"Stadtbürgerliche Hochnäsigkeit"

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Dieser Artikel ist in der MSZ 1-1982 erschienen.
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Korrespondenz
"Stadtbürgerliche Hochnäsigkeit"

"An die MSZ-Redaktion

Betrifft: Zum Reisebericht eurer Genossen aus Nürnberg, "20 Jahre nach der Revolution - 1 Woche auf Kuba" (in MSZ Nr. 5/81)

Als Ökonom mit 40 Stück Großvieh im Stall hat mir eure Kritik der kapitalistischen Ökonomie immer sehr gut gefallen. Vor allem der Ratschlag im Artikel über die Bauern, das Kapital samt seinem dicken Ertl, dem Bauernverband und der EG in die Walachei zu jagen, damit das Kraut fett wird und die Butter auf dem Brot bleibt; dieser Ratschlag ist wohl das einzig Senkrechte für meinen 'Vollerwerbsbetrieb', auf dem ich voll zu arbeiten und so gut wie nichts zu erwerben habe.

Nach der Maisernte habe ich jetzt den Reisebericht eurer Nürnberger Genossen gelesen. Der Artikel strotzt - in einem Punkt zumindest - vor herablassendem Wohlwollen über die Errungenschaften des kubanischen Sozialismus. Da haben diese Genossen doch tatsächlich in Havanna ein ausgezeichnetes Erdbeermilchspeiseeis geschleckt. Und Theoretiker wie sie sind, gehen sie der Sache auf den Grund und stoßen auf die 'Erklärung' in der kubanischen Parteizeitung. Wenn man ihnen Glauben schenken darf, dann sei laut 'Granma' eine 'milchintensive Holsteinkuh mit einer kubanischen Wildkuh' in einer Versuchsanstalt gekreuzt worden. Die Resultate dieser Kreuzung stünden nun in Form von Milcheis, Butter und Joghurt reichlich zur Verfügung. Wie konnte es dazu kommen? So was in Kuba! Und die Genossen werden fündig: 'Natürlich hat Fidel die Versuchsanstalt persönlich besucht, mehrmals, sonst wäre es sicher nichts geworden. Immerhin hat es über 10 Jahre gedauert, was uns etwas lang erscheint.'

Das nenne ich eine Denunziation der Errungenschaften des kubanischen Sozialismus. Das ist stadtbürgerliche Hochnäsigkeit und überhaupt ein ziemlich dummes Urteil. Wo war denn euer Agrarexperte, als dieser Artikel die Zensur durchlief? Oder gibt's bei euch keine Zensur? Wenn nicht, müßt ihr das schleunigst einführen.

Man stelle sich vor, da wird eine wilde Kuh (?) mit einer Holsteinkuh (?) gekreuzt und nach 10 Jahren schon stehen so viele Nachkömmlinge im Tropengras, daß ganz Havanna mit Milch, Butter und Eis versorgt werden kann. Die Genossen aus Nürnberg hätten's gern schneller. Mir erscheint umgekehrt die Kürze dieses Zeitraums als ein neues und nahezu als das größte Wunder der kubanischen Revolution. Meine Kühe brauchen immerhin 2 1/2 - 3 Jahre, bis sie das erste Mal kalben und mehr als ein Kalb pro Jahr ist kaum drin. Daß die Rindviecher in den Tropen schneller wachsen und werfen, habe ich auch noch nicht gehört. Wenn Havanna also bereits nach 10 Jahren von dieser Kreuzungsrasse mit Milchprodukten versorgt wird, dann kann ich mir das nur so erklären, daß der Fidel persönlich seine Hand (?) mit angelegt und im Spiel hatte. Warum sollte sich Fidel auch nicht um die Rindviecher kümmern? Ich hab da nichts dagegen.

(Vom Ertl z.B. kann man das nicht behaupten. Der schwingt die Sense nur für sein Stimmvieh. Und wenn der seinen Arsch in Brüssel wetzt, dann ist sicher, daß wieder einige Bauern dran glauben müssen.)

Wenn Fidel und seine Kubaner innerhalb von 10 Jahren die 'Produktivkräfte' derart erfolgreich entfaltet haben, dann ist es ihr gutes Recht, darauf stolz zu sein und meine Hochachtung haben sie.

Mit Grüßen auch an die Nürnberger Stadtgenossen, J. M."

Lieber J.M.,

wir wollen dir als Ökonomen nicht mit unseren ökonomischen Kenntnissen kommen, zumal sich dein Einwand auf einen zwar lebendigen, aber etwas marginalen Aspekt der Produktivkraftentfaltung durch die cubanische Revolution bezieht. Zur Austragung deiner Differenzen mit den Nürnberger Stadtgenossen schlagen wir einen Lokaltermin auf deinem Vollerwerbsbetrieb vor. Eine etwaige Einladung leiten wir gerne ins Fränkische weiter. Ansonsten ist dein Brief gerecht. Weiter gute Ernte bei der MSZ-Lektüre wünschen

Die Stadtgenossen von der MSZ-Redaktion