VERHARMLOSENDE RECHTFERTIGUNGEN, HARMLOSE VORBEHALTE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1986 erschienen.
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VERHARMLOSENDE RECHTFERTIGUNGEN, HARMLOSE VORBEHALTE

Alle reden von SDI - auch das Kursbuch. Seine neueste Ausgabe ist darüber sogar zum Bestseller geworden. In bewährter Kursbuch-Tradition wird der Leserschaft eine Sammlung pluralistischer Stellungnahmen zum Thema SDI präsentiert. Wir nehmen an, das Ganze geschah in kritischer Absicht. Obwohl diese wohlwollende Annahme bei der Lektüre des Buchs meist nur durch die Tatsache gestützt wird, daß es sich eben um ein Kursbuch handelt.

Zur Einstimmung gibt's ein Märchen, verfaßt von einem

James J. Horning

Wenn man hinten im Buch nachliest, stellt man fest daß der Mann ein echter US-Naturwissenschaftler ist - und dabei doch so phantasievoll. "Des Kaisers neue Engel" heißt die Fabel und handelt von Schweinen, die sich irgendwie schwertun das fliegen zu lernen. Was haben wir über SDI gelernt? "Das Unmögliche dauert immer ein bißchen länger und kostet eine Menge mehr."

Peter Weingart

Professor für Wissenschaftssoziologie an der Uni Bielefeld, hat sich auch einen originellen Titel ausgedacht: "Stöbern im Sternenstaub". Man muß nur hartnäckig genug in der "sozialen Psyche" stöbern, dann ergibt sich folgendes: Bei SDI kann es nicht um eine neue Waffentechnologie gehen, weil daran sowieso keiner ernsthaft glaubt. SDT ist vielmehr "ein Jahrhundertcoup in (forschungs)politischer Raffinesse", dem man "einem B-Western-Schauspieler wie Reagan kaum zugetraut hätte". Denn der Mensch braucht "große Visionen", sonst schlafft der Mensch als Forscher total ab. Das war schon immer so, auch der wilde "Westen wurde durch die Visionen mutiger Individualisten erschlossen, zu denen über John Ford und John Wayne bis zu Ronald Reagan - die Kontinuität der Geschichte... hergestellt wird". So schließt sich der Kreis zum B-Western-Schauspieler letztendlich ja doch.

Prof. Weingart hat dabei herausgefunden, daß der Mensch in seiner Eigenschaft als Forscher einerseits ein ziemlich blöder Hund ist. Damit er mit Volldampf in die Forschung einsteigt, kann man ihm nämlich grundsätzlich jeden Stuß erzählen - auf soziologisch heißt das: "Die Beliebigkeit der Legitimationsweisen gegenüber der tatsächlichen Forschung und Entwicklung". Andererseits ist er ein anspruchsvoller dummer Hund, denn "großartig" muß die Vision schon sein. Herr Prof. Weingart kann sich nämlich nicht vorstellen, "daß Reagan den gleichen Erfolg mit der Vision gehabt hätte, ein tiefes Loch zu bohren." Obwohl er noch nie in einem Western mitgespielt hat, soll übrigens "Lothar Späth der erste deutsche Politiker gewesen sein, der die wahre Bedeutung von SDI erkannt hat" (Respekt!).

Weniger blöd wird's wohl nicht zu machen sein, wenn man aus dem alten Spruch "Der Krieg ist der Vater aller Dinge" "Krieg" durchstreichen will.

Unter dem Titel "Die ehrbaren Hirne" läßt ein ebensolches seine fundierten Erfahrungen in Sachen Rüstungstechnologie vom Stapel:

Bernard T. Feld

seinerzeit Mitarbeiter des Manhattan Project - des Projekts zur Entwicklung der Atombomben für Hiroshima und Nagasaki. Dieser Experte gibt einerseits zu bedenken, daß heutzutage "interessante Forschungen nur noch in Militärlabors stattfinden". (Wohl im Unterschied zu so zivilen Angelegenheiten wie dem alten "Manhattan"?) Andererseits sind heute "die absoluten Spitzenwissenschaftler nicht mit SDI befaßt."

Ja früher - das waren halt noch Zeiten, Bernard.

