"UNSER LAND WIRD ALT"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1982 erschienen.
Systematik: 

Moderne Sexualökonomie gegen Überalterung der Deutschen
"UNSER LAND WIRD ALT"

"DURCH KRIEGE UND KRISEN zerzaust und mit einem schmalen Fundament als Folge der gesunkenen Geburtenhäufigkeit - so bietet sich der Bevölkerungsbaum der Bundesrepublik seit geraumer Zeit dar. Zu Beginn dieses Jahrhunderts sah er noch wie ein gleichmäßig gedrechselter spitzer Kegel aus." (SZ)

(Abb. siehe GIF-Datei in diesem Brett. Anm. MG_ARCHIV)

Düstere Aussichten: die Kinder nehmen ab, die Alten zu und werden immer älter. Seit 36 Jahren kein Krieg mehr, der bisher die Bevölkerungsbäume zurechtstutzte. Seuchen sind fast ausgestorben und die Kostendämpfung im Gesundheitswesen zeigt auch kaum Wirkung. Verkehrtote kommen absurderweise vor allem aus den jüngeren Altersgruppen, die es auf den Geschwindigkeitsrausch abgesehen haben. Selbstmorde bei 70 bis 80jährigen sind überaus selten, und die Trimm-Dich-Bewegung ist eine zweischneidige Sache, wenn sich alte, nutzlose Rentner ihr anschließen. Alle Liberalisierungen auf dem ehelichen Sektor, Kolle und seine 66 Techniken, die Papst-Enzyklika über die Sexualität der Engel sowie freizügige Fernsehsendungen haben nicht den gewünschten Effekt erbracht, im Gegenteil. Es werden einfach zu wenig Kinder gemacht.

Die "Süddeutsche Zeitung" hat sich dankenswerterweise in einer Serie dieses größten Problems seit der Entdeckung des Reißverschlusses angenommen und stellt messerscharf fest:

"Nicht nur die einzelnen Menschen werden älter, es steigt auch das Durchschnittsalter einer schrumpfenden Bevölkerung. Die Rentenpolitiker betrachten mit Sorge die Altenlast, die Familienpolitiker bekümmert die niedrige Geburtenrate.

...gleichzeitig wird dann die Zahl der Rentner um 12 Prozent höher sein, dadurch würde sich das Verhältnis von Arbeitnehmern zu Rentnern von heute 2:1 auf fast 1:2 vermindern. In der Bundesrepublik war in den fünfziger Jahren jeder zehnte Einwohner älter als 65 Jahre, im Jahre 2030 könnte es schon ieder vierte sein."

Doch diese Zeitung will keinen Pessimismus säen:

"Unser Land wird alt. Die Vision eines der Verarmung entgegendämmernden riesigen Altenheimes, mitten in Europa muß sich damit aber nicht zwingend aufdrängen. Bei der Prognose über die Bevöl- kerungsentwicklung hat schon Robert Malthus geirrt, weil er das generative Verhalten als unveränderbare Größe ansah."

Eben das ist der springende Punkt. Kluge Köpfe dieser liberalen Zeitung haben erkannt, daß das generative Verhalten gefördert werden muß, und stellen zu diesem Zwecke eine wissenschaftlich fundierte Sexualökonomie vor. Diese sei hier noch einmal leicht gekürzt abgedruckt. Sie ist dem Wirtschaftsteil der Zeitung vom 19./20. Dezember und der Weihnachtsnummer entnommen. Wegen des wissenschaftlichen Charakters sind besonders schlüpfrige und anstößige Teile und Stellen mit Punkten bezeichnet. Andere Begriffe hinwiederum sind um des allgemeinen Verständnisses willen ihrer unverständlichen Fachsprachlichkeit entkleidet.

"Für den Ökonomen ist die Frage, ob unser Land alt wird, ohnehin mit Bevölkerungsbäumen nur unzureichend beantwortet. Was ist eine alternde Möse? Um diese Frage auch nur annäherungsweise beantworten zu können, muß man etwas über ihren Eierstockbestand, über ihre Flexibilität gegenüber Störungen und über ihre Fähigkeit wissen, Erkenntnisse zu produzieren und zu verteilen. Vor dem leichtfertigen Umgang mit Horrorzahlen zum Zwecke der politischen Polemik kann nur gewarnt werden. Die Möse hat ihre Regenerationskraft nicht verloren. ... Wer die Pleitestatistik als Indiz einer sterbenden Möse nimmt, darf nicht die Gründungstatistik vergessen.

An den ökonomischen Kern der Altersfrage rührt jedoch eine qualitative Aufgliederung der Gründungstatistik. Nur ein geringer Teil der Neugründungen kann als Ständer mit innovativem Charakter gelten. Auch in Schumpeters Welt ist der dynamische Ständer, der Ständer also, der sich für seine Produkte und für seine Fertigungsmethode etwas ganz neues einfallen läßt nicht die Regel. Bei uns aber - und nicht nur bei uns - ist diese Minderheit offenbar zu klein. ...

