon an dieser Stelle hätten merken müssen, was das Anliegen von Journalisten, Moderatoren und sonstigen Kommentatoren ist:

Die Politiker sollen sich, egal was sie gegen das Volk beschließen und wie sie sich dabei aufführen, so aufführen, daß der Bürger weiter seine gute Meinung von ihnen behält, ihnen zumindest weiter Respekt zollt.

Politsche Sachargumente

Diesen Respekt verdienten sich dann vier Stunden lang die vier Politiker, und zwar nach einem genau aufgeteilten timing, weil Sachargumente nur dann eine reelle Chance haben, wenn sie von allen gleich lange geäußert werden. Nach der grandiosen und journalistiich gekonnten Einleitungsfrage, ob den Politikem in ihrem harten Wahlkampfgeschäft auch menschliche Erfüllung zuteil geworden wäre - die überraschende Antwort: Jawohl, sehr! Der eine war von Veranstaltungen mit über 15.000 bereitwilligen Zuhörern sehr berührt; der andere von einem einzelnen, der noch eine Frage hatte; der dritte überhaupt von dem Vertrauen, das ihm überall entgegenschlug; der vierte von einem Humor, der ihm einmal im Wahlkampf begegnete - nach dieser Demonstration der Menschlichkeit auch der Machthaber ging es endlich ran an die Gewehre, um dem Gegner Zacken aus der Krone zu schießen und selbst Treffer zu landen. Hier war für den aufmerksamen Zuschauer die Methode zu bemerken:

Es gilt, mit Lügen und Beleidigungen den anderen als schlechten Menschen hinzustellen, der so ein "Sicherheitsrisiko" für die Regierung ist.

Der Angegriffene hat mit denselben Mitteln zurückzuschlagen, natürlich so, daß man ihm selbst mehr Glauben schenkt (Dafür hatte jeder eine dicke Zitatensammlung mitgebracht).

Somit ergibt sich ganz von selbst die Möglichkeit, mit dem Vorwurf des unlauteren und unsauberen Wahlkampfs Punkte zu machen, indem man sich selbst als den ehrlichen Politiker hinstellt, der sagt, was er denkt - natürlich auch mal irren kann, um dem anderen, der das nicht sagt, Überheblichkeit unterzujubeln.

Wer von dort aus mit der Ausrede "Auf diese schmutzige, niedere Ebene lasse ich mich nicht ein." sachlich zu sein vorgibt, tut das mit Zahlen, Vergleichen, Beispielen aus dem Leben (als wenn die im Staat gelten würden), also mit "Sachargumenten", dieser Wortschöpfung, die durch ihre Zusammensetzung schon zeigt, daß es um richtige Urteile nicht geht. Das Argument soll ja erst eines sein, wenn es sachlich klingt (Überhaupt sollte sich jeder merken, daß das so sein muß, weil es für die Macht nun einmal kein Argument gibt).

Eine letzte Chance besteht darin, sich aus dem Hick-Hack der Großen herauszuhalten, so zu tun, als führe man einsam und allein, klein aber fein seinen eigenständigen Wahlkampf (mit der Zweitstimme). Und schon berichten die Medien über den kleinen Liberalen:

"Genscher bot ansonsten eine gutdosierte Mischung aus Gelassenheit und sachlich-hartem Angriff." (Frankfurter Rundschau)

Zumutungen zum Wählen

An die Feinheiten soll sich jeder selbst erinnern. So viel steht jedenfalls fest. Es mag einige geben, die diese Tricks des Wahlkampfs meinen durchschaut zu haben; ja sogar eine ganze Menge, die Entrüstung gezeigt haben über das "Spektakel", ähnlich, wie es in den Zeitungen beurteilt wurde:

"Am Donnerstagabend kam es im Fernsehen noch einmal zu einer m¡tunter blindwütigen Destruktion, zur unkontrollierten oder (schlimmer) kalkulierten gegenseitigen Heruntermacherei. Zumal Kohl, Schmidt und Strauß haben sich am Ende ins Gesicht geschleudert, was sie vorher auf den Plätzen des Landes geschrien haben, die Worte von Größenwahn, vom Kriegstreiber oder Friedensschwätzer, Streitverursacher, Sicherheitsrisiko, Unsicherheitsminister, Sittenverderber, Affärenmann; die Unterstellung von Verrat und Missetat, Dummheit oder Gemeinheit." (Süddeutsche Zeitung)

Aber daß das alles "unglaubliche Zumutungen an die Intelligenz und das Stilgefühl der deutschen Wähler" (Süddeutsche Zeitung) gewesen sein sollen, stimmt doch nur zur Hälfte. Ungeheuere Zumutungen waren es schon, die sich die vier verantworttichen Potitiker in nur vier Stunden geleistet hatten. Aber haben sie denn die Intelligenz und das Stilgefühl der Wähler beleidigt? Keineswegs, diese gingen drei Tage später wählen. Obwohl sie ohne die Intelligenz der Politiker sofort hätten merken können, welche Besonderheit Potitiker aufweisen:

Politiker können sich aufführen, wie es sich kein normaler Bürger leisten kann! Das macht die Macht, die sie haben und die sie über das gemeine Volk erhebt. Für diese Menschen erster Klasse ist ihre Statur von der Visage bis zum Gang ein Beweis ihrer Vertrauenswürdigkeit, und ihre säuische Tour dient ihnen dazu, um Glaubwürdigkeit zu werben.

Wählerbildung

Nein, Abscheu gegenüber diesen hohen Menschen hat niemand empfunden, höchstens mal die Nase gerümpft über den einen oder den anderen: Sich von Schmidt "würdevolleres" Benehmen erwartet statt der "schräg im Mundwinkel hängenden Zigarette" oder gerade diese lässig herablassende Art souverän gefunden - der SPD-Wähler. Den Strauß zu "zahm", das Sprüchelexikon Kohl aber ausgezeichnet - ein CDU/CSU-Wähler an Kohl: "Sie waren einsame Spitze." Die beiden Großen wegen ihres Stils abgelehnt, von der angeblich zurückhaltenden Art Genschers angetan gewesen - der FDP-Wechsel-Wähler.

Man braucht nicht Gast gewesen zu sein in Deutschlands Fernsehstuben, um zu wissen, was den mündigen Bürger bewegt hat. Bis auf die paar wirklichen Fans sahen die einen ohne große Begeisterung, die anderen mit Langeweile zu. Aber dann doch gedacht oder geäußert, wen man besser oder "nicht schlecht" findet; sich als entschiedener Wähler gefreut, wenn es der eine dem anderen gegeben hat. Vielleicht auch einfach auf den nicht ohne Grund anschließenden Niagara Marylin Monroe gewartet und - die Intellektuellen immer mit eingeschlossen - seine dummen Kommentare über die Vier abgegeben.

Zu beobachten, wer von den vieren in der Runde Punkte macht: von dem einen oder anderen etwas eingenommen zu sein; dabei hin und wieder Distanz zu zeigen gegenüber den dargebotenen Leistungen der Politiker - das war und ist der demokratische Untertan, um dessen Stimme auf ihre noble Art zu werben die Polltiker keine Schwierigkeiten hatten. Denn keiner der anständigen Zuschauer ist auf folgenden Gedanken gekommen:

Daß die Politiker das, was sie leisten, sich leisten und wie sie sich aufführen, nur so lange tun können, wie der mündige Bürger trotz aller Vorbehalte so frei ist, den Politikern Vertrauen entgegenzubringen und einen dieser Typen dann noch zu wählen!

Dabei wäre doch der Donnerstag vor der Wahl eine ausgezeichnete Gelegenheit gewesen, das deutsche Fernsehen als Bildungsanstalt zu nutzen.