Bernd Mahr

Professor für Informatik an der Uni Osnabrück, kann nicht nur schöne Überschriften basteln: "Poker-Phase oder Die Unberechenbarkeit einer Vision", sondern wagt auch "einen unerschrockenen Abstieg ins Detail". Dabei fördert er Folgendes zutage: 1. Die Sache mit der Hardware ist schon ein Problem. 2. Und dann erst die Software, schwierig, schwierig keinesfalls gelöst. 3. Weiß das alles das Pentagon selber. Deshalb wird ja geforscht, auf Teufel komm raus. 4. Darf man deshalb nie prinzipiell sagen: "Es geht nicht." Das wäre unwissenschaftlich, denn "ein Wissenschaftler greift weit entfernte Ziele an,... setzt seinen Geist ein, um Hindernisse zu beseitigen". Für die Erkenntnis hätte er sich seine tiefgründigen Ausführungen über Software, Gallium Arsenid statt Silicon, Optical, Processing und , Parallelrechner wirklich schenken können. Daß die technischen Probleme von SDI noch nicht gelöst sind, ist doch wohl der Ausgangspunkt sämtlicher Pentagon-Forschungsprojekte.

Aber er will ja noch 5. mitteilen, daß man vielleicht "kein prinzipielles, sondern ein pragmatisches Nein" versuchen könnte. Die Sache mit der Zuverlässigkeit ist nämlich auch ganz schön vertrackt. Ihm ist "eingefallen, daß bei SDI der Ernstfall vorher nicht ein paarmal als Test" zu haben ist. 6. Meint er aber, daß "auch dieser Einwand letztlich nicht beweisbar ist".

Nachdem er endlich alles erzählt hat, was er von Informatik weiß, kann er jetzt endlich unbefangen die Frage beantworten, was von SDI zu halten ist. Und siehe da: "Die Initiative dient vielen Zwecken und ist deshalb auch nur schwer zu beurteilen." (Na bravo!) "Sie sammelt unter einer Vision Aufgabenstellungen, die sich mit dem gegenwärtigen Repertoire der Informatik und Datenverarbeitung nahezu decken." (Was für ein Zufall!)

7. Fällt dem guten Mann noch ein, daß das schöne System eine "Nebenwirkung" (!) haben könnte: "die Erhöhung der atomaren Erstschlagskapazität der USA". Und "dadurch fühlen (!) sich die Russen durch SDI bedroht". (Einfach süß!)

Soll man jetzt wegen dem zu erwartenden "Technologieschub" für SDI sein, oder wegen der "Nebenwirkung" dagegen - oder wie, oder was???

Wir nähern uns dem Höhepunkt des Buchs. Der Mann, der es wissen muß,

David L. Parnas

Professor für Informatik, hat dem Pentagon einen Brief geschrieben, in dem er seinen Rücktritt als Mitglied des SDIO-Ausschusses (Ausschuß zur Computerunterstützung der Kampfführung) erklärt. Eine unbedingt empfehlenswerte Lektüre für alle, die schon immer einmal über Software mitlabern wollten.

Es versteht sich uon selbst, daß die Schlußfolgerungen des Mannes "nicht auf politischen Urteilen beruhen". "Ich hatte bisher keine Einwände gegen Verteidigungsbemühungen." (Sonst hättest Du es auch im Leben nicht bis in diesen Ausschuß gebracht!) Er blickt zurück "auf eine mehr als zwanzigjährige Erfahrung mit der Software-Engineering-Forschung Dazu gehören mehr als achtjährige Forschungsarbeiten über Echtzeit-Software zum Einsatz von Militärflugzeugen." Kurz, der Junge kennt sich verdammt gut aus bei der Kriegsführung. Früher zum Beispiel "befanden sich Notizen zur Fehlerbeseitigung an den Wänden von LKWs, die Rechner zum Einsatz in Vietnam transportierten". Eine gute, solide Kriegsführung war das damals. Denn "erst durch solche Modifikationen wird Software zuverlässig. In dem 30minütigen Krieg... würde es keine solchen Gelegenheiten geben." Scheiß-Ernstfall - zu kurz, zu hektisch! Außerdem ist "die SDIO eine typische Organisation von Technokraten... kein einziger, der reale Battle-Management-Software entwickelt hat". (Stümper!) Vielleicht sollte sich der ehrenwerte David L. Parnas mit dem ehrbaren Bernard F. Feld zusammentun, damit der Laden läuft.

Worin dieser Mann der Wissenschaft schiefliegt und wieso er seine Kollegen im SDIO-Ausschuß in ihrem Vorhaben keineswegs erschüttert hat, könnte er beim Kollegen Bernd Mahr nachlesen - Stichwort: "Der Wissenschaftler greift weit entfernte Ziele an..."

