STALIN - WER WAR DAS?

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Dieser Artikel ist in der MSZ 12-1987 erschienen.
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STALIN - WER WAR DAS?

Er hat für einen "stürmischen industriellen Fortschritt" im revolutionären Sowjetrußland gesorgt und dessen Landwirtschaft total umgekrempelt. Er hat die Rote Armee zum Sieg über den deutschen Imperialismus kommandiert und den sog. "Ostblock" geschmiedet. Dabei hat er die Bauern schlecht behandelt, die Intelligenzler drangsaliert und mörderisch unter den Kadern seiner Partei gewütet, unter Mißachtung aller Grundsätze der "sozialistischen Gesetzlichkeit" und der "kollektiven Führung". Das steht fest; da gibt es nichts zu bezweifeln und nichts mehr zu "entlarven".

Richtige Urteile über den Mann und seine Leistung sind diese Feststellungen trotzdem nicht. "Industrialisierung" ist ebensowenig der Begriff des Stalinschen Aufbauwerks in Rußland wie "Wirtschaftswunder" der Erhardschen Wirtschaftspolitik in der BRD. Daß Stalins Truppen Berlin erobert haben, sagt noch gar nichts darüber, welche Sache da gesiegt hat - und ob überhaupt. Und der Vorwurf des Verbrechens an Stalins Regierungsstil erklärt diesen genausowenig wie eine Kriegserklärung den Krieg, ganz gleich, ob dieser Vorwurf als Auftakt zu geschichtsphilosophischen oder rassistischen Erwägungen demokratischer Köpfe über die tiefere Notwendigkeit jener "Untaten" gemeint ist, oder ob Stalins Nachfolger damit die "Vergangenheit bewältigen", als hätten sie's bei Kohl gelernt.

Stalin, der Vater des sowjetischen Wirtschaftswunders oder: Von der antikapitalistischen Revolution zur "sozialistischen Ökonomik"

Den Entschluß, die "Privatproduktion" auf dem Lande zu bekämpfen und in kürzester Zeit den Aufbau einer umfangreichen Schwer- und Maschinenbauindustrie durchzuziehen, hat Stalin gegenüber seiner Partei und vor dem Volk mit der "Theorie" verfochten, es gelte, den "Sozialismus in einem Lande" - eben im revolutionären Sowjetland - aufzubauen. Wo auch sonst - nachdem kommunistische Umsturzversuche in Ungarn, Deutschland und anderen Staaten gescheitert waren. Warum auch nicht - wo doch die bolschewistische Partei nach Revolution und siegreich beendeten Bürger- und Interventionskriegen Land und Leute des früheren Zarenreiches unter Kontrolle hatte. Dort sozialistische Verhältnisse zu schaffen, war ja wohl der Zweck der revolutionären Kraftanstrengung!

Genau das war aber offenbar gar nicht so eindeutig. Daß Stalin dieses Programm grundsätzlich zu begründen für nötig fand und in seiner Partei gegen Widerstände von allen Seiten durchsetzen mußte, spiegelt einen seltsamen Widerspruch im Selbstverständnis und in der Politik dieses siegreichen revolutionären Vereins wider. Die Bolschewiki hatten wahrhaftig nicht bloß "die Macht ergriffen", sondern eine ganz neue Gewalt - die der von ihnen beherrschten Räte (= "Sowjets") - an Stelle der alten Staatsmacht und der von dieser in Kraft gesetzen Macht des Eigentums errichtet; sie hatten die in Kapital und Grundbesitz realisierte Privatgewalt über die gesellschaftliche Arbeit gebrochen und die Freiheit geschaffen, die Produktion vernünftig zu planen. Diese Freiheit hatten sie sich auch weder durch Mitläufer und Gegner abkaufen lassen, die bloß im Rahmen bürgerlicher - Verhältnisse ein bißchen Fortschritt herbeireformieren wollten, noch durch das Unverständnis der zahlenstärksten produktiven Klasse, der von ihnen erst zu selbständigen Privatbauern gemachten Landbevölkerung, gegenüber sozialistischen "Experimenten". Ihren Willen zu einer Revolution ohne Kompromisse hatten sie jedoch nicht zuletzt aus der Vorstellung eines letztlich ohnehin nicht aufzuhaltenden Geschichtslaufs geschöpft, der jede Gesellschaft aus einem "Entwicklungsstadium" ins nächstfolgende hinüberstieße. Und im Rahmen dieser Geschichtsteleologie war für Rußland der Sozialismus noch gar nicht an der Reihe, weil der Kapitalismus, die Herrichtung von Land und Leuten zu Werkzeugen des Geschäfts, dort erst am Anfang stand. Allen Ernstes arbeiteten sie sich an der Frage ab, was für eine Revolution bei ihnen überhaupt "auf der Tagesordnung" stände; und sie kamen zu dem Schluß, zu sehr viel mehr als einer "bürgerlichen" wie 1789 in Frankreich reichte es nicht bzw. nur unter der Bedingung, daß die richtige proletarische Revolution in den Ländern, wo sie "fällig" wäre, bald stattfände und das rückständige Rußland gleich mit in den Sozialismus hinüberziehen würde. Dieser grundsätzliche Vorbehalt dem eigenen Vorhaben gegenüber wurde den Bolschewiki dann zwar doch nicht zum Problem, als sie sich entschieden hatten, die Revolution zu machen. Und als Geburtshelfer der bürgerlichen Freiheiten des großen Geldes wollten sie sich nie betätigen. Zum umstandslosen Aufbau sozialistischer Produktionsverhältnisse - "in einem Land" - fühlten sie sich allerdings auch nicht so recht berufen.

Die erste Verlaufsform dieses Widerspruchs war die 1920 eingeführte "Neue Ökonomische Politik", die die Lebensmittelversorgung der Städte ebenso wie die Deckung des Bedarfs an industriellen Konsumgütern sowie der Landwirtschaft an Produktionsmitteln weitgehend privater Geschäftstätigkeit beantwortete. Diese Politik war einerseits aus Not geboren, die Ernährung der Leute zu sichern; und soweit das die Altenative ist, rechtfertigt die Rettung der Leute natürlich jede Vertagung politischer Programmpunkte. Freilich war die Not nicht einfach da, sondern durch die Weigerung der recht selbständigen Bauern geschaffen, ihr Getreide wie in Kriegszeiten abzuliefern - die Bolschewiki konnten das als Quittung für die gar nicht sozialistische "Bauernbefreiung" verbuchen, die die Revolution dem Land gebracht hatte. Mangel herrschte auch auf Seiten der proletarischen Staatsgewalt, die den Bauern keine materiellen Angebote machen konnte, die den puren Ablieferungszwang hätten ablösen können; allerdings war auch das keine naturwüchsige Not: Immerhin stand eine ganze Klasse von gut ausgestatteten Nothelfern bereit, um sich am staatlich freigegebenen kapitalistischen Handel und Wandel zu bereichern.

Daß sie dieser Mannschaft ebenso wie einer geschäftstüchtigen Minderheit unter den Bauern Freiheiten gewähren mußten, bedauerten die Bolschewiki als Rückschritt und gegen das eigentliche Programm eingegangenen Kompromiß. Unter den höheren Gesichtspunkten des Geschichtsverlaufs fanden sie dieses Zurückweichen andererseits aber ganz in Ordnung. Sie interpretierten es als Einsicht in die Notwendigkeit, erst einmal mit kapitalistischen Mitteln die Nation "voranzubringen". Durch diesen "Staatskapitalismus" sollten die Kommunisten lernen, wie man Handel treibt, kaufmännisch rechnet, rentabel produziert, kurzum: "Wirtschaft macht" - um darin die zu neuem Leben erweckten Geschäftemacher eines Tages überflüssig zu machen und zu "beerben"; das wäre dann des Sozialismus nächste "Entwicklungsstufe".

Insofern war die "Neue Ökonomische Politik" einerseits durchaus schon ein Programm für den Aufbau des "Sozialismus in einem Lande". Und jenseits ihres Charakters bzw. ihrer Selbstdarstellung als Kompromiß- und Notprogramm gibt sie durchaus an, was die bolschewistische Partei unter dem "Sozialismus" verstand, der den Übergang zu den idealeren Formen des Kommunismus ermöglichen sollte: einen Kapitalismus, in dem Staatsbetriebe den privaten Geschäftemacher in seiner Versorgungsfunktion ersetzen sollten und die Preise staatlich so festgelegt wären, daß sie die Versorgung der Massen nicht gefährdeten. Sehr wenig "antagonistischer" Gegensatz gegen die kapitalistische Produktionsweise steckte in diesem Projekt; statt dessen viel Hochachtung vor den Versorgungsleistungen, die unter dem Regime der Profitsucht zustandekämen, wenn man diese bloß richtig kontrollierte, sowie eine seltsame Sicherheit, daß der Profit sich durch solche Kontrolle proletarisch nützlich machen ließe - seltsam, weil diese Sicherheit der Einsicht in die Notwendigkeit einer revolutionären Abschaffung des kapitalistischen Eigentums und seiner ökonomischen" Sachzänge" schon ein wenig widersprach. Damit entsprach dieses Bild von "Sozialismus" andererseits genau dem Selbstbewußtsein der Bolschewiki, eine noch gar nicht recht proletarische Revolution vollbracht zu haben, die nur als Auftakt zur Weltrevolution Bestand haben und ein unwiderruflicher Schritt in Richtung Kommunismus sein könne. Einen "Rückfall" in die womöglich nicht mehr zu beschränkende Herrschaft des kapitalistischen Eigentums hielten sie nie für ausgeschlossen; um so weniger, je kräftiger sich auf dem Boden der "Neuen Ökonomischen Politik" (NÖP) die lizenzierte Geschäftswelt tummelte.

