STUDENTENVERTRETUNG AUF POLNISCH

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1981 erschienen.

Polnische Studentenfunktionäre auf BRD-Trip
STUDENTENVERTRETUNG AUF POLNISCH

"Authentische und legitime" Repräsentanten des neuen "autonomen" polnisches Studentenverbandes NZS waren jüngst an mehreren bundesdeutschen Hochschulorten zu besichtigen. Der Chef, der Vize-Chef und noch der Krakauer Regionalchef von NZS begaben sich auf eine zweiwöchige BRD-Tournee, um für sich und ihren Verein Reklame zu machen und sich anstaunen zu lassen als Leute, die dem realen Sozialismus in Polen ein Schnippchen schlagen wollen. Daß von solchem Glanz auch auf sie ein Abglanz fallen möge, war die gar nicht unberechtigte Hoffnung der Veranstalter dieser Rundreise, der "unabhängigen linken Basisgruppen in den VDS". Auch Jusos und etliche linke Gewerkschaftler bedienten sich gerne der frischgebackenen polnischen Funktionärstruppe und begrüßten die Veranstaltungen namentlich dort, wo gerade Studentenwahlen anstanden, als günstige Gelegenheit, die linke Konkurrenz von MSB etc. durch die Vorführung lebhaftiger Kronzeugen des Antikommunismus wirkungsvoll zu treffen.

Freiheit der Wissenschaft - und wofür sie gut ist.

Was von den obersten Funktionären des brandneuen NZS zu halten ist, dafür ist allein schon die Tatsache ein Hinweis, daß sie nichts Besseres vorhaben, als sich zwei Wochen lang an bundesdeutschen Hochschulen zu tummeln. Was war es aber, das die polnischen Studentenvertreter hiesigen Solidaritätslinken Bewundemswertes zu berichten hatten? Zunächst hatte die dortige Intelligenz den Aufstand des polnischen Arbeitsvolkes als "günstige Situation 1980" für die Verwirklichung ihrer Vorstellungen einer ganz eigenverantwortlichen und komfortableren Ausbildung zu nutzen gewußt. Was ihnen an der - in der Tat unerfreulichen - Realität unter dem Regime der polnischen Sozialisten nicht behagte, war "in der ersten Dimension" die fehlende "Autonomie der Hochschule und Autonomie und Freiheit der polnischen Wissenschaft";"d ie Universitäten hatten eine totalitäre Struktur, der Präsident wurde von oben ernannt, und es gab keine Studentenvertreter."

Daß es dieselben nun gibt und dies Anlaß zu großer (Selbst-)Zufriedenheit ist, unterstreicht noch einmal, worum es dem NZS geht: Die institutionellen Schranken sollten nicht ausschließlich "von oben" gezogen und der verantwortlichen Mitbestimmung der Akademikergemeinde im Wege sein. Ganz in diesem Sinne hatten die Herren frei gewählten Studentenfunktionäre an den bisherigen Pflichtkursen in realsozialistischer Moral weder deren Unwahrheit noch ihr moralisches Ziel zu bemängeln, sondern einzig, daß sie vorgeschrieben gewesen sind. Stattdessen gehören auch polnische Hochschulen "dem weltanschaulichen Pluralismus geöffnet." Den Mangel des realen Sozialismus dahinein zu verlegen, daß er es seinen intellektuellen Untertanen verwehrt, sich ganz und ausschließlich auf die höheren Sphären des (vor allem von der Pflicht zur Wahrheit) freien Geistes zu kaprizieren, darin bewiesen die Vertreter des unabhängigen Studentenverbandes wahre Radikalität: Sie sahen die "Abschaffung des Militärdienstes für Studenten (!)" als unerläßlich an, ereile sie der Ruf in die Kaserne doch ausgerechnet "im besten Mannesalter nach dem Studium, wo sie schöpferisch tätig sein wollen." In diesem Sinne verwendete sich ein NZS-Student des weiteren für die Beseitigung der Zwangsarbeit in den Semesterferien - wohingegen er den Arbeitseinsatz des gemeinen Volkes wohl zu schätzen weiß: Die Begeisterung hiesiger Linker für den "einheitlichen Kampf" der polnischen Arbeiterklasse wiesen die Geistesfunktionäre mit der Bemerkung zurecht, daß die so Verehrten "nicht nur streiken, sondern auch arbeiten", was ihnen jedoch oft durch "die ökonomischen Strukturen, die fehlenden Materialien und Rohstoffe" einfach verunmöglicht sei. Dies hindert den NZS natürlich nicht daran, die "geistigen Veränderungen, nicht die materiellen" für "wichtiger" zu halten. In diesem Sinne will er der Arbeiter-Solidarnosc mit "Bildungsprogrammen für Gewerkschaftsmitglieder" dienlich sein. Was diese dabei lernen sollen? Besteht die Losung gegen die realsozialistische "Fremd-"Herrschaft im Bemühen um "Autonomie", so ist die "zweite Dimension" , des nationalen Programms das "allgemeine Streben nach Demokratie". Entschieden verkündeten die NZS-Leute, alles auf der Welt in Zukunft nur noch unter dem Maßstab "Totalitarismus oder Demokratie" begutachten zu wollen - also nach dem (auch hierzuulande wohl vertrauten) Kriterium, ob - die Inpflichtnahme für die Nation über die Freiwilligkeit - der Unterwerfung unter die Herrschaft abgewickelt wird oder nicht.

