'SPOTT, ZYNISMUS, PAUSCHALE ABQUALIFIZIERUNG'

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Dieser Artikel ist in der MSZ 7-1984 erschienen.
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Korrespondenz
'SPOTT, ZYNISMUS, PAUSCHALE ABQUALIFIZIERUNG'

"An die MSZ!

Das Titelbild Ihrer letzten MSZ "Hungern in Freiheit" hat mich zum Kauf animiert, weil auch ich die Auffassung vertrete, daf die Herren Reagan und Papst in Rom sich einen Sch... um den Hunger auf der Welt kümmern. Leider hat mich die Lektüre Ihrer drei Artikel zum Leitthema sehr enttäuscht, um nicht zu sagen verärgert! Die obersten Profitemacher bzw. ihre Herren Segenspender kommen in den Artikeln kaum vor, stattdessen ein einziger Spott über die "schwarzen Menschen" - die Opfer! - und über alle und jeden, die konkret irgendwas gegen den Hunger und das Elend in der Dritten Welt machen wollen. Ich selbst studiere im 2. Studienjahr Welthandel und habe sicherlich erkannt, trotz der Lehren unserer Dozenten, daß die sogenannte Weltwirtschaftsordnung die einen immer reicher und die anderen immer ärmer macht. Gerade deshalb vermisse ich an Ihrer polemischen Darstellung auch nur das leiseste Eingehen auf Bestrebungen, diese ungerechte Weltwirtschaftsstruktur im positiven Sinne zu verändern. Dabei gibt es doch wirklich konkrete Ansätze wie die Nord-Süd-Studie des westdeutschen SP-Vorsitzenden Willy Brandt. Und in der Dritten Welt gibt es auch Staaten, die sich von der einseitigen Ausbeutung durch den ökonomisch stärkeren Westen lösen wollen, wie z.B. Nyerere in Tansania. Auch Fidel Castro und das kubanische Experiment sand doch Vorbilder dafür, wie man einen eigenen Weg gehen kann, d.h. auf die eigene Kraft bauen kann. Dann gibt es zwar keinen "Luxus", wie in den Industriestaaten, aber immerhin genügend zu essen für die Leute und ein neues Selbstbewußtsein, das mit Ihrer Karikatur vom Taumeln von einer Regenzeit in die nächste nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Abschließend möchte ich noch bemerken, daß Ihre pauschale Abqualifizierung aller privaten und auch öffentlichen Initiativen zur direkten Hilfe doch sehr zynisch ist. Auch eine Mutter Teresa liest den Hungernden in Kalkutta nicht nur aus der Bibel vor. Ich habe Respekt vor Menschen, die sich persönlich engagieren, konkret helfen, auch wenn sie das Übel nicht gleich an der Wurzel packen können. Immerhin können so ein paar mehr überleben und das Leben ist schließlich die Voraussetzung dafür, daß man sich auch zur Wehr setzen kann.

Mit freundlichen Grüßen, F.L., Wien"

Wer hat (k)ein "Hungerproblem"?

Lieber F.L.,

die Verärgerung ist beiderseits. Wir liegen nämlich weiter auseinander als Du meinst. Deine "Auffassung, daß die Herren Reagan und Papst in Rom sich einen Sch... um den Hunger auf der Welt kümmern", teilen wir überhaupt nicht. Da hast Du Dir eine gute Adresse ausgesucht. Ausgerechnet denen, die sich um die weltweite praktische Geltung der Freiheit westlicher Staatsgewalt und kapitalistischen Geschäfts kümmern und danach noch die letzten Einwohner schwarzer und brauner Kontinente in benütztes oder unnützes, also lebensunwertes Menschenmaterial sortieren, willst Du Deinen menschenfreundlichen Anspruch nahebringen. Diese Politik unter dem Gesichtspunkt von (mangelndem) Anstand und Moral zu betrachten, solltest Du lieber dem Papst überlassen; an dessen Aufrufen zu christlicher Demut und Friedfertigkeit willst Du doch gemerkt haben, daß dieser Standpunkt nur zur Entschuldigung und 'Beweihräucherung' der Zwecke dient, die in der Welt des Imperialismus wirklich gelten.

Von wegen, "die Herren Reagan" und Konsorten würden sich nicht um "den Hunger kümmern": Sie produzieren ihn doch schon!