Stalins Entscheidung, den "Sozialismus in einem Land" zum politischen Vorhaben zu erklären, verstand sich insoweit tatsächlich nicht von selbst. Immerhin verwarf er damit die geschichtsteleologische Parteidokrin, derzufolge man bestenfalls einen geregelten Staatskapitalismus auf die "Tagesordnung" setzen konnte. Die inhaltliche Bestimmung dieses "Übergangs" verwarf er allerdings überhaupt nicht - was wiederum schlecht zur Freiheit seines Aufbaubeschlusses paßt: Wenn schon "Blut, Schweiß und Tränen" anstanden wären sie auch gleich anders besser angewandt gewesen. So erklärte Stalin das was Lenin seinen kommunistischen Haudegen als "Lehrzeit" in Sachen "Ökonomik" ans Herz gelegt hatte, nach acht Jahren für beendet; und zwar nicht deswegen, weil die sozialistischen Betriebe und der sozialistische Handel die kapitalistische Konkurrenz verdrängt hätten, sondern aus dem entgegengesetzten Grund. Die wachsende Abhängigkeit der elementaren Versorgung des Proletariats von Geschäftemachern und privatem Bauerntum wurde zur Gefahr für die städtischen Massen und für ihren Staat; die ebenfalls wachsende Abhängigkeit der dem Staat verfügbaren Finanzen vom Geschäftserfolg der "NÖP-Leute" und den Überschüssen der Privatbauern hemmte den Fortschritt des Staatssektors im Wirtschaftsleben. Also begeisterte Stalin seine immerhin ja noch herrschende Partei dafür, sich auf ihre Gewalt über die Ökonomie zu besinnen und, ohne die allmählichen Konkurrenzerfolge der Staatswirtschaft abzuwarten, die Privatmacht des Geldes aufzuheben, das kapitalistische Geschäftsleben durch ein kommunistisches Kaufmannswesen zu ersetzen und den Aufbau der Staatsindustrie von den Schranken der staatlichen Steuereinnahmen zu befreien. Insofern machte er ernst mit der Befreiung der Gesellschaft von den ökonomischen Sachzwängen des Kapitals, welche die Oktoberrevolution eigentlich erkämpft hatte.

Um so auffälliger, daß diese Freiheit andererseits überhaupt nicht der Standpunkt war, von dem aus Stalin an seinen "Sozialismus in einem Land" heranging. Als treuer Schüler der in der "Neuen Ökonomischen Politik" enthaltenen sozialistischen Programmatik hielt er es für ausgemacht, daß "Sozialismus" für die revolutionäre Sowjetmacht nichts anderes bedeuten könne als die Aufgabe, von Staats wegen alle Leistungen des Kapitals in Sachen Versorgung und Entwicklung herzustellen ohne Behinderung des Fortschritts durchs private Eigentum! Er definierte sein Vorhaben als Realisierung der historischen Aufgabe, nicht mehr und nicht weniger als die Akkumulation von Reichtum und Produktivkräften nach dem Beispiel der Kapitalisten, aber ohne diese Figuren zustandezubringen.

So nutzte Stalin die Freiheit der revolutionären Gewalt, die sich alle gesellschaftlichen Verhältnisse verfügbar gemacht hatte, zur Enteignung der Geschäftemacher und der Bauern und zum Kommando über die Arbeiter, die unter den Bedingungen der "Neuen Ökonomischen Politik" zum großen Teil gar keine Arbeit gefunden hatten. Der Aufbauplan jedoch, den das Kommando der Partei ins Werk setzte, beruhte nur ganz im allgemeinen auf der Vorstellung, daß große landwirtschaftliche Güter produktiver sein müßten als viele kleine Höfe und daß ein fortschrittliches Land als erstes eine Industrie zur Produktion von Industrieeinrichtungen brauche. Daraus einen schlüssigen Bedarfsplan zu entwickeln, die optimale Teilung und Verteilung der notwendigen Arbeit zu errechnen und darüber eine gesamtgesellschaftliche Kooperation aufzuziehen: Das war nicht die Aufgabe, die Stalin seiner obersten Planungsbehörde stellte. Gosplan hatte mit verfügbaren Finanzmitteln zu rechnen, versuchte sich in einer "Globalsteuerung" per Anweisung von Finanzmitteln an die Betriebe und per Preisgestaltung und lud damit den einzelnen (Groß-)Betrieben die Aufgabe auf, mit den verfügbar gemachten- Geldern ein Gewerbe aufzuziehen, in dem dann Technik und Bedienungsmannschaften, Rohstoffnachschub und Betriebsmittel sachlich zusammenstimmen mußten. Daß die Betriebe einander zuarbeiten sollten und für den Unterhalt der Arbeiter auch das Nötige bereitstand, war zwar im Prinzip auch vorgeschrieben und geplant, in der tatsächlichen Durchführung aber Sache der betrieblichen "Eigeninitiative" und der Einteilung und Verwendung ihrer zugewiesenen bzw. aus dem Güterverkauf zu erlösenden Gelder. Dabei stand die Geldverwendung jedoch vor allem unter dem Diktat einer "wirtschaftlichen Rechnungsführung", also der Vorschrift, aus der Produktion und dem Verkauf zu den staatlich administrierten Preisen einen laufenden Überschuß an abzuliefernden Finanzmitteln herauszuwirtschaften. Es wurde, erstmals im großen Stil, der Widerspruch wahrgemacht, mit Geld zu planen; gerade so, als wäre ein zugewiesener Fonds an schönen neuen "roten" Rubeln schon dasselbe wie die Produktionsmittel, die ein Betrieb sich damit beschaffen sollte; als wären Produktionsmittel und Arbeitskräfte schon dasselbe wie Verkaufserlöse, aus denen sich betriebliche wie staatliche Fonds wie von selbst erneuern und ausweiten müßten; und als müßte sich der von Gosplan projektierte und staatlich befohlene arbeitsteilige Gesamtzusammenhang der gesellschaftlichen Produktion über Geldgrößen und den Zwang zu Gewinnerwirtschaftung ganz automatisch herstellen.

Das tatsächliche Ergebnis war eine gigantische Aufbauleistung, die durch die "Planung" mit Finanzmassen statt it den richtigen Gebrauchswerten an sämtlichen Nahtstellen zwischen Betrieben und Branchen durch Mangel behindert wurde und nur deswegen zustandekam, weil es einen kostenmäßig höchst flexiblen Produktionsfaktor gab, über den die vorgeschriebene "Rechnungsführung" trotz allem immer wieder dazu gebracht werden konnte aufzugehen: die Arbeitskraft und ihre Entlohnung. Die dereinstigen Nutznießer des Aufbauwerks wurden zuerst einmal zu dessen Lückenbüßern, und das keineswegs auf freiwilliger Basis. Ein System von Prämien und Strafe - bis hin zu unbezahlter Zwangsarbeit - machte den sozialistischen Betrieben Arbeit in der Form verfügbar, wie sie das zur Erfüllung der vorgegebenen Finanz- und Produktionspläne brauchten: als Kompensationsmittel für fehlende Produktionsmittel einerseits, als flexible Restgröße in der "ökonomischen" Kalkulation andererseits.

Es gehört zum eisernen Vorrat an antikommunistischen Beweisführungen, die Härten des von Stalin herbeikommandierten Wirtschaftsaufbaus als notwendige Folgen eines typisch planwirtschaftlichen "Voluntarismus" zu geißeln; wohlwollender volkswirtschaftlicher Sachverstand pflegt anschließend das Kompliment nachzureichen, immerhin hätte Rußland so dann doch die "ursprüngliche Akkumulation" mit ihren unumgänglichen Entbehrungen nachgeholt. Beides ist ein Hohn.