Ein alter Bekannter,

James J. Horning

der mit der fliegenden Schweinezucht vom Anfang, äußert sich diesmal in seiner Eigenschaft als Naturwissenschaftler. Er war nämlich auch als Gast beim SDIO-Ausschuß. Von dort hat er interessante Nachrichten mitgebracht. "Die Mitglieder des Ausschusses sind keine Verrückten." Sie wissen tatsächlich, daß sie den Auftrag haben, sich um die Lösung der noch nicht bewältigten Probleme von SDI zu kümmern. Ihren Ex-Kollegen Parnas haben sie richtig verstanden. "Kritiker bilden ein unbezahltes rotes Team und spielen eine nützliche Rolle, bei der Erkennung von Schwachstellen im Programm."

Kurz und gut, James ist "froh, daß der Ausschuß seinen Auftrag ernst nimmt, Informationen entwickeln, auf die man sich bei einer Entscheidung über die Aufstellung getrost stützen kann". Wahrscheinlich hat sich der Feigling bloß nicht getraut, denen die Story von den fliegenden Schweinen zu erzählen. Da wären die vielleicht platt gewesen.

Gerd Grözinger

Soziologe an der TH Darmstadt, tritt zum x-ten Mal die Idee vom Rüstungswettlauf, der ein Wahnsinn sein soll, breit. Er verfährt dabei nach dem bewährten Muster: Stellen wir uns mal ganz blöd und interessieren uns überhaupt nicht für die politischen Gründe der Gegnerschaft zwischen den Blöcken, dann ist die große Politik doch eigentlich ein großes Poker-Spiel. Da sitzen zwei sich gegenüber und jeder hat Angst und rüstet und mißtraut dem Gegner und rüstet... und rüstet. Eh man sich's versieht, hat dann "ein Automatismus die Macht ergiffen, der in letzter Konsequenz Weltuntergangsmaschine ist". Und jetzt wollte der Ami mit SDI den Wahnsinn (Overkill und so) stoppen - an sich konsequent. Aber wie's halt beim Pokern so zugeht, gibt das bloß wieder eine neue, schnellere Rüstungsspirale...

Wenn man sich die Welt schon partout als ein höchst wackliges Pokerspiel um den Frieden vorstellen will, kann man dann auch lässig offensiv zu spinnen anfangen: "Wozu das alles? Um ein paar Kilogramm spaltbaren Materials einige tausend Kilometer weit zu transportieren. Als ob das nicht billiger zu haben wäre. Dazu muß man nur die Atomwaffen dort stationieren, wo sie gebraucht werden - am potentiellen Einsatzort." Genau! Warum sind die Blödmänner nur nicht schon eher auf diese geniale Vereinfachung verfallen?

Grant Johnson

ist zwar eigentlich Computer- und Telekommunikationsberater in Frankfurt, aber er scheint sich öfter an den geisteswissenschaftlichen Abteilungen der dortigen Universität herumzutreiben.

"SDI und der Einbruch des Phantastischen" hat er als Überschrift gewählt. Das muß man sich so vorstellen: Die Atomhombe ist irgendwie in "die Sittengeschichte der Menschheit hineingeplatzt". Deshalb "kann in diesem Zusammenhang weder von einer historisch sich entwickelnden Versittlichung der Gewaltverhältnisse noch von kollektiver Sublimierung die Rede sein". "Die tierpsychologische Streß- und Deprivationsforschung" hat nämlich längst bewiesen, daß über kurz oder lang "das Individuum sich mit einem Schuß von der Realität abkuppelt." (Mensch, wie eine Rakete!) "Das Individuum verzichtet global und überraschend auf bewährte Überlebensstrategien, ohne vordergründig dem Todeswunsch zu verfallen (tapfer!), und gibt sich phantastischen, für die Realitätsbewältigung völlig nutzlosen Vorstellungen hin!" (Was man an Frankfurter Computerberatern fraglos feststellen kann.) Logo, daß Reagan dann auf den Dreh mit SDI gekommen ist - als "Wende zum Positiven zur positiven Negativität". (Wau!) Und außerdem hat der amerikanische Kongreß dann auch noch "wenige Tage nach der Genfer Unterredung und - scheinbar - vollkommen unabhängig davon" (raffiniert!) ein Gesetz zur Behebung der Haushaltsdefizite verabschiedet, mit dem sie den "Übergang zur algorithmischen bürokratischen Scheindemokratie" eingeleitet haben.

Alles klar? Einfach phantastisch!

Nachdem schon mehrfach versichert wurde, daß bei der Software einiges im Argen liegt, wird's Zeit, daß zur Abwechslung auch mal ein Laser-Experte zu Wort kommt.