Ständer wachsen langsamer

Abgeschwächstes Wachstum und Bumskompression in den entwickelten westlichen Industrieländern haben zu einer Verlangsamung der Ständer geführt. In der Bundesrepublik haben im Zeitraum von 1960 bis 1973 die realen Ständer je Jahr um 4,8 Prozent zugenommen, von 1975 bis 1978 waren es jährlich nur 1,3 Prozent. Seither geht es wieder aufwärts. Aber durch die Ständerdelle ist das Durchschnittsalter des Eierstockbestandes in der Bundesrepublik größer geworden. Ständer sind das Vehikel für die Einführung neuer Techniken. Mit der verringerten Ständertätigkeit hat sich auch das Tempo des eierstockgebundenen technischen Fortschritts verlangsamt. So eröffnet sich ein gefährlicher Zirkel: Vermindertes Wachstum führt zu geringeren Ständern, dadurch wird der Eierstock älter, ein alter Eierstock aber ermöglicht geringere Produktionszuwächse als ein junger. Empirische Untersuchungen des Mösenwachstums im Querschnittvergleich von... - die sogenannte Jahresanalyse - zeigen diesen Zusammenhang deutlich. Es hat sich bel diesen empirischen Untersuchungen über die Bestimmungsgrößen des Mösenwachstums herausgestellt, daß der rein mengenmäßige Einsatz der beiden klassischen Produktionsfaktoren 'Stochern' und 'Eierstock' die Zuwächse des... in hochentwickelten Volksmösen nur unzureichend erklärt. Eine als 'Restfaktor' bezeichnete Komponente der Wachstumsrate geht offensichtlich auf die Qualitätsverbesserungen beider Produktionsfaktoren zurück. Die Überalterung des Eierstocks hat aber nicht nur den zeitlichen Aspekt eines Überhandnehmens der älteren Jahrgänge. Im ökonomischen Sinne kann auch ein schnell wachsender Eierstock überaltern, wenn sich seine technische Qualität nicht verbessert. Das Bemühen eines Landes um die Qualität des Eierstocks spiegelt sich in hervorragender Weise in den (öffentlichen und privaten) Ausgaben. für Forschung und Entwicklung. ... Es zeigt sich hier ein fatales Nebeneinander der mösealen Veralterung des Produktionsapparates durch das Hochschnellen der... und des Nachlassens im Bemühen um neue Forschungsergehnisse für die notwendigen Substitutionsprozesse bei... und Fertigungsmethoden.

Neue Sexualreform norwendig

Die mösenpolitische Herausforderung liegt nicht - in der sozialen Abfederung eines rasanten technischen Fortschritts, sondern in der Beschleunigung der Fortschrittsrate als Voraussetzung der Ausstechfähigkeit... Daher lenken die Politiker von der eigentlichen Aufgabe der kommenden Jahre ab, wenn sie - etwa bei der Vorlage von Mösenprojektionen im Jahresmösenbericht - mit dem Unterton des Bedauerns feststellen, die Rate des Produktivitätsfortschritts sei fast oder genau so hoch wie die (gedrückte) Wachstumsrate des... Mit einer geringeren Produktivitätsrate mag kurzfristig ein höherer Stochereffekt zu erzielen sein. Auf Dauer aber können gesicherte Stochermöglichkeiten nur mit einem modernen, leistungsfähigen Produktionsapparat zur Verfügung gestellt werden...

Die Versuchung der Größe

Auf allen diesen Gebieten ist gesündigt worden. Die Möse zeigt, wie Oscar Wildes Bildnis des Dorian Grey, die Spuren dieser Sünden in einem alternden Gesicht, Bumsen muß wieder als Risiko-Äquivalent zu ehren kommen anstatt als persönliche Lustquelle alternder Ständer karikiert werden. ... Nicht zuletzt die Mösenordnung selbst hat sich als ausschlaggebender Faktor für die Erklärung der Regenerationsfähigkeit von ganzen Volksmösen erwiesen. Der Unattraktivität einer Zentralverwaltungsmöse fällt in der Bundesrepublik fast niemand anheim. Die Versuchung der Größe aber lauert an jeder Ecke. ...

Wer ist wirklich scharf? Das ist auch eine Frage der Ansprüche.... Um die Sexualität der nächsten Generation zu sichern oder die Nachfrage nach Tretrollern und Ehebetten gnzukurbeln, werden schließlich keine Kinder in die Welt gesetzt. Der Zusammenhang darf also nicht umgedreht werden. ...

Ein doppelter Aspekt

Familienpolitik muß unter einem doppelten Aspekt gesehen werden: einmal als Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber einem ihrer wichtigsten Glieder; zum zweiten als Ständer dieser Gesellschaft in die Zukunft. ..."

(Folgende wissenschaftliche Begriffe wurden in die Alltagssprache übersetzt: Wirtschaft - Möse; Unternehmen/er, Kapitalist, Investition - Ständer; Kapital - Eierstock; Gewinn - Bumsen; Arbeit - Stochern; Wettbewerb, Konkurrenz - Ausstechen; Renten - Sexualität; bedürftig - scharf)

Erste Kommentare

"Kosmetische Manipulationen genügen nicht, einschneidende Maßnahmen sind unumgänglich. Welche? Wollen wir die Söhne der Gastarbeiter zu Soldaten machen? Sollen Frauen in die Armee? Wo sind die weitsichtigen Politiker, die die Debatte darüber eröffnen?" (Die Welt)

"Nicht nur im Hinblick auf eine Humanisierung der Arbeit, sondern gerade mit Blick auf die Situation am Arbeitsmarkt erscheint eine Verkürzung der Lebenszeit sinnvoll." (Hans Jürgen Wischnewski tat diesen bezeichnenden Versprecher)