Die Brutalitäten der Stalinschen Kommandowinschaft gehen restlos darauf zurück, daß die "Sprache" des Kommandos das Geld war. Damit wurde an sämtlichen materiellen technischen Erfordernissen einer schlüssigen Arbeitsteilung entschlossen und unverrückbar vorbei "geplant"; damit war die Arbeitskraft von vornherein als diejenige Größe festgelegt, auf deren Kosten diese "Planung" dann doch irgendwie im Sinne der Gewinnvorschriften aufging; damit wurde konsequenterweise das Maß an Terrorisierung der Arbeitskräfte nötig, das die heuchlerischen Freunde einer kapitalistischen Ausbeutung Stalin so freudig erregt vorwerfen. Der Musterfall antikommunistischer Hetze wg. Stalin, die Kollektivierung der Landwirtschaft unter dem Druck der Sowjetmacht, offenbart genau diesen "marktwinschaftlichen" Geburtsfehler des "Sozialismus in einem Lande" sehr deutlich: Es wurde gerade keine Integration der Bauern in eine technisch und güterwirtchaftlich durchgeplante neue Arbeitsteilung - im ganzen wie "vor Ort" - organisiert; statt dessen herrschte das "Vertrauen", die Konzentration der paar für die Landwirtschaft flüssig gemachten Finanzmittel auf die sozialistischen Großgüter würde dort schon ihr Werk tun. Natürlich geschah das nicht; ein extremeres Gegenteil zu einem technisch zweckmäßigen Aufbau agrarischer Großproduktion war kaum herzukriegen; da halfen auch die staatlichen Traktorstationen nur bedingt weiter. So blieb die rein negative Seite des sozialistischen Aufbaus, die Enteignung, als einziger "Hebel" übrig - und unwirksam, weil Erpressung mit Not eine denkbar schlechte Produktivkraft ist und bei den hartgesottenen russischen Muschiks schon gleich nicht verfing.

Wenn also etwas an dem von Stalin befohlenen sozialistischen Aufbau den Vorwurf des "Voluntarismus" verdient, dann ganz sicher nicht der Entschluß als solcher, eine Industrie und eine quasi-industrielle Landwirtschaft "aus dem Boden zu stampfen"; erst recht nicht die darin eingeschlossene Entscheidung, dafür nicht auf ausländische Kredit "Hilfe" zu warten; und auch nicht der Standpunkt "Kommunisten ist alles möglich!", mit dem damals ganze Mannschaften von agitienen Arbeitern begeistert in die "Aufbauschlacht" gezogen sind - das war allemal noch ein Echo des revolutionären Sieges über die "Sachzwänge", denen Geld und Geschäft die produktive Arbeit unterwerfen. "Voluntaristisch" im schlechtesten Sinn war Stalins stillschweigende Voraussetzung - an der seine Partei nie gezweifelt hat! -, das obrigkeitliche Herumwirtschaften mit Finanzmassen nach Kenngrößen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung - die, Ehre, wem Ehre gebührt, die Fachleute von Gosplan schon vor und detaillierter als Keynes zusammenkonstruiert hatten! - wäre der angemessene Weg, einen in sich zusammenhängenden Aufbau der Produktion herbeizuzaubern. "Voluntaristisch" und kein bißchen marxistisch war das Setzen ausgerechnet auf den Tauschwert und seine "Gesetze" als unfehlbare Wegbereiter einer Gebrauchswertproduktion und -versorgung, die keine Wünsche offenließe.

Die Ironie des fachkundigen bürgerlichen Vorwurfs liegt im übrigen darin, daß kein anderer als Stalin selbst den Vorwurf des "Voluntarismus" aufgebracht und sein Projekt dagegen als ein Vorhaben gerechtfertigt hat, das nach sämtlichen Regeln der ökonomischen Kunst in Ordnung ginge; und zwar ausgerechnet wegen des darin gewahrten Respekts vor den vom Kapitalismus gelernten Kriterien der Rentabilität. Den Standpunkt der revolutionären Freiheit bei der Schaffung von Produktionsverhältnissen hat dieser seltsame Kommunist nach Kräften dementiert; und zwar so, wie er es gelernt hatte: in Form allgemeiner philosophischer Abwägungen zu dem Problem, ob sozialistisches Wirtschaften überhaupt und grundsätzlich als Vollzug vorgegebener objektiver Gesetzmäßigkeiten aufzufassen sei. Stalins Antwort ist ein uferloses Ja, und seine Begründungen sind danach.

"Die Gesetze der politischen Ökonomie im Sozialismus sind somit objektive Gesetze, die die Gesetzmäßigkeit der sich unabhängig von unserem Willen vollziehenden Prozesse des ökonomischen Lebens widerspiegeln. Wer diesen Leitsatz verneint, verneint im Grunde genommen die Wissenschaft, wer aber die Wissenschaft verneint, verneint damit auch die Möglichkeit jeglicher Voraussicht - verneint folglich die Möglichkeit, das wirtschaftliche Leben zu leiten." (aus: Bemerkungen zu ökonomischen Fragen, die mit der Novemberrevolution 1951 zusammenhängen).

Was Marx und Engels am Kapitalismus kritisiert haben: die scheinbare Dinglichkeit der in der Produktion eingegangenen gesellschaftlichen Verhältnisse, die der Ausbeutung den Charakter eines sachlichen Erfordernisses verleiht - genau das erhebt Stalin zur letzten Wahrheit auch über die Produktionsweise, die er selbst mit seinem machtvollen Kommando über Arbeiter, Bauern und Eigentum ins Werk gesetzt hat. Welche Gesetze da "hinter dem Rücken" sogar der revolutionären Partei walten sollen und ihrer "wissenschaftlichen" Entschlüsselung harren, ist neben diesem "Leitsatz" eher gleichgültig. Ein Hauptgesetz soll jedenfalls "die unbedingte Übereinstimmung der Produktionsverhältnisse mit dem Charakter der Produktivkräfte" zum Inhalt haben - was nun überhaupt keinen ökonomischen Inhalt hat, sondern in einer scholastischen Formel das Prinzip des bolschewistischen Glaubens zusammenfaßt mit dem eigenen umstürzlerischen Programm nur einen geschichtlichen Sachzwang zu exekutieren. Geradezu methodisch wird mit der Formulierung dieses Pseudogesetzes der Wille verlautbart, die eigene Kommandotätigkeit als Quasi-Naturnotwendigkeit auszugeben, und zwar gerade in all den Hinsichten, wo sie jedes Bemühen um eine zweckmäßige Systematik des Produzierens vermissen läßt. Unterhalb dieses "Grundgesetzes" feiert dann insbesondere "das Wertgesetz" des Kapitalismus samt einer Theorie, die den Wert der Ware Arbeitskraft in den Rang eines energetisch definierten Existenzminimums zurückstuft, seine Wiederauferstehung - fast so, als hätte da der Sachverstand bürgerlicher Volkswirte seine elementaren Dogmen über korrektes Wirtschaften zu Protokoll gegeben:

"Es ist so, daß die Konsumgüter, die für die Deckung des Aufwands an Arbeitskraft (steht so da!) im Produktionsprozeß notwendig sind, bei uns als Waren erzeugt und realisiert werden, die der Wirkung des Wertgesetzes unterliegen. Hier gerade zeigt sich die Einwirkung des Wertgesetzes auf die Produktion. Im Zusammenhang damit haben in unseren Betrieben solche Fragen wie die wirtschaftliche Rechnungsführung und die Rentabilität, die Selbstkosten, die Preise und dergleichen aktuelle Bedeutung. Darum können und dürfen unsere Betriebe das Wertgesetz nicht außer acht lassen.

Ist das gut? Es ist nicht schlecht. Bei unseren gegenwärtigen Verhältnissen ist es tatsächlich nicht schlecht, da dieser Umstand unsere Wirtschaftler im Geiste der rationellen Betriebsführung erzieht und sie zur Disziplin anhält. (...) Schlimm ist nicht, daß das Wertgesetz bei uns auf die Produktion einwirkt. Schlimm ist, daß unsere Wirtschaftler und Planer, mit wenigen Ausnahmen, die Wirkungen des Wertgesetzes schlecht kennen, sie nicht studieren, und es nicht verstehen, sie in ihren Berechnungen zu berücksichtigen. Daraus erklärt sich dann auch das Durcheinander, das bei uns immer noch in der Frage der Preispolitik herrscht." (a.a.O.)

