STAATSTRAGENDER HIRNSCHWUND

Info
Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1984 erschienen.
Systematik: 

STAATSTRAGENDER HIRNSCHWUND

kennzeichnet die Auseinandersetzung zwischen Politikern und Verbandsvertretem der 'Deutschen-Muskelschwund-Hilfe e.V. (DMH)'.

Christlich- soziale Menschlichkeit demonstriert das angesprochene Arbeitsministerium mit seiner Ablehnung eines Früherkennungstests für die unheilbare Krankheit, der Eltern immerhin von der Zeugung weiterer erblich todgeweihter Kinder abhalten könnte. Die 10.- DM scheinen den Verantwortlichen für ein brauchbares Arbeitsvolk eine untragbare Last - nein, natürlich nicht für den Staat, sondern für die betroffenen Eltern und Kinder:

"Der Test muß auch deswegen abgelehnt werden, da er Eltern und betroffene Kinder nur wesentlich früher unter den enormen psychologischen Druck eines kommenden unabwendbaren Schicksals stellt, aber den Krankheitsverlauf leider nur unwesentlich beeinflussen kann."

Schicksal! Sorge um die Volksgesundheit und Arbeitsfähigkeit sowie die Senkung der Gesundheitskosten ist eben nicht dasselbe wie Krankheitsverhütung oder auch nur noch so billige Vorsorge.

Treudoofes Unverständnis gegenüber dieser harten Wahrheit bewies der neue Vorsitz ende des DMH-Kuratoriums Uwe Seeler, das Fußballidol, das sich qua Profession für diesen menschlichen Ehrenjob berufen fühlt ("Wir sind die richtigen Ansprechpartner, wir haben unser Geld durch Muskeln verdient."). Uwe, der früher Bälle bevorzugt per Kopf ins Tor beförderte, befördert jetzt mit demselben Illusionen über seinen "Ansprechpartner".

"Daß man so was schreiben kann, ist für mich unverständlich."

An der Muskelarbeit kann's nicht liegen, wenn "Uwe, Uwe" (samt Jupp Derwall und deren Sportprofis) ausgerechnet in diesem Fall an die Menschlichkeit des Sozialstaates appelliert. Eher schon am Einsatz für die Nation, der er als Prominenter jetzt auch menschlich dienen will. Das muß ja unheilbar aufs Hirn schlagen!