UNSER MANN WIRD UNO-PRÄSIDENT!

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Dieser Artikel ist in der MSZ 5-1980 erschienen.
Systematik: 

Diplomatie
UNSER MANN WIRD UNO-PRÄSIDENT!

Als Mitte September auf den deutschen Bildschirmen zur "Tagesschau"-Zeit ein seriös aussehender Herr mit grauen Schläfen und Maßanzug ("eine Mischung aus Gary Grant und dem Grafen Luckner"/"Stern") den pompösen Sitzungssaal der in New York an sässigen Vereinten Nationen durchschritt, unter dem Applaus des gemischten Staatenpublikums das Podium bestieg, dort oben einen freundlich grinsenden Maghrebiner in die Arme schloß, um seinen Stuhl in Beschlag zu nehmen, da war hierzulande der Öffentlichkeit eines ganz klar: Die Bundesrepublik hatte einen "ansehnlichen Prestigezuwachs" in der Welt erzielt.

"Zum ersten Mal ein Deutscher" als Präsident der UNO-Vollversammlung -"das läßt aufhorchen", stand tags darauf in der Zeitung und auch gleich, was es zu hören galt: Die Berufung des deutschen Freiherrn von Wechmar sei als

"ein Zeichen der Bestätigung für das Vertrauen, das sich die Bundesrepublik durch ihre Politik der Verständigung und des Ausgleichs zwischen den Völkern habe erwerben können",

zu verstehen, formulierte unser Präsident druckreif. Die regierenden Parteien gaben sich überwältigt von diesem "herausragenden Ereignis", weil sich am Votum der "Völkerfamilie" die von ihnen einmütig für richtig gehaltene "Richtigkeit ihrer Bonner Politik, die darauf gerichtet sei auch im weltweiten Rahmen Mitverantwortung zu übernehmen", drei Wochen vor der Wahl so vortrefflich herausstreichen ließ. Zur Feier des Tages bürgte gar der Bundesernährungs-Ertl mit seinem ganzen Gewicht für eine Freirunde Milchpulver aus EG-Lagerbeständen an "die hungernden Menschen in der Dritten Welt", deren wohlgenährten Staatsrepräsentanten der "Erstarkung Bonns" auf diplomatischer Ebene die ihr angemessene Reverenz erwiesen haben.

Daß es sich beim Vollversammlungsvorsitz eines Rüdiger von Wechmar um mehr zu handeln hatte als um das bislang von einem Volk des aufgeklärten Westens nachsichtig belächelte Amt "eines Zeremonienmeisters" über einen "unberechenbaren Haufen mehr oder weniger verkrachter Völker", war der geltenden bundesdeutschen Meinung ein wichtiges Anliegen. Ließ sich doch jetzt unsere eigene nationale Souveränität gebührend herausstreichen. Was auf den Vorgänger angewandt - einen Herrn namens Salim Salim und Tunesier - aus gutem Grund reichlich komisch geklungen hätte, bei Rüdiger Rüdiger traf es ins Schwarze: Der Nation war durch

"die UNO ein neues Feld für die Entwicklung eines internationalen Gewichts verschafft, das ihrer wirtschaftlichen Kraft angemessen ist." (Süddeutsche Zeitung) So gesehen hat sich die Bundesrepublik "nach dieser Rolle nicht gedrängt, sie ist ihr vielmehr zugefallen".

Denn daß Kanzler Erhards vor anderthalb Jahrzehnten "in einer spontanen Anwandlung" geprägter deutschnationaler Ausruf: "Wir sind wieder wer!" heute nicht mehr "viel zu hoch gegriffen ist", dafür stehen

"die Beherrschung der Krisen in der Währungspolitik und der Weltwirtschaft durch den Bundeskanzler, die Bonn auf diesem Felde weltweiten Respekt eintrug",

sowie die nicht minder respektgebietenden Leistungen auf dem Gebiet militärischer Drohung. Die Ausstattung eines Deutschen "mit einem der höchsten internationalen Ehrenämter" ist demnach nicht nur gerecht, weil sie der gleichmäßigen Wachstumsentwicklung des "wirtschaftlichen Riesen" auf politischem Gebiet Tribut zollt, sie entspricht ebenso der krisenhaften Weltlage, die so gesehen ein Glück ist:

"Es ist unwahrscheinlich, daß einem Deutschen diese Ehre heute zuteil geworden ware, hätten sich die von dem amerikanischen UNO-Paten Roosevelt gehegten naiven Hoffnungen auf eine bessere Weltordnung erfüllt." (Süddeutsche Zeitung)