Lenin wollte seine Kader noch bei wirklichen Kapitalisten in die Lehre schicken. Stalin hatte die Kapitalisten abgeschafft - und wollte seine Planer gleich "das Wertgesetz" höchstpersönlich studieren lassen; gerade so, als hätte dieser Zwangszusammenhang des Austauschs der Ergebnisse kapitalistischer Privatproduktion, Inbegriff gesellschaftlicher Arbeitsteilung ohne Plan, seine Gültigkeit nicht bloß behalten, sondern erst durch die Abschaffung der Konkurrenz die Chance zu voller Entfaltung erhalten. Der kleine Widerspruch zwischen "wirken" und "berücksichtigen" erweist "das Wertgesetz" als einen programmatisch selbstgeschaffenen Fetisch der "sozialistischen Ökonomik" und gerade so wollte Stalin es haben. So hinter dem Rücken" wollte er die Rentabilität - und das bei staatlich festgelegten Preisen, die natürlich immer ein gewaltiges "Durcheinander" im betrieblichen wie gesamtgesellschaftlichen Produktionswesen hervorrufen müssen - zum obersten Imperativ einer "rationellen Betriebsführung" machen. Im Geiste dieser "Rationalität" polemisierte er Zeit seines Lebens gegen die letzten in dieser Frage noch bei Trost gebliebenen Genossen:

"Er (Genosse Jaroschenko) erklärt glattweg, daß in seiner politischen Ökonomie des Sozialismus, die Streitereien über die Rolle dieser oder jener Kategorie der politischen Ökonomie des Sozialismus, wie Wert, Ware, Geld, Kredit usw., die bei uns häufig scholastischen Charakter annehmen, durch vernünftige Überlegungen über eine rationelle Organisation der Produktivkräfte in der gesellschaftlichen Produktion, durch die wissenschaftliche Begründung einer solchen Organisation ersetzt werden."

Gegen solche erfrischenden Vorschläge, den Tauschwert als Pseudo-Planungsprinzip zum Teufel zu hauen, pflegte Stalin aus Marx und Engels den tiefsinnigen "Beweis" zu führen, daß Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse zwei verschiedene Sachen sind, letzteren eine nicht aufhebbare Eigengesetzlichkeit zu unterstellen und mit Unsinn des folgenden Kalibers zu triumphieren:

"...Genosse Jaroschenko (hat) die Produktionsverhältnisse im Sozialismus als mehr oder weniger selbständiges Gebiet bereits liquidiert, indem er das wenige, was von ihnen übrig geblieben ist, als Bestandteil in die Organisation der Produktivkräfte einbezog. Es fragt sich: Besitzt die sozialistische Ordnung eine eigene ökonomische Basis? Offenbar hat die sozialistische Ordnung, da die Produktionsverhältnisse im Sozialismus als mehr oder weniger selbständige Kraft verschwunden sind, keine eigene ökonomische Basis... Eine heitere Geschichte...

(...)

... (so) kommt beim Genossen Jaroschenko statt einer marxistischen politischen Ökonomie so etwas wie die Bogdanowsche 'Allgemeine Organisationswissenschaft' heraus." (aus: Über die Fehler des Genossen L.D. Jaroschenko, Mai 1952)

Und das ist schlimm, weil Stalin eben einen Sozialismus vertrat, in dem die Produzenten ihre gesellschaftlichen Beziehungen nicht selber einrichten, sondern wie im Kapitalismus als "selbständige Kraft" wirken lassen sollten - eine eher konterrevolutionäre Geschichte.

Inzwischen gibt es ganze Bibliotheken über die "Rolle" jeder einzelnen "Kategorie der politischen Ökonomie des Sozialismus", die die Fruchtbarkeit des Stalin'schen Dogmas von der volkswirtschaftlichen Eigengesetzlichkeit des sozialistischen Planungsgeschäfts bezeugen. Diesem Überbau entspricht eine wirtschaftspolitische Basis im entstalinisierten Sowjetland, die Stalins Erfindung, die Steuerung einer Wirtschaft ohne Privateigentum durch Geld und Gewinn von Staats wegen, aus den rohen Anfangsformen - als die Leiter unrentabler Betriebe noch erschossen wurden und die "Lohndifferenzierung" vom Arbeitslager bis zu Stachanow-Prämien reichte - zu einem wahrhaft "komplexen" System der "Planung und Leitung" fortentwickelt hat. Die sowjetische Industrie haben staatlich gelenkte Arbeiter und Ingenieure geschaffen; die seltsame Produktionsweise, die sie gelenkt und ihnen das Leben schwergemacht hat, ist Stalins Werk. Er hat mit aller Gewalt aus der bolschewistischen Kapitalismuskritik, die so wenig Absage an die kapitalistische Produktionsweise enthielt und ihr trotzdem die Basis entzog, einen "Sozialismus in einem Lande" gemacht. Wie diese Umsetzung einer falschen Kritik in ein reales Wirtschaftssystem klappt, ärgert Kommunisten. Daß es klappt, ärgert die bürgerlichen Gegner. Daß die Sache nicht besser klappt, ärgert Stalins Nachfolger. Das sind die zwei Unterschiede.

Stalin, der Erfinder des Personenkults oder: Vom Linienstreit zur blutigen Parteisäuberung

Stalin hat Lenin schon bald nach dessen Tod ein Mausoleum bauen lassen. Das sollten Demokraten besser nicht kritisieren, die Plakate mit kolorierten Visagen als Wahlargumente kennen und zu würdigen wissen. Seltsam ist das allerdings für eine Partei, die zusammen mit der Zarenherrschaft ja den ganzen religiös-moralischen Plunder abgeräumt hatte.

Dabei ist gar nichts daran auszusetzen, daß Stalin - wie die ganze bolschewistische Partei - Lenin als Autorität in politischen Fragen geschätzt hat. Es ist allerdings ein Unterschied, ob ein Verein von Revolutionären mit dem sicheren Urteilsvermögen eines Mitglieds genügend gute Erfahrungen gemacht hat um ihm auch dort zu trauen, wo kein unwiderlegliches Argument die Sache entscheidet - oder ob ein balsamierter Leichnam in feierlicher Umgebung zur Schau gestellt wird. Letzteres kommt aus der Absicht, ein Verhältnis der Treue herzustellen, das den Standpunkt des gemeinsamen Beratschlagens immerhin der Wortsinn von "Sowjet" - von vornherein durch Unterwerfung ersetzt. Dabei kann es gar nicht der Tote sein, dem diese Treue gilt; denn der ist ja tot. Es geht um die Sache, für die der aufbewahrte Leichnam sich zu Lebzeiten eingesetzt hatte. Zu der paßt ein Autoritätsverhältnis- bzw. Unterwerfungsverhältnis aber schon gleich nicht: Schließlich handelt es sich da um den gemeinsamen revolutionären Zweck, den die Parteimitglieder allemal sich setzen müssen. Und dieser Zweck ist nun einmal so beschaffen, daß er nichts gewinnen kann durch die Erinnerung an Leute, die ihn auch schon geteilt haben: Die Kritik des Kapitalismus und die Methoden seiner Abschaffung begreift man dadurch kein bißchen besser. Stalin hat sicher selbst nicht gemeint, mit einem Mausoleum und Lenin-Denkmälern wäre irgendwer für den Kommunismus zu agitieren. Umgekehrt zeigt die Abzweigung von knappem Baumaterial für solche Standbilder, was für eine Sorte Eindruck der Generalsekretär dieser KP den Leuten im allgemeinen und seinen Genossen im besonderen machen wollte.

Vom Volk verlangte Stalin auf diesem Wege Respekt, und zwar für die herrschende Macht, die mit dermaßen luxuriösen Bauten ihren Gründer, also in dessen Feier sich selber ehrt. Zwar ist solcher Respekt allemal nur so wirksam wie die Macht, der der beeindruckte Untertan ohnehin gehorchen muß. Im Respekt vor der gestorbenen Größe wird der Gehorsam aber mit dem Trost versehen, nicht einfach der Macht, sondern den Idealen und der liebenswürdigen Persönlichkeit ihres Begründers zu gelten. Insoweit war Stalins Initiative für eine nationale Lenin-Verehrung eine nach Form und Inhalt antirevolutionäre Spekulation auf die Tradition einer antirevolutionären Untertanengesinnung.

Für die Partei bedeutete die Einführung eines ideologischen. Treueverhältnisses zum Häuptling der Revolution ein Disziplinierungsmittel, wobei die Denkmäler eine weit weniger wichtige Rolle spielte als die Technik - die nicht bloß Stalin beherrschte -, die Berufung auf Lenin wie ein Argument zu handhaben. Dabei ging es nicht um Disziplin im Sinne der unerläßlichen funktionalen Tugend des - revolutionären - Kampfes, die auf dem Standpunkt der engagierten Mannschaft selbst beruht, daß sie ihren Erfolg nicht von den Leuten ihrer Mitglieder abhängig machen darf. Auch dieser Standpunkt gewinnt nichts durch lebende oder tote Vorbilder; wo Vorbilder etwas bewirken (sollen), da geht es um etwas anderes. Nämlich um eine Identifizierung mit der durchs Vorbild verkörperten Sache, die sich von deren Billigung aus Wissen und Willen gerade unabhängig macht.