Kein Wunder, daß der NZS sich in seinem Staat nicht auf die "kommunistische Partei" als die "Regierungsmacht Polens", wohl aber auf "die Verfassung" als "oberstes Regierungsorgan" hat festlegen lassen wollen. Er erstrebt eben ein Arrangement mit der Macht, auf dessen Grundlage seine Mitglieder antreten wollen, "zur Verstärkung der Unabhängigkeit von Kultur und Kunst, die für die Hebung der gesellschaftlichen Moral" wirken sollen. Also: Zum Dank für die gewährte Freiheit der Wissenschaft gelobt man die freiwillige Selbstverpflichtung, dieses Privileg zur Propaganda für die Verbannung von Eigennutz aus der Gesellschaft einsetzen zu wollen!

Antikommunistische Nutzanwendungen

In Marburg löste das Bekenntnis ("meine persönliche Meinung") eines KOR-Mannes unter den polnischen Gästen: "Die westlichen Länder sind für mich etwas Besseres als Totalitarismus" beim Publikum von grün/bunt/alternativ über Jusos bis hin zum RCDS Begeisterung aus, vor allem, weil man den anwesenden MSBlern quasi Antikommunismus aus erster Hand entgegenschleudern konnte. Deren Reaktion ist übrigens bemerkenswert (siehe "rote blätter" 1/81): Offenbar ist hiesigen Spartakisten, die schließlich unbedingte Anhänger eines "sinnvollen Studiums" sowie bundesdeutscher ASten und Studentendachverbände sind, das Auftreten ebensolcher Leute, die als Opponenten realsozialistischer Herrschaft daherkommen, so peinlich, daß sie dieselben für ihre antikommunistischen Tiraden gar noch mit gewissen ungünstigen polnischen "Bedingungen" entschuldigen: Bei der dortigen "Tendenz zum Administrieren anstatt zu überzeugen", da "wundert kaum, daß unter solchen Bedingungen der Antisowjetismus weit verbreitet scheint"!

Von MSBlern kam also der Hinweis nicht, den der polnische Chef-Student schlechthin "schockierend" und als "Beleidigung der polnischen Nation" empfand: daß nämlich die ökonomische und politische Erpressung Polens durch westlichen Osthandel und NATO der Grund für die elende Lage der polnischen Bevölkerung ist. Der NZS-Chef vermochte demgegenüber nur "Großzügigkeit des Westens" zwecks "Hilfe für Polen aus der Krise heraus" zu entdecken und bewies so, daß sich auch bei der polnischen Intelligenz Nationalstolz mit vollständiger Weltfremdheit paart.

Polen - ein Vorbild nationaler Einheit

In Frankfurt wurden die Repräsentanten polnischer Intelligenz nicht nur an den Ort bundesdeutschen Geistesschaffens, sondern auch ins Gewerkschaftshaus geladen. Dort hatte sich zwar nicht die Bevölkerung, wohl aber einige ihrer Vertreter eingefunden. Diese konnten es in puncto intellektueller Überheblichkeit mit dem sonstigen studentischen Publikum lässig aufnehmen. So berichtete der ehemalige IG-Metall-Chefredakteur Jakob Moneta, kaum zurück von "einer mehrwöchigen Reise durch Polen", voll herablassenden Verständnisses, zwar könne man angesichts eigener Aufgeklärtheit die penetrante Gottesfürchtigkeit polnischer Arbeiter auf den ersten Blick für "beunruhigend" halten, andererseits seien eben für polnische Arbeiter solche "Ausdrucks- und Identifikationsmuster" gerade das Passende. Schließlich könne man der polnischen Kirche als Ausdruck langjähriger "Einheit der Bewegung" eine gewisse Hochachtung nicht versagen.