Die Politiker

in Washington und Bonn - und auch in Wien - besiegeln mit einem Federstrich unter einen Waffenlieferungsvertrag, ein gegenseitiges Wirtschaftsabkommen, eine Zinserhöhung oder unter ein Sanierungsprogramm des IWF für "hochverschuldete Länder" das Verrecken einiger -zig Tausend in fernen Weltgegenden. Für diese Weltordnung, in der das Geschäftsinteresse des in den USA und in Europa heimischen Kapitals und die dafür ausgeübte Gewalt der gleichen Staaten gilt, wissen die westlichen Politiker sich zuständig - nicht nur auf Weltwirtschaftsgipfeln - und handeln danach. Und wenn wir sagen, wie sie das tun, kommst du uns mit dem Vorwurf "zynisch". Das ist seltsam. Wir bringen nämlich niemanden zum Hungern, wenn wir behaupten: Nicht ein Versehen und schlecht arrangierte Politik führen zum Elend in der "Dritten Welt", sondern das System der Freiheit, dessen Genuß ohne Armut, Hunger und Gewalt nicht zu haben ist. Ohne die gewalttätige Festlegung jedes Erdenzipfels darauf, "unseren Interessen" dienlich zu sein und ohne die Verwandlung jeder Erdkrume und jedes Lebensmittels in ein Mittel zur Vermehrung des Kapitals, kommt der "Welthunger" nicht zustande: Das war die Aussage der Artikel, über die Du Dich enttäuscht zeigst. Daraus ergibt sich ein einfacher Schluß: Ohne die Abschaffung des Imperialismus, seiner Grundlage und seiner politischen Macher ist dem "Schicksal der Menschen in der Dritten Welt" nicht beizukommen.

Dieser Schluß paßt Dir nicht. Sonst könntest 'Du nicht an Artikeln, die nur vom praktischen Umgang des Imperialismus mit seiner Welt handeln, samt den moralischen Ehrentiteln, die dieses Wirken zum einzig möglichen Segen der Menschheit erklären, entdecken, "daß die obersten Profitemacher bzw, ihre Herren Segenspender kaum vorkämen". Irgendwie mußt Du überlesen haben, daß nur von ihnen die Rede ist. Gefehlt hat Dir etwas anderes, nämlich ein uns wohlbekannter Antrag an die führenden Politiker des Freien Westens. "Stellt euch bei eurer Verantwortung für die Marktwirtschaft, für das richtige Regieren und Sich-Regieren-Lassen für Nato-gemäße Stabilität und die entsprechenden militärischen Mittel bitte auch dem Hungerproblem!" Die hohen Herren haben "das Problem" allerdings gar nicht, wenn sie die Welt mit ihren Machtmitteln nach ihren Interessen einrichten und dabei massenhaft Hungerleichen anfallen. In ihrer Verantwortung für die großen Probleme von Weltwirtschaft und Weltfrieden sind sie die letzten, die jemandem wie Dir ein Gramm Verantwortung ab treten würden.

Warum will Dir nicht auffallen, daß Deine Sicht, das vom Imperialismus angerichtete Verhungern und Sterben sei ein "Problem", um das wir uns alle gemeinsam, Politiker wie moralisch bewußte Bürger, zu sorgen hätten, ein glattes Dementi Deiner Auffassung ist, Du wüßtest Schuldige für das Verrecken der Neger zu benennen? Zu dieser Sicht paßt es, daß Dir zu dem Appell, "konkret irgendwas zu machen", den wir so zynisch ablehnen sollen, ausgerechnet als erstes Beispiel der

Himmelsrichtungstheoretiker Brandt

einfällt. Den stolzen Beitrag dieses gewesenen Führers der zweitmächtigsten Nation des Freien Westens dazu, Hunger und Elend aus der "Dritten Welt" zu verbannen, hast Du garantiert noch nicht studiert, Es hätte Dir aber auch an der Verwandlung des imperialistischen Treibens in einen "Nord-Süd-Konflikt" die Lüge auffallen können, denen im Süden gehe es so schlecht, weil es "uns" im Norden so gut geht. Also müßten "wir" im Norden uns um "die" im Süden kümmern, Das ist 1. eine Unverschämtheit und 2. sehr herrschaftsdienlich. Da soll man glatt vergessen, daß auch hier die Masse der Leute mit geregelter Armut und der Ruinierung ihrer Arbeitskraft für einen Reichtum geradezustehen haben, der ihnen nicht gehört. Mehr noch: Den Hinweis auf die paar Konsumgüter, die sich hier ein Arbeiter leisten kann, soll man sich als Grund zu Herzen nehmen, sich - im Blick auf andere Weltgegenden jedes vom Staat durchgesetzte Verzichtsprogramm zugunsten des Wirtschaftswachstums gefallen zu lassen. Und wenn dieses Wachstum dann jede Menge Hunger schafft, darf man sich ein schlechtes Gewissen machen. Und nicht nur das. Man soll sich auch der Sorge dieses Politikers anschließen, der "Nord-Süd-Konflikt" könne sich mit dem "Ost-West-Gegensatz" vermischen: Nützt das Verhungern irgendwo in der Welt den Russen? Schließlich steht nur dem Westen der Anspruch zu, über das Lebensrecht ganzer Völker zu entscheiden.