Daß Stalin auf diese Weise unter den Bolschewiki Unterwürfigkeit als Parteitugend institutionalisiert hat, wird ihm rückblickend gern als Machenschaft eines berechnenden Machtstrebens angekreidet. Dieser hochanständige Vorwurf läßt bezeichnenderweise den Umstand außer acht, daß dazu immer auch eine Partei gehört, der eine solche Haltung als Tugend einleuchtet - womit übrigens die Stoßrichtung dieses Vorwurfs kenntlich wird: Im Grunde soll immer nur gesagt sein, daß der Falsche die Partei unter seine Kontrolle gebracht hätte. Dabei war es im Falle der bolschewistischen Partei immerhin ein Widerspruch - ganz anders als bei demokratischen Wahlvereinen oder bei einer faschistischen Bewegung, die je auf ihre Weise nichts als erfolgreiche Führung fordern -, wenn da blinde Gefolgschaft verlangt wird, um die aus Opportunismus und Moral ertragene Gewalt der Klassengesellschaft durch etwas Gescheites zu ersetzen. Diesen Widerspruch hätte Stalin nie schaffen können, wenn er nicht sowieso das Selbstbewußtsein der Partei - und auch das seine! - geprägt hätte.

Tatsächlich war im revolutionären Standpunkt der Bolschewiki eine Kündigung des bürgerlichen Moralismus, der die Hingebung an gar nicht selbst gesetzte, sondern "höhere" Zwecke, an verpflichtende Werte idealisiert, nicht enthalten. Dem Inhalt nach nicht: So klar diese Partei die Verlogenheit der bürgerlichen Gleichheits-, Freiheits- und Brüderlichkeitsphrasen durchschaut hatte, so kompromißlos bekannte sie sich andererseits zu eben diesen Idealen und verstand ihren Umsturz als das Unternehmen, diese wirklich und wahrhaftig zu verwirklichen. Und der Form nach schon gleich nicht: Die Vorstellung, einen historisch "fälligen" Menschheitsfortschritt zu vollstrecken - dies der "materialistische" Unterbau zu dem idealistischen Weltverbesserungsanliegen -, ist per se moralischer Natur, weil sie die Abschaffung kapitalistischer Verhältnisse vom Zweck, den die Partei sich setzt und verwirklicht, so gut es geht, zu einer Art Auftrag verklärt, dem diese Partei dient. Infolgedessen gingen dann auch die Diskussionen, die die Bolschewiki um politische und taktische Entscheidungen führten, nie darin auf, Hindernisse und Feinde zu identifizieren und die besten Methoden der Durchsetzung zu entwickeln. Sie waren auch dabei beseelt von dem Bewußtsein, einen gerechten Streit gegen Kräfte zu führen, die ebenso böse wie zum Untergang verurteilt wären. Ihren revolutionären Kampf führten sie, paradox genug, nach Maßgabe der Vorstellung, daß ihr Vorhaben unendlich gut, dabei aber in seiner praktischen Gültigkeit durch die geschichtliche Situation diktiert und gerechtfertigt, also auch von seinen Erfolgsbedingungen abhängig sei.

In dieser moralisch-geschichtsteleologischen Beleuchtung waren Siege und Niederlagen der Partei nie bloß Siege und Niederlagen aus denen die Bolschewiki übrigens durchaus einiges für ihre Taktik gelernt haben -, sondern immer gleich Anlaß zu ideologischen Fragen. Erfolge "bewiesen" allen Ernstes die historische Gerechtigkeit der eigenen Sache und stellten den prognostischen Fähigkeiten der Partei und ihrer Leitung ein gutes Zeugnis aus. Mißerfolge warfen Zweifel auf, ob die Verantwortlichen sich nicht in der geschichtlichen "Tagesordnung" vergriffen hätten; das war entweder durch eine Revision der parteiamtlichen "Einschätzung" der historischen Situation zu bereinigen - oder man mußte folgern, daß da gegen die durchaus korrekte Parteilinie gesündigt worden war.

Nun hatte Lenin gewiß nicht deswegen Erfolg gehabt, weil er sich von der Einsicht in objektive Gesetze des Geschichtsverlaufs abhängig gemacht hätte - eher schon deswegen, weil solche Theorien ihm im entscheidenden Moment egal waren. Für die Partei machte die siegreiche Revolution deren Anführer aber zum Inbegriff der revolutionären Geschichtswissenschaft und der einzig korrekten Parteilinie; genau das hat Stalin sich gemerkt. Umgekehrt ging beim Aufbau der Parteiherrschaft über Rußland vieles schief, aber ganz sicher nie deswegen, weil die Deduktionen der Partei über das historisch Gebotene mißachtet worden wären - eher schon aus Respekt vor solchen imaginären Gesetzen. Für die Partei stellten sich Fehler oder Mißerfolqe jedoch, allemal als Abweichungen vom objektiv vorgezeichneten Erfolgsweg dar; Abweichungen, denen man durchaus keine Gutwilligkeit zugute halten durfte, weil das Parteiwissen ums Unausweichliche ja vorhanden war. Das hat Stalin erst recht eingeleuchtet. Aus diesem guten bolschewistischen Geist heraus wollte er Lenins Partei weiterführen.

So hat Stalin sich zum einen alle Mühe gegeben, in die Rolle Lenins hineinzuwachsen. Er hat sich, obwohl alles andere als ein heller Kopf, redlich angestrengt, alles, was er für politisch notwendig hielt zur Rettung und Sicherung der Sowjetmacht, auch noch als geschichtlich geboten nachzuweisen. Statt einfach dafür zu werben, die Partei solle sich lieber heute als morgen zum sozialistischen Aufbau im eigenen Land entschließen, hat er unter lauter Leuten, denen das Eindruck gemacht hat, mit Lenin-Zitaten die Überzeugung durchsetzen wollen, "Sozialismus in einem Lande" sei in Anbetracht aller ehernen Gesetze der Geschichte und ihres Stundenplans sogar 1926 in Rußland möglich. Den Kulaken, also den "reichen Bauern", ist er ab 1927 an den Kragen gegangen, weil er der Gefahr einer wiedererstarkenden Privatmacht des Grundeigentums und Lebensmittelhandelskapitals entgegenwirken wollte; aber er hat seine Partei nicht einfach für dieses Ziel mobilisiert, sondern für die "Theorie" gewinnen wollen, eine "Verschärfung des Klassenkampfes" gerade bei zunehmenden Erfolgen des sozialistischen Wirtschaftsaufbaus sei geschichtsgesetzlich notwendig, und dieser "einfachen und offenkundigen Wahrheit" müßte die Partei sich stellen. Und so weiter.

Daß diesen "theoretischen Fortentwicklungen des Leninismus" ihr Charakter als ad hoc konstruierte Ideologien zum politischen Beschluß deutlich anzumerken ist, stellt Stalins politischem Urteilsvermögen ein gutes Zeugnis aus: So wenig wie Lenin beim Machen der Revolution hat er sich in seinem Aufbauprogramm von Fetischismus einer geschichtlichen "Tagesordnung" abhängig gemacht. Das ist aber nur die eine Seite. Stalin hat zugleich diese Manier des Wahrheitsbeweises für seine Politik, hauptsächlich aus den entsprechend vergoldeten Worten des toten Lenin, sehr ernst genommen und sich darin mit seiner Partei ganz einig gewußt. Deswegen und nicht aus zynischer Berechnung hat er sie dermaßen perfektioniert, daß er die ZK- und Parteitagsdebatten über die wichtigsten Entscheidungen mehr noch als mit politischen Lagebestimmungen mit Hilfe atemberaubender Wortklaubereien und rechthaberischer Interpretationskunststücke bestritten hat. Wiederum lag es wohl kaum an der Überzeugungskraft seiner mühseligen Ableitungen, daß die Partei ihm in den wichtigsten Entscheidungen gefolgt ist; und erst recht nicht, daß sie sich in der eigenen Gesellschaft und gegen die angegriffenen "Klassen" durchgesetzt hat. Im Lichte des Geschichtsbildes seiner Partei gerieten solche Erfolge Stalins aber automatisch zu dem Beweis, daß seine Ideologien ihn als intimen Kenner des von "der Wirklichkeit" Gebotenen und Fälligen auswiesen, daß er die Übereinstimmung der Parteilinie mit ihren Erfolgsbedingungen und -garantien buchstäblich verkörperte, daß also die Partei in ihm ihren neuen Lenin den "Lenin unserer Tage" gefunden hatte.

Im gleichen Geist führte Stalin zum andern den Streit mit Vertretern einer abweichenden Parteilinie. Die Alternativen klarstellen; falschen Radikalismus und Kompromißlertum kritisieren; die zu überwindenden Hindernisse auf den Begriff bringen; gemeinsame Einsichten und Konsens über eine gewählte Vorgehensweise herstellen: Das war - oder besser: das wäre dem Generalsekretär entschieden zu wenig gewesen. Den Kampf um eine Mehrheit für seine Linie hat Stalin immer mit den Waffen des Geschichtsmoralismus bestritten, der in seiner Partei als "Marxismus-Leninismus" galt: Gegner wurden als Abweichler vom Revolutionsauftrag der Weltgeschichte in ihrem momentanen Stadium hingestellt - der Nachweis dafür wurde zunächst mit Vorliebe anhand wirklicher oder angeblicher Unstimmigkeiten zwischen ihren Auffassungen und Lenin-Zitaten geführt und unter den Verdacht gestellt, den guten Zweck der Partei in Wahrheit gar nicht zu teilen.

