STAATSTRAGENDER GLAUBE - RELIGIÖSER FANATISMUS

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Dieser Artikel ist in der MSZ 7-1984 erschienen.

Christlicher Glaube - Islamische Republik
STAATSTRAGENDER GLAUBE - RELIGIÖSER FANATISMUS

In der Verfassung der BRD kommt Gott in der Präambel vor, die ihm das nachfolgende Grundgesetz gleichsam zueignet ("Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen..."). Dann braucht es ihn auch nicht mehr, denn noch jedes Recht/Pflicht der Konstitution des demokratischen Staats findet sich als Gebot der Moral im Glaubenskanon der christlichen Kirchen wieder. Was dieser an zusätzlichen Pflichten für den praktizierenden Christen vorsieht, gehört nicht zur Grundausstattung eines funktionierenden Staatsbürgers. Weil Kirchgang und Abendmahl niemanden am Arbeiten und Gehorchen behindern, ganz im Gegenteil diesbezüglich förderliche Tugenden pflegen, garantiert der Staat Religionsfreiheit.

Wie es beim Normalbürger gleichgültig ist, ob er sein Mitmachen auch noch mit christlicher Demut erfüllt, so dürfen sich auch die Politiker ganz nach persönlichem Geschmack vom Evangelium oder einer weltlichen Ideologie "im Letzten" treiben lassen. Das Christentum heißt im modernen bürgerlichen Staat nicht mehr Staatsreligion. Seine Moral ist nur die Moral der öffentlichen Gewalt. Die Scheiterhaufen der Inquisition für abweichenden Glauben sind verboten. Heute ahndet der Staat abweichendes Handeln mit seinen Gesetzen und seiner Justiz, und in bestimmten Fällen auch abweichendes Denken, wenn es gegen den Paragr. 88a verstößt oder in den öffentlichen Dienst will.

Anders als in vorbürgerlichen Gemeinwesen, wo die weltliche Gewalt mit dem Ideal auftrat, dem jenseitigen Reich zu dienen, und dessen irdische Vertreter, noch mit realer Macht ausgestattet, danach strebten, sich Kaiser, Könige und Fürsten dienstbar zu machen, dient in Staaten wie der BRD die Religion der Politik dazu, ihre Taten in ein höheres Recht zu setzen. Und eine bestimmte Politikermannschaft, die christlichen Demokraten, machen Stimmung für sich beim Volk, indem sie an dessen religiöse Gefühle in ihren Reden appellieren. Im Gegensatz zu einer geläufigen Kritik, brauchen sie die Schrift dabei keineswegs zu verfälschen: Für jedes Bibelzitat, dem ihre Taten widersprechen sollen, gibt es jede Menge andere, die haargenau dazu passen. Grundsätzlich - siehe oben - ist jede Debatte darüber, ob christliche Politiker auch wirklich christliche Politik machen, das Staatstragendste überhaupt: Die Praxis wird mit ihrem Ideal verglichen, und dieser Vergleich endet noch stets mit dem Fazit, daß die Bergpredigt die Menschen Mores lehrt und nicht die Regierung verpflichtet. Somit ist beiden, Herrn Jesus und dem Herrn Kohl, ihr Platz in dieser Welt zugewiesen.

Im Iran haben die Diener Gottes, der dort Allah heißt, die Macht im Staate ergriffen. Das ist natürlich kein "Rückfall ins Mittelalter". Denn erstens verdanken sie ihren Sieg über den Schah keinem Wiederaufleben des Gottesgnadentums, sondern einem Aufstand des einfachen Volkes, das sich 1979 in Teheran für ein paar Tage zum Subjekt der Politik gemacht hat. Zweitens war die erste Tat der Mullahs die Konstruktion eines kompletten neuen Staatswesens mit Präsident, Premier, Parlament, Justiz und demokratischen Wahlen. So weit versteht auch der Imam Khomeini etwas von Politik im 20. Jahrhundert, daß er sich nicht als Kalif (= religiöser und politischer Führer zugleich) an die Spitze seiner Islamischen Republik stellte, sondern gerade durch seine selbstgewählte Funktion als ob erster geistlicher Kontrolleur der Politik darauf achtet, daß die Religion das Kriegführen und die Wirtschaft nicht behindert. Mit dem lutheranischen Zinsverbot des Koran lassen sich keine internationalen Wirtschaftsbeziehungen kontrahieren. Ohne Ölverkauf und Waffeneinkauf keine Minute heiligen Krieges. Daß der Islam im Iran überhaupt zum Titel einer nationalistischen Politik wurde, ist auch keineswegs irgeridwelchen "sozialrevolutionären" Botschaften des Koran geschuldet oder Absonderlichkeiten seiner schiitischen Auslegung. Khomeini wäre heute noch Schriftgelehrter in Ghom, wenn nicht der Pahlevi-Schah im geschäftlichen und politischen Einvernehmen mit seinen imperialistischen Paten und Partnern versucht hätte, aus einem Land mit Ölquelle (und für deren Ausbeutung unnützem Volk drumherum) einen modernen kapitalistischen Nationalstaat zu machen. Dagegen bezog das islamische 'Establishment', dem es selbst an die Pfründe ging, Opposition im Namen der Opfer. Deren religiöses Recht auf Rücksichtnahme seiner Herrschaft sei durch eine volksfeindliche Fremdherrschaft verletzt. Die "gottlose" kaiserliche Regierung und ihre ungläubigen Verbündeten hätten sich den eigentümlichen frommen Bedürfnissen des iranischen Volkes entfremdet und müßten durch Rechtgläubige ersetzt werden. Der religiöse Inhalt des Aufstands und der anschließenden Staatsgründung zeigt sich am Antimaterialismus als praktizierter Staatsideologie: Die Öleinnahmen der Islamischen Republik sind längst zu kostbar für die Armenspeisung in den Slums von Süd-Teheran. Größtenteils ermöglichen sie den Märtyrertod für die Kinder des Islam an der irakischen Front. Der Moslem, hierin stinknormaler Gläubiger, hält wie seine Brüder in Christo nichts vom Leben vor dem Tode:

"Der Menscli ist geschaffen zum Unbestand:

Vom Unglück verfolgt, ist er vom Schmerz übermannt;

Vom Glück begünstigt, verschließt er die Hand -

Nur die nicht, welche sich betend neigen,

In ihrem Gebet sich beständig zeigen:

Die ein Bestimmtes von ihrem Vermögen

Für Bettler und uerschämte Arme anlegen;

Die dem Gerichtstag gläubig harren entgegen

Und Scheu vor ihres Herren Strafe hegen...

Doch mehr zu begehren, das ist ein Verbrechen."

(Koran, 70, 19 ff.)

Und auch an der erzchristlichen Aufforderung zur berechnenden Nächstenliebe fehlt es im Islam nicht. Die Hadith überliefern die Worte des Propheten: "Liebe für die Menschen, was du für dich liebst - dann bist du Moslem."

Die Islamische Republik, die daraus ihr Programm bezieht, unterscheidet sich von den christlichen Demokratien weniger durch die Sprüche, als durch die radikale Kompromißlosigkeit, mit der sie ihr Programm nach innen und außen durchzieht.

"Gegen jede Abwägung von Nutzen und Schaden, und dabei nicht einmal nur was in der modernen Staatenwelt zu den elementarsten Selbstverständlichkeiten gehört - rücksichtslos gegen die Bedürfnisse, ja gegen die Überlebensnotwendigkeiten des geliebten Volkes, sondern kompromißlos desinteressiert sogar an allgemein anerkannten und respektierten funktionalen Erfordernissen eines modernen politischen Herrschaftsapparats, insbesondere in Sachen Geschäftemacherei und militärischer - Gehorsam, widmet die neue islamische Führung des Iran sich ihren Prioritäten, insbesondere dem ideologischen Kampf gegen alle Symptome westlichen Geistes, wobei Willkür notwendigerweise die Szene beherrscht." (MG, Imperialismus 3, Der Iran)

Das ist religiöser Fanatismus, aber anstößig für den Freien Westen ist dabei weder die Religion noch das Fanatische. Immerhin gehört zu "unseren" erlesensten Freunden in der "Welt des Islam" das Königreich der saudischen Wahhabiten. Dort stationierte westliche Ölbohrer und Dollar-Recycling-Spezialisten unterwerfen sich, samt Hausbar und ohne zu murren dem staatlichen Verbot des Genusses von Alkohol, Tabak und Kaffee. Die Anwendung des islamischen Rechts, die auch schon mal einem Europäer das Fell gegerbt hat, führt nicht einmal zu diplomatischen Verstimmungen. Es ist die bis heute durchgehaltene Weigerung der iranischen Ayatollahs, ihren Gottesstaat eindeutig als Satellit des Westens funktionieren zu lassen, die ihr Regime in der Welt des Imperialismus so "unzeitgemäß" macht. Deswegen werden neben allen ökonomischen Arrangements mit den Mullahs an der Macht in den westlichen Kommandozentralen nach wie vor Überlegungen angestellt, wie man in Teheran eine andere Macht arrangieren könnte.

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Imam Wojtyla und Papst Khomeini - ein durchaus vorstellbarer Rollenwechsel, weil beide nicht viel neuen Text einstudieren müßten. Als Staatsmann ist der römische Bischof jedoch das ehrwürdigste Mitglied der Freien Welt, während der Revolutionsführer in Ghom von der demokratischen Öffentlichkeit teuflische Züge verpaßt bekommt. In der bürgerlichen Welt ist nur der Fanatismus der Staatsgewalt und der Macht des Freien Westens anerkannt, der keine "heiligen Kriege" führt, sondern so fraglos anerkannte Zwecke verfolgt, daß in seiner Hand noch jedes Mittel geheiligt wird. Bei uns segnen die Pfaffen die Waffen, im Iran kommandieren sie sie auch noch. Das eine Mal eine schöpferische Überwindung des Mittelaltets, das andere Mal ein "Rückfall"...

"Das Feld der Religion ist die Innerlichkeit. Wenn nun die Religiosität im Staate sich geltend machen wollte, wie sie gewohnt ist auf ihrem Boden zu sein, so würde sie die Organisation des Staates umwerfen. Wollte sie alle Beziehungen des Staates ergreifen, so wäre sie Fanatismus." ( Hegel, Rechtsphilosophie, Paragr. 27O, Zusatz)