Welch sinnige Ehre, daß sich die Völker dieser Welt ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo die maßgeblichen Herrschaften des Imperialismus auffallend heftig "um den Frieden ringen" -"Die Konfliktherde sind zahlreich: Kambodscha, Nahost, südliches Afrika, Iran, Afghanistan. Wie gut die Vollversammlung diese Klippen in den kommenden Wochen umschiffen wird, hängt auch von ihrem Präsidenten ab." (Süddeutsche Zeitung)

- einen Kapitän in den Glaspalast am East River bestellt haben, der "die Bürde zunehmender weltpolitischer Verantwortung" als Deutscher transportiert: Eine Aufgabe, die so schwierig wie delikat ist:

"Wenn anderswo auf der Welt schon längst geschossen, einmarschiert und aufgehängt wird, steht man in New York wenigstens noch gemeinsam auf einer langweiligen Party... Dazu sind Leute nötig, die auch dann noch reden, wenn die zu Hause längst eingeschnappt sind; die rumhorchen, wo sich noch etwas bewegt; die geduldig in allerlei langweiligen Ausschüssen hocken. Leute, deren wichtigste Eigenschaften von Wechmar so beschreibt: 'Da braucht man große Ohren, gesunde Arschbacken und ein breites Kreuz.'" (Stern)

Insofern der Freiherr von Wechmar diese edlen menschlichen Eigenschaften in sich vereint, ist es auch sein "persönliches Verdienst", daß Deutschland UNO-Präsident werden mußte. Der Mann ist nicht irgendwer. Wer stünde die Strapazen von "48 offiziellen Mittagessen, 70 Empfängen und 46 offiziellen Abendessen" innerhalb einer hunderttägigen Amtsperiode ohne Verlust seiner nationalen Figur durch wenn nicht einer, der schon in Rommels Afrikakorps drei Auszeichnungen für eine Gesinnung angesteckt bekommen hat, die sich heute auszahlt:

"'Wir Diplomaten', sagt er und sieht auf sein Jackett herab, das reichlich stramm sitzt, 'opfern Leber, Niere und Magen auf dem Altar des Vaterlands.'" (Stern)

Gewichtsprobleme darf sich der Deutsche, der im Dienst der UNO am feinen Faden der diplomatischen Kontakte der Staatenwelt spinnt, dabei nicht leisten - ihre ganze wohlkalkulierte Vertraulichkeit könnte Schaden nehmen. Doch derlei Komplikationen, die ja eine unerhörte Herausfoderung besonders für den Weltteil darstellten, der die freie Verständigung der Völker zu deren freier Benutzung auf seine Fahnen geschrieben hat, weiß Rüdiger, "den alle Welt entweder 'Rudy' oder 'Dockel' nennt" (Bunte), dank der "suggestiven Kraft" seines "kernigen Seebärenlächelns" zu begegnen:

"Wie schwerelos schwebt er durch diese dünstende Gesellschaft und läßt, nach einem kurzen Plausch, jeden Gesprächspartner mit dem schönen Gefühl zurück, als sei gerade er für ihn der interessanteste seit Jahren gewesen." (Stern)

"In den Glückwunschtelegrammen der verschiedenen Ländergruppen... schien beinahe so etwas wie Wärme durchzuklingen." (Süddeutsche Zeitung)

Natürlich war auch Wechmars "Lieblings-Diplomatenehepaar, die Russen Trojanovski" beeindruckt von der Kunst der Gastgeber, "ab und an nur deftige Wurstbrote mit Bier zu reichen. Vielleicht lag es jedoch auch daran, daß bei Wechmar die protokollarischen Raffinements, für die nicht zuletzt Susie von Wechmar - wenngleich "ehrenamtlich" - zuständig ist ("Das bedeutet von August bis April fast jeden Abend 'Dienst', stets dezent geschminkt und chic gekleidet sein"), um das des Partnertausches bereichert worden sind:

"Statt Tischkarten zieht jeder Gast einen Zettel, auf dem z.B. 'Othello' steht. 'Othello' muß dann seine Partnerin, also 'Desdemona' suchen." (Bunte)

So sind auch im intimen Kreis die "gesunden Arschbacken", die sich der für seine preußische Arbeitsdisziplin bekannte Freiherrr auf den Stühlen der sonstigen New Yorker Völkertreffs zulegte, von unschätzbarem Wert für den Frieden unserer Welt: "Dies ist das Haus ohne Reden, bitte amüsieren Sie sich!" (Rüdiger von Wechmar) -