SOZIALISTISCHER BRUDERKRIEG UMS BENZIN

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Dieser Artikel ist in der MSZ 3-1980 erschienen.
Systematik: 

SOZIALISTISCHER BRUDERKRIEG UMS BENZIN

"Entsprechend den Prinzipien des sozialistischen Internationalismus, auf der Grundlage der völligen Gleichberechtigung, des gegenseitigen Vorteils und der kameradschaftlichen gegenseitigen Hilfe" (Komplexprogramm des RGW)

und nach dem rumänischen Vorbild vom letzten Sommer hat die DDR den Bürgern der Bruderrepublik Polen kameradschaftlich den Benzinbahn zugedreht. Den polnischen Grenzgängern wird ab sofort mit extra Bezugsscheinen und einem gegenüber der DDR-Mark verschlechterten Zloty-Kurs der Kauf vom - bislang billigeren - DDR-Benzin ver miest.

"Auf der Grundlage der Achtung der staatlichen Souveränität, der Unabhängigkeit und der nationalen Interessen" (ebd.),

ist das DDR-Benzin nämlich 1. einmal für die DDR-Bürger da, 2. auch für diese nur in begrenztem Umfang, weil es sich 3. gut an die VEBA verkaufen läßt. Auf Grundlage der Preisdifferenz zwischen russischem Rohöl, das brüderlicherweise etwas unterm Weltmarktniveau verkauft wird, und westdeutschen Benzinpreisen läßt sich im innerdeutschen Handel ein Überschuß für die DDR erwirtschaften. Honecker: "Klein, aber fein."

So macht man Geschäfte "zum gegenseitigen Vorteil": die BRD partizipiert am RGW-internen Preisvorteil, die DDR verlangsamt ihren Schuldenanstieg ein paar Stellen hinterm Komma und die DDR-Bürger brauchen sich das Benzin wenigstens nicht von den Polacken wegkaufen zu lassen. Schließlich verkauft deren Volksrepublik die Kohlen ja auch lieber kameradschaftlich an den Westen und temperiert im Land die Heizungen.