STAMMTISCHGESINNUNG IN FÜHRENDER POLITISCHER STELLUNG

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Dieser Artikel ist in der MSZ 10-1984 erschienen.
Systematik: 

Bonner Charaktere: Dr. Alfred Dregger
STAMMTISCHGESINNUNG IN FÜHRENDER POLITISCHER STELLUNG

Vor kurzem ist Alfred Dregger ins Gerede gekommen. Dabei hat er nur offen und deutlich gesagt, was seine Freunde im Regierungslager im Grunde genauso sehen: Die Bundesrepublik ist doch nicht auf den Besuch Honeckers angewiesen. Also nicht zu viel Ehre für den Statthalter "unseres" zweiten deutschen Staates. So ein Besuch ist "nur Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck". Deshalb hat ihm der gezielte Gebrauch der demokratischen Meinungsfreiheit keine Rüffel und auch keinen Schaden eingebracht. Die Christdemokraten wissen schon, was sie an dem strammen Patrioten haben, der seine Führernatur nicht zu verbergen sucht und dessen Intelligenz alle Register des gesunden Volksbewußtseins umfaßt.

Stammtischfaschismus ist ein Charakterzug dieses Menschen, der betont männlich-soldatisch auftritt. Er sagt nämlich von sich, daß er "sagt, was er denkt" und sich "nicht anpaßt". Wie Ekel Alfred gibt er ehrlich zu, daß mit behelmten Demonstranten, Vorlesungsstörern, Hausbesetzern und anderem extremistischen Schweinskram nur eins zu machen sei, kurzer Prozeß. Die Sozis haben für Dregger unübersehbar gefährliche Krankheitskeime in der vormals sauberen Ordnung wuchern lassen:

"Erinnern wir uns: In der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Kriege war man in Deutschland opferbereit. Man tat seine Pflicht, man gebrauchte seine Freiheit in Verantwortung und besaß eine Vorstellung dauon, wie die Kinder erzogen, zu tüchtigen Menschen und - ohne daß man sich dessen bewußt war - damit zugleich auch zu tüchtigen Staatsbürgern gemacht werden konnten. Das blieb nicht so."

Ein solch erwünschtes Volk von strammen Untertanen hält sich natürlich von ausländischen Massen frei. Alfred Dregger hat nichts gegen Ausländer ("...beachten wir nicht nur die berechtigten Interessen der Ausländer..."), er mag sie nur nicht, zumal wenn sie zu viele werden aufgrund ihrer bekannten karnickelähnlichen Werfgewohnheiten und sonstiger hinterhältigen Erschleichung von Vorteilen ("steigt ihre Zahl weiter auf Grund von Geburtenhäufigkeit, Familiennachzug, Mißbrauch des Asylrechts und aus anderen Gründen"). Weiß man - Dregger - nicht, daß die Türken schon wegen ihrer Religion nicht zu uns passen, die zudem anderen Religionen Rechte vorenthält! Und überhaupt stelle man sich den ungesunden Mischmasch vor:

"Im übrigen setzt die Vorstellung einer Einheitsgesellschaft, in der alle Kulturen, Religionen und Nationen eliminiert sind, einen Weltstaat mit Einheitsziuilisation voraus, eine gräßliche Vorstellung.

Solange es diesen Weltstaat nicht gibt, werden sogenannte reiche Länder mit geringem Selbstbehauptungswillen eine magische Anziehungskraft auf Menschen mit ärmeren Ländern ausuben."

Gut gesponnen, auf einfach faschistisch. Die saubere deutsche Stube mit Türk, Jugo, Spaghetti, gar noch einem Neger voll, igitt. Da müssen "wir" schon Stärke zeigen, um nicht von den bekannt niederen Trieben der armen Menschen vergewaltigt zu werden. Auch noch in anderer Hinsicht ist dieser starke Selbstbehauptungswille Deutschlands stark gefragt. Die Sache mit dem Kriegsergebnis bleibt einfach eine Schande. Alfred Dregger hat seine östliche Dolchstoßlegende - dann haut er auf den Tisch.

"Die Westverschiebung Polens zu Lasten Deutschlands hatte aus der Sicht der Sowjetunion den Sinn, ewige Feindschaft zwischen Deutschland und Polen zu begründen" (nach der langen Freundschaft vorher), "um die beiden besser beherrschen zu können.

Meine Damen und Herren, diese Rechnung Stalins darf und wird nicht aufgehen."