Ein beliebig herausgegriffenes Beispiel: Gegen den Zweifel Sinowjews, ob die Parole vom Aufbau des Sozialismus bloß in Rußland "eine leninistische Fragestellung" sei und "nicht nach nationaler Beschränktheit" rieche, was nun sicher auch kein brillanter Diskussionsbeitrag war, polemisierte Stalin in der Schrift "Zu den Fragen des Leninismus" von 1926 mit folgender Deduktion:

"Somit heißt es nach Sinowjew, auf dem Standpunkte der nationalen Beschränktheit stehen, wenn man die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem Lande anerkennt, und auf dem Standpunkte des Internationalismus stehen, wenn man diese Möglichkeit verneint.

Wenn das aber stimmt, lohnt es sich dann überhaupt, den Kampf für den Sieg über die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft zu führen? Folgt nicht daraus, daß ein solcher Sieg unmöglich ist? Kapitulation vor den kapitalistischen Elementen unserer Wirtschaft - dahin führt die innere Logik der Argumentation Sinowjews.

Und diese Ungereimtheit, die mit dem Leninismus nichts gemein hat, wird uns von Sinowjew als 'Internationalismus' als 'hundertprozentiger Leninismus' aufgetischt!

Ich behaupte, daß Sinowjew in der so wichtigen Frage des Aufbaus des Sozialismus sich vom Leninismus abkehrt und zum Standpunkte des Menschewiks Suchanow hinabsinkt."

Mit der Entscheidung der Partei war ein solcher Streit nicht etwa beendet, sondern der unterlegene Gegner historisch ins Unrecht gesetzt und eines der Parteilinie widersprechenden, also parteischädlichen Standpunkts überführt. Das Vernichtende an diesem Verdikt lag darin, daß es in den allermeisten Fällen gar keinen wirklichen "bösen" Willen zur Sabotage am sozialistischen Aufbau traf, sondern lauter gute Leninisten, die genauso wie Stalin nach der einzig korrekten Antwort auf die historische Auftragslage suchten - und sich durch Stalins Erfolg tatsächlich ins Unrecht gesetzt sahen. Dabei waren sie selbst, wiederum genau wie ihr Generalsekretär, nicht in der Lage, zwischen Irrtum - wenn es denn schon letztlich um eine falsche Geschichtsauffassung gehen sollte - und Verstoß - nämlich gegen die richtige Auffassung der Partei - zu unterscheiden. Daß sie sich unter Selbstbezichtigungen von ihrem parteiwidrigen Standpunkt lossagen mußten oder der Achtung als Parteifeinde verfielen und ausgeschlossen wurden, gehörte somit zur moralischen Kultur des Bolschewismus, die kein Stalin-Kontrahent je kritisiert hat.

Stalins ganz eigene Leistung war es, die Dialektik des moralischen Verdachts bis zum Ende durchzuexerzieren. Denn darauf mußte er als konsequenter Hüter der Parteilinie ja früher oder später verfallen, daß die innerparteilichen Streitigkeiten mit Unterwerfungserklärungen der Unterlegenen noch immer keinen befriedigenden Abschluß gefunden hatten. Wo einmal der Verdacht aufgekommen war, ein Genosse würde den Zweck der Partei gar nicht wirklich und ehrlich teilen, da mußte seine nachträgliche Zustimmung zur durchgesetzten Politik auch den Zweifel auf sich ziehen, ob sie denn nun ehrlich war oder nur aus Opportunismus abgegeben, so daß die nächste Abweichung schon vorprogrammiert war, oder sogar in der Berechnung, der Partei weiterhin von innen her schaden zu können. Überall witterte der Chef Verrat. Nachdem einmal der Vorwurf "Doppelzüngler" ins Parteileben eingeführt war, ließ sich überhaupt kein Unterwerfungsakt mehr moralisch halten: Je gründlicher er ausfiel, um so gewisser war der Heucheleiverdacht. Die Überprüfung der Zuverlässigkeit der Parteimitglieder trennte sich auf diese Weise völlig ab vom Streit um Alternativen des sozialistischen Aufbaus; Stalin als dem Inbegriff der korrekten Linie fiel die unangenehme Aufgabe zu, letztlich nach der Stellung der Genossen u ihm darüber zu entscheiden, wo ein Verdacht auf Unzuverlässigkeit am Platz war. Der antirevolutionäre Drang, das Treiben der Partei an vorgestellten objektiven Gesetzmäßigkeiten der Geschichte zu messen schlug so am Ende konsequenterweise um in die persönliche Willkür dessen, den die Folgsamkeit und die Erfolge seiner Partei als den "genialen" Kenner besagter Gesetzmäßigkeit auswiesen. Sein moralisches Urteil wurde dann liebevoll zu ganzen Verschwörungstheorien ausgewalzt, in denen das imperialistische Ausland regelmäßig als Auftraggeber auftauchte. Mancher Angeklagte glaubte am Ende zum Teil selber daran. Bisweilen bekannten sie sich auch ohne Überzeugung öffentlich zu ihnen, um ihrer Partei einen (letzten) Dienst zu erweisen.

Dieser Fortschritt vom moralisch geführten Linienstreit zur immer haltloseren Parteisäuberung wurde dadurch entschieden gefördert, daß die praktischen Probleme des stürmischen sozialistischen Aufbaus "in einem Lande" auch dann keineswegs aufhörten, sondern erst richtig schmerzlich wurden, als die Partei sich ansonsten vollständig und mit stehenden Ovationen um ihren Generalsekretär geschart hatte. Zweifel an der Absurdität, die sozialistische Planung unter das Diktat der Finanzen und ihrer Mehrung zu stellen, wurden nicht mehr laut; um so klarer schien der "Schluß" auf Sabotage, wenn es mit dem Hand-in-Hand-Arbeiten der Betriebe und Branchen vorn und hinten nicht klappte. Als Häupter der aufbaufeindlichen Verschwörung standen je schon die Genossen fest, die irgendwann einmal am "Sozialismus in einem Lande", der "notwendigen Verschärfung der Klassenkämpfe" oder sonst einer Doktrin gezweifelt hatten und davon - "offenbar!" - nie losgekommen waren. Da Unterwerfung kein Vertrauen mehr schaffen konnte, blieb, auch das moralisch konsequent gedacht, nur noch die Liquidierung der treulosen Genossen übrig - auch das wieder eine "historisch notwendige" Fortentwicklung der Parteilinie, an der sich fortan die verlangte Parteitreue beweisen mußte... Logischerweise blieben auch die Genossen nicht verschont, die überhaupt nie eine inhaltliche Abweichung hatten erkennen lassen: Von den 1966 Delegierten des XVII. Parteitags, die 1934 dem totalen Sieg der Linie Stalins einmütig zugejubelt hatten -

"Mußte man auf dem XV. Parteitag noch die Richtigkeit der Linie der Partei beweisen und einen Kampf gegen bestimmte antileninistische Gruppierungen führen, auf dem XVI. Parteitag aber mit den letzten Anhängern dieser Gruppierungen aufräumen, so braucht man auf diesem Parteitag nichts zu beweisen, und es gibt wohl auch niemanden, der geschlagen werden müßte. Alle sehen, daß die Parteilinie gesiegt hat. (Donnernder Beifall.)" (aus: Rechenschaftsbericht an den XVII. Parteitag) -,

wurden nach Angaben Chruschtschows bis zum XVIII. Parteitag 1938 immerhin 1106 verhaftet, von den dort gewählten 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees 98 liquidiert.

Die Kultur des Verdachts machte vor den parteilosen Massen nicht halt. Stalin leistete sich den Widerspruch, auch von Leuten, die seine Partei gar nicht für den Kommunismus gewonnen hatte, die bedingungslose Anerkennug der Partei und ihres Chefs als Garanten für ein sicheres Fortschreiten zum Kommunismus zu verlangen. Er folgte damit dem hochmoralischen, aber leider völlig antiagitatorischen Selbstbewußtsein seiner Partei, die ihre Sache für die objektiv-höchste Pflicht aller anständigen Zeitgenossen hielt, auch ohne daß die Guten erst etwas davon begreifen mußten, einfach auf Grund der durch "die Geschichte" verbürgten Fälligkeit des Übergangs zum Sozialismus. Jedermann wurde am Maßstab rückhaltloser Treue zur Partei Lenins und zum "Lenin unserer Tage" gemessen, auch wenn er sich nie überlegt hatte, ob ihm deren Zweck überhaupt recht war; gerechterweise fiel die Messung immerhin weniger streng aus als bei Parteikadern, stets in Entsprechung zur persönlichen Verantwortung für den gesellschaftlichen Fortschritt. Die Chance, das Verhältnis zwischen Partei und Massen jemals in der Identität des von der Gesellschaft bewußt verfolgten Zwecks aufzulösen, wurde als in moralischer Hinsicht je schon gegebene Sachlage hingestellt - und damit gründlich begraben. So verhalf Stalin dem bolschewistischen Revolutionsmoralismus zu seiner Karriere als Ideologie einer Staatsgewalt, der dieser Kommunist am Ende gar kein "allmähliches Absterben" mehr prophezeien mochte.