Werner Fuß

vom Max-Planck-Institut für Quantenoptik gibt zu bedenken, daß es beim Laser auch nicht zum Besten steht. Er macht sich Sorgen, ob die verantwortlichen SDI-Planer die sowjetischen Gegenmaßnahmen auch ausreichend berücksichtigen. Er hat alles genau durchgerechnet und meint, "wir" könnten auch jetzt schon ganz zufrieden sein: "Mit der Treffsicherheit, die die Sowjets jetzt und in naher Zukunft erreichen können, werden sie bei einem massiven Angriff immer etwa fünf Prozent z.B. unserer strategischen Raketen (mit zusammen 500 Sprengköpfen) verfehlen. Hinzu kommen die U-Boote, die in diesem Jahrhundert noch unverwundbar bleiben dürften, da die Sowjets sie auch in den nächsten 15 Jahren nicht werden orten können. Ein einziges funktionsfähiges U-Boot der Trident-Klasse mit seinen 250 Sprengköpfen genügt für 250 Städte im Ostblock... Der Vergeltungsschlag ist also auch ohne Raketenabwehr gesichert."

So denkt sich das der Heim-Stratege. Und was ist, wenn die Verantwortlichen der Nato das ganz anders sehen? Wenn denen ihre Atomraketen viel zu schade dafür sind, lächerliche fünf Prozent für einen Zweitschlag übrig zu behalten? Wenn es denen schon lange stinkt, daß Sie durch die Drohung, die von den sowjetischen Interkontinentalrakten ausgeht, in der freien Kalkulation des Einsatzes von Nato-Atomwaffen behindert werden? "Selbstabschreckung" heißt übrigens das schöne Wort, das US-Strategen für diesen ihrer Meinung nach unerträglichen Zustand geprägt haben.

Ein Schluß von den geforderten militärischen Mitteln auf die politische Absicht will der Laser-Experte partout nicht ziehen. Seine seitenlangen Ausführungen zu den neuesten Finessen der Laser-Technik führen zum längst vorher feststehenden Glaubensbekenntnis des braven Untertanen: Die eigene Obrigkeit kennt nur die besten Ansichten. Sie will den Frieden sichern - dabei unterlaufen ihr Fehler. Der (potentielle) Angreifer - das sind immer die andern!

Peter Schmitt

Vorsitzender des Aufsichtsrates der Deutschen Imperial-Chemical-Industries, darf auch seinen SDI-Senf ablassen. Er riesenhubert vor sich hin, daß sich die Balken biegen: Was dem Cowboy sein "Go West" war, ist dem Schmitt sein "Go Space". (Das hatten wir doch schon.) Überhaupt, wenn wir das Weltall nicht hätten - "dann säßen wir unter der Käseglocke" (grauenhaft!), "man muß sich dazu nur den Bevölkerungsdruck vor Augen halten". (Neger ins All, oder wie, oder was?) Philosophieren kann er auch: "Nichtwissen macht blind. Und Wissen hat fast (das wird der Herrgott sein) keine Grenzen." Also auf geht's, Menschheit; "die Segel gesetzt in einen neuen Ozean voller kosmischer Wunder". Nicht ohne vorher "das Geld zu bündeln und in die besten Köpfe der Welt zu investieren". Keinesfalls, damit kapitalistische Unternehmen sich an der Rüstungstechnologie dumm und dämlich verdienen - nein, dann werden "Mangelerscheinungen wie Hunger, Gier, Bedrohung gleichsam nebenher verschwinden".

Ja, so sind sie, die Manager des Kapitals, immer zu kindlichen Scherzen aufgelegt. Man sollte dem Mann glatt eine Freifahrt beim nächsten Challenger-Segelflug vermitteln.

Seriöser geht's dann wieder bei

Horst Afheldt

zu, Leiter der Arbeitsgruppe über Sicherheitspolitik in der Max Planck Gesellschaft. Der Starnberger will mal wieder auf seine Lieblingsidee raus: Die Bundeswehr muß noch stärker konventionell aufgerüstet werden, natürlich in Abstimmung mit den restlichen Westeuropäern - wir sind ja nicht so. So richtig gemütlich wird's nämlich in Europa, wenn wir die "reine Defensivfähigkeit der konventionellen Verbände" unserer Wehrmacht hergestellt haben. Was immer das sein soll, "die deutsche Rüstungsindustrie hat auf diesem Gebiet beachtliche Forschungs- und Entwicklungsarbeiten geleistet".

