STROESSNER, WO IST DEIN MENGELE

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Dieser Artikel ist in der MSZ 4-1985 erschienen.
Systematik: 

STROESSNER, WO IST DEIN MENGELE

Zur Zeit geben sich alle politisch Sachverständigen große Mühe zur Erzeugung des Gerüchts, die BRD tue sich sehr schwer im Umgang mit Militärdiktatoren. Dabei sind 1. schon wirklich genug solche hier gewesen, und 2. macht es nun auch keinen allzu großen Unterschied, ob man sie bei sich zu Hause besucht, mit ihnen per Botschafter verkehrt oder ob sie hier aufkreuzen. Und es gibt auch am Verhältnis BRD/Paraguay nicht das geringste auszusetzen. Alles läuft prächtig, und es treffen keine Meldungen von dort ein, die die Stabilität des Regimes zweifelhaft und die Änderung der Regierungsformalitäten zweckmäßig erscheinen lassen könnten. Aber gerade deshalb läßt sich am bevorstehenden Staatsbesuch Stroessners so unbeschwert die Frage aufmachen, ob die weiße Weste der BRD drunter leidet oder umgekehrt.

SPD/CDU/FDP benützen die Gelegenheit, allesamt ihr feines Stilempfinden zu dokumentieren; im Rahmen ihrer PR-Kampagne, "wie sorgen wir in Lateinamerika überall für Demokratien", figuriert der alte Stroessner jetzt auf einmal als "einer der letzten Militärdiktatoren", und es tobt ein lebhafter Parteienstreit über die Frage, wer sich wann getraut hat, aber ganz schön unhöflich zu so einer Kreatur gewesen zu sein: Die SPD hat ihren Heinemann damals ganz einfach auf Reisen geschickt, Goppel hat ihn schier bloß in Bayern herumkutschiert, Genscher will jetzt wieder auf Reise gehen, Weizsäcker hat vor, den General unendlich zu tunken, indem er bloß seine Pfiicht tut, wenn er ihn empfängt, und Kohl erinnert an seinen wundervollen Einfall, das Sofa für den südafrikanischen Außenminister für die Presse rausräumen zu lassen.

So wird Stroessner dann empfangen, und ausgerechnet der Chef-Nazijäger Simon Wiesenthal hat dem Bundeskanzler dafür folgenden guten Grund genannt: Dann könnte man ihn viel besser nach Mengele fragen. So soll man das also jetzt sehen: Mindestens 3 Staaten, die USA, die BRD und Israel suchen Mengele und können und können ihn nicht finden. Gleichzeitig wird in "Monitor" ausführlich über die Nachkriegskarriere Mengeles berichtet: Unter Protektion der CIA erst in Argentinien, dann in Paraguay deponiert, dort als nützlicher Gehilfe der Generale eingebürgert, für den er einen Geheimdienst aufgezogen hat. Die deutsche Botschaft dort verfügt über die Einbürgerungsurkunde, hat sie für ihr Auslieferungsbegehren vorgelegt und sich mit der Auskunft zufriedengegeben, der dort aufgeführte Jose Mengele sei ein anderer. Gleichzeitig hätten alle Auslandsbotschafter nicht nur Mengele, sondern auch andere Ex-Nazis, z.B. Oberst Rudel, damals als Siemens-Vertreter in Paraguay tätig, bestens gekannt, weil sie sich allesamt in den höheren Kreisen bewegten. Der israelische Botschafter berichtet, sein damaliger Geheimdienstchef hätte eine Entführung Mengeles a la Eichmann abgelehnt, denn die Beziehungen zwischen Israel und Paraguay seien so großartig, daß man den alten Stroessner nicht mit einer solchen Aktion verärgern wolle.

Aber jetzt ist auf einmal wieder "Mengele-Suchen" auf der Tagesordnung. Und was ist, wenn Stroessner hier ist und wieder nicht weiß, wo er ist? Die letzte amtliche Auskunft aus Paraguay von Anfang März heißt "nicht mehr in Paraguay". Eigentlich sollte der 72jährige Mengele sich noch ein letztes Mal seinen diversen Auftraggebern gegenüber dankbar zeigen und absterben. Dann braucht Stroessner sich nicht immer blöd fragen zu lassen, die CIA sich nicht mehr von einheimischen Saubermännern nachsagen zu lassen, Nazi-Verbrecher zu decken, die BRD nicht, daß sie nicht energisch genug sucht, und zwischen Israel und seinen ausländischen Generalsfreunden stehen auch keine solchen Schandflecke mehr herum.