"UNTERENTWICKLUNG" SCHLECHT FÜR "ENTWICKLUNG" - ODER WAS?

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1988 erschienen.
Systematik: 

"UNTERENTWICKLUNG" SCHLECHT FÜR "ENTWICKLUNG" - ODER WAS?

Teufelskreis der Armut

"Informationen zur politischen Bildung" Nr. 196. "Der Nord-Süd-Konflikt", Seite 6. Hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn.

So soll man sich den Grund vorstellen, warum es so unsäglich schwierig ist, daß aus einem armen Entwicklungsland etwas anderes wird als ein armes Entwicklungsland. All die Kreisläufe, die bei "uns" für Reichtum und seine Vermehrung sorgen sollen, führten in den Ländern der "Dritten Welt" dazu, daß Armut bleibt, wo Armut ist. Nur stimmen tun solche Kreislauftheorien hinten und vorne nicht:

  • Schon die Einbildung, ein "reiches" Land, das wäre eines, wo der Reichtum für "viel" Konsum, "viel" Nahrung, Gesundheit, die wiederum für "viel" Leistung und "viel" Produktion sorge, was seinerseits den Reichtum mehre usf., ist absurd. Jedem zeitungslesenden Schüler könnte noch auffallen, wie wenig dieses schönfärberische Gemälde vom Reichtum eines Landes mit der Realität zu tun hat. Der Reichtum der Nation, von dem liest man doch täglich, daß er am besten durch niedrige Lohnabschlüsse = wenig Konsum befördert wird es ist also doch keineswegs "unser aller" Reichtum, der sich da mehrt; die "gute Ausbildung", die soll zu Produktivität und Produktion per Pfeil führen - noch jeder Schulabsolvent kann merken, daß seine "qualifizierte Ausbildung" nur dann zu etwas führt, wenn sie gebraucht wird; Reichtum soll es sein, der, weil er so groß ist, Investition und Wachstum besorgt - dann hätte kein Stahlproduzent je ein Werk dichtgemacht, was er aber bisweilen tut, weil er dann und nur dann investiert, wenn sich das Geschäft lohnt (und nicht: weil er soviel Geld hat). Es ist also ziemlich doof, sich die Wirtschaft eines Staats vorzustellen als die Beteiligung aller am Backen eines immer größeren (Reichtums-)Kuchens - so als hätte dieser nationale Reichtum nicht im Kapital sein Maß, auf das es ihm ankommt, und das die Sache für die Beteiligten so ganz unterschiedlich aussehen läßt.
  • Nicht minder doof ist es daher, sich die Entwicklungsländer als das negative Abziehbild eines solchen Kreislaufreichtums vorzustellen: Was bei uns "gut" funktioniert, so "reichlich" vorhanden ist, das soll da "schlecht" klappen und immer nur "gering" und "mangelhaft" da sein: Wenn man sich klarmachen will, warum Entwicklungsländer offensichtlich so organisiert sind, daß sie auf Dauer Entwicklungsländer bleiben, dann gilt es doch wohl, sich damit zu beschäftigen, was diese Staaten haben und treiben - und nicht, sich andauernd die billige Feststellung abzuholen, daß sie arm sind, weil sie nicht reich sind.
  • Der Grund, den diese Modellbildchen für die Zwangsläufigkeit der Lage in diesen Staaten angeben, ist deswegen auch nur dem Schein nach einer: Auf die Feststellung, daß Investition, Wachstum, Produktion etc. in diesen Ländern u gering sind, als daß etwas anderes herauskommen könnte als Armut, kommt man doch nur, wenn man gleichzeitig annimmt, diese Dinge wären erstens auch in diesen Staaten für den"Reichtum" da, und zweitens feststellt, daß sie es in diesen Staaten nicht sind. So kommt eben das seltsame Resultat heraus, daß ein Entwicklungsland eines ist, das eine einzige schlechte Bedingung für seine Entwicklung ist. Warum das so ist, das kann eben nur Werk des "Teufels" sein - auch eine Tour, kundzutun, man wisse schon, woran die ganze Misere liegt, ohne dieses "woran" irgendwie anders dingfest machen zu können denn als eine Sorte Schicksal.