Statt dessen ging der Generalsekretär dazu über, die einzig korrekte Parteilinie auch noch in solchen vom sozialistischen Aufbau ein wenig abgelegenen Fragen wie der Vererbungslehre und einer dialektisch-materialistischen Sprachwissenschaft zu verkörpern. Auch nach dieser mehr lächerlichen Seite hin hat der Mann nur konsequent zu Ende geführt, was im Begriff des Vorbilds steckt: das erzbürgerliche Ideal einer durch den Verstand ohnehin nie zu rechtfertigenden, "persönlichen Autorität".

Die Entdeckung seiner Nachfolger, daß Stalins Beispiel doch nicht gut genug wäre, um seine Leiche neben der Lenins in jenem Mausoleum auszustellen, hat von diesem Fehler nur die Radikalität zurückgenommen, die zur mittlerweile einigermaßen aufgebauten sozialistischen Weltmacht nicht mehr paßte. Dank Stalins Erfolgen kommt sein Wirtschaftswunder heute ohne Zwangsarbeit aus und sein Geschichtsmoralismus ohne Schauprozesse - und das immerhin weit besser als die bürgerliche Hetze ohne stalinistisches Feindbild.

Stalin, der Großvater des Eurokommunismus oder: Von der Kündigung des Nationalismus zur Politik der "Nationalen-Front"-Bildung

Stalin hat 1943 die III. Kommunistische Internationale, die "Komintern", das von Lenin geschaffene Bündnis revolutionärer Parteien, aufgelöst. Damit hat er wenigstens einen der politischen Widersprüche gelöst, die er von dem ersten Parteichef geerbt und mit Konsequenz befolgt hat. Auch das in antikommunistischem Sinn - was ihm kein bürgerlirher Demokrat je geglaubt, geschweige denn gedankt hat. Daß seine ausdrückliche Absage an das Projekt einer Weltrevolution immer als taktische Finte galt - der unwirksamste Trick der Weltgeschichte, wenn es einer gewesen wäre! -; daß ausgerechnet die Gründung eines "Ostblocks" aus Ländern, die die siegreiche Rote Armee besetzt hatte, bis heute schlagender Beweis für einen "Weltrevolutionären Expansionsdrang" des russischen Kommunismus angesehen wird: Das ist, was Stalin betrifft, ein grandioses Mißverständnis. Was dessen Urheber betrifft, ist es Ausdruck des ungebrochenen imperialistischen Willens, die Sowjetmacht trotz allem als Störung jeder "normalen" Weltpolitik zu behandeln.

Daß der Nationalstaat, ob bürgerlich oder von den Parteien der II. Sozialistischen Internationale (mit-)regiert, der geborene Feind des Kommunismus ist, war der Gründungsgenke der Komintern. Die Einsicht, daß der Imperialismus solcher Staaten nur von innen her, durch den Aufstand eines revolutionären Proletariats, das die außenpolitischen Interessen seiner Herrschaft als seinen Schaden begreift, zu brechen ist - während kriegerische Niederlagen diese Interessen nur radikaler machen -, das war für die im eigenen Land siegreiche bolschewistische Partei ein Grund mehr, das Bündnis revolutionärer Parteien zu fördern; denn sie mußte um den Bestand der Sowjetmacht fürchten, solange die wichtigsten imperialistischen Staaten intakt waren - das hatten die mit ihrer Unterstützung für die "weißgardistische" Konterrevolution gerade erst nachdrücklich bewiesen. Die mit den Bolschewiki verbündeten Parteien ihererseits erkannten an, daß es ihre eigene Sache war, die in der Oktoberrevolution einen ersten großen Sieg errungen hatte, und kümmerten sich dementsprechend mit um die Festigung dieses Erfolgs. Ihr gemeinsames Anliegen war die Weltrevolution, nicht mehr und nicht weniger.

Für diesen Zweck hätte es nichts weiter bedeuten müssen, daß es den Kommunisten zunächst einmal nicht gelang, ihren russischen Erfolg in anderen Ländern fortzusetzen. Scheitern ist für sich genommen kein Argument; und wenn das Scheitern notwendig war, weil Fehler gemacht wurden, dann beseitigt man diese und versucht es wieder solange man am vorgenommenen Zweck festhält. Doch so "einfach" sahen die Bolschewiki und ihr Generalsekretär die Sache nicht. Sie hielten ihren Erfolg für vorbildlich, und zwar keineswegs, bloß im Hinblick auf praktische Fragen der Art, wie man am besten verelendete, kriegsmüde Kleinbauern agitiert oder einen Zaren schlechtmacht, sondern in einem prinzipielleren Sinn. Ihrem Lenin rechneten sie es als "Genialität" an, daß er haargenau den richtigen Zeitpunkt fürs Umstürzen getroffen, nämlich die einzigartige Konstellation von Bedingungen erwischt hätte, die eine erfolgreiche Revolution, möglich machte. Und genau das sollten die ausländischen Genossen aus den russischen Revolutionserfahrungen lernen; denn wie ihr Mißerfolg "bewies", fehlte es ihnen "offenbar" an eben diesem "Gespür fürs Machbare".

In dieser Art, Erfolg und Mißerfolg zu "erklären", steckt ein seltsames Spiel mit der logischen Kategorie der Möglichkeit. Nur zum Schein oder nebenher geht es darum, eine vorgefundene politische Lage zu analysieren und die Ansatzpunkte für wirksames Eingreifen zu finden. Die Reflexion aufs "Mögliche" und "Machbare" besteht in einem ganz leeren Abhängigkeitsgedanken: Genau die Lage, die eine revolutionäre Partei umstürzen will, wird zur Bedingung ernannt, von der die Möglichkeit eines Erfolgs abhängen soll. Am Ende erscheint "die Situation", n der die Revolution gelingt, als Ursache dafür, daß sie gelingt. Dieser Denkfehler kann harmlos sein, wenn Kommunisten im Verlauf ihres Kampfes "die Situation" für eine "revolutionäre" halten und dann so wie Lenin - das für den Durchbruch Nötige machen. Da kürzt sich nämlich die Vorstellung, in Abhängigkeit von vorgegebenen Erfolgsbedingungen zu handeln, praktisch 'raus. Als "Erklärung" für einen Mißerfolg ist dieser Gedanke aber allemal fatal"; denn dann bleibt als letzte Weisheit die Auskunft übrig: s ging a auch nicht. Diese Botschaft ist mit beliebigen "Belegen" zu füllen; denn sie legt ja jeder namhaft zu machenden Schwierigkeit den kleinen Bedeutungswandel zur Unmöglichkeit bei. Das mag Trost stiften - was schon blöd genug ist für gescheiterte Kommunisten. Vor allem aber steckt in einer solchen "Lehre der Geschichte" allemal der dezente Hinweis, daß man sich überhaupt das Falsche vorgenommen hätte. Am Ende kommt nichts als eine Kritik der Absicht heraus, und zwar eine der pur opportunistischen Art: Wenn ein Umsturz scheitert, dann liegt das, so betrachtet, nicht an dieser und jener eigenen Schwäche und feindlichen Stärke, sondern daran, daß das ganze Unterfangen für "die Situation" überhaupt und insgesamt zu umstürzlerisch war.

Die Bolschewiki waren Meister dieses Unterordnungs- und Anpassungsgedankens auch wenn sie sich selbst gar nicht den Bedingungen untergeordnet hatten; aber bei ihnen war die Rechnung ja gut aufgegangen, und so konnte ihre Theorie von der genial erfaßten "revolutionären Situation" ihrem Erfolg nur das stolze Bewußtsein hinzufügen, im Sinne aller angeblichen Marx- und Engels'schen "Prognosen" eine "geschichtliche Mission" vollbracht zu haben. Daß solcher "Empirismus" andersherum auf nichts als eine gigantische Rechtfertigung des politischen Opportunismus, des antirevolutionären Standpunkts schlechthin, hinausläuft, das kam in ihrer Komintern-Politik je länger, je mehr zum Tragen - auch wenn Lenin noch im Namen dieser Geisteshaltung einiges Richtige vertreten, z.B., die leicht spleenigen Revolutionshoffnungen einiger westeuropäischer Linksradikaler mit richtigen Hinweisen auf die Notwendigkeit kritisiert hatte, den Kampf, den man gewinnen will, erst einmal gescheit zu führen und nicht bloß voller Begeisterung für im Prinzip schon gewonnen zu erklären... Stalin jedenfalls hat seinen ausländischen Genossen nur und nachdrücklich die "Lehre aus der Geschichte" nahegelegt, die in dieser Denkungsart per se enthalten ist: Ihr Mißerfolg beim Umstürzen wäre der Beweis, daß sie ihre Politik nicht aufs Mögliche gerichtet und ihre Aufgaben nicht richig erkannt hätten; für sie stände eben die Revolution nicht auf der"Tagesordnung ".