Der Politiker - Spiegelhild der gemeinen Gesinnung

Freilich ist Alfred Dregger nicht einfach nur Ekel Alfred - sonst wäre er nie Oberbürgermeister von Fulda, fast Minsterpräsident von Hessen und Fraktionsvorsitzender der C-Parteien geworden. Also ist er, der an seine spezielle Sendung und Begabung für die Höhen der Herrschaft glaubt, pflegt er natürlich das ideale Spiegelbild des braven Stammtischbruders: die geborene Führernatur. Eine solche in Gestalt von Dregger zeigt, daß sie - dem demokratischen Angebot von Bräunungsstudios und Jacketkronen entnommen - männliches Holz vor der Tür hat. Da nun einmal der mißliche Umstand nicht zu umgehen ist, daß unter demokratischen Verhältnissen begnadete Führer nicht von selbst auf den Thron hochgeschossen werden, sondern für ihre vorherbestimmte Aufgabe von ein paar Kreuzen mehr abhängen, hat Dregger erkannt, was deutsche Frauen und Männer mögen. Der Exhibitionismus des "Durchsetzers", der "klares Profil" zeigt und dynamisch-aktiv zupackt, fällt dem demokratischen Führer nicht schwer. Aber auch die notwendige Selbstbeherrschung versteht er. Wenn seine Wahlstrategen es für opportun halten, mimt er auch mal den liberalen zukünftigen Landesvater - wie 1974 in Hessen. Ja wenn es seinem guten Zweck dient! Ein Politiker muß eben souverän mit allem, was er hat, umgehen können und den demokratischen Opportunismus beherrschen. Der darf doch nicht einfach nach dem 11. Bier "Deutschland, Deutschland über alles... Iwan - ratzeputz..." brüllen. Diese volkstümliche Tour beherrscht der Dregger im demokratischen Gewand.

"Unsere jungen Soldaten stehen für den Frieden und für die Freiheit unserer Republik, die ein Modell für Gesamtdeutschland ist...

in Festigkeit unsere freiheitliche Verfassung zu behaupten und auszubauen und sie als ein Angebot humaner Staatlichkeit an diejenigen zu betrachten, die noch von ihr ausgeschlossen sind...

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß wir auch mit dem großen russischen Volk und den anderen Völkern der Sowjetunion schrittweise ein Vertrauensverhältnis zurückgewinnen können, das vor den beiden (!!) Weltkriegen bestanden hat."

"Nur ein menschenverachtender Imperialist kann diese selbstverständliche sittliche Haltung als Revanchismus denunzieren."

Ekel Alfred in der Stehkneipe um die Ecke muß da natürlich glänzende Augen kriegen, wie sein Führerideal mit den blauen Augen seine geheimen Wünsche noch übertrifft. Das kann nur ein Gebildeter wie Dregger, dasselbe so raffiniert und schön zum Ausdruck bringen:

"Wir sollten es (das Erbe unserer deutschen Nation) erneuern, damit sich unsere Nation als Kultur- und Willensgemeinschaft im Sandsturm der Geschichte behaupten kann." Schließlich und nicht zuletzt beweist der Politiker Alfred seine Erhabenheit über den gemeinen Faschismus des Volkes, worauf er setzt, durch Gewohnheiten, die schon in der Volksweisheit von den Politikern, die sich sowieso alles erlauben, ihre Anerkennung findet. Clever, wie die glänzende Führernatur im realen Demokratismus nun mal ist, hat er selbstverständlich Parteispenden - ohne sich noch an Genaues zu erinnern - an seine gemeinnützige Partei weitergeleitet und die dann unumgängliche Schmiergeldamnestie mit eingeleitet. Als die Sache dann nicht so lief wie vorgesehen, da hat der Dregger dann bewiesen, wieso Ekel Alfred als politischer Führer unter demokratischen Verhältnissen die ganze Charaktermaske seines Typs ausmachen. Dregger im radikaldemokratischen Dreisatz:

a) "Entschuldigen Sie mal! Das Recht gilt für alle Bürger dieser Republik. Ich bin nicht bereit, die Republik in Politiker und andere einzu teilen."

b) "Es gibt genug Leute in dieser Republik, die die Wohltaten unserer freiheitlichen Demokratie konsumieren, ohne überhaupt irgendetwas für sie zu tun."

c) "Ich weise diese Unterstellung -...- auf das schärfste zurück, auf das schärfste. Wir sind frei gewählte Abgeordnete des deutschen Volkes. Wir sind das höchste Organ der Republik. Wir sind die Gewählten, die anderen sind die Ernannten und Berufenen. Wir haben uns allein nach den Interessen des deutschen Volkes zu richten. Das ist für mich der einzige Maßstab."

PS: Daß der Mittsechziger, rüstig wie er sein will, trotzdem heutzutage ein wenig verknittert, vielleicht sogar resignativ versoffen aussieht, liegt nicht an Alter und Alkohol. Nein, die stolze Führertype hat mehr sein, werden mögen. Und immer war einer vor ihm dran: für den Kanzler ausgerechnet der Kohl, für den Verteidigungsminister ausgerechnet der Wörner... Scheiß Demokratie, nicht wahr, Herr Dregger!