TURBULENZEN AN DER FLÜCHTLINGSBÖRSE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 6-1981 erschienen.
Systematik: 

MSZ-Humanitäres
TURBULENZEN AN DER FLÜCHTLINGSBÖRSE

Das gewohnte Gefüge an der freien Flüchtlingsbörse-West ist teilweise erheblich ins Wanken geraten. Erhebliche Kursgewinne konnten die Afghanen (Ausgabe E, auf dem Euroflüchtlingsmarkt zugelassen) auf dem Bonner Ratsmarkt verzeichnen. Ganz offensichtlich bewirkte hier der sowjetische Staatsbesuch die gesteigerte Nachfrage unter Politikern und Pressevertretern. Jeder im Bundesgebiet börsenfähige Afghane konnte gute Preise erzielen und wurde als nemonstrant gegen Breschnew aufmerksam verbucht. Zur Belebung der vorher eher lustlosen Tendenz trug auch eine Option der römischen Regierung bei, die sich noch 41 Afghanen sichern konnte. In gut unterrichteten Kreisen munkelt man jedoch in diesem Fall von einer Fehlspekulation, da das Ende des sowjetischen Staatsbesuehs allgemein mit Einbrüchen nach kurzfristigen Gewinnmitnahmen gekennzeichnet war. Ganz im Gegensatz zu den risikoverdächtigen Euro-Afghanen notieren nach wie vor die auf Pakistan beschränkten Afghanen P kontinuierliche Kursgewinne, die auf die hohen Renditen dieser Sorte wegen der hohen Abgangs- und Erneuerungsraten zurückgeführt werden, ein Vorgang, der in westlichen Politkonjunkturspekulantenkreisen aufmerksam betrachtet und auch praktisch gefördert wird.

Der Versuch von Türken, die Börsengenehmigung zu erhalten, endete kläglich: Berliner Börsensenatoren zerschnitten den 18jährigen Türken nach alter Sitte die Krawatten und Hüte und warfen sie unter großem Hallo durch das Schaufenster des Westens zurück in die freiheitliche Diktatur.

Dem allgemeinen Trend konnten sich auch die Kurse der Rußland-Deutschen nicht entziehen: Künstliche Verknappung, Sacharows Hungerstreik und Kortschnois tragische Niederlage gegen die bolschewistische Parapsychologie gelten allgemein als belebende Faktoren der Nachfrage. Immer wieder wird auf das Massenreservoir an potentiellen Flüchtlingen verwiesen, das dieses Land zu bieten hat, und mit rechtlichen Ansprüchen bis auf die Verschleppung deutscher Bauern durch Katharina die Schreckliche untermauert. Besonders belebend wirkte die Option von Reagans Stockjobber Eaglehurger auf ganz Osteuropa, als er von seinem "tiefen humanitären Interesse... an den Völkern Osteuropas... wegen Millionen Amerikanern, die ihre Abstammung dorthin zurückverfolgen' sprach. Allerdings zeigt die Entwicklung der Polenpapiere, daß die Marktgesetze auch an dieser Börse intakt sind: Flüchtlingsmakler Kreisky nutzte die Gunst der weltpolitischen Stunde, als er während des Breschnew-Besuches seinen Unterhändler Lanc nach Australien schickte und unter öffentlichkeitswirksamer Androhung von Visaverweigerung beim dortigen Frazer ein stattliches Paket Polen unterbrachte.

Schon bei den Vietnamesen waren überhöhte Erwartungen der Grund für eine künstlich angeheizte Hausse, in derem Verlauf gefälschte Papiere zirkulierten: Wertlose Hungervietnamesen waren oft nur unzulänglich als Libertyvietnamesen kaschiert. Wegen der damit verbundenen Kurseinbrüche der Libviets (Fachjargon) ergriffen die Regierungen der Länder an der Bonner Börse scharfe Maßnahmen gegen die von der Flüchtlingshilfe AG Cap Anamur in Umlauf gebrachten Zertifikate ohne Wert.

Rege Nachfrage herrscht nach Nicaragua-Somozas, die jedoch an europäischen Börsen nicht zu haben sind. Die 43 Exemplare befinden sich fest in US-Hand, und es gibt keine Anzeichen, daß die Besitzer an Veräußerung denken. Die Optionen europäischer Interessenten dürften sich trotz (oder wegen?) der zukunftssicheren Aussichten als Fata Morgana erweisen. In Fachkreisen munkelt man jedoch, daß derartige Spekulationen leicht in die Hose gehen könnten, wenn die US-Regierung ihre überlegungen hinsichtlich der Einführung von Nicaragua-Sandinistas auf dem Weltflüchtlingsmarkt in die Tat umsetzen würden. Gerade deshalb sind Nicaragua-Somozas eine hochspekulative Investition auf längere Sicht und ein Ersatz durch Sandinistas wäre nicht ratsam. Die bitteren Erfahrungen mit Chileflüchtlingen, die nach wie vor auf Null notieren, sollten hier eine Lehre sein. Insidern, wie dem bayerischen Flüchtlingsfachmann Franz Strauß, war schon damals klar, daß man bei solchen Papieren aufs falsche Pferd setzt!