Und einmal beim Hunger als "Problem" für die Politik und nicht als deren Produkt angelangt, entdeckst Du an der Mutter Teresa, daß auch die Kirche so übel nicht ist. Es ist schon merkwürdig, daß eine Instanz, die ihre Existenzgrundlage im bleibenden Elend hat - und das seit über 2000 Jahren - bei den Gewissenswürmern des Elends nie ihren Kredit verliert. Dafür, daß diese Menschen das kriegen, was sie brauchen und wollen, für diesen Materialismus, der ohne Gegnerschaft zu denen, die die Mittel dieser Bedürfnisbefriedigung als Überfluß an Kapital verwalten, nicht auskommt, bist Du nicht zu haben. Dein "Hilfsprogramm" ist keines, wenn Du Dich für das bloße Überleben; also die pure Existenz ohne einen Nutzen, wofür sich's zu leben lohnt, aussprichst. Den Spruch: "Das Leben ist schließlich die Voraussetzung dafür, daß man sich auch zur Wehr setzen kann", können wir nicht leiden. Wer Negern die Perspektive wünscht, überhaupt am Leben gelassen zu werden, macht mit Sicherheit keine Revolution. Was Dir sonst an Hilfemöglichkeiten einfällt, entspricht so ziemlich den Titeln, unter denen die westliche Politik den Hunger organisiert und in Obhut genommen hat. Ausgerechnet die

"Weltwirtschaftsordnung"

die das Abfallprodukt von einigen Millionen Hungerleichen schafft, wünschst Du Dir "verbessert"! So wie sie ist, ist sie nicht besser zu haben, selbst wenn Du sie für ungerecht befindest. Sie entspricht passend den Zwecken, die mit ihr und in ihr verfolgt werden. Und diese Zwecke sind allesamt anerkannte Rechtstitel.

Was sollen eigentlich Neger vom "Selbstbewußtsein" ihrer 'negritude' haben und vom "eigenen Weg", der sich in der Regel darin auflöst, einem gleichfarbigen nationalen Führer und dessen Interesse, selbständig mit dem Westen ins Geschäft zu kommen, ausgeliefert zu sein? Nur das sichert dort das staatliche Überleben, andernfalls sorgen die USA für Abhilfe. Die weitere Benutzung seines Landes durch den Imperialismus kann Nyerere dann ergänzen durch ein Staatsprogramm, mit dem seine Untertanen auf die schwarze Tugend des Arbeitsfleißes ohne technische Hilfsmittel festgelegt werden. Eine Alternative für die davon Betroffenen? Und Cuba taugt als Beispiel für den "selbständigen Weg aus eigener Kraft" schon gar nichts. Ohne die wirtschaftliche und militärische Unterstützung durch die UdSSR hätte der Westen seinen Boykott und seine militärische Bedrohung schon längst durch eine Invasion in Havanna abgeschlossen, Wir haben also in Deinen Einwänden keine Widerlegung unserer Auffassung entdecken können, die wir in schlichter Darstellung des amtierenden

Zynismus

vertreten haben.

Wer Reagan, Brandt und all die anderen Problemlöser in Weltwirtschaftsfragen nicht wegputzen will, darf sich unter der Anleitung dieser moralisch hochstehenden Persönlichkeiten des "Hungerproblems" gewissenhaft annehmen.

Wer sich - ob gleich gar nicht mit irgendeiner praktischen Handhabe versehen - des "Hungerproblems" annimmt, lügt, wenngleich in wohlmeinender heuchlerischer Absicht. Dein Brief ist, wie Deine sonstigen Sorgen und unsere MSZ-Hunger-Nummer, garantiert kein Beitrag zur Ernährung von Negern. Im Unterschied zu Dir tut aber unser Artikel nicht so, als ob. Er ist nur ein Beitrag dazu, ein paar Gründe dafür in Umlauf zu setzen, daß die Geschäfte gewisser Instanzen unterbunden gehören.