Was statt dessen ? Die Frage war nicht schwer zu beantworten; um die Antwort war es Stalin ja überhaupt zu tun. In Rußland war sie losgegangen, die Revolution, die alle Kommunisten wünschen. Also lag da auch ihre Aufgabe, und zwar eine, die bislang erfolglose kommunistische Parteien nicht überfordern mußte. Gefordert war antiimperialistischer Kampf, und zwar unter einer bescheideneren Zielsetzung als der einer Weltrevolution, die mit den Klassenstaaten auch deren imperialistische Interessen zerschlagen würde: "Kampf" gegen den Antisowjetismus der bürgerlichen Staatenwelt. Der Grund, aus dem den siegreichen Bolschewiki ganz speziell an kommunistischen Erfolgen in anderen Staaten gelegen war: ihr Interesse an mehr Sicherheit für ihr Werk wurde so zum Zweck, den die auswärtigen Revolutionäre sich vornehmen sollten. Um sich dieser Aufgabe anzunehmen, war in der Tat keine "revolutionäre Situation" vonnöten. Denn das Revolution-Machen kürzte sich damit aus dem kommunistischen Aufgabenkatalog heraus: Um eine imperialistische Regierung von antisowjetischen Abenteuern abzuhalten, wäre ein Umsturz wirklich nicht das Mittel der Wahl.

Das wurde als erstes den Parteien beigebracht, die sich in ihren Ländern durchaus noch Chancen für eine Revolution ausrechneten. Die Pläne der deutschen Kommunisten wurden auf Komintern-Ebene so kräftig - problematisiert und verwirrt, daß 1923 überhaupt nichts. Gescheites zustandekam. Den chinesischen Kommunisten wurde die Unterordnung unter Tschiang-Kaischek befohlen, bis dieser gegen sie in die Offensive gehen konnte; die Aufstände, die auf Stalins Rat dann angezettelt wurden, hatten tatsächlich keine Chance mehr. Erklärte Feinde hätten kaum wirksamer vorgehen können. Für Stalin und seine Partei bestätigte sich so die "Einschätzung", die sie von den Erfolgsaussichten des Sozialismus außerhalb ihres eigenen Landes hatten.

Die von Stalin diktierte "bescheidenere" antiimperialistische Zielsetzung, für gute Beziehungen zur Sowjetunion zu werben, wurde von den Komintern-Parteien allerdings auch nicht viel erfolgreicher erledigt; und das lag - nun überhaupt nicht an den Umständen, mit und unter denen sie zu kämpfen hatten, sondern an der Widersprüchlichkeit dieser Aufgabe selbst. Diese Parteien hatten sich von der II. Internationale getrennt und gegen die Sozialdemokratie gestellt, weil sie den Standpunkt des "proletarischen Internationalismus" gegen den einer nationalen Außenpolitik verfochten, weil sie das Mitmachen unter dem "Dach" des Nationalstaats ablehnten, weil sie den demokratischen Reformismus bekämpften usw. Nun sollten sie für friedliche Beziehungen ihrer Regierung zur Sowjetunion eintreten und sich in diesem Sinne und überhaupt ohne revolutionäre Ambitionen ins nationale Politikgewerbe einmischen, auch mit der Sozialdemokratie Bündnisse schließen und dergleichen mehr. Das wunderte die Basis und machte den bürgerlichen und sozialdemokratischen Gegnern noch lange keinen Eindruck; ihre Maskierung machte sie noch nicht zu Partnern. Dabei maskierten diese moskautreuen Seelen sich gar nicht bloß, sondern sie erbrachten Spitzenleistungen an Selbstverleugnung. Mit ihren Einmischungs- und Bündnisangeboten stellten sie ja ganz ausdrücklich die Parteigegensätze, die es innerhalb des antikommunistischen Lagers gab, über den Gegensatz, den sie zu den anderen Parteien überhaupt noch eröffnen wollten - und überließen es denen, ihrerseits ihren Antikommunismus zu betonen. Sie wollten Opportunisten sein und weckten damit doch immer wieder bloß Argwohn gegen die Echtheit ihres Opportunismus. Das um so ehr, weil sie nicht einmal eine Linie der Anpassung durchhalten konnten, sondern zwischendurch auch wieder dazu angehalten wurden, die Sozialdemokratie als Hauptfeind anzugreifen, so als hätten sie mitten im Kapitalismus kein größeres Problem, als so ähnlich wie Stalin in Rußland mit falschen Freunden und "Verrätern" abzurechnen. Anschließend war dann wieder der gemeinsame Gegensatz der Demokraten gegen die Faschisten der höchste Wert der Komintern; und pflichtschuldigst retteten kommunistische Volksfrontminister die bürgerlichen Verhältnisse z.B. in Frankreich vor streikenden Arbeitern, die die kommunistische Regierungsbeteiligung als Anfang vom Ende des Klassenstaats mißverstanden hatten. Für die Revolution sollte "die Zeit" nicht "reif" sein; aber um in Spanien für den Unterschied zwischen dem Faschismus und einer linksliberalen Republik zu bluten, für die auch noch nicht einmal ein kommunistischer Übergang erlaubt war, dafür waren Stalin die kommunistischen Kämpfer gut genug - und die sich nicht zu schade...

Derweil erledigte Stalin die Aufgabe, die er für die verbündeten kommunistischen Parteien vorgesehen hatte, auf ganz anderer Ebene selber: Er trieb Außenpolitik. Von Regierung zu Regierung warb er um Anerkennung - die 1924 von wichtigen Staaten ausgesprochen wurde -, um Handelsbeziehungen, um NichtAngriffs-Pakte und überhaupt um Frieden. Den Chefs imperialistischer Nationen suchte er klarzumachen, daß mit dem revolutionären Rußland bestens auszukommen wäre. Daß dieses Mitmischen im diplomatischen Konkurrenzkampf der Existenz einer von Moskau gelenkten Komintern widersprach, die immer noch als Agentur der Subversion galt und eine internationale Solidarität der Staatsfeinde im Programm stehen hatte, wurde Stalin von seinen regierenden Gesprächspartnern klargemacht: Die ließen schon mal eine offizielle sowjetische Vertretung wegen ungehöriger Umtriebe abräumen.

Für eine kleine Weile sorgte der 2. Weltkrieg für klare Verhältnisse. Daß sein Staat zum Hauptopfer des unbefriedigten deutschen Imperialismus wurde, registrierte der Generalsekretär nicht als glanzvolles Scheitern seiner allseitigen außenpolitischen Anbiederei zuletzt bekanntlich noch bei den Nazis -, geschweige denn als Quittung für gewisse "Versäumnisse" bei der Beförderung der Weltrevolution, die den Gründern der III. Internationale noch als einzige wirkliche Überlebensversicherung für den "Sozialismus in einem Lande" eingeleuchtet hatte. Stalin nutzte das antifaschistische Kriegsbündnis zum Einstand als voll eingemeindetes Mitglied der Staatenwelt des demokratischen Imperialismus. An die verbündeten Parteien erging der Auftrag, sich ebenso in jede beliebige antifaschistische Einheit einzufügen und keine andere Rolle mehr spielen zu wollen als die des besten Demokraten. Die Komintern wurde darüber gleich in doppelter Weise zum Anachronismus: Als Internationale von Oppositionsparteien störte sie die Demokratien, zu denen Stalin keinen politischen Gegensatz mehr pflegen wollte. Und andersherum: Als voll integrierte - oder jedenfalls bedingungslos integrationswillige - Stützen nationaler Einheitsfronten wurde den auswärtigen Kommunisten selbst der Rest von Internationalismus und die Pflicht zur Sowjettreue, die ihr Verein noch symbolisierte, zur Last. Die Auflösung der Komintern war nur konsequent und der Sieg des bürgerlichen Patriotismus in den übriggebliebenen Hammer- und Sichel-Parteien auch. Der konnte nur noch radikaler werden, als die bürgerlichen Partner sich die Freiheit nahmen, den Kommunisten die nationale Einheit wieder zu kündigen.

Diese Kündigung war nämlich fällig, als die durch den Weltkrieg erzwungene Einigkeit zwischen der Sowjetunion und den imperialistischen Demokratien ihr Ende nahm. Die Initiative dazu war einmal mehr bei den Gegnern des Kommunismus geblieben. Was Stalin blieb, war die Defensive, und zwar die einer Militär-Großmacht: Ostblock statt Weltrevolution. Das war Stalins letztes Wort in dieser Angelegenheit.

Selbstverständlich nehmen die freiheitlichen Weltmächte ihm das noch heute genauso übel, wie sie den weltweit organisierten Kommunisten eine Weltrevolution übelgenommen hätten. Der Unterschied ist nur: Dann gäbe es sie nicht mehr.