Dem Anlaß entsprechend griffen die Vertreter der unabhängigen Studentengewerkschaft das Stichwort "Einheit" auf und wußten "die Situation 1980" nicht nur als "günstig" für die Belange der Intelligenz darzutun, sondern auch umgekehrt dieselbe als eine entscheidende Triebkraft für das Gelingen des polnischen Arbeiteraufstandes hinzustellen: Waren die zahlreichen erfolglosen "Aufstände" in der Vergangenheit "von verschiedenen polnischen Gruppen organisiert gewesen" (z.B "1968 nur Intellektuelle und Studenten, 1970 nur Arbeiter..."), so sei die "neue Entwicklung seit 1976" schließlich dem "Zusammenschluß von Arbeitern, Bauern und Studenten" zu verdanken, die "im September 1980" darin ihren Höhepunkt erreichte, daß das "ganze Volk solidarisch gestreikt" hat.

Beim Publikum verhinderte die Begeisterung über ein solches Vorbild an nationaler Einheit über alle Klassengegensätze hinweg jeden Gedanken daran, was sich Arbeiter von einem "Bündnis" mit "unabhängigen Bauern" und einer demokratisch gesinnten Intelligenz schon anderes einhandeln können als steigende Lebensmittelpreise und "schöpferisch tätige" Betriebs- und Staatsführer. Wo es gegen "Fremdherrschaft", eine östliche zumal, gehen soll, da engagiert sich der undogmatische linksnationale Antikommunismus so sehr für die "Einheit des polnischen Volkes" gegen die Russen, daß er sich ganz ungefragt gegen die Gesellschaft eines F.J. Strauß abgrenzen muß (und zwar darüber, daß dieser hierzulande "für Aussperrung eintritt").

Das war noch nicht der Höhepunkt. Angesichts drohender "Fremdherrschaft" bildete das Publikum sich erstens die polnische "Volkssolidarität" beinahe als omnipotent ein und den russischen Bären als Papieitiger, um darüber zweitens die genau so eingebildete Wichtigkeit der eigenen "bedingungslosen Solidarität mit Polen" so weit zu steigern, daß bei einem sowjetischen Einmarsch "unsere (!) Pflicht zu intervenieren" herauskam. Ein starkes Stück: Da stellen diese guten linken Menschen sich ihre eigene Bedeutsamkeit so eindringlich vor, daß sie beim Wunsch nach Niedermachen der Sowjetunion landen, über dessen Modalitäten weder sie noch sonstwer aus "dem Volk" die Entscheidungen treffen!

Andere Linke haben auch das längst bedacht und, wie z.B. das SB, für sich die staatsmännisch weise Entscheidung getroffen, daß für "die Linke in Westdeutschland" "die territoriale Integrität der Volksrepublik Polen außer Frage steht"...

P.S.:

Daß die praktizierte nationale Politik gegenüber Polen und dem ganzen Ostblock es weiß Gott nicht nötig hat, auf die Ratschläge nationalistischer Spinner von links zu hören, bewies auf seine Weise ein anderer Gast aus Polen, der sich zur selben Zeit auf Einladung des "Instituts für vergleichende Systemforschung" an der Universität Marburg aufhielt. Der Ökonomie-Professor Jeszy Cleer aus Warschau erläuterte dort in einem Vortrag das regierungsamtliche "Reformprogramm der polnischen Wirtschaftsordnung" vom November 1980: "Planwirtschaft ja, aber mit Marktbeziehungen, Selbständigkeit und Selbstverwaltung in der Lohn- und Beschäftigungspolitik... Die Unternehmen sollen entlassen können... Rohstoffe, und Industrieprodukte sollen dem Druck der Weltmarktpreise ausgesetzt werden... Vielleicht macht das erforderlich, die Grenzen zu öffnen, die Währung konvertibel zu machen. " Zwar sollen "die Bindungen zum RGW erhalten bleiben; dies ist aber ein Problem, das noch gelöst werden muß." Der polnische Staat liebäugelt mittlerweile mit der Übernahme von allerhand Prinzipien kapitalistischen Wirtschaftens einschließlich hierzulande geläufiger Maßnahmen zur Verelendung der Bevölkerung sowie noch weitergehender Anpassung an die Gepflogenheiten des imperialistischen Weltmarkts. So weit ist der Ausverkauf Polens an den Westen gediehen, daß die Fortsetzung des Ost- resp. Westhandels als nachbarliche Hilfe dasteht und seine Unterbrechung für die westlichen Staaten ein Erpressungsmittel erster Güte geworden ist!