Und Afheldt hat auch noch einen heißen Tip auf Lager. Es kommt dabei einfach darauf an, "feindliche Panzer und Flugzeuge zu vernichten, die Europa angreifen". Genial, diese "strukturelle Nichtangriffsfähigkeit" - Angreifer werden abgeballert, ansonsten wird "zurückgeschossen". Davon hätten dann West und Ost einen deutlichen "Sicherheitsgewinn". Wir haben die konventionelle Rüstung der SU im Griff. Und der Russe könnte endlich seine Befürchtungen lassen, daß von Westeuropa ein Angriff ausgehen könnte. Befürchtungen, die man in Starnberg "politisch mit einigem Recht für irreal hält". Verständlich, wo doch schon im Grundgesetz steht, daß unsere niedliche Bundesrepublik sowieso nur eine Verteidigungsarmee hält und sich ansonsten um die Wiedervereinigung des Vaterlandes zu kümmern hat.

Da das Buch nun mal um SDI geht, macht Afheldt sich selbstverständlich die Mühe und leiert seinen idyllischen "3. Weg" auch noch aus einem angeblichen Dilemma des US-Präsidenten her. Ein Dilemma, das Reagan zwar nicht kennt, in das man sich in Starnberg dafür aber um so eindrucksvoller mit Hilfe von Tabellen und Schaubildern einfühlen kann. Man muß nur felsenfest davon ausgehen, daß Waffen prinzipiell zur Kriegsverhinderung da sind und Kriege immer nur aus politischen Fehlern entstehen, dann kann man SDI sogar als eine politisch verantwortungsvolle Konsequenz aus der "Ära der Abschreckung" verstehen. SDI steht dann nämlich für "Frieden aus eigener Kraft", "Abschreckung ist geliehene Sicherheit". Dann noch minuziöse Rechnungen - Ergebnis: Ein paar Sprengköpfe kommen immer durch, der Abwehrschirm ist also nicht perfekt -, und schon hat man das schönste Dilemma beisammen. Vor lauter Kriegsverhüten zwingt der US-Präsident sich am Ende selber zum Erstschlag. Der Weg zurück zur "Ära der Abschreckung" ist auch noch versperrt - damit fing das Dilemma ja an (s. oben) und schon schreit die Menschheit nach dem "3. Weg"...

Karl-Heinz Harenberg

Fachredakteur beim NDR, hat auch was geschrieben: "Schutz oder Rache: Minima Militaria". (Hm, das zergeht einem Intellektuellen doch auf der Zunge.) Sonst wird man bei ihm ungefähr zum 12. Mal in diesem Buch darüber aufgeklärt, daß die Nato-Doktrin von der "gegenseitigen gesicherten Zerstörung" auf englisch "Mutual Assured Destruction" heißt. Und das kann man wahrhaftig auch MAD abkürzen, das ist auch englisch und heißt auf deutsch "verrückt". (Lustig, gell?) Weiter ist ihm auch nichts Neues eingefallen.

Der letzte Autor

Stefan Welzk

ist Physiker, Philosoph und auch noch Ökonom an der Uni Konstanz. Aufgrund dieser Überqualifikation ist ihm das Motto seines Aufsatzes wahrscheinlich nur so zugeflogen. Trotzdem, er kriegt den ersten Preis für seine Überschrift: "Aphrodisiacum Technicum oder Wie ich die Laser lieben lernte", zumal er auch noch ein Zitat von Hugo von Hofmannsthal herausgesucht hat.

Zum Thema selbst meint er dann: Wie geplant klappt SDI nie. Er persönlich könnte sich aber so eine Art Mini-SDI-Systeme vorstellen. Die würden ihm eigentlich ganz gut gefallen. Man könnte sie nämlich den Westeuropäern geben, die könnten dann damit ihre Atomraketensilos schützen. Und das würde dann irgendwie den Weltfrieden enorm sicherer machen. Man könnte aber auch, bevor "SDI wegen technischer Schwierigkeiten in zwei Jahren abgeblasen wird" (das sind seine "neuesten Meldungen aus der Gerüchteküche des Pentagon"), die Angst der Russen ausnutzen und in Genf herausschlagen, "was die Stunde hergibt". Aber ihn fragt ja mal wieder keiner!

Fazit

Daß SDI irgendwie, irgendwo, irgendwann höchstwahrscheinlich daran scheitern wird, daß es nicht geht, hat man von den "kritischen Experten" immer schon gehört. Daß SDI aber auch Anlaß gibt zu einer strategisch-literarischen Dichter-und-Denker-Initiative (SLDDI), braucht es schon den undogmatischen Wagemut des "Kursbuch"-Teams.