UNKOSTEN DER FREIHEIT!

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 9-1988 erschienen.
Systematik: 

Katastrophe in Ramstein -
UNKOSTEN DER FREIHEIT!

Natürlich waren sie alle mal wieder "fassungslos", die Herren Militärpolitiker nachdem ein heruntergefallener Düsenjäger etliche Dutzend Zuschauer des Flugtages in Ramstein hingerafft hatte; ihr tief empfundenes Mitleid sprachen sie den Hinterbliebenen und den überlebenden Opfern aus... Was denn auch sonst? Ausgerechnet da werden sie nicht gerade ihre Sprüche vom "Restrisiko" hervorkramen, das im Interesse einer schlagkräftigen, vom Volk geliebten NATO-Luftverteidigung nun einmal "unvermeidlich" sei.

Mit großer Geste wird das Schaufliegen der modernsten NATO-Tötungsmaschinen vorerst ausgesetzt - und gleichzeitig überlegt, wie man die Zurschaustellung der Truppe künftig anders regeln kann. Denn auf die hat - so versichert der Verteidigungsminister - der steuerzahlende deutsche Bürger ein unbedingtes Recht. Verteidigungsminister Scholz weiß, was er einer erschrockenen Öffentlichkeit schuldig ist; schwer ist das ja auch wirklich nicht. Für ein paar Wochen wird die Sprachregelung der evangelischen Kirche gelten: Waffen wären schließlich kein Spielzeug! Und das ist sie dann, die Pflichtübung in Sachen Schauder und Entsetzen. Bis zum nächsten Mal - das so sicher kommt wie das Amen in der Kirche.

Denn, um mal Klartext zu reden: So etwas gehört ganz einfach dazu in unserer feinen NATO-Republik. Nämlich erstens Düsenflugzeuge, eigene wie solche der Verbündeten. Und das sind spitzenmäßig moderne Großwaffen, die allemal noch am wenigsten Schaden anrichten, wenn sie vor ihrem "bestimmungsgemäßen Einsatz" vom Himmel fallen. An den Leichen, die sie aus Versehen produzieren, kriegt man noch nicht einmal eine realistische Vorstellung davon, für welche Verwüstungsvorhaben sie eigentlich vorgesehen und eingerichtet sind. Zweitens ist es für ein auftragsgemäß furchterregendes NATO-Militär unerläßlich, daß es seine Flugzeuge den Tiefflug über der Heimat üben läßt, denn dort findet ja auch ein beträchtlicher Teil des vorgesehenen Ernstfalls statt. - Eine gewisse Katastrophenquote wiederum gehört dazu, wenn die Flugübungen der Kriegsertüchtigung nützen sollen - was wäre ein Düsenjägerpilot ohne Risikobereitschaft -; genauso wie der Lärm, der dauernd anfällt und ab und zu mal öffentlich bedauert wird. Daß solche Übungen unverzichtbar sind, das haben die bundesdeutschen NATO-Politiker jüngst ausdrücklich gegen alle Zweifel und Beschwerden festgehalten. Gegen diese Notwendigkeiten hat der Bürger gar kein Recht. Das sind nun einmal die Kosten der Freiheit, für die die NATO rüstet. Und wer von Inhalt und Zweck dieser Freiheit außer den gängigen NATO-Phrasen nichts weiter wissen will, der soll dann auch die NATO-Fliegerei mit ihrem Lärm und ihren tödlichen "Rest-Risiken" genauso fromm-ergeben hinnehmen.

Drittens die Flugschautage: "Müssen die denn sein?" wird jetzt allenthalben gefragt. Nun, wenn mal keine Katastrophe passiert, ist die Antwort doch klar: Natürlich müssen sie sein. Oder vielleicht müssen sie nicht, aber sie sollen sein. Ihr guter Sinn und Zweck ist dann doch niemandem ein Geheimnis - schon gar nicht den Hunderttausenden, die jedesmal hinpilgern. Sie bieten militärische Kampfkraft als zivilen Genuß; im Fall des Flughafens Ramstein soll das sogar ein Geschenk der US-Streitkräfte an das geduldige Pfälzer Völkchen für den jahraus, jahrein ertragenen Fluglärm und sonstige Belästigungen sein. Und dieses perverse Vergnügen steht n der Demokratie hoch im Kurs. Denn so etwas sorgt für eine gute Volksstimmung im Verhältnis zum NATO-Militär - und erledigt die Frage nach dessen Zweck und Auftrag. Getrennt davon und sogar unter ganz zivilen Vorzeichen wird Militarismus zur lieben Gewohnheit, die durch den Nervenkitzel riskanter Flugvorführungen gepflegt wird. In der Demokratie läßt das Militär die Massen eben ein bißchen teilhaben an seinen schönen Trockenübungen - im Ernstfall wird zwischen Armee und Zivilisten ja ohnehin nicht unterschieden.

Zugegeben, die Luftwaffe kommt auch ohne Schaufliegerei aus. Solche Festlichkeiten sind eben auch kein Manövereinsatz, sondern ein Beitrag zur demokratischen Volkskultur: Der darf das Hurra zur bewaffneten Macht nicht fremd sein. Dafür sind die Fliegerkunststückchen gut und gar nicht überflüssig.

Und auf dieses Konto gehen auch die Toten von Ramstein!